Prof. Peter Förster im Interview Sächsische Langzeitstudie in Eigeninitiative über die Wende gerettet

Prof. Peter Förster (Jahrgang 1932) wirkte als Mitarbeiter des Leipziger Instituts für Jugendforschung an zahlreichen sozialwissenschaftlichen Untersuchungen über Jugendliche in der DDR mit. Seit 1987 betreute er auch die Sächsische Längsschnittstudie. Als diese Studie mit der Abwicklung des Instituts für Jugendforschung im Jahr 1990 eingestellt werden sollte, ergriff Prof. Förster die Initiative und führt die Studie mit großem persönlichen Engagement weiter. Sein Verdienst ist es, das besondere Potential dieser Langzeitstudie erkannt zu haben.

Die Einmaligkeit der Studie besteht darin, dass über den politischen Umbruch hinweg eine identische Gruppe ostdeutscher Jugendlicher befragt und begleitet wird – bis heute. Prof. Peter Förster ist seit 1999 im Ruhestand, engagiert sich aber noch immer für die Sächsische Längsschnittstudie, die inzwischen von der Universität Leipzig und der Universität Dresden betreut wird.

1987 wurde die Studie das erste Mal durchgeführt. Wie kam es überhaupt dazu?

Prof. Peter Förster: Also unser Direktor, Walter Friedrich, der hatte ein großes Faible für Längsschnittstudien. Und er hatte sich vorgenommen, als er das Zentralinstitut für Jugendforschung 1966 gegründet hatte, dass unter seiner Leitung viele Längsschnittstudien entstehen sollten. Wir Forscher sind ja darauf aus, Ursachen für ein bestimmtes Verhalten zu finden und zu erklären. Und bestimmte Entwicklungen in der Gesellschaft kann man mit einmaligen Umfragen einfach nicht erfassen. Dafür braucht man Längsschnittstudien.

Welchen Einfluss nahm die DDR-Führung vor der Wende auf die Studie?

Wir waren ja kein Stasi-Institut. Wir waren ein staatliches Institut, untergeordnet beim Amt für Jugendfragen. Und unsere Pläne, unsere Absichten und manchmal auch die Fragebögen, die gingen nur zu diesem Amt.

Wie hat sich denn das Ende des Instituts angekündigt? Wie haben Sie das wahrgenommen?

Das Ende lag in der Luft. Das Institut wurde Ende 1990 geschlossen. Wir gingen alle in die Arbeitslosigkeit. Die Studie wurde ad acta gelegt. Aber ich habe allmählich, als mit klar wurde, dass die Studie zu sterben droht, angefangen sie weiterzuführen.

Warum haben Sie die Studie fortgeführt?

Ich war der Meinung, dass gerade diese Studie, die ja schon drei Jahre gelaufen war, wertvolle Ergebnisse liefern könnte. Deswegen sind wir ja auch zu den Politikern gegangen, mit der Bitte, sich dafür einzusetzen, dass weitergeforscht werden kann. Aber das war nicht gewollt. So habe ich mir gedacht, das musst du selbst in die Hand nehmen. Ich habe also alles, was mit der Untersuchung zu tun hatte, selber gemacht. Mit der Unterstützung meiner Frau. Das ging dann bis zum Druck der Fragebögen. Die größte Aufgabe, die damals vor mir stand, war, die Leute wieder zu finden. Wir haben nochmals alle angeschrieben, aber die Fragebögen kamen oft samt Umschlag zurück, mit dem Stempel oder dem Vermerk "unbekannt verzogen ".

Was war Ihre abenteuerlichste Geschichte, um jemanden zu finden?

Ich habe oft beim Bäcker angerufen, dort, wo die Eltern und der junge Mann, junge Frau, gewohnt hatten. Beim Bäcker oder beim Fleischer. Und ich hab dann mit denen diskutiert und am Ende zumindest einen weiterführenden Tipp bekommen. Entweder die neue Adresse der Eltern oder einen Hinweis, wo sie jetzt sein könnten. Zum Beispiel in München. Da hatte ich dann die Adresse. So habe ich mich allmählich vorgearbeitet

Was hat Sie nach der Wende besonders interessiert?

Wir haben versucht die Themen, die wir schon 1987 behandelt hatten, weiterzuführen. Aber das war nicht immer möglich. Wir haben also meist neue Themen eingerichtet, Familienbildung zum Beispiel. Und seit dem Jahr 1996, also immer noch relativ früh, hatten wir dann Arbeitslosigkeit als Schwerpunkt. Man muss wissen, das zeigen die jüngeren Ergebnisse, dass seit der Wende 72 Prozent aller Teilnehmer Arbeitslosigkeit erlebt haben. Und wenn man dann gegenüberstellt, wer war arbeitslos und wer nicht, kann man ablesen, wie sich Arbeitslosigkeit auf den Optimismus oder den Wunsch nach Familie auswirkt. Und das hat wirklich zu sehr interessanten und auch erschütternden Ergebnissen geführt.