Autor Gerd Koenen im Gespräch "Die Farbe Rot" - Eine Geschichte des Kommunismus, der keiner war

"Die Farbe Rot" lautet das neue Buch des Frankfurter Historikers Gerd Koenen, in dem er den Ursprüngen und der Geschichte des Kommunismus von Planton über Marx und Lenin bis zu Chinas heutigem Präsidenten Xi Jingping nachgeht. Das 1.000 Seiten starke Werk kann als Summe und Höhepunkt von Gerd Koenens bisherigen Forschungen gelten - und bietet reichlich Diskussionsstoff.

von Stefan Nölke, MDR KULTUR-Geschichtsredakteur

Die Herrschaft der kommunistischen Regime, wie sich im Laufe des 20. Jahrhunderts von der Elbe über die Moskwa bis zum Jangtse etablierten, hatten mit den Lehren von Karl Marx herzlich wenig zu tun. Das ist einer der Leitgedanken in Gerd Koenens umfangreichem Werk, der nicht allzu fern liegt, wenn man sich die Entwicklung im heutigen China vor Augen führt.

Seit über zwei Jahrzehnten lassen die chinesischen Kommunisten einem ungezügelten Kapitalismus freien Lauf. Das bringt soziale Verwerfungen in Form von Millionen von Wanderarbeitern, aber auch unglaubliche Wachstumsraten, die – wie Gerd Koenen vorrechnet - selbst während der klassischen Industriellen Revolution im 19. Jahrhundert nirgendwo erzielt wurden.

Mao befasste sich erst spät mit Marx & Engels

Der Frankfurter Historiker bezeichnet China daher als eine "hybride" Staatsform. Ein Zwitterwesen, wobei Koenen fragt, ob der Marxismus für die chinesischen Kommunisten überhaupt jemals eine zentrale Rolle gespielt hat. Sehr spät erst habe sich der Staatsgründer Mao mit den Ideen von Marx und Engels befasst. Und nach ihrem heutigen Selbstverständnis darf die Partei eine ganz andere historische Mission für sich reklamieren, nämlich das moderne China nach der Erniedrigung durch die Kolonalmächte und der japanischen Aggression im Zweiten Weltkrieg wieder vereint, neugegründet und groß gemacht zu haben. Es sind die Verdienste um die Nation, die sie sich die chinesischen Kommunisten auf die Rote Fahne schreiben.

In Weltkriegen und Bürgerkriegen ist der Kommunismus des 20. Jahrhunderts entstanden und groß geworden.

Gerd Koenen "Die Farbe Rot"

Stalin & die UdSSR als Supermacht

Ganz ähnlich kann man die historische "Leistung" Lenins und seiner Bolschewiki vor allem darin sehen, das riesige Zarenreich in den Wirren des Ersten Weltkrieges, der Revolution und des Bürgerkrieges vor dem Auseinanderbrechen bewahrt und unter neuen Vorzeichen fortgeführt zu haben. Und als Stalin dann 1945 Hitler-Deutschland niedergerungen hatte, stieg die UdSSR zur Supermacht auf. Dies mag der Grund dafür sein, warum Stalin heute in der Gunst der Russen höher rangiert als der Partei- und Staatsgründer Lenin. Und ganz offensichtlich trauert auch Präsident Putin als ehemaliger Geheimdienstoffizier der imperialen Größe der einstigen Sowjetmacht hinterher.

War der Kommunismus vielleicht etwas ganz anderes als die einst mächtigen Parteiführer vorgaben? Diese Frage zu stellen, heißt sie zu beantworten, schreibt Gerd Koenen in der "Farbe Rot":

War das übergeordnete Ziel der Kommunisten überhaupt "der Kommunismus" im Sinne der schönen, unangreifbaren Marx’schen Vorstellung einer "Association, worin die freie Entfaltung eines Jeden, die Bedingung der freien Entfaltung Aller" wäre? Oder war die "kommunistische" sprich kollektivistische, staatliche Zusammenfassung aller menschlichen und materiellen Ressourcen in den Händen einer angeblich wissenschaftlich erleuchteten, diktatorisch herrschenden Partei und Machtelite nicht eher nur ein Mittel zu anderen, viel handgreiflicheren sozialen, nationalen und imperialen Zielsetzungen, die diesen Parteien und Staaten auch den entscheidenden Teil ihrer historischen Binde- und Durchschlagskraft geliefert haben?

Gerd Koenen "Die Farbe Rot"

Mit Lenin begann das Unheil

Für Gerd Koenen begann das Unheil mit Waldimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, der sich mit seinen Theorien von der Tradition der älteren, marxistisch orientierten, europäischen Sozialdemokratie verabschiedete. Es war Lenin, der die innerparteiliche Demokratie abschaffte und eine Kaderpartei ins Leben rief, mit der er Russland aus den Angeln heben wollte. Mit Gewalt und List putschte Lenin die Bolschewiki 1917 an die Macht gegen die freiheitlichste Regierung, die Russland bis dato und womöglich jemals gesehen hat. Und es war Lenin, der 1922 den berüchtigten Terrorparagraphen 58 des sowjetischen Strafgesetzbuches entwickelte, mit dem Stalin seine Menschheitsverbrechen juristisch untermauern konnte.

Wer oder was hat Stalin ermöglicht?

Von Beginn an stand die Herrschaft der Bolschewiki auf sehr wackligen Füßen, weshalb sich zunächst Lenin, später aber Stalin in unvorstellbar größerem Maße genötigt sah, die Diktatur durch Furcht und Schrecken zu sichern und darüber hinaus mit Hilfe von Millionen Gulag-Häftlingen, das heißt mit Sklavenarbeitern, die Industrialisierung und Modernisierung des riesigen Reiches voranzubringen. Ob Stalin eine gewisse Befriedigung empfand, wenn er Nacht für Nacht die Todeslisten unterschieb, worauf Historiker hingewiesen haben, sei nicht wirklich relevant, sagt Gerd Koenen. Wichtiger sei die Frage, wer oder was Stalin ermöglicht hat: Die Partei Lenins.

Zur Person: Gerd Koenen wurde 1944 geboren. Er ist Historiker und Publizist. Bis 1982 war er ein führendes Mitglied des Kommunistischen Bund Westdeutschlands (KBW), danach u.a. Redakteur der Zeitschrift "Pflasterstrand" sowie Mitarbeiter des russischen Schriftstellers und Humanisten Lew Kopelew. Seine Bücher "Utopie der Säuberung", "Das rote Jahrzehnt" und "Vesper, Ensslin, Baader" waren Bestseller. 2007 wurde Koenen mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Diskurs | 23. September 2017 | 19:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. September 2017, 09:55 Uhr

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