Studie: Polen europafreundlicher als Deutsche

Trotz der europakritischen Haltung der polnischen Regierung sieht ein Großteil der Bevölkerung in Polen die EU positiv – anders als in Deutschland. Auch in der Wahrnehmung des jeweiligen Nachbarlandes zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen Polen und Deutschen.

Fast drei Viertel der Polen (73 Prozent) identifizieren sich mit der Europäischen Union, unter Deutschen sind es hingegen nur etwas mehr als die Hälfte (54 Prozent). Das ergibt das neue "Deutsch-polnische Barometer" des polnischen Instituts für öffentliche Angelegenheiten, der deutschen Körber- und der Konrad-Adenauer-Stiftung. Zugrunde liegt der Studie eine Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) unter jeweils 1.000 Polen und Deutschen.

"Der Beitritt zur Europäischen Union war erklärtes Ziel der demokratischen Regierungen Polens nach 1989 und fußte auf einem breiten gesellschaftlichen Verlangen nach Zugehörigkeit zu dieser Gemeinschaft", erklärt Agnieszka Łada dieses Ergebnis. Sie arbeitet für das polnische Institut für Öffentliche Angelegenheiten, das an der Studie mitgearbeitet. Daran ändere auch die europa- und deutschlandkritische Politik der polnischen Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) nichts, meint die Forscherin.

Ungleich verteilte Sympathie

Ebenfalls sehr unterschiedlich sehen die Ergebnisse bei der Frage nach den jeweiligen Sympathien zwischen den Nachbarländern aus. So empfinden 56 Prozent der Polen Sympathien gegenüber Deutschland, jedoch nur 29 Prozent der Deutschen gegenüber Polen. "Das ist schon überraschend, wenn man daran denkt, wie oft man in den regierungsnahen polnischen Medien etwas Schlechtes über Deutschland hört", meint Agnieszka Łada mit Bezug auf das positive Deutschlandbild in Polen.

Portrait Agnieszka Lada
Agnieszka Łada ist Direktorin des Europaprogramms des polnischen Instituts für öffentliche Angelegenheiten. Bildrechte: Aleksandra Szewczul/Agnieszka Łada

Positiv würden sich hier Erfahrungen auswirken, die viele Polen seit der Unabhängigkeit Polens 1989 und dem Beitritt zur Europäischen Union 2004 gesammelt hätten. "Sie haben wirtschaftliche Kontakte mit den Deutschen und arbeiten für deutsche Unternehmen. Deshalb verstehen sie auch, das sich die Zusammenarbeit – auch wenn es auf politischer Ebene nicht klappt – insgesamt gut entwickelt", so Łada.

Deutsches Desinteresse an polnischer Realität

Einen Grund für die fehlenden Sympathien auf deutscher Seite zeigt die Studie in der Frage nach Besuchen im Nachbarland. So haben mehr als zwei Drittel der Deutschen noch nie Polen besucht. "Das ist etwas, was mich persönlich frappiert hat, dass so wenige Deutsche diese Chance bisher wahrgenommen haben", sagt Gabriele Woidelko, Leiterin des Bereichs Geschichte und Politik der Körber-Stiftung.

Hinzu käme ein einseitig auf politische Kontexte fokussierte Medienberichterstattung in Deutschland, die selten gesellschaftliche Entwicklungen und die unzähligen zivilgesellschaftlichen Kooperation zwischen Deutschland und Polen thematisiere. "Dieses einseitige Bild von Polen verunsichert die Deutsche. "Und weil sie keine eigenen Erfahrungen mit Polen haben, sind sie sehr schnell bereit zu sagen: Gut, dann entziehen wir dem polnischen Nachbarn auch die Sympathie," vermutet Historikerin Woidelko.

Wie wichtig ein Austausch ist, zeigt ein weiteres Ergebnis der Studie. Denn unter denjenigen Polen und Deutschen, die bereits das Nachbarland besucht haben, steigen die Sympathiewerte stark an. 70 Prozent der Deutschen, die bereits in Polen waren und 68 Prozent der Polen, die schon einmal Deutschland besucht haben, finden das jeweilige Nachbarland sympathisch.

Geschichtspolitik im Fokus

Auch die aktuelle politische Lage wird im deutsch-polnischen Barometer thematisiert. So gab es in diesem Jahr zum ersten Mal einen Fragenkomplex, der sich mit geschichtspolitischen Debatten, wie den polnischen Reparationsforderungen beschäftigte. 76 Prozent der Deutschen lehnen solche Forderungen grundsätzlich ab. Die polnische Gesellschaft ist in dieser Frage allerdings gespalten. 46 Prozent der Befragten befürworten Reparationen, während 40 Prozent meinen, das Thema sei abgeschlossen.

"Die Studie bestätigt, wie gespalten die polnische Gesellschaft auch in den Fragen der deutsch-polnischen Beziehungen ist", sagt Agnieszka Łada vom polnischen Institut für Öffentliche Angelegenheiten. Gabriele Woidelko sieht in den historischen Fragen ebenfalls die größten Unterschiede: "Da zeigt sich wirklich, dass beide - Deutsche und Polen – sehr unterschiedliche Wahrnehmungen über die Aufarbeitung und Anerkennung historischer Erfahrungen haben."

Wunsch nach Blick in die Zukunft

Einig sind sich Deutsche (70 Prozent) und Polen (60 Prozent) jedoch darin, dass sich die deutsch-polnischen Beziehungen eher auf Fragen konzentrieren sollten, die die Zukunft und die Gegenwart betreffen, als auf historische Debatten. "Leider werden die deutsch-polnischen Themen in Polen instrumentalisiert. Sie werden immer wieder benutzt, wenn man gerade nicht über die Innenpolitik sprechen will", sagt Agnieszka Łada.

Historikerin Gabriele Woidelko (Körber-Stiftung)
Historikerin Gabriele Woidelko von der Koerber-Stiftung Bildrechte: Körber-Stiftung/Claudia Höhne

Daher sei der Blick in die gemeinsame Zukunft trotz der politischen Diskrepanzen besonders wichtig, findet Gabriele Woidelko von der Koerber-Stiftung. "Wir müssen genau in dieser Situation darauf achten - auch wenn wir mit der Politik vielleicht nicht einverstanden sind - das Signal zu geben, dass Polen weiterhin ein Partner ist. Und zwar nicht nur für Deutschland, sondern auch im europäischen Kontext."

Zukunft und Geschichte könnten nach Meinung der Befragten aber auch zusammen funktionieren. So sprach sich erstmals in der 18-jährigen Geschichte der Erhebung eine Mehrheit der Polen und Deutschen dafür aus, dass Kinder in beiden Ländern im Geschichtsunterricht aus einem gemeinsamen deutsch-polnischen Lehrbuch lernen. Konzepte für solche Bücher werden bereits seit Jahren von polnischen und deutschen Historikern erarbeitet.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Radio | 29.05.2018 | 14:52 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. Juni 2018, 10:53 Uhr

Mehr zum Thema

Osteuropa

Bauarbeiter betrachten einen Bauplan
Die Kläranlage ist die bislang größte Investition in Kobierzyce, die von der EU mitfinanziert wird. Zu den Baukosten von 4 Mio. Euro schießt Brüssel die Hälfte zu.   Bildrechte: MDR/Monika Sierazka
Ein Mann und eine Frau in rot-gelben Jacken vor einem gelben Rettungswagen.
Marco Welenga, Deutscher, wohnt in Frankfurt (Oder) und arbeitet mit Ilona Garbatowski bei der Frankfurter Feuerwehr. Regelmäßig fahren sie im Team 24-Stunden-Einsätze. Ihre Familien sind inzwischen gut befreundet.

Deutsch-Polnische Nachbarschaft spielt eine große Rolle hier bei uns im Grenzgebiet. Wir als Feuerwehr haben auch regelmäßig Übungen mit den polnischen Kollegen aus Słubice oder treffen uns zum Feuerwehrball. Aber es könnte intensiver sein. Abgesehen von Ilona kenne ich nicht viel Polen persönlich. Ilona hat hier die ganze Wache und kennt eine ganze Menge Leute auf deutscher Seite. Ich würde mir wünschen, dass es noch mehr Austausch gibt. Die Sprache ist die größte Barriere, wie immer. Der Sprachkurs im vergangenen Jahr hat geholfen, die Grundbegriffe zu lernen. In Słubice drüben gibt es fast keine Barriere, fast jeder spricht da Deutsch.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK