Wannsee-Konferenz: Social Media als Chance? Über Selfies und die Corona-Lücke im Haus der Wannsee-Konferenz

Vor 80 Jahren trafen sich am Berliner Wannsee NS-Größen, um die Planung und Umsetzung des Mordes an den europäischen Juden zu besprechen. Das Haus der Wannsee Konferenz ist heute eine Gedenkstätte, die auch für Schulen Anlaufpunkt in der Bildungsarbeit ist. Doch wie vermittelt man die Bedeutung des Ortes an die nächste Generation? Susann Reich sprach mit Dr. Matthias Haß, Leiter der Abteilung "Bildung und Forschung" in der Gedenk- und Bildungsstätte "Haus der Wannsee-Konferenz".

Matthias Haß
Matthias Haß, Leiter der Abteilung "Bildung und Forschung" in der Gedenk- und Bildungsstätte "Haus der Wannsee-Konferenz". Bildrechte: Matthias Haß

Herr Dr. Haß, wie interessiert sind die Schüler, die zu Ihnen kommen? Treten sie gelangweilt von einem Bein auf das andere oder ist das ein Vorurteil?

Der Eindruck der Öffentlichkeit ist ja, dass das historische Wissen weiter abnimmt und darüber wird dann auch gern lamentiert. Das mag vielleicht bei einigen so sein, aber gleichzeitig sehen wir auch ein großes Interesse der jungen Menschen. Unser Thema ist die Wannsee-Konferenz, die Vorbereitung der Deportationen und des Völkermords, wie konnte es dazu kommen und wer hat sich daran beteiligt – das interessiert die Jugendlichen. Wir müssen lediglich ihre Lebenswelt verstehen: Sie interessieren sich halt mehr für visuelle Inhalte, weniger für lange Texte.

Das bedeutet, Sie stellen sich mit Ihren Angeboten auf die veränderten Gewohnheiten ein? Kann man so vermeiden, dass es den Besuchern dann oft nur um das Posten von Selfies geht?

Wir stellen in unserer Bildungsarbeit fest, dass wir lange Texten kürzen müssen. Auch wir selbst staunen, wenn wir uns Texte anschauen, die wir vor zehn Jahren verfasst haben. An uns gehen die Veränderungen auch nicht spurlos vorüber. Und die Vermittlung vermehrt über visuelle Quellen ist gestiegen. Darin liegt aber auch eine Chance für uns: Fotomaterial als Quelle nehmen wir daher erst in den letzten Jahren verstärkt in den Fokus. Fotografien sind zwar oft weniger eindeutig als ein Schriftstück, weil Herkunft, Fotograf und Motiv nicht immer klar sind. Aber sie können über Personen eine Identifikation schaffen.

Indem wir die Fotos in einen Kontext setzen, können wir ganz viel vermitteln. Dieses visuelle Interesse von Jugendlichen müssen wir ernst nehmen und sagen: Dann versuchen wir es über diesen Weg. Und ein Selfie aus der Gedenkstätte kann ja vielleicht auch Inhalte transportieren. Ich würde nur ungern sagen: Nee, macht das nicht, das ist blöd.

Blauer Himmel rahmt das Haus der Wannsee-Konferenz ein.
Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz Bildrechte: dpa

Aber haben Sie den Eindruck, es gibt die Lücken zu historischen Inhalten hauptsächlich bei Schülern und Jugendlichen?

Die Gesellschaft sagt ja öfter: Ach, die jungen Leute… Wenn ich mir aber so die Gesellschaft ansehe, dann gibt es in jeder Altersgruppe einen hohen Bildungsbedarf bezüglich dieser Themen. Auch bei Erwachsenen  und eben nicht nur bei den Jugendlichen. Und bei der Frage von Social Media: junge Leute haben andere Medien, andere Formen zu lernen und zu kommunizieren und andere Formen das in die Öffentlichkeit zu tragen. Das ist uns Erwachsenen oft fremd, aber darin besteht auch eine Chance. Wenn wir das ernst nehmen, können wir darüber auch Inhalte transportieren und Interesse wecken. Natürlich wollen wir auch auf Bücher verweisen und sie den Jugendlichen als wichtige Quelle aufzeigen. Aber Menschen wie wir, die Bildungsangebote machen, müssen auch gegenüber dem, was die Jugendlichen mitbringen, eine gewisse Offenheit besitzen.

Wie erreicht man die Schüler, die nur kommen, weil sie müssen, aber eigentlich kein Interesse haben?

Die Frage ist, wie lernen wir eigentlich? Am besten natürlich, wenn wir freiwillig lernen. Es ist für uns sicher wünschenswert, dass es überhaupt Interesse gibt. Schule war ja aber schon immer so, dass man da nicht auf alles Lust hat. Und so ist es auch wichtig, wie die Schülerinnen und Schüler hier ankommen: im besten Falle vorbereitet durch ihre Lehrer. Aber es gibt auch die Situation, dass die Schülerinnen und Schüler gar nicht wissen, an welchem Ort sie sich hier befinden. Und dann sagen wir ihnen: Unser Thema ist zwar 80 Jahre alt, aber die Inhalte, um die es geht, haben eine Relevanz auch für heute. Etwa die Frage: Wie gehen Menschen miteinander um?

Sie können als Gedenkstätte kaum eine gewisse Sensationslust bedienen: keine Gaskammern, keine Krematorien. Wie schaffen Sie es dennoch, die immense Bedeutung des Ortes zu vermitteln?

Das ist tatsächlich eine Herausforderung. Wir haben das Spannungsfeld, diesen sehr schönen idyllischen Ort in Beziehung zu setzen mit einer Besprechung von Verwaltungsbeamten und dem, was sie besprechen. Das sitzen Leute an ihren Schreibtischen und planen den Massenmord. Und das ist eine Irritation, die wir nutzen: Was führte dazu? Nicht nur den letzten Schritt des Mordens zu sehen, sondern auch den Prozess, der ja nicht plötzlich begann.

Sie hören sicher oft: Das ist doch so lange her, das ist vorbei, was hat das mit mir zu tun?

Das höre ich seit 30 Jahren. Und wenn wir mal an das Jahr 1995 denken, 50 Jahre Kriegsende, die Befürchtungen damals waren: jetzt beginnt ein Abflachen des Interesses. Doch das Gegenteil war der Fall. Das Interesse hat zugenommen, die Besucherzahlen nehmen nach wie vor zu. Es sind eben universelle Menschheitsthemen, über die wir hier sprechen.

Herr Dr. Haß, wie haben Sie den Rückgang von Schülergruppen in der Corona-Zeit erlebt?

Wir haben natürlich bemerkt, dass die Anspannung, die an den Schulen herrscht, sich auch auf unser Haus überträgt. Als das Land im Lockdown war, konnte natürlich niemand kommen. Als die Schulen dann wieder geöffnet waren, ging es darum, den Normalbetrieb wieder herzustellen. Und da hatten wir schon einen großen Rückgang der Besuche durch Schulgruppen zu verzeichnen. Wir sind ein kleines Haus und konnten mit den vorgeschriebenen Hygieneregeln nur begrenzt Gruppen annehmen. Unter den geltenden Einschränkungen war es aber interessant zu registrieren, wie groß doch das Interesse war. Wenn wir gedurft hätten, hätten wir noch viel mehr Gruppen annehmen können.

Sie sind zuversichtlich, dass das Interesse auch der jungen Menschen weiterhin besteht?

Ja, das zeichnet sich ab. Die Fragen, die sie haben, sind anders und neu, sie sind eher universeller, grundsätzlicher. Wir sind im Wechsel der Generationen gefordert, das ernst zu nehmen, Antworten zu entwickeln und die Relevanz historischer Orte herauszuarbeiten. Die Antworten, die wir vor zehn Jahren gegeben haben, sind sicher nicht mehr ausreichend, weil die Fragen sich auch verändert haben.

Dieses Thema im Programm: MDR Aktuell Fernsehen | 19. Januar 2020 | 21:45 Uhr