Generation Wende - Ines Wolff

Ines Wolff, Jahrgang 1973, wächst in Leipzig auf. Nach Abschluss der 10. Klasse nimmt sie eine Lehrstelle als Datenverarbeitungskauffrau in der Werkzeugmaschinenfabrik VEB Mikrosa Leipzig an. Die Wende bringt für sie zunächst einen Aufschwung. Die junge Frau verdient in ihrem Betrieb zunächst gutes Geld. Doch dann geht es rasant  bergab. Von den 3.000 Mitarbeitern bleiben in der neu gegründeten GmbH am Ende nur 300 übrig. Ines Wolff ist eine der letzten, die gehen muss. 1996 wird sie arbeitslos. Doch einfach zu Hause rumzusitzen, kommt für die gebürtige Leipzigerin nicht in Frage. Ein Leben als Hausfrau kann und will sich Ines Wolff nicht vorstellen. Ein Arbeitsplatz bedeutet für sie Selbstbestätigung und gesellschaftliche Anerkennung. Monatelang schreibt sie Bewerbungen, bis es endlich mit einer neuen Stelle klappt.

Soziale Unsicherheit hinterlässt Spuren

Heute arbeitet Ines Wolff als Taxifahrerin. Finanziell kommt sie über die Runden, doch bergauf ging es für sie seit der ersten Entlassung 1996 nicht mehr. Im Gegenteil: Die soziale Unsicherheit hat Spuren hinterlassen. Der "goldene Westen", Reisefreiheit und unbegrenzter Konsum – all das hat für Ines Wolff schnell an Glanz verloren. Die heutige Gesellschaft zeichne sich durch Angst um den Arbeitsplatz, finanzielle Nöte und Egoismus aus. Für Familie bleibe viel zu wenig Platz – so klingen die Erfahrungen von Ines Wolff. Ihr Vertrauen in die soziale Marktwirtschaft hat sie verloren. Die Angst, den Ansprüchen der heutigen Gesellschaftsform nicht gerecht zu werden, prägt ihr Leben. Schon 1990 schreibt sie in den Fragebogen der Sächsischen Längsschnittstudie, dass sie eher gegen eine Vereinigung von BRD und DDR sei.

Rückblickend hätte sich Ines Wolff eine menschlichere und wesentlich langsamere Wende gewünscht. Sie kann nicht verstehen, dass man im Westen nach wie vor mehr verdient. Auch nach 23 Jahren Einheit. "Die Wende ist nicht vollzogen," sagt Ines Wolff. "Ost-und Westdeutsche sind überhaupt nicht vereint." Wolff zählt sich heute zu den Verlierern des Systemwechsels. Auch die Zukunft ihres Sohnes bewertet sie eher negativ. "Wenn alles immer schwieriger wird, muss ja für die Zukunft meiner Kinder auch alles immer schwieriger werden. Wenn sich nicht irgendwann mal etwas ändert."

Ines Wolff lebt mit ihrem Mann und ihrem 12-jährigen Sohn in Leipzig-Grünau. Ihren Urlaub verbringt sie heute wie damals an der Ostsee. Früher fehlte ihr die Freiheit. Heute fehlt ihr das Geld.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Generation Wende | 22. Oktober 2019 | 22:05 Uhr