Vor 105 Jahren eröffnet Geschichte des Leipziger Stadtbades

Wellenbad & orientalische Sauna mitten in Leipzig

Es ist eine kleine Sensation: Als das Leipziger Stadtbad am 14. Juli 1916 seine Tore öffnet, können sich die Besucher darin erstmals in die Fluten stürzen. Wortwörtlich. Denn das Stadtbad ist das erste Wellenbad Europas. Zwar gibt es in Leipzig zu Beginn des 20. Jahrhunderts schon mehrere privat betriebene Hallenbäder, doch keines wie dieses. Allerdings - die bis zu 3 Meter hohen künstlichen Wellen sind zunächst nur männlichen Besuchern vorbehalten.

An dem Jugendstil-Gebäude in der Eutritzscher Straße 21, nahe des Hauptbahnhofs im Zentrum-Nord, wurde drei Jahre lang gebaut. Der Architekt, Otto Wilhelm Scharenberg, hatte sich am so genannten neomaurischen Stil orientiert, der arabische Bauten nachahmt - damals ist das in ganz Europa "in".

Schönstes und modernstes Bad Europas

Die Leipziger sind bei der Eröffnung gespannt, was sie erwartet - und werden nicht enttäuscht. Die Architektur ist bis heute beeindruckend: Überall finden sich Säulen und Bögen im maurischen Stil, Ornamente schimmern farbenprächtig in Gold, Blau und Rot. Auch fernab der orientalischen Optik bietet der Ort viel Neues: Hier kann man nicht nur baden und schwimmen, es werden gleichzeitig aufregende Attraktionen und Orte zum Ausruhen und Entspannen geboten. Das Leipziger Stadtbad war eines der modernsten Hallenbäder Europas und - zumindest für die Leipziger - auch das schönste.

Getrennte Schwimmbecken: für Männer, Frauen und Hunde

Zutritt zum Bad wird ab 1916 drei Gruppen gewährt: Herren, Damen und Hunden. Genau in dieser Rangfolge, wenn man nach der Größe der Schwimmbecken urteilt. Tatsächlich ist alles streng getrennt. Es gibt eine Schwimmhalle für die Männer, eine kleinere für die Frauen und ein originelles Hundebad mit eigenem Trockenzwinger im Kellergeschoss. Dieses wird später zu einem Kindertherapiebecken umgebaut. Das größte Schwimmbecken ist bis in die 1920er Jahre allein den Männern vorbehalten: Es misst 32 x 12 Meter, umfasst auch ein Drei-Meter-Sprungbrett und die europaweit einzigartige Wellenanlage, die bis zu ein Meter hohe Wellen für die mutigen Leipziger Herren erzeugt.

Saunieren erster und zweiter Klasse

Und während die Herren nebenan noch Wellenbezwinger spielen, sind die Damen längst schon im Entspannungsmodus, haben sie doch ihren eigenen, exklusiven Erholungsbereich im Leipziger Stadtbad: eine Sauna im maurischen Stil, die sie in ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht versetzt. Sie gilt als Herzstück des Bads und aufgrund ihrer Optik und der vielfältigen Entspannungsangebote als einzigartig. Sauna- und Wannenbereiche sind in erste und zweite Klasse unterteilt. Es gibt einen Ruheraum mit einem Brunnen und Wasserspielen und überall wird orientalisches Flair versprüht: durch Wandelgänge, malerische Hufeisenbögen, prächtige, vergoldete Säulen, dekorative Wandmosaike und filigrane Muster mit Goldverzierungen. Die Damensauna steht noch heute unter Denkmalschutz.

Damensauna im maurischen Stil im Stadtbad Leipzig, 2008
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"Medical Wellness" im frühen 20. Jahrhundert

Auch dieses Angebot ist zur damaligen Zeit neu: Das Wohlgefühl soll im Leipziger Stadtbad mit einem medizinisch-therapeutischen Nutzen verknüpft werden. Für die Besucher gibt es Dampfgrotten, Schwitz-, Wannen- und Moorbäder, auch Inhalationen stehen zur Verfügung. Man kann den Körper beim orthopädischen Turnen auf Vordermann bringen und den Look gleich noch in der Haarschneiderei mit einem neuen Haarschnitt komplettieren. 

Vom Schwimmbad zur Veranstaltungslocation

88 Jahre nach seiner Eröffnung wird das Stadtbad im Juli 2004 geschlossen. Viele Räumlichkeiten sind marode, es gibt große Baumängel. Seit 2008 kümmert sich eine Förderstiftung um die Wiederbelebung des Denkmals. Das Herrenbecken ist für Veranstaltungszwecke bereits wieder hergerichtet worden. Der Beckenbereich ist nicht mehr sichtbar. Das Frauenbecken ist dagegen noch im Originalzustand. Die historische Badeanstalt wird seit 2008 als Event-Location genutzt. Hier gibt es unter anderem Feiern, Konzerte, Shows, Kunst- und Fotoausstellungen.

Wann kann man im Stadtbad wieder baden?

Das große Ziel bleibt, dass man im historischen Leipziger Stadtbad wieder baden und einen Wellness-Tag verbringen kann. Das wollten Stadtrat, Leipziger Bürger und auch die Förderstiftung. Die Suche nach einem Investor für weitere Sanierungen läuft, auch wenn sie sich derzeit schwierig gestaltet. Bis es soweit ist, haben alle Interessierten die Möglichkeit, die historische Badeanstalt im Dornröschenschlaf auf regelmäßigen Führungen zu besichtigen.

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Di 07.07.2009 15:05Uhr 01:07 min

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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | Regionalreport aus dem Studio Leipzig | 12. Mai 2021 | 16:30 Uhr