Honeckers Briefe an eine Verehrerin

Eva Ruppert verehrt Erich Honecker. Einige Jahre lang stand sie mit ihm in Briefkontakt. Diese Briefe hat sie nun veröffentlicht. In einem Interview erklärt Prof. Dr. Martin Sabrow, welchen historischen Wert dieser Briefwechsel besitzt.

Welchen Eindruck haben Sie von dieser Quellenedition?

Der Begriff Quellenedition scheint mir ein bisschen hochgestochen. Ich glaube, es geht um 62 Briefe, von denen nur 21 von Erich Honecker selbst stammen, nämlich bis zu dem Moment, als im Januar 1993 das Verfahren eingestellt wird und er nach Chile ausreist. Diese Briefe an eine hessischen Lehrerin sind jetzt ediert worden, allerdings nicht ganz zuverlässig. Eine einzige Seite ist im Faksimile abgebildet und wenn man den transkribierten Text mit dem Faksimile vergleicht, sieht man die Unterschiede. Da werden einzelne Begriffe anders geschrieben, da wird auch mal ein Satz ausgelassen und das ist mit einer zehnprozentigen Fehlerquote für eine Quellenedition schon ein bisschen viel natürlich.

Welchen generellen Aussagewert haben die Briefe für Sie?

Es sind relativ bedeutungs- und belanglose oder sacharme Aussagen, die hier in einem brieflichen Gespräch zutage treten. Sie gehen aber im Moment durch den Büchermarkt, als handle es sich tatsächlich um bedeutende Äußerungen zu einem der beiden großen Machthaber der DDR. Das würde ich ein bisschen zurücknehmen. Und wenn wir das getan haben, dann kann man sagen, dass diese Briefe, bei aller quellenkritischen Betrachtungsweise, einen Eindruck vermitteln von Erich Honecker in der Haft.

Was sagen sie uns über Erich Honecker?

Sie spiegeln seine Geistesverfassung in der Zeit des Prozesses, der 1992/93 gegen ihn geführt wurde, wieder. Da ist zuerst der Ausdruck einer politischen Unverdrossenheit, die uns aus diesen Briefen entgegenscheint. Kein Trauma, keine Anstrengung der Bewältigung, sondern das Festhalten an einem Traum, der für unzerstörbar erklärt wird. Man hätte doch erwarten können, dass das Ende der eigentlichen Hoffnung, das Ende der Utopie des sozialistischen Experiments dazu führt, dass man traumatisch belastet auf diesem Prozess heraus geht. Nein, keine Niedergeschlagenheit, keine Idee an Selbstaufgabe. Das fand ich in der Tat bemerkenswert und das korrespondiert mit anderen Äußerungen, die Honecker in der Haftzeit getan hat.

Das Zweite ist eine unglaubliche Realitätsblindheit. Da gibt es einen Satz in einem Brief, wo Honecker wie Brüning spricht, Reichskanzler Brüning, der 1930 "hundert Meter vor dem Ziel" durch Hindenburg seines Amtes enthoben wurde. Auch Honecker sagte, wir waren kurz vor dem Ziel. "Noch ein weiteres Jahr und wir hätten die Wohnungsfrage in der Hauptstadt gelöst." Also auch hier dieses Denken, dass der Sozialismus eigentlich nach vorn marschiert und durch finsteren Mächte, in dem Fall Gorbatschow vor allen, am Weiterschreiten gehindert wurde.

Der dritte Punkt ist die Analogie zwischen 1992 und 1935. Wieder ist es wie zur Zeit der Gestapo, wieder sitzt er in derselben Untersuchungshaft. Diese Parallelisierung ist einerseits ein schroffes Missverständnis natürlich, auf der anderen Seite aber autobiografisch die Chance mit der jetzigen Situation zu fertig zu werden. Wieder gibt es eine bedrohliche Situation, wieder muss man sich behaupten. Und diese Selbstbehauptung durchzieht die Briefe, die in einer Zeit geschrieben werden, in der Honecker seine tödliche Krebsdiagnose erhält.

Was erzählen uns die Briefe über das Denken von Honeckers Briefpartnerin?

Natürlich vermitteln sie auch einen Eindruck seiner Briefkorrespondentin, die in einer hoffnungslosen Naivität befangen zu sein scheint, wenn ich da lese, dass vom geschmähten Feliks Dzierzynskidie Rede ist, also dem Tscheka-Gründer und damit letztlich dem Vorläufer des großen Terrors in der Sowjetunion. Den nun als den Geschmähten zu bezeichnen, ist also von so hoffnungsloser Gedankenlosigkeit, dass man darüber, glaube ich, gar nicht viel weiter reden muss.

In Presseberichten ist zu lesen, dass die Korrespondenz auch einen Blick in Honeckers Gefühlswelt öffnet. Stimmt das?

Ich habe nicht den Eindruck, dass das eine Korrespondenz ist, die in starkem Maße von sehr persönlichen Gefühlen getragen ist. Sicherlich auf Seiten der hessischen Briefschreiberin, die ihr Imago in Honecker sucht und ihn ein paar Mal gesehen hat im Gefängnis, in Moskau versucht hat, ihn im Krankenhaus aufzusuchen und damit gescheitert ist. Auf Seiten Honeckers lese ich an Gefühlen eher eine gewisse Verlegenheit angesichts der Flut von Briefen, mit denen ihn eine unbekannte Verehrerin überschüttet.

Liebe Eva. Erich Honeckers Gefängnisbriefe, edition ost, Berlin 2017

Prof. Dr. Martin Sabrow, Historiker, Honecker-Biograf und Leiter des Zentrums für Zeitgeschichtliche Forschung Potsdam

Über dieses Thema berichtete der MDR im TV auch in "Zeitreise" 08.08.2017 | 21.15 Uhr