Penicillin, Röntgenstrahlen und Viagra Meilensteine der Medizin mit und ohne Nobelpreis: viele waren Zufallsfunde

Einer der größten Zufälle der Medizingeschichte ist der Labor-Tüftelei des Briten Alexander Fleming zu verdanken. Durch eine Laborprobe, die er schlicht vergessen hatte, entstand der Wirkstoff Penicillin. Damit konnten bis dahin tödliche Infektionskrankheiten behandelt werden. Doch es war nicht der einzige Zufallsfund, der die Medizin enorm vorangebracht hat. Für einige dieser Treffer erhielten die Forscher den Nobelpreis.

Sir Alexander Fleming
Alexander Fleming, der schottische Bakteriologe, in seinem Labor. Bildrechte: IMAGO

Penicillin durch Schlampigkeit entdeckt

Der wohl bekannteste Zufallsfund in der Medizin ist die Entdeckung des Penicillins. Im Grunde ist sie der Schlampigkeit des schottischen Mediziners und Bakteriologen Alexander Fleming zu verdanken. 1928 legte er eine Platte mit Bakterien – Staphylokokken – an, die er dann vergaß, weil er in die Sommerferien fuhr. Als er am 28. September 1928 wieder aus dem Urlaub kam, entdeckte er, dass auf dem Nährboden ein Schimmelpilz gewachsen war und dass sich die Bakterien in unmittelbarer Nähe nicht vermehrt hatten. Offenbar hatte der Pilz das Wachstum gestoppt. Am 9. Januar 1929 testete Fleming den neu entdeckten Wirkstoff erstmalig im menschlichen Organismus – er versuchte, die Nebenhöhlenentzündung seines Mitarbeiters Stuart Craddock damit zu behandeln. Doch die Behandlung zeigte keinen Erfolg. Danach wurde es still um Flemings Entdeckung. Es gelang ihm trotz weiterer Versuche nicht, das Medikament zu vervollkommnen und zur Marktreife zu entwickeln. Erst 1944 produzierten die Amerikaner für ihre Soldaten Penicillin im großen Stil. Seit 1945 ist das Antibiotikum auf Rezept in Apotheken erhältlich. Im gleichen Jahr erhielt Fleming den Nobelpreis.

Man hat mich bezichtigt, das Penicillin erfunden zu haben. Erfinden lässt sich das Penicillin von keinem Menschen, denn es wurde vor undenklichen Zeiten von einem gewissen Schimmelpilz hervorgebracht.

Alexander Fleming Académie de Médecine in Paris, 1945

Röntgen und die schwarze Röhre

Ein großer Name in der Reihe der Zufallsfunde ist Wilhelm Conrad Röntgen. An der Universität Würzburg experimentierte der Physiker 1895 so vor sich hin. Er wollte den Transport elektrischer Ladungen in Gasen nachweisen. Bei einem seiner Versuche – er hatte in einer mit Edelgas gefüllten Röhre bei Unterdruck hohe Spannung erzeugt – leuchtete plötzlich ein Strahl auf. Das war im Grunde nichts Neues. Der Kathodenstrahl war auch schon anderen Wissenschaftlern aufgefallen. Allerdings entdeckte Röntgen etwas anderes: Die einige Meter entfernten Leuchtschirme flimmerten jedes Mal bei dem Experiment auf –also umwickelte Röntgen die Leuchten mit schwarzem Papier. Doch selbst dann zeigte sich der Effekt, er konnte den Lampenkörper durch das Papier hindurch sehen. Und nicht nur das: Röntgen stellte fest, dass die Strahlen sogar Körper durchleuchten konnten. Röntgen hatte die – nach ihm benannten – Röntgenstrahlen entdeckt. 1901 erhielt er dafür den Nobelpreis, der in diesem Jahr erstmals in der Geschichte vergeben wurde.

Die Erfindung der Dialyse

Ein Dialysegerät
Dialyse-Gerät von heute: Willem Kolffs Erfindung der künstlichen Niere rettet noch immer tausenden Menschen das Leben. Bildrechte: MDR/Axel Giebel

Ein Fall, der ein wenig an McGyver erinnert, ist die Entdeckung der künstlichen Niere. Erfunden hat das Dialyseverfahren zur Blutwäsche der niederländische Internist Willem Kolff. Alles, was er dazu brauchte, war künstliche Wurstpelle (Zellophan). Deren Eigenschaften waren für die Dialyse Gold wert, denn sie besitzt winzige Poren, die groß genug sind, um Wasser, den zu filternden Harnstoff und Salze passieren zu lassen, und klein genug, um Blutzellen zurückzuhalten.

Ich füllte nur ein wenig Blut in den Zellophanschlauch, badete ihn in einer speziellen Lösung und schüttelte ihn dabei hin und her. Zu meiner Überraschung war nach fünf Minuten bereits der gesamte Harnstoff entfernt. Ich hätte nie geahnt, dass eine Blutwäsche, eine Dialyse, so schnell wäre.

Willem Kolff über die Dialyse

Die ersten 16 Dialyse-Patienten Kolffs starben allerdings nach nur wenigen Tagen. Erst 1945 gelang ihm der endgültige Durchbruch, als Patient Nummer 17 überlebte. Seine eher primitives Dialysegerät konnte nur kurze Nierenausfälle überbrücken. Sie war im Unterschied zu modernen Dialysegeräten noch nicht in der Lage, dem Körper überschüssiges Wasser zu entziehen, das sich bei Nierenversagen ansammelt. Erst Ende der 60er-Jahre wurden künstliche Nieren technisch so weit verbressert, dass Dialyse zu einer zwar teuren, aber routinemäßigen Behandlung wurde. Kolff hat übrigens nicht nur die Dialyse erfunden. Der Tüftler hat ebenfalls das erste künstliche Herz gebaut und die Herz-Lungen-Maschine.

Versuch am Menschen und die Pockenimpfung

Edward Jenner (1749-1823) English physician.
Versuch am Menschen verhalf Edward Jenner dazu, die Pocken auszurotten. Bildrechte: IMAGO

Dem englischen Arzt Edward Jenner fiel auf, dass Melkerinnen häufig an Kuhpocken litten. Außerdem fiel ihm auf, dass diejenigen, die von den Kuhpocken genesen waren, nicht an den viel gefährlicheren Menschenpocken erkrankten. Jenner wollte dem Phänomen auf den Grund gehen und startete einen Menschenversuch. Er infizierte den achtjährigen Sohn seines Gärtners mit dem Erreger der Kuhpocken. Der Arzt ritzte die Haut des Jungen und infizierte die Wunde mit dem Sekret einer erkrankten Melkerin. Der Junge wurde – wie von Jenner erhofft – krank. Als er wieder gesund wurde, folgte der riskantere Teil des Experiments. Jenner infizierte den Jungen auf die gleiche Weise mit Menschenpocken. Doch das Kind blieb verschont, sein Körper hatte offensichtlich bereits eine Abwehr gegen die Krankheit aufgebaut. Die Pockenschutzimpfung war erfunden. Seit 1979 gelten die Pocken als ausgerottet.

Viagra hält Beziehungen und Schnittblumen länger frisch ...

Pfizer Viagra-Tabletten
Viagra war eigentlich als blutdrucksenkendes Medikament gedacht. Bildrechte: IMAGO

Eine Zufallsentdeckung war das Potenzmittel Sildenafil, auch als Viagra bekannt. Ursprünglich wurde der Wirkstoff als Mittel gegen Bluthochdruck entwickelt. Doch bei den Tests zeigte sich eine völlig andere, ursprünglich nicht beabsichtigte Wirkung, die später das eine oder andere Frauen- und Männerherz höher schlagen ließ: Die männlichen Probanden bekamen viel leichter und viel häufiger eine Erektion, die oft noch länger andauerte als vorher. 1998 erhielt das US-Unternehmen Pfizer von der US-Gesundheitsbehörde die Genehmigung, das Medikament mit dem Handelsnamen Viagra zu verkaufen. Übrigens: Bei Schnittblumen verlängert im Wasser aufgelöstes Sildenafil die Haltbarkeit.

Der Artikel erschien erstmals im September 2018 und wurde im Dezember 2022 überarbeitet.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Charité | 26. Januar 2021 | 20:15 Uhr

Mehr Medizingeschichte