Ein Zeigefinger über dem Wort 'Analphabet' in einem Duden.
Bildrechte: dpa

Weltalphabetisierungstag Wenn Texte lesen unmöglich ist

Trotz Schulpflicht gibt es in Deutschland über sieben Millionen sogenannte funktionale Analphabeten. Sie stehen am 8. September – am Weltalphabetisierungstag – einmal mehr im Fokus.

Ein Zeigefinger über dem Wort 'Analphabet' in einem Duden.
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Nicht Lesen und Schreiben? Geht das in Deutschland überhaupt, wo es doch hierzulande Schulpflicht gibt? Laut einer Studie der Universität Hamburg gibt es in Deutschland rund 7,5 Millionen Menschen im erwerbsfähigen Alter, die zwar Worte und einzelne Sätze lesen können, nicht aber einen kurzen Text und damit auch keine Gebrauchsanweisung.

Millionen von Betroffenen

Doch nicht nur Deutschland zählt Millionen von funktionalen Analphabeten. Schätzungen der Unesco zufolge sind in den Industriestaaten 160 Millionen Erwachsene nicht in der Lage sind, einen einfachen Zeitungsartikel zu verstehen oder eine Stellenbewerbung zu schreiben. Entscheidend ist dabei auch, wie gut das Bildungssystem ihrer Herkunftsländer entwickelt ist. In Rumänien wird das seit 30 Jahren fast jährlich reformiert. Die Folge: Rund 42 Prozent der Schüler verlassen dort jährlich als funktionale Analphabeten die Schule. Im weltweiten Vergleich sind sogar rund 796 Millionen Menschen Analpheten im eigentlichen Sinne: Sie können weder lesen noch schreiben. Fast ein Drittel davon lebt in Indien.

Analphabeten-Zahlen in Osteuropa (2016)
Land Zahl der Analphabeten
Russland 384.000
Rumänien 236.000
Bulgarien 105.000
Bosnien-Herzegowina 98.000
Kroatien 32.000
(Quelle: Unesco)  

Ungewollte Abhängigkeit von anderen

Doch in Deutschland hat die Mehrheit der funktionalen Analphabeten – fast 60 Prozent - dennoch einen Job, wenngleich oft einen befristeten. Sie schummelt sich förmlich durch den Arbeitsalltag, weiß Jan-Peter Kalisch vom Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e.V.. Da sind am Arbeitsplatz die klassischen Ausreden zu hören: "Ich habe gerade meine Lesebrille nicht dabei, kann ich mir das Schriftstück mit nach Hause nehmen?", erzählt Kalisch von Betroffenen. Zuhause lesen dann die Familie, der Freund oder Partner das Papier vor.

Funktionale Analphabeten müssen erfinderisch sein und schnell eine Lösung parat haben. Manche vereinbaren mit den Kollegen eine Arbeitsteilung – die regeln den Schreibkram mit, im Gegenzugn erledigt man für die anderen die körperliche Arbeit. "Die Betroffenen geraten damit schnell in eine ungewollte Abhängigkeit" erzählt Kalisch.

Von Klasse zu Klasse durchgereicht

Menschen sitzen im Alphabetisierungskurs
Teilnehmer eines Alphabetisierungskurses Bildrechte: IMAGO

Eigentlich gilt man im deutschen Schulsystem ab der 3. Klasse als alphabetisiert. "Wer bis dahin nicht lesen und schreiben kann, müsste sein Defizt in den kommenden Schuljahren ausgleichen, doch geschieht das bei den wenigsten", meint Kalisch. Bei Klassenstärken von 25 Schülern und mehr fehlt die Zeit für einen Einzelunterricht. Doch weil in der Schule nicht nur die schriftlichen Leistungen zählen sondern auch mündliche Tests, erreichen viele Betroffene sogar den Hauptschul-Abschluss. Die meisten funktionalen Analphabeten werden damit von Klassenstufe zu Klassenstufe förmlich durchgereicht.

Wie aber könnte man das ändern? Für Jan-Peter Kalisch vom Bundesverband Alphabetisierung gibt es viele Verantwortliche, die dafür an einen Strang ziehen müssten. Da braucht es nicht nur der Lehrer, die zum Lesen und Schreiben motivieren, da braucht es auch ein Familienumfeld, in dem man durch Vorlesen erfährt, wie schön es wäre, selbst ein Buch lesen zu können. Doch auch für erwachsene funktionale Analphabeten ist es nicht zu spät, noch einmal die Schulbank zu drücken, meint Kalisch.

Betroffene zum Schreibkurs anmelden

Thomas (34) schreibt in der Volkshochschule Rostock bei einem Analphabeten-Grundkurs an der Tafel.
Ein junger Mann schreibt in der Volkshochschule Rostock bei einem Analphabeten-Grundkurs an der Tafel. Bildrechte: dpa

Das Bundesbildungsministerium will am 8. September – dem Weltalphabetisierungstag – mit Fernseh- und Radiospots für Schreib- und Lesekurse werben. "Dann läuft auch wieder unsere Hotline heiß“, sagt Kalisch. So klärt der Bundesverband für Alphabetisierung per Hotline (0800 – 53 33 55 55) auf, wo der passende Kurs an einer Volkshochschule in der näheren Umgebung wäre. Der Bundesverband setzt hier vor allem darauf, dass der Familien- und Kollegenkreis aktiv wird und etwas für die Betroffenen ändern will.

"Wir brauchen diese Mittler“, meint Kalisch, "Leute, die anrufen und morgen ihren Arbeitskollegen am besten zum Schreibkurs in die Volkshochschule bringen." Die Zahlen aber sind ernüchternd angesichts der Millionen Betroffenen: Nur rund 20.000 bis 30.000 funktionale Analphabeten besuchen solche Nachhilfekurse. Nicht weil der gute Wille fehlt, sondern weil es häufig an der Zeit oder am Geld scheitert. "70 Euro für 70 Unterrichtsstunden ist für einige zu viel Geld“, sagt Kalisch.

Den Einkaufszettel schreiben

In Deutschland sollen 2019 neue Zahlen erhoben werden, wie viele funktionale Analphabeten es weiterhin im Land gibt. Jan-Peter Kalisch vom Bundesverband Alphabetisierung will sich auf keine Prognose festlegen. Für ihn zählt jeder einzelne, der sich durch einen Schreib- und Lesekurs ein Stück Unabhängigkeit erkämpft: "Es ist für manchen schon ein riesiger Fortschritt, wenn er den Einkaufszettel ohne fremde Hilfe schreiben kann."    

(am)

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im Fernsehen: MDR um 2 | 18.01.2018 | 14:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. September 2018, 16:46 Uhr