Geschick und Organisationstalent Wie die "Generation Kohleofen" in der DDR über den Winter kam

Zwei der bedeutendsten Braunkohlereviere lagen auf dem Gebiet der DDR und machten sie zum größten Braunkohle-Förderland der Welt. Doch was streng nach Plan aus dem Boden Mitteldeutschlands gebaggert wurde, fand manchmal nicht seinen Weg in die Kachelöfen der DDR-Bürger. Mit Geschick und Organisationstalent half sich die "Generation Kohleofen" in einer Zeit, in der nur wenige Fernwärme und Zentralheizung hatten.

Kohlehaufen
Kohleberge waren in der DDR vor vielen Häusern zu sehen, wenn die Heizsaison nahte. Denn geheizt wurde damals überwiegend mit Kohle, nicht mit Gas. Bildrechte: MDR/Mahmoud Dabdoub

Wenn die Tage kürzer wurden und die Temperaturen sanken, dann war zu handlichen Briketts geformte Braunkohle von elementarer Bedeutung. Mehr als 90 Prozent der Haushalte in der DDR waren auf sie angewiesen. Was heute mit einem Handgriff am Thermostat geregelt werden kann, verlangte den Menschen der "Generation Kohleofen" allerhand ab und auch außerhalb der eigenen vier Wände war der Festbrennstoff von gesellschaftlicher Bedeutung. Schließlich konnte man das "schwarze Gold" gewinnbringend gegen harte Devisen exportieren.

Keine heiße Asche einfüllen!

Ein Kachelofen in einer Altbauwohnung.
Ein typischer Berliner Ofen in einem Gründerzeithaus. Bildrechte: imago/Kathrin Schubert

Längst scheinen die heimischen Kohleöfen und ihre Geschichte vergessen zu sein. Sie machten aus den harten Männern mit verrußten Gesichtern wahre Helden. Wer den Rest des Jahres als Kohlenschlepper für einen ehemaligen Zuchthäusler und Schulabbrecher gehalten wurde, avancierte bei der regelmäßigen Kohlelieferung zum geschätzten Arbeiter, dem man gerne ein Trinkgeld anbot. Auch für die jüngsten Familienmitglieder wurde "Kohlen aus dem Keller holen" zu einer wichtigen Stütze des Taschengeldes in den Wintermonaten. Nicht zuletzt war das Anfeuern des Ofens eine zentrales familiäres Ritual, bei dem auch das Familienoberhaupt beweisen konnte, dass es mit Streichhölzern und Altpapier den guten alten Ofen zum Bollern brachte. Unvergessen sind das erste Knacken nach dem Feueranzünden oder die Funken, die aus der offenen Klappe sprangen und sich zum Leidwesen der Hausfrau als kleine schwarze Punkte auf dem Linoleum verewigten. Ebenso unvergessen sind das richtige Lüften der Wohnung oder die Aschekübel mit der Aufschrift "Keine heiße Asche einfüllen!" auf dem Hof.

Heizen in der DDR

Mit Tricks und über Tauschgeschäfte mussten sich viele DDR-Bürger ihre Kohle beschaffen. Obwohl sich die Partei- und Staatsführung regelmäßig mit Rekordzahlen bei der Förderung im Lausitzer Revier und im Mitteldeutschen Braunkohlerevier überbot, herrschte auch bei Festbrennstoffen Knappheit. Zu gut liefen die Geschäfte mit dem Export und das berühmte Rekord-Brikett für den heimischen Kachelofen schien Jahr um Jahr seinen reinen Kohlegehalt einzubüßen.

Wahrlich kreativ bei der Heizmittelbeschaffung mussten diejenigen sein, die illegal, also "schwarz", wohnten. Einer von ihnen war der Fotograf Günter Starke, der ab den 1980er-Jahren in der Dresden-Neustadt wohnte. Die Neustadt war einer der Stadtteile, deren Gründerzeithäuser verlassen und baufällig waren, aber jungen Menschen mit kleinen Ansprüchen ein Zuhause boten. Hier konnte man praktisch nicht ohne die kleinen Wärmekraftwerke auskommen. Es waren aber gerade die Schornsteine, an denen der Zahn der Zeit besonders genagt hatte, und das machte das Heizen so gefährlich, wie Günter Starke heute berichtet. Die Kohle zum Heizen besorgte er sich zum Beispiel mit einem Bollerwagen bei nahegelegenen Betrieben.

Da lagen diese Kohleabriebberge und darin hat man mit dem Schürhaken gestochert und geschaut, ob nicht irgendwelche Briketts drin sind.

Günter Starke, "Schwarzwohner" in Dresden-Neustadt

Dresden geht die Kohle aus

Gerade in den 1980er-Jahren wurde nicht nur für den Dresdner Günther Starke die Kohle knapp. Die Kohleplätze der drittgrößten Stadt der Republik blieben immer öfter leer, wenn es kalt wurde. Männer wie der Wagenschlosser Ronald Konschak wussten sich selbst in dieser Situation zu helfen. Blieb eine Halle des Bahnbetriebswerkes in Dresden-Neustadt kalt, was mitunter zu Innentemperaturen von minus 20 Grad führen konnte, wurden die Reichsbahner kreativ, schließlich saß man ja fast an der Quelle.

Dann wurde dort die Tür aufgemacht und der Wagen wurde um einige Tonnen erleichtert, sodass wir dann erst mal für eine Woche Briketts hatten.

Ronald Konschak, Wagenschlosser im Bahnbetriebswagenwerk Dresden-Neustadt

Entstandene Unebenheiten in der Ladungsoberfläche glich der Rangierer aus, indem er den Kohlewaggon nur noch etwas stärker auflaufen ließ.

Ende der 1980er-Jahre ging es dem damaligen Dresdner Oberbürgermeister Wolfgang Berghofer nicht anders, als es Günther Starke und Ronald Konschak in den Jahren davor ergangen war. Elbflorenz stand im vorletzten Winter der DDR vor dem Kohle-Kollaps. Im Winter 1988 schien es in der Elbstadt kein einziges Brikett mehr zu geben, zumindest keines, dass Berghofer amtlich hätte verteilen können. Doch die Bitten des Oberbürgermeisters blieben ungehört, sodass er die Schließung fast aller öffentlichen Einrichtungen nach Berlin meldete. Seine Begründung: Kohlemangel. Ein Trick des Bürgermeisters, denn auch die Dresdner Schulen sollten davon betroffen sein, eine Situation, die Margot Honecker nicht zulassen wollte. Kurzerhand, so Wolfgang Berghofer, wurde vom Ministerrat entschieden, dass Dresden mit Kohle versorgt würde.

Es rollten ununterbrochen Kohlezüge. Wir wurden mit Kohle wahrlich zugeschüttet: feinste Briketts. Wir waren versorgt - zu Lasten natürlich der anderen Städte.

Wolfgang Berghofer, 1988 Oberbürgermeister von Dresden

Ein Husarenstück im großen Stil, das Bürgermeister Berghofer im vorletzten Winter der DDR vollführt hat -  ähnlich, wie es die DDR-Bürger viele Winter vor ihm taten.

Dieser Artikel erschien erstmals 2013.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Das Erbe der Kohle | 28. Oktober 2021 | 22:00 Uhr

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