Körperkult Yoga in der DDR: Schlimmer Mystizismus, gefährliche Krankheit

Kopfstand, Meditieren, Räucherstäbchen: Wer in der DDR Yoga machte, geriet schnell ins Visier der Stasi. Denn: die fernöstliche Entspannungstechnik wurde für eine Art gefährliche Krankheit gehalten. Doch nach und nach wuchs eine aktive Yoga-Szene.

Die Kobra, der herabschauende Hund oder der Sonnengruß: Mit diesen abstrakten Körperfiguren können die Entscheider der DDR bis in die 1980er Jahre nichts anfangen. Parteifunktionäre der SED und anderer Blockparteien sehen im Yoga in erster Linie eine religiöse Praxis, die im Widerspruch  zu der marxistischen Theorie des Sozialismus steht.

Lange Zeit hält man Yoga für eine Art gefährliche Krankheit. Matthias Tietke hat ein Buch über Yoga in der DDR geschrieben und meint: "Das entzog sich vor allem der Kontrolle des Staates: Das ließ sich nicht steuern und nicht organisieren." Noch 1979 verhängt der Deutsche Turn- und Sportbund (DTSB) der DDR ein Yoga-Verbot für alle seine Veranstaltungen. Begründet wird die Regelung mit dem "schlimmen Mystizismus", den die exotische Sportart verkörpere.

Das entzog sich vor allem der Kontrolle. Es gab ja immer wieder so verschiedene Inspirationen, Modewellen: Surfen, Skaten, Bodybuilding, und da war die Angst groß, dass sich das durch die individuelle Praxis der Kontrolle entzieht. Also das ließ sich nicht organisieren, das ließ sich nicht steuern, also wollte man das möglichst verhindern. Auf Yoga trifft das eben auch zu."

Mathias Tietke, Buchautor

Yoga im Verborgenen

Doch das Interesse an Yoga ist bei einigen DDR-Bürgern längst geweckt. Die gelernte Physiotherapeutin Inge Schönfelder ist eine der ersten, die Yoga schon Mitte der 1970er-Jahre in der DDR unterrichtet. Der Weg dorthin ist für sie mühsam. Ihr Wissen eignet sie sich durch Sendungen aus dem Westfernsehen und Bücher an. Doch die begehrte Yogaliteratur aus dem Westen ist schwer zu bekommen und die Autodidaktik hat ihre Tücken. Die genaue Art der Atemübungen ließ sich nur schwer via Buch vermitteln.

Ich hab also mein Wissen mir nur durch Bücher angeeignet. Meine Bücher, meine Literatur, die ich dann hatte, die habe ich mir besorgt durch eine Rentnerin, die nach Westdeutschland fahren durfte. Und da hab ich sie gebeten, dass sie mir Bücher mitbringt und ich hab ihr dann immer Titel genannt wie und was. Und sie musste sie auch sehr teuer bezahlen.

Inge Schönfelder, eine der ersten Yogalehrerinnen der DDR
Yoga in der DDR
Inge Schönfelder, ein der ersten Yoga-Lehrerinnen der DDR. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Da die DDR-Führung befürchtete, dass sich Yoga im Untergrund weiterverbreiten könnte, wurde mit offizieller Unterstützung der Gesundheitssport "Yoganastik" propagiert. Die Magdeburger Volksstimme gab 1978 eine Broschüre "Yoganastik für jedermann" heraus, die vor allem die Frauenwelt beeindruckte.

Wandel dank Wissenschaft und Wirtschaft

Yoga in der DDR
Der Klassiker: Schulterstand Bildrechte: Inge Schönfelder

Mitte der 1980er Jahre beginnt sich das Blatt zu wenden. Im April 1984 fliegt der Inder Rakesh Sharma mit einer sowjetischen Weltraum-Mission ins All. In der Raumkapsel experimentiert er mit Yogahaltungen und vermittelt, dass es sich auf Weltraumflügen positiv auswirkt, wenn man entspannt ist oder sich gut dehnen kann. Ein Schlüsselereignis. Yoga wird in der DDR Thema, sowohl Ethnologen als auch Mediziner interessieren sich für Geschichte und Wirkungen.

Zu verdanken ist das vor allem dem Indologen Heinz Kucharski, der gemeinsam mit Ethnologen, Naturwissenschaftlern, Ärzten und Sportlehrern den "Arbeitskreis für Yoga und altindische Medizin" gründete. Bei einem Vortrag über Yoga lernt Inge Schönfelder Heinz Kucharski kennen und fortan reisen die beiden gemeinsam durch die DDR: Kucharski referiert und Inge demonstriert.

Dass es dann zu einem Wandel kam, zu einer positiveren Bewertung des Yoga in der DDR, hat zum einen mit Heinz Kucharski (A.d.R. - Indologe) zu tun, also zu dieser Gruppe, die dem Ganzen einen wissenschaftlichen Anstrich gegeben hat. Das heißt, das, was am Anfang zum Vorwurf gemacht wurde - das Religiöse, der Mystifizismus - das ist ausgeklammert worden. Es war die Betonung: Das ist eine wissenschaftliche Herangehensweise.

Mathias Tietke, Buchautor
Yoga in der DDR
Im VEB Verlag Volk und Gesundheit erschien das Heft "Yoga-Praxis". Da die DDR-Führung befürchtete, dass sich Yoga im Untergrund verbreiten könnte, wurde mit offizieller Unterstützung der Gesundheitssport "Yoganastik" propagiert. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das Interesse an den Veranstaltungen ist groß, erste Diskussionen über Yoga werden im DDR-Fernsehen ausgestrahlt. Ein Mitglied aus Kucharskis Arbeitskreis, der Mediziner Dr. Dietrich Ebert, publiziert 1986 sein Buch "Physiologischen Aspekte des Yoga und der Meditation". Im gleichen Jahr erscheint für 3,20 Mark die Broschüre "YOGA". Die Auflage von 250.000 ist schnell vergriffen. Die Vorführenden sind Inge Schönfelder und ein ihrer ehemaligen Schüler. Das Erscheinen der Publikationen markiert den endgültigen Durchbruch: Yoga-Techniken werden unter anderem als begleitende Maßnahme zu einer Therapie eingesetzt und in nahezu jeder größeren Stadt der DDR etablieren sich Kurse.

Stichwort: Yoga Yoga ist eine mittlerweile weit verbreitete Übungsform. Sie hat ihren Ursprung in der indischen Philosophie, dort im Hinduismus und Buddhismus. Verschiedene mentale und körperliche Übungen dienen ursprünglich der Gotteserkenntnis.

Heute wird Yoga häufig auch zur Ertüchtigung von Körper, Geist und Seele gepflegt, ohne religiösen Hintergrund. Grundlage ist der ganzheitliche Ansatz, die verschiedenen Aspekte des Lebensdaseins in Einklang zu bringen. Hierzu werden Körperhaltungen, Bewegungen sowie Atem- und Meditationstechniken durchgeführt. Es gibt zahlreiche verschiedene Yoga-Schulen, sowohl traditionell geprägte, als auch im Zuge von Wellness und westlicher Lebensweise entstandene Übungsmethoden.

Buchtipp: Mathias Tietke: "Yoga in der DDR".
Verlag: Verlag Ludwig
Broschur: 220 Seiten, 24,90 EUR.


Über dieses Thema berichtete der MDR auch im: TV | 23.10.2013