Parlamentsbesetzung in Polen Menschen mit Behinderung besetzen weiter Parlament

In einem Flur des polnischen Parlaments findet seit dem 18. April ein besonderer Protest statt. Menschen mit Behinderung und ihre Familien harren hier Tag und Nacht aus, um mehr staatliche Unterstützung zu erhalten. Eine Erhöhung der Rente für Menschen mit Behinderung haben sie bereits erkämpft. Unerfüllt bleibt ihre Forderung nach einem höheren Pflegezuschuss. Hier wünschen sich die Betroffenen umgerechnet rund 120 Euro. Die Regierung hat bislang nur Sachleistungen wie Rollstühle angeboten.

Etwas mehr Geld statt nur Sachleistungen für die Pflege von Familienangehörigen mit Behinderung - diese Forderung unterstützt auch Joanna Kolodziejczyk. Aus eigener Erfahrung. Sie pflegt zusammen mit ihrem Mann den heute 33-jährigen Sohn Krzysztof, der seit seiner Geburt schwerstbehindert ist.

Wir kennen ihn am besten und wissen, was er braucht. Wir wissen, wenn es ihm schlecht geht und wenn etwas nicht in Ordnung ist. Wir wissen, was man tun kann, damit er glücklich ist.

Joanna Kolodziejczyk HEUTE IM OSTEN in MDR Aktuell, 25.05.2018

Pflege ist teuer

Krzysztof kann nicht sprechen. Er ist auf dauernde Zuwendung angewiesen. Ihm zu helfen, erfordert nicht nur viel Liebe, Kraft und unzählige Handreichungen, sondern ist auch teuer. Medikamente gegen Asthma, Epilepsie und Behandlungen bei Therapeuten kosten viel Geld.

Doch Krzysztof erhält eine so niedrige staatliche Rente von derzeit umgerechnet rund 200 Euro, dass er nicht einmal eine Wohnung damit bezahlen könnte, wenn er alleine leben könnte. Umsonst bekommt der schwerbehinderte Mann nur Fahrten im öffentlichen Nahverkehr, bei denen ihn seine Eltern begleiten dürfen.

Joanna Kolodziejczyk mit ihrem Sohn Krzysztof
Joanna Kolodziejczyk mit ihrem Sohn Krysztof Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mehr Selbstbestimmung durch Pflegezuschuss

Bei der Forderung nach mehr Pflegegeld anstelle von reinen Sachleistungen geht es den Menschen mit Handicap und ihren Angehörigen auch um ein Stück Selbstbestimmung. Krzysztofs Mutter Joanna gehört zwar nicht zur Schar der Parlamentsbesetzer, würde den Politikern ihres Landes aber gerne sagen, dass die betroffenen Familien nicht auf Kosten ihrer Angehörigen mit Behinderung leben. Denn immer wieder begegne man in Polen der Vorstellung, die ganze Familie würde von einer angeblich fürstlichen Rente ihres behinderten Kindes leben. Es sei ganz anders:

Wir bemühen uns so gut wie möglich, dass unsere erwachsenen Kinder, die wir seit 20, 30 Jahren pflegen, einigermaßen würdig leben und nicht dahinvegetieren müssen.

Joanna Kolodziejczyk HEUTE IM OSTEN in MDR Aktuell, 25.05.2018

Einen ersten Etappensieg hat der außergewöhnliche Protest im Sejm bereits gebracht: Ab September sollen die Renten für behinderte Menschen um 19 Prozent auf knapp 250 Euro steigen. Die Betroffenen wollen das Parlamentsgebäude aber erst wieder verlassen, wenn es auch eine Einigung beim Pflegezuschuss gibt.

Die Solidarität und das Mitgefühl vieler Landsleute ist den Familien sicher. Schon mehrmals demonstrierten Tausende Polen vor dem Parlamentsgebäude, um die Forderungen der Behinderten zu unterstützen. Auch polnische Prominenz schaut ab und an vorbei. Am 21. Mai besuchte Polens Ex-Präsident Lech Walesa die Gruppe der Unbeugsamen im Sejm. Das verschafft den Protestierenden auch Medienpräsenz, denn der Zugang für Journalisten zum Sejm wurde einige Tage nach Beginn der Besetzung stark eingeschränkt.

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Menschen mit Handicap besetzen Sejm

Seit 18. April kampieren Eltern mit ihren behinderten Kindern auf den Fluren des polnischen Parlaments. Sie kämpfen für mehr staatliche Hilfe für Menschen mit Handicap.

Polen kämpfen für die Rechte von Behinderten.
Auch draußen auf den Straßen demonstrieren Eltern mit ihren gehandicapten Kindern für mehr Hilfe. Am 12. Mai nahmen sie beim "Marsch für die Freiheit" in Warschau teil. Ein Massenprotest gegen die Politik der regierenden national-konservativen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS). Bildrechte: Marta Bogdanowicz/ Spacerowiczka
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Auch draußen auf den Straßen demonstrieren Eltern mit ihren gehandicapten Kindern für mehr Hilfe. Am 12. Mai nahmen sie beim "Marsch für die Freiheit" in Warschau teil. Ein Massenprotest gegen die Politik der regierenden national-konservativen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS). Bildrechte: Marta Bogdanowicz/ Spacerowiczka
Polen kämpfen für die Rechte von Behinderten.
"Gehandicapt sind wir durch Zufall - Diskriminiert werden wir aber von der Regierung", steht auf diesem Plakat. Bildrechte: Marta Bogdanowicz/ Spacerowiczka
Behinderte protestieren in Sejm.
Bisher liefen Kompromissvorschläge von beiden Seiten ins Leere. Bildrechte: Katarzyna Pierzchala
Behinderte protestieren in Sejm.
Schon 2009 protestierten die Eltern mit ihren Kindern im Sejm. "Damals standen die PiS-Politiker Schulter an Schulter mit uns. Und jetzt, wo sie an der Macht sind, wollen sie davon nichts mehr wissen und wollen nicht helfen", so Hartwich. Bildrechte: Katarzyna Pierzchala
Behinderte protestieren in Sejm.
Einen ersten kleinen Erfolg konnten sie mit ihren bisherigen Protesten verbuchen: Die Sozialrente wird ab September angehoben - auf umgerechnet knapp 250 Euro. Ihre Forderung nach einem monatlichen Pflegezuschuss bleibt. (Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell auch im TV: 27. 05. 2018, 17:45 Uhr.) Bildrechte: Katarzyna Pierzchala
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Über dieses Thema berichtet MDR Aktuell auch im: TV | 25.05.2018 | 17:45 Uhr