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Bildrechte: Pawel Sosnowski

RezensionGlänzende Perfektion: "Alice im Wunderland" an der Staatsoperette Dresden

05. Dezember 2023, 09:30 Uhr

Alice im Wunderland, der Kinderbuchklassiker, der seit 1865 auch Erwachsene begeistert, ist jetzt auch als Ballett an der Staatsoperette in Dresden zu erleben. Das Programmheft verweist darauf, dass dies ein Ballettabend frei nach Lewis Carrols "Alice im Wunderland" und der Fortsetzung "Alice hinter den Spiegeln" sei. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Wolfgang Schilling hat die Premiere für MDR KLASSIK besucht.

von Wolfgang Schilling, MDR KLASSIK

Das, was sich der Ballettchef der Staatsoperette, Radek Stopka, mit dem Mann für Bühne, Licht und Video, Guido Petzold und dem Kostümdesigner Thorsten Fietze ausgedacht hat, ist eine geniale Show, die auch auf den ganz großen Bühnen dieser Welt bestehen würde.

Man merkt, hier ist ein hoch motiviertes Tänzerensemble unterwegs, das im sonstigen Staatsoperettenalltag auch mal musikalisch und darstellerisch gefragt ist. Hier paart sich individuelle künstlerische Meisterschaft mit Natürlichkeit im Spiel, das zur Musik von Sven Helbig abläuft. Der Komponist aus Dresden ist bekannt als Grenzgänger zwischen klassischer symphonischer Musik und zeitgenössischer Elektronik. Ein Mann, der auch schon für die Shows von Rammstein gearbeitet hat und zusammen mit den Pet Shop Boys deren Ballettmusiken "The Most Incredible Thing" und "A Man From The Future" arrangiert hat.

Realität trifft auf digitale Welten

Der live gespielte Alice-Soundtrack beginnt mit einer Ouvertüre im Stil minimalistischer Filmmusik. Die Bühne ist eine riesige Leinwand mit einem Wolkenmotiv, auf dem der Stücktitel zu lesen ist und in das mit den ersten Takten der Musik Bewegung kommt.

Das Bühnenbild dieser Inszenierung überzeugt. Bildrechte: Pawel Sosnowski

Das Publikum erlebt einen Trickfilm, ein Videospiel-Opener vom Feinsten. Es fliegt gleichsam durch die Wolken, schaut aus der Vogelperspektive auf einen sich scheinbar dreidimensional aufbauenden Stadtplan von London, wird in diesen hinein gezoomt und rast im Zick-Zack-Kurs auf das Haus zu, in dem die kleine Alice mit ihren Eltern wohnt. Dessen Innenleben wird hinter einem Gazevorhang plötzlich ganz real. Hier und auch später immer wieder, vermengen sich reale und digitale Welten auf wundersame Weise. Insofern gleich zu Beginn ganz großes Kino.

Tanz ohne Grenzen

Tänzerisch glänzt die Dresdner Inszenierung fachübergreifend. Bildrechte: Pawel Sosnowski

Die Compagnie der Staatsoperette ist von Haus aus mit allen tänzerischen Wassern gewaschen. Diese Truppe ist im klassischen und modernen Fach ausgebildet, sie kann aber auch Hip-Hop und steppen wie die Teufel. Und sie hat artistische Talente in ihren Reihen, die wie die Luftakrobatin Nina Kemptner, auch mit dem Vertikaltuch auf atemberaubende Weise die Dimension der Höhe mit ins Spiel bringt.

Drei Trommler sind dabei, die so wirken, als hätte man sie bei Stomp ausgeborgt. Gutes Stichwort, mit Philip Lehmann und Felix Roßberg hat man für das Duo Zwiddeldum und Zwiddeldei bei der Breakdance-Formation "The Saxonz" zwei überaus coole Gäste für dieses spezielle Bewegungsmuster gefunden.

Eine Alice aus dem Bilderbuch

Melania Mazzaferro in der Titelrolle ist eine absolute Sympathieträgerin, die mit mädchenhafter Leichtigkeit durch einen mal rasanten, mal poetisch choreografierten Bilderbogen tanzt und dabei allen technischen Herausforderungen gerecht wird. Doch hier gilt es nicht nur eine Krone zu verteilen.

Melania Mazzaferro bringt als Alice viel Leichtigkeit auf die Bühne. Bildrechte: Pawel Sosnowski

Christian Vitiello weiß als blaue Raupe im Stil eines burmesischen Tempeltänzers mit einem vielfüßigen Ensemble in seinem Schlepptau auch erotisch zu überzeugen. Vladislav Vlasow ist eine im wahrsten Wortsinn überragend böse Herzkönigin und tanzt mit Kseniya Pogorilyak als nahezu klitzeklein erscheinenden Herzkönig einen urkomischen Pas de deux. Die choreografische Kreativität von Ballettchef Radek Stopka scheint unerschöpflich.

Teamwork und Perfektion

Die gesamte Inszenierung ist in ihrer Präzision perfekt. Zwischen dem, was unter der Stabführung von Johannes Pell aus dem Graben kommt und dem, was dazu oben auf der Bühne abläuft, gibt es keine Millisekunde an Verschiebung. Selbst die meterlangen Stoffbahnen der Vertikaltücher von Nina Kemptner als weißer Königin entschweben, bildschön und präzise auf den Schlussakkord ihrer Szene getimt, aus dem Bild. Hier beweist ein offensichtlich glänzend aufgelegtes und eingespieltes Team, wozu das Ballett der Staatsoperette in Dresden, mit allen zusammen, die neben, hinter und über der Bühne agieren, fähig ist.

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Dieses Thema im Programm:MDR KLASSIK | MDR KLASSIK am Morgen | 04. Dezember 2023 | 08:40 Uhr