Warschauer Ghetto Gedenkstreit überschattet Aufstandsjubiläum

Vor 75 Jahren brach der Aufstand im Warschauer Ghetto aus. Zum Jubiläum streiten Regierung und Historiker aber über das richtige Gedenken. Auch ein geplantes Ghetto-Museum befeuert den Streit.

Ein weißes Haus mit einer Glasfront. Vor dem Haus steht ein Baum.
Das jüdische Museum POLIN in Warschau liegt im Clinch mit der polnischen Regierung. Bildrechte: W. Kryński / POLIN Museum of the History of Polish Jews

Eigentlich soll es ein Gedenken ganz im Sinne der nationalkonservativen polnischen Regierungspartei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS) werden. Am Jahrestag des Ausbruchs des Aufstands im Warschauer Ghetto verteilen 2.000 Freiwillige gelbe Narissen an Passanten, das Symbol für die Erinnerung an den Aufstand vor 75 Jahren. Außerdem finden offizielle Feierlichkeiten statt.

Doch neben dem offiziellen Gedenken wird es diverse unabhängige Veranstaltungen geben. Denn seit Monaten tobt in Polen ein regelrechter Kulturkampf um die richtige Erinnerung an den Holocaust.

"Holocaust-Gesetz" spaltet Gesellschaft

Auslöser dafür war das umstrittene "Holocaust-Gesetz", dass es seit März unter Strafe stellt, die deutschen Konzentrations- und Vernichtungslager auf polnischem Boden als "polnische Todeslager" zu bezeichnen. Auch Äußerungen, die polnischen Bürgern eine Mitverantwortung am Holocaust zuschreiben, sind strafbar. In beiden Fällen drohen Geld- und Haftstrafen.

Scharfe Kritik dafür hagelte es aus Israel und den USA. In beiden Ländern wird das Gesetz als Versuch gewertet, die polnische Geschichte "reinzuwaschen". Konservative und nationalistische Polen wiederum sehen jeden Verweis auf eine polnische Beteiligung am Holocaust als Angriff auf den "guten Ruf Polens", den Premierminister Mateusz Morawiecki mit dem Gesetz wiederherstellen möchte.

Polen sind in der PiS-Version der Geschichte ausschließlich Opfer der Deutschen oder selbst Helden, die ihren jüdischen Mitbürgern geholfen haben. Antisemiten und Kollaborateure, die sich während der Besatzung an ihren jüdischen Mitbürgern bereicherten und diese an die Deutschen auslieferten, seien hingegen maximal eine Randerscheinung gewesen.

Hasswelle und umstrittene Ausstellung

Der Streit um die "wahre Geschichte" der Besatzung löste in Polen eine Welle antisemitischen Hasses aus. In diesem aufgeheizten Klima sorgte ausgerechnet das teils staatlich finanzierte "Museum der Geschichte der ponischen Juden POLIN" für weiteren Zündstoff. In einer Sonderausstellung thematisierte das renommierte Haus seit März antisemitische Übergriffe im Nachkriegspolen im Frühling 1968. Prompt hagelte es Kritik.

Museumsdirektor im Kreuzfeuer

Auch Museumsdirektor Dariusz Stola steht in der Kritik, etwa von der Regierungspartei PiS. Weil er mehrfach das „Holocaust-Gesetz“ als verfassungswidrig kritisierte, ging der polnische Kulturminister Piotr Gliński zum Angriff über. Das Museum und seine Mitarbeiter sollten politische Neutralität wahren, mahnte er Anfang April und wies darauf hin, dass sich das POLIN teilweise in öffentlicher Trägerschaft befinde und Gelder aus seinem Ministerium erhalte. Das konnte als Warnung verstanden werden.

Zudem plant Glińskis Ministerium bereits ein eigenes Museum des Warschauer Ghettos, das „die historische Wahrheit präsentiert“, erklärte Gliński bei der Vorstellung des künftigen Museumsdirektors. In drei bis vier Jahren soll das Museum ganz in der Nähe des POLIN eröffnet werden.

Museumsgründung als Hebel der Politik?

Jüdische Institutionen und Forschungseinrichtungen in Warschau waren von dem Plan überrascht. Auch das genaue Konzept der Dauerausstellung ist noch nicht bekannt. Polnische Historiker befürchten aber bereits jetzt, dass das Museum als Gegenpol zum POLIN gedacht ist. So äußerte der in Warschau lebende Historiker Stephan Schach jüngst im Deutschlandfunk die Befürchtung:

dass es darum geht mit dem Jüdischen Museum etwas Ähnliches zu machen wie in Danzig mit dem Museum des Zweiten Weltkriegs passiert ist. Das heißt also: Ein zweites Museum zu gründen und dann beide Museen zu vereinigen und so einen Hebel zu haben, um die Leitung des Museums auszutauschen.

In Danzig hatten unterschiedliche Meinungen über die inhaltliche Ausrichtung der Ausstellung zu einem jahrelangen Streit zwischen PiS-Regierung und der Museumsdirektion geführt. Am Ende setzte sich die Regierung durch, setzte einen neuen Direktor ein und veränderte die Ausstellung nach ihren Vorstellungen.

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im: TV | 19.04.2018 | 10:55 Uhr