Doschd-Chefin Natalja Sindejewa mit deutschem Medienpreis geehrt

Die Gründerin und Chefin des unabhängigen russischen Fernsehsenders "Doschd", Natalja Sindejewa, ist am Donnerstag in Potsdam mit dem Medienpreis M100 Media Award ausgezeichnet worden. Zur Begründung hieß es, die 46-jährige Journalistin werde für ihren Einsatz für eine freie Presse in Russland geehrt. Sie habe in Russlands repressivem Meinungsklima den Mut bewiesen, kritischen Journalisten und oppositionellen Politikern im Land eine Plattform zu geben.

Mit einem Appell für mehr Menschlichkeit in Politik und Medien nahm die Journalistin den Medienpreis entgegen:

In Russland sagt man oft, wir brauchen eine starke Hand. Ich glaube: Wir brauchen eine Führungspersönlichkeit mit Gewissen und mit Menschenwürde.

Natalja Sindejewa

Laudatorin Tahit Koch, Chefredakteurin der "Bild-"Zeitung, bezeichnete Sindejewas Sender "Doschd" als das andere Russland. Das andere Russland existiere, es sei wild, liberal, kreativ und kritisch.

Unabhängige Berichterstattung über russische Politik

Sindejewa hatte im Jahr 2010 mit ihrem Ehemann, dem Bankier Alexander Winokurow, den unabhängigen Fernsehsender "Doschd" (Regen) gegründet, der den Zusatz "The Optimistic Channel" (Optimistischer Kanal) trägt. Sindejewa konnte für den Sender renommierte russische Journalisten wie Michail Sygar, Wladimir Posner und Leonid Parfjonow gewinnen. "Doschd" wurde auch dadurch bekannt, dass er vor und nach der Wiederwahl Putins zum russischen Präsidenten im Jahr 2012 über die Demonstrationen gegen Putin, den Prozess gegen die Punkband "Pussy Riot" und die Korruptionsvorwürfe des Oppositionspolitikers Alexej Nawalny gegen ranghohe Staatsdiener berichtete. Themen, die in den gewöhnlichen Medien nicht thematisiert wurden.

Ab 2013 konnte "Doschd" nur noch gegen Bezahlung empfangen werden. 2014 musste die Redaktion nach Druck auf den Vermieter ihre Räumlichkeiten verlassen und verlor auch die Sendegenehmigung für Kabel und Satellit. Seitdem läuft "Doschd" nur noch im Internet und bei kleinen regionalen Anbietern. Nach Angaben von Sindejewa waren 2015 rund 170 Mitarbeiter bei "Doschd" beschäftigt. Der Sender finanziert sich ausschließlich über die Abos und Spenden und gehört Sindejewa und ihrem Ehemann.

Russlands letzter kremlkritischer TV-Sender

Kritische TV-Berichterstattung in Russland? Gibt es. Noch. Auf Anweisung des Kremls allerdings nur im Internet und via Satellit. Alles Blendwerk für den Westen - meint der russische Politologe Jewgenij Gontmacher.

Natalia Sindeeva des russisches TV-Senders "Doschd" bei einer PK in Moskau.
Bei "Doschd" nimmt man kein Blatt vor den Mund. "Dodschd" ist der letzte kremlkritische TV-Kanal Russlands. Allerdings darf er auf Befehl von oben nur im Internet und via Satellit senden. Denn viele Berichte haben es in sich. Bildrechte: dpa
Natalia Sindeeva des russisches TV-Senders "Doschd" bei einer PK in Moskau.
Bei "Doschd" nimmt man kein Blatt vor den Mund. "Dodschd" ist der letzte kremlkritische TV-Kanal Russlands. Allerdings darf er auf Befehl von oben nur im Internet und via Satellit senden. Denn viele Berichte haben es in sich. Bildrechte: dpa
Illustration
Ein Coup im Jahr 2016: die Entlarvung des Putinfreundes Pjotr Kolbin. Er soll vom Metzger zu einem mächtigen Aktionär des russischen Ölhandelsunternehmens Gunvor aufgestiegen sein. Der Verwurf: Günstlingswirtschaft. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ein Mann in einem Großraumbüro
"Wichtig ist, dass unsere Recherche eines klar macht", sagte Chefredakteur Roman Badanin. "Ein weiterer, wohl enger Kindheitsfreund des Präsidenten, hat in einem großen Konzern eine Schlüsselposition inne." Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Russischer Text
Der Antikorruptionsblog "Stiftung: Kampf gegen Korruption" nahm diese Nachricht auf und ging in seiner Kritik noch einen Schritt weiter. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ein Nachrichtensprecher, im Hintergrund das Bild von Dmitri Medwedew
Für Alexej Nawalnij von der Stiftung ist der Putin-Freund Kolbin nur ein Strohmann. Der eigentliche Aktionär, der mit russischem Öl bei Gunvor Milliarden gemacht habe, sei Putin, meinte er. Die Blogger nahmen sich auch Premier Medwedjew vor. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Das Bild eines großen Hauses auf einem Monitor
Er soll von Oligarchen dieses luxuriöse Anwesen geschenkt bekommen haben. Ein Skandal? Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Ein Mann sitzt an einem Schreibtisch und deutet auf einen Monitor
Nach Ansicht des Politologen Jewgenij Gontmacher interessiert viele Russen Enthüllungsjournalismus nicht. Die meisten Zuschauer würden lediglich bedauern, selbst nicht an die Futtertröge ranzukommen. Deshalb lasse der Kreml die kritischen Berichte zu. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Menschen arbeiten in einem Fernsehstudio
Ungewollt würden Doschd-TV und der Antikorruptionsblog dem Kreml sogar helfen, die eigenen Leute zu kontrollieren, sagt Gontmacher. Dank ihrer Berichte wisse die Staatsmacht immer, wer wie welche Reichtümer anhäufe. Die geduldeten Inseln der Meinungsfreiheit müssten nur aufpassen, nicht zu groß und einflussreich zu werden. Denn dafür dürfte der Kreml erfahrungsgemäß recht wenig Verständnis haben. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Der M100 Media Award wird jährlich im Schloss Sanssouci zum Abschluss der internationalen Medienkonferenz "M100" verliehen. Auf der Konferenz treffen sich Dutzende Chefredakteure, Historiker und Politiker aus ganz Europa, um über Entwicklungen im Mediensystem und den Zustand der Demokratie zu diskutieren.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell auch im: TV | 04.11.2016 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. September 2017, 09:23 Uhr