Erichs Lampenladen: Der Palast der Republik

Am 23. April 1976 wird der "Palast der Republik", der im Volksmund auch spöttisch "Erichs Lampenladen" genannt wird, eröffnet. Der Bau ist zum einen Sitz der Volkskammer, zum anderen Veranstaltungszentrum für das Volk. 1990 wird er wegen Asbestverseuchung geschlossen und 2006 abgerissen. Auf dem ehemaligen Gelände des Volkspalastes steht seit Ende 2020 das Humboldt Forum.

Delegierte im Palast der Republik
Delegierte im Palast der Republik zum elften Parteitag der SED. Bildrechte: imago/Günter Schneider

Machtzentrale und Unterhaltungstempel in einem Bau - selten sind sich Volk und Machtzentrale so nahe. Zum Richtfest am 18. November 1974 hatte Staats- und Parteichef Erich Honecker versprochen: "Der Palast der Republik wird ein Haus des Volkes sein, eine Stätte regen politischen und geistig-kulturellen Lebens". Tatsächlich wird der Bau imposant und ist für DDR-Verhältnisse ungewöhnlich großzügig angelegt. Schon das Foyer ist zweistöckig, 86 Meter lang und 42 Meter breit. An den Wänden großformatige Gemälde und an den Decken tausende Lampen.

Wo das Volk unterhalten wurde

Der Palast beherbergte gut ein Dutzend Restaurants, Bars und Cafés. Insgesamt konnten sich hier 1.500 Gäste tummeln. Dazu boten die Terrasse und das Boulevardcafé weitere 200 Plätze. Das exklusivste Speiselokal war zweifelsohne das "Palastrestaurant": Geschirr und Wandschmuck stammten von den künstlerischen Leitern der Meißner Porzellanmanufaktur - eigens für den Palast entworfen. Auf jedem Geschirrstück prangte ein Emblem des Palastes, was sich als fatal erweisen sollte: Das Geschirr avancierte zum illegalen Lieblingssouvenir der Besucher, so dass der Palast im wahrsten Sinne des Wortes schnell nicht mehr "alle Tassen im Schrank" hatte.

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Und das leibliche Wohl?

Pro Stunde konnten die Köche der Palastküche 1.800 Portionen für die unterschiedlichen Restaurants zubereiten. Die Köche selbst stammten aus allen Ecken der DDR - als Garant für die Vielfalt der kulinarischen Traditionen im "Haus des Volkes". Es wurde üppig aufgetafelt, kein Hauch vom Mangelland DDR. So umfasste zum Beispiel ein kaltes Buffett für Berliner Bauarbeiter neben Südfrüchten auch verschiedene Braten und Kaviar. - Auch die "Milchbar" des Palastes der Republik war legendär in der DDR: Sie bot 20 Sorten Eis und zwar ständig im Angebot. 28 Pâtissiers stellten alles selbst her - Torten, Gebäck, Waffeln und Pralinen. Das Getränkelager war 35 Meter unter der Erde untergebracht - 78 riesige Tanks standen in den Kellerräumen, gefüllt mit Berliner Bier, Club Cola und Bitter Lemon. Zweimal pro Woche kam Nachschub.

Volkstümlich im Bierstübchen

In der Wein- und in der Bierstube des Palasts ging es eher volkstümlich zu: Rustikales Mobiliar, die Wände geschmückt mit alten Ansichten von Berlin. Ausgeschenkt wurden Unstrutweine und manchmal auch das begehrte Radeberger Bier. Die Kellner waren dagegen vornehm gekleidet: dunkelgrüner Anzug, fliederfarbenes Hemd und lila Fliege.

Experimentell im Theater

Der Palast der Republik hatte ein eigenes Theater: Das "Theater im Palast", kurz "TiP". Untergebracht im vierten Geschoss, leitete es vom ersten bis zum letzten Tag Schauspielerin und Sängerin Vera Oelschlegel. Die bekannte Brecht-Interpretin hatte das Konzept für das Theater 1973 im Ministerium für Kultur eingereicht. Das Theater genoss einen guten Ruf, nicht zuletzt aufgrund seiner zum Teil experimentellen Aufführungen. Lesungen, Werkstattgespräche und Jazzkonzerte gehörten ebenfalls zum Programm.

Exquisit: Rollende Kugeln

Ein Untergeschoss des Palastes beherbergte mit Blick auf die Spree sogar eine Bowlingbahn mit angeschlossenem Restaurant. Von morgens 10:00 Uhr bis nachts 1:00 Uhr war die Bahn geöffnet und fast immer ausgebucht.

Ein Raumwunder

Der "Große Saal", eine Schöpfung des Architekten Manfred Prasser, galt als ein kleines technisches Wunderwerk. Durch "schwenkbares Parkett" und "Senk- und Rollwände" konnte die Anzahl der Sitzplätze jederzeit angepasst werden: 800 Sitzplätze als kleinste, 3.800 als mittlere und 5.000 als große Variante. Auch die Nutzung als Ballsaal ohne Plätze war möglich. Hier wehte ein Hauch der großen weiten Welt: Zu Gast waren Carlos Santana, Udo Lindenberg, Joan Baez, Mikis Theodorakis, Helen Schneider, Loriot, Miriam Makeba, Katja Ebstein, Udo Jürgens, Mireille Mathieu, Nana Mouskouri ...

Die Vorgeschichte des Baus Die Geschichte des Palastes der Republik hatte im Grunde schon 1950 begonnen. Walter Ulbricht hatte das Hohenzollernschloss abreißen lassen - der SED-Chef brauchte einen großen Platz für Aufmärsche. So fand am 1. Mai 1951 auf der freien Fläche, "Marx-Engels-Platz"genannt, eine erste Maikundgebung statt. 1958 wurde für das öde Areal ein Ideenwettbewerb "zur sozialistischen Umgestaltung" des Stadtzentrums initiiert. Die Entwürfe gefielen den Genossen nicht oder kosteten zu viel und der Wettbewerb wurde 1963 ergebnislos beendet. Ulbricht plädierte für eine kostengünstige Variante und schlug vor, einen Fernsehturm und ein Gebäude für die Volkskammer zu errichten.

Mit dem Bau des Fernsehturmes wurde schon 1965 begonnen. Die Errichtung des Volkskammergebäudes zog sich noch Jahre hin - erst am 2. November 1973 erfolgte die Grundsteinlegung. Hatte Walter Ulbricht noch ein Gebäude vorgeschwebt, das staatliche Macht symbolisieren sollte, wollte sein Nachfolger Erich Honecker ein "Haus des Volkes". Die Volkskammer werde hier "verantwortungsbewusst" tagen, so Honecker bei der Grundsteinlegung. Doch auch "unsere Kultur wird in diesem Haus eine Heimstatt finden ebenso wie Frohsinn und Geselligkeit der werktätigen Menschen". Natürlich sollte der Palast auch eine Visitenkarte der DDR abgeben - schließlich war sie gerade international anerkannt und gemeinsam mit der Bundesrepublik in die UNO aufgenommen worden. Ein "Haus des Volkes", auch wenn es dessen Herrschaft nur vortäuschte, passte da gut ins Konzept.

Ein Arbeiter säubert den Schriftzug Volkskammer am Eingang zum Sitz des Gremiums im Palast der Republik
Ein Arbeiter säubert den Schriftzug "Volkskammer" am Eingang zum Sitz des Gremiums im Palast der Republik. Aufgenommen 1989. Bildrechte: dpa

Wo im Palast Politik gemacht wurde

Im Palast der Republik tagten ab 1976 die Abgeordneten des DDR-Parlaments, und alle fünf Jahre hielt die SED hier ihre Parteitage ab. Am 7. Oktober 1989 feierte die DDR-Staatsführung im "Großen Saal" unverdrossen den 40. Geburtstag der DDR. Draußen demonstrierte währenddessen das Volk. Am 23. August 1990 beschlossen die Abgeordneten der ersten frei gewählten Volkskammer in diesem Plenarsaal in einer turbulenten Nachtsitzung den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik am 3. Oktober 1990.

"Ballast der Republik"

Die Baukosten waren enorm: Etwa 750 Millionen DDR-Mark wurden verbaut - Geld, das anderswo fehlte. Die DDR-Bürger machten sich alsbald ihren eigenen Reim auf den Marmorpalast an der Spree. "Ballast der Republik" wurde er genannt oder, dank der üppigen Beleuchtung, "Erichs Lampenladen". Der Liedermacher Wolf Biermann sang gar vom "Palazzo di Protzo". Doch die Besucher kamen in Scharen. Bis zu 70 Millionen bis zur Schließung 1990.

Das Ende: Der Abriss

Ende Januar 2006 rückten die Abrissbrigaden an, obwohl zwei Drittel der gesamtdeutschen Bevölkerung sich für den Erhalt des Bauwerks aussprachen. Der Stahl des Palastes wurde abtransportiert und unter anderem im höchsten Gebäude der Welt - dem "Burj Chalifa" in Dubai - verbaut.

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im Fernsehen: Umschau | Palast der Republik | 24. November 2020 | 20:15 Uhr