Polen Magda hört "Maryja"

Radio Maryja ist ein Phänomen – egal, ob man Befürworter oder Kritiker des Senders ist. Seit 25 Jahren spaltet es in Polen die Gesellschaft und auch die Katholiken. Unsere Kollegin hat einmal durch das aktuelle Programm gehört.

von Magdalena Gwozdz-Pallokat

"Hier ist Radio Maryja, die katholische Stimme in Deinem Haus. Gelobt seien Jesus Christus und die Jungfrau Maria." Das ist der Standardgruß des bekanntesten polnischen Kirchensenders Radio Maryja. Die Anrufe der Hörer werden mit den Worten "Mit Gottes Segen" entgegengenommen und mit "Gott sei mit Dir" verabschiedet. Radio Maryja bietet rund um die Uhr Programm.

junge brünette Frau mit Kopfhörern stützt sich auf graue Lautsprecherboxen
Unsere Autorin Magdalena Gwozdz-Pallokat Bildrechte: MDR

Es ist Mittagszeit, als ich Radio Maryja einschalte. Nach dem Gebet, an dem sich die Hörer beteiligen können, geht es um Papst Franziskus, der eine Reihe von Treffen zum Thema "Hoffnung" plant. Etwas später ergreift die PiS-Abgeordnete Barbara Bubula das Wort. Thema: Die zehn reichsten Medienunternehmen in Polen. Laut Bubula sind es, außer dem staatlichen Sender TVP, nur linke und ausländische Firmen. Es fehlt, wie sie betont, an katholischen und rechten Medien in Polen. Die Abgeordnete empört sich, dass ausländische, "linke" Firmen von Polen das Geld kassieren und appelliert an die Hörer, dass sie sich als Besitzer der Medien fühlen sollten, da sie sie finanzieren.

Plattform für Abgeordnete und Protokollant der Regierung

Radio Maryja ist das Herz des Medienimperiums von Pater Tadeusz Rydzyk – und in diesem Imperium spielt die PiS-Partei in den Nachrichten eine Hauptrolle. Als nächstes geht es im Programm darum, dass die polnische Regierung eine europäische Konvention verhindern will, die Gewalt gegen Frauen ächtet. Laut der PiS-Abgeordneten Krystyna Pawlowicz, die bei Radio Maryja fast Stammgast ist, dient diese Konvention "dem Kampf mit der Kirche, bricht mit der traditionellen Familie und erklärt den Begriff des Geschlechts für ungültig". Daher müsse sie weg.

Fast jede Stunde gibt es eine Nachrichtensendung, die wichtigste kommt um 18.05 Uhr. An meinem Tag als Hörerin beginnt sie mit der Meldung, dass Premierministerin Beata Szydlo in einer Stadt in Schlesien einen Vertrag zum Ausbau der Autobahn unterschrieben hat. Die zweite Nachricht ist der Besuch von Präsident Andrzej Duda bei Bergleuten. Oft hört sich das nach einem Tagesablauf der regierenden Personen an, auch wenn die Termine nicht die größte Bedeutung für das Land haben. Hauptsache: nahe an der Regierung.

Die "Familie Radio Maryja"

Fast die Hälfte der Hörer ist 65 Jahre und älter. Insbesondere sind es Frauen aus kleineren Städten und regelmäßige Kirchgänger, die Radio Maryja einschalten. Jugendliche und junge Erwachsene sind in der Hörer- und Anhängerschaft dagegen rar. Anhängerschaft deshalb, weil das Engagement der Hörer längst über das bloße Einschalten hinausgeht. Über die Jahre hinweg ist eine Art Organisation rund um den Sender entstanden – die sogenannte "Familie Radio Maryja", die in vielen Pfarrgemeinden eigene Ausschüsse besitzt, gemeinsame Pilgerreisen unternimmt und an einem jährlichen Kongress in Torun teilnimmt.

Radio Maryja gibt konkrete Wahlempfehlungen

Der katholische Priester Tadeusz Rydzyk
Pater Rydzyk besitzt inzwischen ein kleines Medienimperium mit Zeitung, TV-Sender, Hochschule und Mobilfunk-Marke. Bildrechte: IMAGO

Zahlenmäßig sind die Hörer des Senders zwar keine besonders starke Gruppe – Umfragen zufolge hat der Sender einen Marktanteil von etwa drei Prozent – dennoch wird Radio Maryja ein enormer Einfluss auf die Politik nachgesagt. Es ist kein Geheimnis, dass die Hörer bevorzugt die PiS-Partei wählen. Und auch wenn es eine überschaubare Wählergruppe ist, kann sie nach Ansicht von Beobachtern und Politologen das Zünglein an der Waage sein – Stimmen, die über den Sieg entscheiden. Denn die Radio-Maryja-Hörer sind sehr "diszipliniert" – ihre Wahlbeteiligung liegt deutlich über dem Durchschnitt und sie folgen gerne den Empfehlungen des Senders. Die werden manchmal sehr deutlich ausgesprochen – bis hin zu konkreten Namen, die man ankreuzen soll. Das mag auch der Grund sein, warum Polens Präsident Andrzej Duda und die Politprominenz der PiS-Partei Radio Maryja so hoch schätzen.

Kein Anrufer wird unterbrochen

Im Programm rufen jetzt immer wieder Hörer an. Vor allem, um gemeinsam zu beten, aber auch, um ihre Meinungen zu Sendungen zu äußern. Es melden sich auch viele Hörer aus dem Ausland. Wie zum Beispiel Ewa Maria, die in Deutschland lebt und sich zum Thema "Die erste Etappe der Islamisierung Polens" äußert: "Es wird überall in den Medien das nette Gesicht des Islams gezeigt. Es gibt in Deutschland sogar staatliche Schulen, wo die pseudo-katholischen Mütter sich freuen, dass alle Kinder gemeinsam zum Religionsunterricht gehen. Muslime, Protestanten, Sekten. Dass so ein Mischmasch gut ist. So sehr werden Eltern hier manipuliert."

Die Anrufe der Hörer bei Radio Maryja werden nicht unterbrochen. Im März 2015 meldete sich zum Beispiel ein Hörer, der den damaligen Präsidentschaftskandidaten Andrzej Duda lobte. "Andrzej Duda hat seine Regeln, er ist tief gläubig. Ich bin nicht sein Verwandter, aber ich kann sagen, dass er aus einer sehr katholischen, anständigen Familie kommt." Am Telefon - der PiS Vorsitzende Jaroslaw Kaczynski.

Nach der Hauptnachrichtensendung folgt meistens eine Diskussion namens "Unvollendete Gespräche", die auch bei TV Trwam gesendet wird. Zu den Themen in den vergangenen Tagen gehörte u.a. "Bedeutung und Rolle der Post im globalen Dorf". Ein Thema, das nur schwer einen Hörer anlocken kann – so könnte man denken, doch die Hörer von Radio Maryja sind treu. Vor allem geht es um "den großen Auftrag, den die Post gegenüber dem Staat und den Menschen hat". Kritisiert wird die "Liberalisierung der Post"“ und der "freie Markt", also Lieferdienste, die der Post Konkurrenz machen.

Jubiläum wichtiger als europäische Ereignisse

Zur offiziellen Jubiläumsfeier von Radio Maryja am 4. Dezember 2016 kamen natürlich das Staatsoberhaupt und die halbe Regierung. Und die Feier war natürlich das wichtigste Thema in den Nachrichten an diesem Tag, auch in den Nachrichten des staatlichen Fernsehens TVP. Damit schlug Radio Maryja sowohl die Präsidentenwahl in Österreich, als auch das gescheiterte Referendum in Italien.

Radio Maryja Polens größter Kirchensender ging am 8. Dezember 1991 erstmals auf Sendung. Gegründet wurde das Radio von Pater Tadeusz Rydzyk in Toruń (Thorn), war in den ersten Jahren auch nur dort und in der Umgebung zu hören. Inzwischen kann das Programm europaweit empfangen werden. Gesendet werden vor allem Gebete und Gottesdienst sowie Gespräche mit Hörern und Studiogästen. Live-Übertragungen mit Papst Franziskus sind Standard. Das Radio wird mit Spenden finanziert, darf daher keine Werbung senden.

Pater Tadeusz Rydzyk Rydzyk, geboren in 1945 in Olkusz, gehört zum römisch-katholischen Orden der Redemptoristen, der "Kongregation des Heiligsten Erlösers". Das Handwerkszeug für einen kirchlichen Sender erlernte er in Bayern bei Radio Maria International. 1998 gründete Rydzyk das nationalkatholische Blatt "Nasz Dziennik" (Unsere Tageszeitung. 2003 folgte der Fernsehsender "Trwam ("Ich beharre"). An seiner 2001 errichteten Medien-Hochschule in Torun lässt die PiS-Rgeierung auch Sprecher von Gerichten und Staatsanwaltschaften schulen. Rydzyks Senderverbund vertreibt seit 2009 Mobilfunkverträge unter dem Namen "In der Familie". 2010 nahm das Internet-Jugendradio SIM seinen Betrieb auf.

Zuletzt aktualisiert: 09. Dezember 2016, 10:57 Uhr