Wer braucht den Osten?

Als die DDR 1990 der Bundesrepublik beitrat, sollte alles so werden wie im Westen. Die gleiche Währung, die gleiche Wirtschaftsordnung, gleiche Parteien, gleicher Wohlstand - und das möglichst schnell. Doch heute ist klar: Deutschland ist nicht einfach größer geworden. Der Osten hat das gesamte Land verändert. Deutschland wählt anders, lebt und streitet unterschiedlich. Liegt es am Osten, dass es die Wahrheiten der alten Bundesrepublik heute so nicht mehr gibt?

Wer braucht den Osten?
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Mo 14.05.2018 09:10Uhr 01:07 min

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Ostdeutschland als Vorreiter

Ostdeutschland ist Vorreiter für ein verändertes Wahlverhalten und vielerorts heftig artikulierte Unzufriedenheit, aber auch für gewaltige Veränderungen von Lebens- und Arbeitswelten. Bleibt der Osten das ewige Sorgenkind der Nation oder bietet sich durch ihn die Chance, alte Denkmuster zu überwinden, Neues zu etablieren? Weckt der Osten gerade den Westen auf? Wer braucht diesen Osten? Die dreiteilige Dokumentation geht diesen Fragen nach.

Teil 1: Politik

Geschichte

Mehrere Figuren, Männer, Frauen, erfolgreich, streitend als Collage.
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So 27.05.2018 08:00Uhr 44:50 min

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Bei den Bundestagswahlen 2017 haben Ost und West so unterschiedlich gewählt wie noch nie. Während 1990 in der ganzen Bundesrepublik ähnliche Koalitionen bevorzugt wurden, wäre jetzt eine große Koalition alleine mit den Ergebnissen in Ostdeutschland ebenso wenig machbar wie "Jamaika". Der Osten hat mit fast 50 Prozent eine Mehrheit aus CDU und AfD gewählt.

Kurt Hans Biedenkopf
Will sich wieder in die sächsische Politik einmischen: Kurt Biedenkopf Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Im Stammland der Ost-CDU, im einst von "König Kurt" Biedenkopf mit fast 60 Prozent Stimmen regierten Sachsen, fuhr die AfD mehr Stimmen ein als die CDU. Der 88-jährige Biedenkopf mag nicht mehr nur zusehen, wie "sein Sachsen" sich entwickelt und zieht nun wieder von Bayern nach Dresden, um aufzurütteln.

Der Westen lernt vom Osten

Anders als allgemein angenommen, hat der Osten Westdeutschland in den vergangenen 25 Jahren stark geprägt. Einige gesamtdeutsche Entwicklungen haben sich zuerst in Ostdeutschland gezeigt: Betrachtet man nur den Osten, so hätten die Wähler dort bei den Bundestagswahlen schon viel früher mehr Parteien ins Parlament gewählt. Hätten nur Ostdeutsche abgestimmt, wären Koalitionsmodelle wie Schwarz-Gelb oder Rot-Grün schon seit 1990 kaum möglich gewesen. 2017 haben nunmehr auch die Wähler im Westen Deutschlands deutlich breiter gewählt.

Bundestag - weniger Redeanteil bei Ostdeutschen

Blickt man auf die Abgeordneten im Deutschen Bundestag, zeigt sich ein Ungleichgewicht. Politiker aus dem Osten haben anteilmäßig seltener Reden gehalten, als ihre Kollegen aus dem Westen der Republik. Auch inhaltlich gibt es Unterschiede: Die gehaltenen Reden verteilen sich der Auswertung zufolge nicht gleichmäßig auf die politischen Sachthemen. Demnach hielten ostdeutsche Politiker verhältnismäßig oft Reden in den eher als "weich" geltenden Gebieten wie Kultur; Sport, Freizeit und Tourismus sowie Bildung. Dafür treten sie relativ seltener bei den "harten" Themen, wie etwa Verteidigung, Außenpolitik und Verkehr ans Plenarmikrofon.

Was ist geschehen im Osten?

Die Parteienbindung in den neuen Bundesländern ist deutlich geringer als im Westen, die Gesellschaft überaltert. Und es ist die Vergangenheit, die immer wieder zur Gegenwart wird: die Sehnsucht nach "Runden Tischen" wie damals in den Wendemonaten, nach mehr direkter Demokratie, die Skepsis gegenüber "denen da oben". Experten halten den Osten Deutschlands für einen Seismographen gesellschaftlicher Beben, die bald ganz Deutschland erreichen könnten.

Teil 2: Wirtschaft

Geschichte

Landkarte Deutschland, darüber eine Rechnung.
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Sa 02.06.2018 12:10Uhr 44:52 min

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1990 scheint die Wirtschaft des Ostens für den Westen so unbrauchbar wie der Trabant. Alles wird neu geordnet – nach den politischen und wirtschaftlichen Vorgaben des Westens. Doch der Osten bleibt attraktiv, und zwar als Markt, den die gut aufgestellte Westwirtschaft problemlos mit versorgen kann. Die Folgen der kompletten Deindustrialisierung Ostdeutschlands sind bis heute spürbar. Die Ostwirtschaft ist kleinteilig, schwach, forschungsfern - die Steuereinnahmen der Länder und Kommunen reichen an den meisten Orten für kaum mehr als die Hälfte der notwendigen Ausgaben. Ein Ende der Transferleistungen in den Osten ist nicht in Sicht. Ost- und Westwirtschaft sind weit voneinander entfernt.

Fehler und Chancen der Wendezeit

Doch es gibt auch gute Nachrichten: Es haben sich mehr Unternehmen entwickelt als viele denken. Kleinere, mittelständische Strukturen prägen das wirtschaftliche Gesicht des Ostens. Allerdings hätten es noch viel mehr sein können.

Mann mit Bart sitzt in einem Sessel und gestikuliert
Kann bis heute seine Erregung kaum zurückhalten, wenn es um die Politik von Staat und Treuhand nach dem Ende der DDR geht: Prof. Hans-Werner Sinn Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Einer der Star-Ökonomen dieses Landes, Professor Hans-Werner Sinn, kann bis heute seine Erregung kaum zurückhalten, wenn es um die Politik von Staat und Treuhand nach dem Ende der DDR geht. Noch heute bedauert er aus ökonomischer Sicht die fatalen Fehler und vertanen Chancen der Wendezeit, weil das Eigentum der DDR eben nicht an Ostdeutsche verteilt und nur selten an sie verkauft worden ist. Das Ergebnis war eine in der Menschheitsgeschichte einmalige Deindustrialisierung, die am Ende  zum Umbau von Arbeitswelt und Gesellschaft im gesamten Land führt: Leiharbeit, prekäre Beschäftigung und Hartz IV wären ohne das Labor Ost kaum denkbar.

Trotz der widrigen Wettbewerbsbedingungen haben Menschen im Osten sich durchgesetzt: Es gibt sie, die Helden des Aufbaus Ost. Menschen, die heute dafür sorgen, dass Raumschiffe an die ISS andocken und Autos mit Wasserstoff fahren können, Hidden Champions, die auf dem Weltmarkt gesucht werden, die der Inbegriff dafür sind, wie sehr ein Landstrich kreative Köpfe braucht. Sie zeugen von Selbstbewusstsein, Dynamik, Konkurrenzfähigkeit und von Stolz auf das Geleistete.

Teil 3: Gesellschaft

Geschichte

Illustration
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Fr 08.06.2018 14:17Uhr 44:30 min

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Der Umbruch in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft in Ostdeutschland war umfassend und radikal. Oberflächlich betrachtet sieht der Osten heute aus wie der Westen. Wenig blieb von den Strukturen der alten DDR. Doch 28 Jahre nach der Einheit wird deutlich, dass der Osten noch immer anders tickt, ganz Eigenes hervorgebracht hat, und dass mehr geblieben ist, als der grüne Pfeil an der Ampel.

Manches, was zunächst als gestrig abgelehnt wurde, hat heute Eingang in den Alltag des gesamten Landes gefunden: Die Diskussion um einheitliche Bildungsstandards, Kitas und Krippen, die Selbstverständlichkeit, dass Frauen auch mit Kindern in Vollzeit arbeiten, die professionelle Sportförderung oder die neuen Medizinischen Versorgungszentren, die seit 2004 per Gesetz den Geist der alten Polikliniken der DDR zum Leben erwecken.

Annäherung des Westens an den Osten

Der Einfluss des Ostens wird immer öfter sichtbar: Waren in Westdeutschland in den 1980ern nur sechs Prozent aller Kinder unter drei Jahren in der Krippe, sind es heute fast ein Drittel. Auch bei den Lebens- und Arbeitsverhältnissen gab es in einigen Bereichen eine bemerkenswerte Annäherung des Westens an den Osten. Sprachen sich in einer Studie von 1991 noch die Hälfte aller Westdeutschen für die klassische Rollenverteilung zwischen Mann und Frau aus, wünschten sich die 2016 nur noch 26 Prozent der Westdeutschen. Auch in Sachen Frauenbeschäftigungsquote holt der Westen auf, sie wuchs in den letzten 20 Jahren von 42 auf 53 Prozent. Im Osten liegt sie heute bei 59 Prozent.

Prägend für das gesamte Land ist auch die reiche Kultur- und Naturlandschaft Ostdeutschlands. Die Straße der Romanik, das Meißner Porzellan, die Uhrentradition in Glashütte, Weimar und Dresden, zahllose mittelalterliche Burgen. Von den 16 Nationalparks liegen allein sieben im Osten. In der Müritzregion, in der Anfang der 1990er-Jahre eine hohe Arbeitslosigkeit herrschte, sind der Nationalpark und der Tourismus heute die wirtschaftliche Basis. Durch Umbrüche ist Neues entstanden.

Dieser Osten wird gebraucht

Bei allen politischen Differenzen, kulturellen Eigenheiten und wirtschaftlichen Ungleichgewichten - Ost und West nähern sich an, in Lebensstil und Einstellungen. Und doch brauchen und bewahren die Menschen in Ostdeutschland auch die Erinnerungen an ihr untergegangenes Land. Der Osten ist Heimat und Identität.


Über dieses Thema berichtet der MDR auch in der TV-Doku "Wer braucht den Osten?" am: 29.05.2018 | 22:05 Uhr
05.06.2018 | 22:05 Uhr
12.06.2018 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Juni 2018, 13:44 Uhr

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7 Kommentare

12.06.2018 01:31 Hans 7

Ich habe Ihre 3 Sendungen, zuletzt am 12.6.18, mit sehr großem Interesse - anfangs mit einiger Skepsis - angeschaut und bin von Ihrem Versuch die Frage
" Wer braucht den Osten " in den von Ihnen dargestellten, unterschiedlichen Fasetten sehr angetan, ja begeistert! Sicherlich findet sich nicht jeder der diese Berichte gesehen hat darin wieder, ist teilweise enttäuscht sogar verbittert.
Ich würde mir aber wünschen dass Ihre 3 Berichte in nächster Zeit im 1. Programm der ARD gesendet werden um alle Deutschen mit der Frage zu konfrontieren " Wer braucht den Osten " und sie dazu zu bringen ernsthaft darüber nachzudenken und zu einem positiven umdenken anzuregen!

12.06.2018 23:47 t4r 6

Ich möchte der Redaktion und den Autoren für diesen sehr ausgewogenen, analytischen und Hoffnung machenden Dreiteiler danken.
Als Kinder der 3. Generation Ost waren wir 25 Jahre in Erklärungsnot und kennen den Osten nun genauso gut wie den Westen.
Im Westen wie im Osten gibt es Nörgler, Spekulanten und Karrieristen. In unserer Hausgemeinschaft in Westdeutschland gibt es Ossis wie Wessis, die Probleme gern mit Geld zuschmeißen. Aber in dieser Hausgemeinschaft haben wir es auch geschafft, den Subotnik einzuführen - zur gemeinschaftlichen Freude aller Wessis und Ossis.
Vielleicht sollten wir Deutsche uns mehr von außen betrachten: im Ausland versteht niemand, warum wir Deutsche uns auf Reisen gegenseitig meiden. Das sollte uns zu denken geben.

12.06.2018 23:23 t4r 5

Herr Stefan T., Ihre Polemik ist unangemessen.
Der Osten hat nicht bestimmt, dass nach dem Tod von Rohwedder, der den Wert der ostdeutschen Wirtschaft auf 600 Mrd. DM schätzte, das Motto Abwicklung um jeden, auch negativen Preis ausgerufen wurde.
Die vermeintliche von West nach Ost umverteilte Billion steckt nur in anderen Taschen. Beispiel: die Allianz hat für ostdeutsche Versicherungsverträge für 1 DM Einnahmen von 15 bis 20 DM erhalten. Diverse Wohnungsbaugesellschaften des Ostens ächzten noch Jahrzehnte unter der 1:1 umgerechneten Schuldenlast, die sie an westdeutsche Großbanken abzahlten - dieselben Großbanken übrigens, die in der Finanzkrise 2008 mit 250 bis 650 Mrd. EUR Steuergeldern, also bis zu 1,3 Bln. DM, gerettet wurden.
Im Osten hat man leider geglaubt, alle könnten jetzt einen Platz an der Sonne haben. Nur waren die Handtücher schon seit 40 Jahre ausgelegt.
Und im Westen vergisst man oft, dass die Nord-Süd Unterschiede größer sind, als zwischen West und Ost.

12.06.2018 16:16 Thüringer 4

Habe mir die Kommentare einzelner mal etwas genauer betrachtet bevor ich hier meinen Senf dazugeben muss.Es heisst ja immer wir "jammern" und es war ja Alles so "marode" ich gehe mal davon aus das viele große Unternehmen aus dem Westen ihren Profit damit machten dass in der DDR billig produziert wurde aus westlicher Sicht.Ich habe bis zu Wende in einer Großen Druckerei gearbeitet und wir hatten so 75% Aufträge aus der BRD.Die Verlage Hofmann & Campe möchte ich da mal als ein Beispiel nennen,da blieb es nicht aus das ein paar Scanner aus der Schweiz bei uns standen und so weiter,ich bin davon überzeugt daß viele fleissige Hände aus der ehem. DDR den Umsatz so mancher Westfirma positiv beeinflusst haben,aber der Gipfel ist das sogar im Knast für den Westen geschufftet wurde,von Nylonstrümpfen bis Schrauben für Opel und VW und was noch nicht Alles da reicht der Platz nicht.

05.06.2018 17:35 Redaktion MDR-ZEITREISE 3

Lieber Stefan T,
in unserer Dokumentation "Wer braucht den Osten" sind wir den Gründen nachgegangen, warum der Osten gebraucht wird und wo beispielsweise der Westen vom Osten lernen kann - sei es auf politischer, wirtschaftlicher oder gesellschaftlicher Ebene. Machen Sie sich gerne selbst ein Bild: Der zweite Teil läuft heute Abend im MDR-Fernsehen, 22:05 Uhr. Zusätzlich finden Sie die ersten beiden Teile der Doku zu Politik und Wirtschaft schon jetzt online: https://www.mdr.de/zeitreise/wer-braucht-den-osten-doku-politik-video-100.html und https://www.mdr.de/zeitreise/wer-braucht-den-osten-wirtschaft-video-102.html. Viele Grüße aus der ZEITREISE-Redaktion

05.06.2018 17:02 pkeszler 2

@Stefan T 1: "Der Osten wird gebraucht, damit wir auch in Zukunft wisen, wo wir unsere Billionen Euro versenken können. Sonst fällt mir kein Grund ein"
Welchen Beitrag haben Sie überhaupt bisher für den Aufbau und die Umgestaltung der Ex-DDR geleistet?

05.06.2018 14:55 Stefan T 1

Der Osten wird gebraucht, damit wir auch in Zukunft wisen, wo wir unsere Billionen Euro versenken können. Sonst fällt mir kein Grund ein.

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Wie steht es um die Wirtschaft in den neuen Bundesländern? Ist der Osten nur verlängerte Werkbank des Westens? Antworten gibt Teil 2 unserer Doku.

Sa 02.06.2018 12:10Uhr 44:52 min

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Mehrere Figuren, Männer, Frauen, erfolgreich, streitend als Collage.
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Im ersten Teil unserer Doku kommen prominente Politiker ebenso zu Wort wie Unternehmer, Wissenschaftler und Leute von Nebenan.

So 27.05.2018 08:00Uhr 44:50 min

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