Vor 100 Jahren Insulin: Ein Hormon verändert die Welt

Am 27. Juli 1921 gelingt es den Medizinern Frederick G. Banting und Charles H. Best in Toronto aus der Bauchspeicheldrüse eines Hundes das Hormon Isletin zu gewinnen. Das ist der Durchbruch, um "Typ 1"-Diabetikern das Leben mit ihrer Krankheit zu ermöglichen. In den folgenden Jahren geht es darum, den lebensrettenden Stoff sinnvoll einzusetzen. Gerhard Katsch gründet auf Rügen ein Diabetikerheim und lehrt eine strikte Diät, gepaart mit viel Bewegung, zusätzlich zur Insulingabe. Ein strenges Regime entsteht, in dem auch die Thüringerin Silvia bereits als Fünfjährige lernt, wie sie mit Hilfe des Insulins leben kann.

Putbus 1970, Silvia bekommt ihre Insulinspritze. Die Schwester, die sie ihr gibt, ist selbst Diabetikerin
Putbus 1970. Silvia bekommt ihre Insulinspritze. Die Schwester, die sie ihr gibt, ist selbst Diabetikerin. Bildrechte: privat

Das Hormon Insulin funktioniert wie der Schlüssel zum Schloss der Zellen in unserem Körper, der sie aufschließt, damit sie Glukose aus dem Blut aufnehmen können. Doch Menschen mit "Typ-1-Diabetes" produzieren zu wenig oder gar kein eigenes Insulin mehr. Meistens hat das körpereigene Abwehrsystem die Betazellen, die das Hormon in der Bauchspeicheldrüse produzieren, angegriffen und zerstört.

Diabetikerheim: Schlimmste Zeit des Lebens

Bei Silvia wurde das im Januar 1965 diagnostiziert. Die Fünfjährige war damals vier Wochen im Krankenhaus. Danach kam ihr Vater mit einem Koffer und fuhr mit ihr mit dem Zug auf die Insel Rügen. Für das kleine Mädchen begann damit eine schwere Zeit: "Ich musste sechs Wochen mutterseelenallein im Diabetikerheim bleiben. Das war die schlimmste Zeit meines Lebens", erinnert sich die heute 62-jährige Thüringerin. Diabetikerkinder mussten lernen, tapfer zu sein. Es waren nicht nur die jährlichen, wochenlangen Aufenthalte weit weg von Zuhause, sondern auch die Insulingaben zwei Mal täglich. Die Spritzen hatten Kanülen, die viel dicker waren, als die heute gebräuchlichen.

1921: Der Durchbruch in Toronto

Das Insulin war in seiner Wirkung schon länger bekannt. Aber es zu gewinnen, gelang den jungen Wissenschaftlern Frederick G. Banting und Charles H. Best 1921 als Erste. Um es auch in größeren Mengen herstellen zu können, suchten sie sich Mitstreiter: John James Rickard Macleod stellte sein Labor zur Verfügung und vermittelte den Kontakt zu Biochemiker James Bertram Collip. Er fand einen Weg, das Fremdeiweiß aus dem Insulin zu filtern, weil es sonst giftig war. Das hatten Versuche gezeigt. Ab 1923 verbreitete sich das Insulin in der Welt. Es wurde jahrzehntelang aus den Bauchspeicheldrüsen von Rindern und Schweinen gewonnen. Anfang der 80er Jahre gelang es, Insulin mittels gentechnisch veränderter Bakterien herzustellen. Es wird "Humaninsulin" genannt, weil es die gleiche Struktur wie das menschliche Hormon hat.

1930 gründete Gerhard Katsch auf Garz in Rügen ein Diabetikerheim. Das damals vorhandene Insulin wurde morgens und abends gespritzt. Es wirkt über einen Zeitraum von acht bis zwölf Stunden und erreichte seine volle Wirkung nach ein paar Stunden. Damit es in der Zeit nicht zur Unterzuckerung kam, aßen Diabetiker sechs Mahlzeiten am Tag.

Neben den Insulingaben lehrte Katsch die Betroffenen, ein System aus geregeltem Essen, Sport und Arbeit im Alltag zu integrieren. Dabei ging er sehr streng vor. Professor Wolfgang Kerner, von 1996 bis 2020 Direktor der Klinik für Diabetes und Stoffwechselkrankheiten am Klinikum Karlsburg, erinnert sich an Patienten-Akten aus den frühen 30er-Jahren. Darin hatte Katsch Kohlenhydrate, Fett und Eiweiß jeder Mahlzeit bei jedem Patienten Tag für Tag genau notiert. Das Diabetikerheim in Garz und ein später dazu kommendes zweites Haus in Putbus waren die Vorläufer der Klinik in Karlsburg. Diese konnte Gerhard Katsch nach Ende des Zweiten Weltkrieges aufbauen und dort die zentrale Diabetikerversorgung der DDR entwickeln.

Oft selbst Diabetiker: Betreuer, Schwestern und Ärzte

Die Zeit im Diabetikerheim Garz und später im Ferienlager in Putbus war für Kinder wie Silvia wichtig und prägend. Sie bekamen systematisch beigebracht, wie sie möglichst gesund leben können. Das regelmäßige Essen und Spritzen sollte die Folgeschäden des Insulinmangels im Körper möglichst lange vermeiden. Betreuer, Schwestern und Ärzte waren oft selbst Diabetiker und somit gleichzeitig Vorbilder. Die Aufenthalte brachten den Kindern aus allen Ecken der DDR die Gewissheit, dass sie nicht die einzigen waren, die sich einschränken und spritzen mussten. Freundschaften entstanden, die ein Leben lang halten.

Kuraufenthalt für Diabetikerkinder in Garz.
Silvia in der Mitte im karierten Kleidchen. Es ist ihr zweiter sechswöchiger Aufenthalt zur Kur für Diabetikerkinder in Garz. "Die schlimmste Zeit meines Lebens", erinnert sie sich an diese Zeit, in der sie als Sechsjährige, ohne Eltern, weit weg von Zuhause war. Bildrechte: privat

Doch die Aufenthalte waren bei Silvia mit furchtbarem Heimweh vebunden, das sie als Kind bei den wochenlangen Aufenthalten im Diabetikerheim hatte. Auch das auf das Gramm genau zugeteilte Essen hat sich ihr tief eingeprägt. "Wir hatten immer Hunger", erzählt sie. Die größeren Kinder, ab elf Jahren, fuhren in den Ferien in das Heim in Putbus. Sie durften auch allein unterwegs sein und so kam es, dass sich Silvia und ihre Freundinnen kiloweise Tomaten gegen den Hunger kauften. Die durften sie essen, die zählten nicht beim Ernährungsplan. "Karlsburg war damals rigoros", erzählt Prof. Wolfgang Kerner, "Gerhard Katschs Strenge bei der Ernährung war legendär und blieb lange prägend."

Wohnhaus für Diabetiker-Kinder in Putbus
In diesem Haus in Putbus wohnten die größeren Kinder ab elf Jahren in ihren Diabetiker-Ferienlagern in den Sommerferien. Sie bekamen auch mehr Freiheiten, durften allein raus gehen, und nutzen das, um zum Beispiel zu essen. Die Heranwachsenden bekamen ihre Nahrung strikt zu geteilt und hatten eigentlich immer Hunger, erzählt Silvia. Bildrechte: privat

Für die Kinder war das Insulin zwar lebensrettend, aber auch mit Qual verbunden. Silvia hatte eine Glasspritze mit drei Nadeln und einen Topf dazu. Das Spritzbesteck wurde mehrmals in der Woche ausgekocht. Weihnachten bekamen die Geschwister Süßigkeiten - sie nicht. Wenn die anderen Kuchen bekamen, aß sie eine Bockwurst. Das Essen bei der Oma war für sie und ihre Geschwister etwas besonderes. Für sie ging das erst, als sie mit acht Jahren lernte, sich selbst zu spritzen. Das war schwer: "Man musste sich ja selbst weh tun!"

Beim Neptunfest im Haus Putbus steht Silvia in der ersten Reihe, dritte von links, in der hellen Hose.
Beim Neptunfest im Haus Putbus steht Silvia in der ersten Reihe, dritte von links, in der hellen Hose. Bildrechte: privat

DDR: Mangelware Insulin

In der DDR war die Produktion von Insulin knapp. Es musste immer auch importiert werden, auch wenn von Anfang der 1960er-Jahre an intensiv versucht wurde, ohne die Lieferungen der feindlichen Nato-Länder auszukommen. Das selbst produzierte, gereinigte "Schweineinsulin" war aber gut verträglich, erzählt Wolfgang Kerner. Zum in den 1980er Jahren in der BRD produzierten Humaninsulin hatte es keinen Nachteil. Entscheidend war, so Kerner, dass in dieser Zeit die Wende in der Ernährungsdoktrin kam. Bereits zu Gerhard Katschs Zeiten gab es auch das Konzept, zu essen, was man wolle. "Freie Kost" nannte sich das und ging auf Karl Stolte zurück.

Er propagierte, den Zuckerspiegel im Urin zu messen und danach zu den Mahlzeiten die nötige Menge Insulin zu spritzen. Das war damals noch sehr aufwändig. Die "freie Kost" setzte sich auch deswegen erst 50 Jahre später durch. Heute wirkt das Insulin zum einen auf einem basalen Niveau ganztägig, und pro Mahlzeit kommt die zusätzlich benötigte Menge dazu. "Der Diabetiker muss nur lernen abzuschätzen, wie viele Kohlenhydrate er essen wird. Das muss nicht auf's Gramm genau sein", so Wolfgang Kerner. Schulungen sind für Diabetiker immer noch enorm wichtig, denn da der Körper eben seinen Insulinbedarf nicht selbst regeln kann, liegt die größte Gefahr in der Unterzuckerung.

Erinnerungen an ihre "Zuckerfreundinnen"

Silvia lebt seit vielen Jahren mit einer Insulinpumpe. Sich zu spritzen, ist damit nicht mehr nötig. Als Kind lernte sie, dass sie mit viel Disziplin vielleicht 35 Jahre alt werden könne - 62 sind es nun. Sie ist Krankenschwester geworden und als solche zu DDR-Zeiten noch selbst vier Wochen im Jahr nach Rügen gefahren, um im Heim wieder andere Kinder zu betreuen. Die "Zuckerfreundinnen", die sie damals in den schweren Wochen fern von Zuhause kennengelernt hat, sind noch heute eine eingeschworene Gemeinschaft.