KBV-Chef Gassen Zunehmende Gewalt in Arztpraxen – Konsequenzen gefordert
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14. August 2024, 07:49 Uhr
Deutschlands niedergelassene Ärzte beklagen zunehmende Patienten-Gewalt in Praxen. Der Kassenärzte-Chef kritisiert, dass aggressives Verhalten, verbale Bedrohungen und Tätlichkeiten bislang null Konsequenzen hätten.
- Kassenärzte-Chef Andreas Gassen beklagt eine zunehmende Gewalt von Patienten gegen Ärzte.
- Gassen fordert Bundesjustizminister Marco Buschmann auf, die geplante Verschärfung des Strafrechts auszuweiten.
- Der FDP-Politiker reagiert und will sich mit Gassen zusammensetzen.
Die niedergelassenen Ärzte beklagen zunehmende Gewalt von Patienten. Der Vorstandschef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, sagte der "Neuen Osnabrücker Zeitung", aggressives Verhalten, verbale Bedrohungen bis hin zu Tätlichkeiten seien ein wachsendes Problem in den Arztpraxen: "Nicht nur in Notaufnahmen, auch bei den Niedergelassenen eskaliert die Lage immer öfter."
Gassen beklagte, dass ein solches "asoziales Verhalten" bislang null Konsequenzen habe. Die Politik habe das Problem noch nicht ausreichend auf dem Schirm. Der KBV-Chef forderte Bundesjustizminister Marco Buschmann auf, sein Gesetz zum besseren Schutz von Einsatzkräften auf die Arztpraxen auszuweiten.
Gassen: Strafrecht-Verschärfung ausweiten
Der FDP-Politiker Buschmann will das Strafrecht verschärfen, um Notärzte, Polizei und Feuerwehren besser schützen zu können. Wer Retter angreift, soll in Zukunft härter bestraft werden. Auch Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren, sollen dadurch besser geschützt werden.
Um Arztpraxen geht es in dem Gesetzentwurf aber nicht. Gassen fordert, das Strafgesetz an der Stelle zu verschärfen. Es brauche in solchen Fällen deutliche und schnelle Strafen, sonst komme die Botschaft bei einigen Menschen nicht an.
Buschmann: "Werden uns zusammensetzen"
Noch am Dienstag reagierte Buschmann auf die Kritik des KBV-Chefs: "Wir wollen Rettungskräfte wie Feuerwehrleute, Polizisten oder auch das medizinische Personal in den Notfallambulanzen besser vor Anfeindungen und Gewalt schützen. Denn in ihrer Tätigkeit führt jede Art von Verzögerung oder Blockade zu besonderen Gefahren", sagte er der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Ob man solche besonderen Situationen vergleichbar auch in den Arztpraxen habe, wolle er mit Gassen persönlich besprechen: "Wir werden uns zusammensetzen", kündigte Buschmann an.
Auch Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach reagierte: Er schrieb auf dem Online-Portal X, dass Gewalt und Gewaltandrohungen gegen Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte stärker bestraft werden müssten. "Uns droht so schon ein ganz massiver Arztmangel, Praxen können nicht wieder besetzt werden." Man arbeite an einem Gesetz zur Strafverschärfung.
Verband Medizinischer Fachberufe unterstützt Forderung
Der Verband Medizinischer Fachberufe unterstützt derweil Forderungen nach härteren Strafen für Angriffe. Verbandspräsidentin Hannelore König sagte MDR AKTUELL, es sei erschreckend, dass neun Prozent der Angestellten in den vergangenen drei Jahren häufig Erfahrungen mit verbaler oder körperlicher Gewalt gemacht hätten. Daher müssten Praxen auch Schutzkonzepte entwickeln.
Sachsen-Anhalt: Zahl der Angriffe leicht gesunken
Immerhin: In Sachsen-Anhalt ist die Zahl der Angriffe auf Rettungsdienste und Feuerwehren laut Landeskriminalamt im vergangenen Jahr leicht von 144 auf 121 gesunken. Auch für das erste Halbjahr 2024 hält der rückläufige Trend an. Allerdings sind die Zahlen immer noch höher als vor der Corona-Pandemie: Im Jahr 2019 hatte es den Daten zufolge nur 81 Angriffe in Sachsen-Anhalt gegeben.
Der Leiter der Johanniter-Rettungswache in Naumburg, Sven Siebert, sagte MDR AKTUELL, er habe bisher Glück gehabt. Aber er kenne Kollegen, die im Einsatz bereits angegriffen worden seien. "Das fängt an mit Faustschlägen in den Bauchraum und mit Angreifern, die mit gezogenem Messer vor einem stehen", sagte Siebert. "Und das endet in den alltäglichen verbalen Angriffen und Beleidigungen. Das komplette Repertoire."
Die Gründe für solche Angriffe sind vielfältig: Drogen- oder Alkoholsucht, psychische Erkrankungen, Demenz. Aber auch ein neuer Faktor sei hinzugekommen, sagte Sven Siebert: "Menschen, die mit der Gesellschaft oder dem Staat nicht zufrieden sind. Diese Menschen sehen den Rettungsdienst als Organ des Staates und lassen an uns ihren Unmut aus, obwohl der Rettungsdienst nichts mit dem Staat zu tun hat."
MDR/AFP/dpa/kna (dni)
Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | Das Nachrichtenradio | 13. August 2024 | 07:00 Uhr