Affenpocken Impfpflicht & Co: Die Geschichte der Immunisierung

Lange Zeit erhitzte eine geplante Corona-Impfpflicht die Gemüter, doch am Ende gab es dafür keine Mehrheit im Bundestag. Doch nun ist das Thema Impfen wieder in aller Munde – wegen der besorgniserregenden Ausbrüche von Affenpocken. Es ist eine Krankheit, vor der auch die klassische Pockenimpfung schützen soll, wie sie bis 1976/1982 in Deutschland Pflicht war. Die Suche nach Impfstoffen gegen Pocken, Polio, Masern & Co. reicht über 220 Jahre zurück.

Kuhpocken-Impfung
Die Pockenimpfung war die erste "moderne" Impfung überhaupt. Heute kann sie vor Affenpocken schützen. Die jüngeren Generationen wurden allerdings nicht mehr geimpft. Bildrechte: imago images/Photo12

Zu DDR-Zeiten hatte Impfen Hochkonjunktur, war Staatsangelegenheit und nicht zuletzt Mittel der Politik: Die durchgeimpfte und gesunde Bevölkerung sollte die Überlegenheit des sozialistischen Systems zeigen. Diskussionen gegen die gesetzliche Impfpflicht gab es kaum. So mussten DDR-Bürger bis zum 18. Lebensjahr eine ganze Reihe von Pflichtimpfungen über sich ergehen lassen – darunter bis 1982 auch eine Pockenimpfung. In der Bundesrepublik war die Pockenimpfung dagegen der einzige gesetzlich vorgeschriebene Stich überhaupt, und das nur bis 1976, als die Impfung wieder abgeschafft wurde, weil die Krankheit besiegt war.

Alexander Kekulé 5 min
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Diese in Vergessenheit geratenen Jahreszahlen sind heute wieder von Bedeutung – denn Medizinern zufolge sind alle, die gegen echte Pocken geimpft wurden, auch gegen Affenpocken immun, die sich derzeit besorgniserregend ausbreiten. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte allerdings: alle, die später geboren sind, besitzen keinen Schutz gegen Affenpocken. Nach Ansicht von Virologen könnte das zum Problem werden, denn das Virus verbreitet sich durch engen Körperkontakt – dabei sind die jüngeren Menschen mit vielen und wechselnden Sexualkontakten nicht geimpft. Theoretisch könnten sie sich impfen lassen – die Bundesregierung lagert etwa 100 Millionen Dosen Pockenimpfstoff. Eine groß angelegte Impfkampagne ist momentan aber laut Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach aber nicht im Gespräch.

Impfpflicht in der DDR, im Westen Freiwilligkeit

"Man hat damals in der Bundesrepublik immer auf Freiwilligkeit gesetzt, wie heute auch. Erst kürzlich wurde die Masern-Impfpflicht eingeführt, aber eher indirekt. Es gibt keinen Zwang, aber wer sein Kind in die Kita schicken möchte, muss es impfen lassen. Die DDR war da direkter. Der sozialistische Mensch sollte schließlich geschützt werden", so Prof. Karl-Heinz Leven, Direktor des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin in Erlangen.

Geimpft wurde in der DDR gegen Pocken, Kinderlähmung, Diphterie, Tetanus, Keuchhusten, Tuberkulose und ab den 1970er-Jahren auch gegen Masern. Mit der gesetzlichen Impfpflicht seit den 1950er-Jahren hatte die DDR enormen Erfolg: Die Krankheitszahlen sanken rapide, besonders spektakulär beim Kampf gegen Kinderlähmung. Während 1960 im Westen noch Polio-Epidemien wüteten, war die zentral verwaltete DDR-Gesellschaft seit 1958 zu großen Teilen dagegen immunisiert. "Das waren also sinnvolle gesundheitspolitische Maßnahmen. Über die 'organisierten' Impfungen in Kinderkrippen, Kindergärten und Schulen waren viele Eltern zudem auch froh, weil sie sich nicht selbst darum kümmern mussten", so Prof. Caris-Petra Heidel, Direktorin des Instituts für Geschichte der Medizin in Dresden.

Im Sommer 1990 beklagte sich daher der Präsident des Bundesverbandes der deutschen Kinderärzte, Dr. Werner Schmidt aus Regensburg: Durch die Impfpflicht in der DDR seien fast alle Kinderkrankheiten wie Masern, Keuchhusten und Kinderlähmung ausgerottet worden. In der Bundesrepublik müssten sich die Ärzte dagegen mit vermeidbaren Erkrankungen wie den Masern noch immer regelmäßig herumschlagen. Allerdings geriet die DDR seit Ende er 1970er-Jahre immer mehr ins Hintertreffen. So gelang es nicht mehr, Mehrfachimpfungen zu entwickeln, wie es die großen Pharmariesen im Westen vormachten. Auch der Impfstoff versagte immer häufiger, weil die Apparaturen in der Produktion veraltet waren.

Am Anfang standen "Pockenpartys"

Die Geschichte des Impfens beginnt fernab von Deutschland: Und zwar in der Hauptstadt des Osmanischen Reiches. "So gibt es 1717 Berichte von der Frau des britischen Botschafters, Lady Mary Wortley Montagu, die in Konstantinopel Pockenparties mit Kindern kennen lernte und London davon berichtete. Das war eine Art volksmedizinische Praxis, ohne Beteiligung von Ärzten. Da wurden die Pocken von einem Kind auf das andere übertragen", so der Medizinhistoriker Prof. Karl-Heinz Leven. Es habe sich um eine Art kontrollierte Pockeninfektion gehandelt, bei der die Kinder eine vergleichsweise leichte Pockenerkrankung bekommen hätten – nicht die viel gefährlicheren wilden Pocken mit einer Todesrate von 25 Prozent.

Überliefert ist auch, dass Impfungen schon früh in Indien und China gebräuchlich waren. So sollen die Chinesen vor rund 2.000 Jahren Körpersekrete von Infizierten eingenommen haben, um sich vor Erkrankungen zu schützen. Historisch fassbar werde es jedoch erst mit den Briefen von Lady Wortley Montagu im frühen 18. Jahrhundert, so Prof. Leven. Sie war von der Methode so überzeugt, dass sie ihre Kinder auf diese Weise behandeln ließ. Denn sie selbst kannte die Schwere einer Pockeninfektion. Nachdem sie die Krankheit 1715 überlebt hatte, blieb ihr Gesicht mit Narben bedeckt.

Europäische Ärzte übernahmen schließlich die Methode der "Variolation" (lat. "variola" für Pocken). Eine Zeit lang war sie relativ populär, vor allem in Großbritannien. Auch Zarin Katharina die Große ließ sich sowie ihre Söhne und Enkel nach dieser Methode impfen. Auf lange Sicht setzte sie sich dennoch nicht durch. Denn die Behandlung hatte erhebliche Nebenwirkungen: Die infizierte Person war ansteckend und immerhin starben an den Impfpocken noch zwei Prozent der Geimpften.

1796: Erste "moderne" Impfung

Edward Jenner (1749-1823) English physician.
Edward Jenner (1749-1823): Er impfte 1796 einem Jungen abgeschwächte Krankheitserreger. Dessen Immunsystem entwickelte darauf Abwehrstoffe. Bildrechte: IMAGO

Die erste "moderne" Impfung wird dem englischen Arzt Edward Jenner zugeschrieben. Als Landarzt wusste er von den umliegenden Bauern, dass sie keine Milchmägde einstellten, die nicht schon als Kind Pocken hatten. Denn wann immer die Kuhpocken grassierten, eine Krankheit der Kühe, infizierten sich die Mädchen, die noch keine Pocken hatten. Sie bekamen Fieber und konnten nicht mehr arbeiten.

"Das erkannten die Bauern. Und Jenner hat das Gegenteil vermutet: Dass man durch die Kuhpocken auch vor den Pocken geschützt ist. Und dann hat er es nach einer strengen Systematik ausprobiert", erklärt Prof. Leven. Um seine Vermutung zu überprüfen, testete Jenner die Impfung an dem gesunden achtjährigen Jungen seines Gärtners: ritzte die Haut des Jungen und infizierte die Wunde mit dem Sekret einer erkrankten Melkerin. Der Junge wurde, wie von Jenner erhofft, krank.

[Ihn befiel] leichter Frost, er verlor den Appetit und hatte geringen Kopfschmerz. Während des ganzen Tages war er offensichtlich krank und verbrachte die Nächte in Unruhe, doch am nächsten Tage fühlte er sich wiederum wohl.

Edward Jenner

Als er wieder gesund wurde, folgte der riskantere Teil des Experiments. Jenner infizierte den Jungen auf die gleiche Weise mit Menschenpocken. Doch das Kind blieb von der Krankheit verschont, sein Körper hatte offensichtlich bereits eine Abwehr gegen das Virus aufgebaut. Die Pockenschutzimpfung war erfunden. Das Ergebnis veröffentlichte Jenner zwei Jahre später in seinem Bericht über die "Kuhpockenimpfung" – beziehungsweise die "Vakzination" (vom lateinischen "vacca", die Kuh). Daraus leitet sich heute der englische Begriff für Impfungen aller Art ab: "vaccination".

Jenner ist der Glückspilz der Medizingeschichte. Er hat Kinder mit Pocken infiziert und es ist nie etwas passiert. Sensationell war auch, dass er gemerkt hat, dass es der große Wurf war. Er sagte: 'Mit meiner Methode rotten wir die Pocken aus.' Er hatte Recht, es dauerte jedoch noch 200 Jahre.

Prof. Karl-Heinz Leven Direktor des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin in Erlangen

Pocken in Zahlen Kaum eine Seuche hat so viel Schrecken verbreitet wie die Pocken, vor allem im 17. und 18. Jahrhundert. Allein in Europa starben 60 Millionen Menschen. Die Krankheit führte in 40 Prozent der Fälle zum Tod. Nach einer großen Impfkampagne erklärte die WHO die Welt 1979 offiziell als pockenfrei.

Pocken-Impfung – einzigartig in der Medizingeschichte

"Jenner hat die beste Impfung aller Zeiten und Völker erfunden – bis heute. Die Vakzination ist bis heute die einzige Impfung, die dazu führte, dass eine Krankheit ausgerottet wurde. Das ist auch mit der Polio-Impfung noch nicht gelungen", so Prof. Leven. Dabei konnte Jenner zu diesem Zeitpunkt nicht einmal wissen, was er da überhaupt machte.

"Er ist empirisch vorgegangen. Aber er hatte keine Vorstellung vom Virus der Pocken. Denn erst 1930, 134 Jahre nach Jenner, konnten Viren zum ersten Mal dargestellt werden. Jenner glaubte, er habe es mit einem Gift zu tun, das er übrigens als 'virus' bezeichnete. Dass dabei Krankheitserreger im Spiel waren, wusste er nicht", erklärt der Historiker aus Erlangen. Erst Ende des 19. Jahrhunderts entdeckte man, dass Infektionskrankheiten von Kleinstlebewesen, Bakterien, hervorgerufen werden. Der Nachweis von Viren sollte erst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gelingen.

Erfolge und Rückschläge in der Impfgeschichte

Seit dem Experiment des englischen Landarztes Jenner haben Impfungen weit verbreitete Erkrankungen stark reduziert, wie Pocken, Polio oder Tetanus. Letztere Impfung spielte beispielsweise während des Ersten Weltkrieges eine wichtige Rolle. Darauf verweist die Medizinhistorikerin Prof. Caris-Petra Heidel aus Dresden: "So erwies sich die effektive Prophylaxe gefürchteter Seuchen auch im militärischen Kontext als strategischer Vorteil."

Impfungen etwa gegen Grippe und Hepatitis B sind mittlerweile Standard. Moderne Impfstoffe sind gut verträglich und unerwünschte Nebenwirkungen werden nur in seltenen Fällen beobachtet. Doch es gibt nicht nur Grund zum Jubeln. Denn in vielen Regionen der Erde flammen längst besiegt geglaubte Infektionskrankheiten wieder auf. Jüngst schlug die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und das UN-Kinderhilfswerk Unicef wegen der Ausbreitung der Masern Alarm. 2018 stieg die Zahl der gemeldeten Infektionen laut WHO im Vergleich zu 2017 um 50 Prozent. Weltweit starben 136.000 Menschen daran.

Wie ein neuer Impfstoff entwickelt wird

Eine Frau in Schutzkleidung hält ein kleines Flächschen.
Die Entwicklung eines Impfstoffes gegen das Coronavirus entfachte einen globalen Wettbewerb. Bildrechte: MDR/MCS Grafik

In mehr als 50 Projekten weltweit wurde nach einem Impfstoff gegen das Coronavirus gesucht. Normalerweise wird Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, an einem Impfstoff gearbeitet, die Forschung verschlingt mehrere Hundert Millionen Euro: von der Analyse über den Aufbau und die Beschaffenheit des Impfstoffs über Tests an Zellkulturen, Tieren und Menschen bis hin zur Zulassung. "Aber das Entscheidende ist erstens: Wirkt der Impfstoff zuverlässig oder nur manchmal? Und: Ist der Impfstoff unschädlich? Man stelle sich eine Massenimpfung bei Kindern vor, für die das Coronavirus vergleichsweise harmlos ist. Die Impfung darf zum Beispiel bei Kindern keinen Impfschaden verursachen, auch daran muss man denken", so Prof. Leven.

Für die Suche nach einem Impfstoff ist es zudem von enormer Bedeutung, wie relevant die Ergebnisse der Öffentlichkeit erscheinen: "Erst als Tuberkulose in den führenden Industrieländern grassierte, wurde alles daran gesetzt, einen Impfstoff zu entwickeln, obwohl es die Krankheit schon längst in außereuropäischen Ländern gab", so die Dresdner Medizinhistorikerin Heidel.

Dieser Artikel wurde erstmals 2020 veröffentlicht.

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 19. Mai 2022 | 16:48 Uhr