Aberglaube Schaltjahr: Steht uns ein "Katastrophenjahr" bevor?

"Schaltjahre sind Katastrophenjahre", besagt der Aberglaube. In diesen Jahren sollte man keine Häuser bauen und keine Ehe schließen. Am Schalttag geborene Kinder müssen nicht nur damit klarkommen, nur alle vier Jahre ihren richtigen Geburtstag feiern zu können, sondern auch, von Geistern heimgesucht zu werden. Und zu allem Überfluss wird es so richtig kalt, besagt eine Bauernregel. Müssen wir 2020 also mit dem Schlimmsten rechnen?

Die Datumsanzeige an einem Kalender steht auf dem 29. Februar.
Sind Schaltjahre tatsächlich Unglücksjahre? Bildrechte: dpa

2020 ist Unheil zu erwarten – zumindest wenn man auf den Aberglauben vertraut. Denn der besagt: "Schaltjahre sind Katastrophenjahre". Müssen wir 2020 mit so vielen toten Prominenten rechnen wie im Schaltjahr 2016? Sollten wir keine Häuser bauen, keine Ehen schließen und auch generell einfach die Decke über den Kopf ziehen? Nein, natürlich nicht.

Schon die Römer bangten im Schaltjahr

Der Aberglaube, Schaltjahre seien Unglücksjahre, geht wohl auf die alten Römer zurück. Für sie war das Konzept des Schalttages alle vier Jahre noch recht neu. Erst Julius Cäsar übernahm diesen Kalender von den Ägyptern und benannte ihn nach sich selbst – den Julianischen Kalender.

Julius Cäsar
Julius Cäsar (100 v. Chr. - 44 v. Chr.) Bildrechte: imago/UIG

Einer bestimmten Personengruppe, die an einen unglücksbringenden Schalttag glaubt, lässt sich der Aberglaube heute nicht zuordnen. Rüdiger Reinhard vom Blog "Der Goldene Aluhut", der sich mit Aberglaube und Verschwörungstheorien befasst, meint, dass eher noch ältere Menschen dieser Idee zugetan seien, "bei denen vielleicht noch von den Eltern die Tradition bekannt ist".

Horst Junginger, Professor für Religionswissenschaft und Religionskritik an der Uni Leipzig, betont zudem, dass der Aberglaube um den 29. Februar und die damit in Verbindung gebrachten Absonderlichkeiten in ihrem Einfluss ziemlich zurückgegangen seien. Vor allem die Berichterstattung halte ihn am Leben.

Abweichung von der Norm

Doch wie kam der Schalttag ursprünglich zu seinem schlechten Ruf? Gerhard Mayer, Geschäftsführer der Gesellschaft für Anomalistik, zieht das "Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens" zu Rate. Dort steht: "Das Schaltjahr ist im Volksglaube, wie alles vom Normalen und Geregelten Abweichende, unglückbringend."

Religionswissenschaftler Horst Juninger erklärt, "wie man von der Kognitionsforschung weiß, ist es vor allem das Bizarre und Absonderliche, das überproportional memoriert wird und das sich dadurch intensiver als anderes im individuellen wie kulturellen Gedächtnis festsetzt".

Davon kann sich der einzelne schon beeinflussen lassen. "Schuld ist oft auch ein Bestätigungsfehler, ein 'Confirmation Bias', den man begeht, wenn man Ereignisse unbewusst mit dem Schaltjahr oder Schalttag in Verbindung bringt", erklärt Rüdiger Reinhard. "Man zieht falsche Schlüsse und hat dann quasi einen Nocebo-Effekt: Man hat eine schlechtes Gefühl, weil man ein schlechtes Gefühl erwartet."

Geisterbegegnungen – "Ein Riss im normalen Gefüge"

Solch ein schlechtes Gefühl treibt dann die tollsten Blüten, wenn es um die Zuschreibung von Unheil an diesem Tag geht: Menschen, die am Schalttag, also dem 29. Februar, geboren wurden, gelten als Unglückskinder. Ihnen wird zugeschrieben, Geister sehen zu können oder von ihnen besessen zu sein. Ob wirklich mehr Menschen mit diesem Geburtstag von Geisterbegegnungen zu berichten wissen, kann Gerhard Mayer nicht sagen, dazu lägen ihm keine Studien vor. Doch der Glaube daran hänge sicher auch mit der Abweichung vom Normalen zusammen.

Der Schalttag ist wie ein Riss im normalen Gefüge.

Gerhard Mayer, Geschäftsführer der Gesellschaft für Anomalistik

Ähnliche Vorstellungen seien mit den Tagen "zwischen den Jahren" bzw. den "Rauhnächten" verbunden, wo ebenfalls ein Grenzübergang mit einer ambivalenten Situation zwischen altem und neuen Jahr entstehe, die sich besonders für Geisterbeschwörungen und -austreibungen eigne. Denn während dieser Zeit sei nach volkstümlichen Vorstellungen die Grenze zwischen der diesseitigen und jenseitigen Welt besonders dünn.

Schaltjahr-Ehen werden geschieden

Vom Unglück verfolgt sind im Schaltjahr aber nicht nur die, die am 29. Februar Geburtstag haben.

Brautpaar
Verliebte lassen sich vom Schaltjahr nicht beirren. Bildrechte: Colourbox.de

In einem Schaltjahr sollte niemand große Lebensentscheidungen treffen, besagt der Aberglaube. So sollten Verliebte zum Beispiel nicht heiraten. Vor allem der 29. Februar als Hochzeitstermin bringe Pech. So eine Ehe halte nicht.

Beim Standesamt Dresden ist von solch einer Angst allerdings nichts zu spüren. Im Gegenteil: Auf Anfrage teilte das Standesamt mit, dass alle Trauungstermine für den 29. Februar bereits ausgebucht sind. Dieser Tag sei sogar – neben Freitag dem 13. – ein besonders beliebtes Datum.

Der Aberglaube spielt für diesen Tag offensichtlich nur eine untergeordnete Rolle.

Standesamt Dresden

Vielleicht bringt der 29. Februar als Hochzeitstag sogar etwas mehr Eheglück: Man kann ihn nur alle vier Jahre vergessen. Und etwas Glück in der Ehe muss dabei sein – Schaltjahr hin oder her – denn immerhin wird in Deutschland laut Statistischem Bundesamt knapp jede dritte Ehe wieder geschieden. Eine Erhebung, wie viele davon in einem Schaltjahr oder gar am 29. Februar geschlossen wurden, gibt es aber nicht.

Bloß kein Haus bauen

Ein Holzhäuschen liegt auf einem bunten Grundriss
Beim Hausbau sollte man sich nicht von Kalender leiten lassen. Bildrechte: imago/Gerhard Leber

Wer plant, 2020 ein Haus zu bauen, sollte das Schaltjahr vielleicht lieber abwarten. Eine solch große Unternehmung soll in einem Jahr mit 29. Februar zum Scheitern verurteilt sein. Gleiches gilt für jede andere große Investition. Ein Aberglaube allerdings, von dem man weder bei den Bauindustrie-Verbänden noch  Wirtschaftsforschungsinstituten gehört hat.

Es gebe zwar einen statistischen Kalendereffekt, der darauf beruhe, dass die Anzahl der Arbeitstage von Jahr zu Jahr leicht schwanke. Ein Schaltjahr habe eben einen Tag mehr. Größeren Einfluss habe aber, wie die Feiertage in den Jahren lägen, erklärt Oliver Holtemöller vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Zu einem merklichen Einfluss von Aberglaube auf wirtschaftliche Entscheidungen lägen dem IWH keine Erkenntnisse vor.

"Schaltjahr ist Kaltjahr"

Auch die Landwirte lässt der Aberglaube nicht kalt. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn eine Bauernregel besagt: "Schaltjahr ist Kaltjahr". In diesen Jahren sei es kalt und es wachse weniger.

Das stimme natürlich nicht, erklärt Andreas Brömser vom Deutschen Wetterdienst (DWD). Es gebe keinen Zusammenhang zwischen Schaltjahren und der Jahresmitteltemperatur. Für eine solche Abweichung müsste es eine regelmäßige vierjährige Änderung der Witterung geben, eine solche sei nicht bekannt.

Es gibt keine Phänomene, die im Schaltjahr anders sind. Die Festlegung, welche Jahre Schaltjahre sind, stammt vom Menschen. Von Natur aus dauert jedes Jahr gleich lange: rund 365 ¼ Tage.

Andreas Brömser, Deutscher Wetterdienst

Auch die besonders kalten Winter des 20. Jahrhunderts in den Jahren 1928/29, 1939/40, 1940/41, 1941/42, 1946/47 und 1962/63 fielen nicht auf Schaltjahre (ausgenommen 1939/40), sagt Brömser. Ob "Schaltjahr ist Kaltjahr" überhaupt eine "echte" Bauernregel ist, sei fraglich. Vielleicht komme das Sprichwort daher, dass der Winter – kalendarisch  gesehen – einen Tag länger dauere, "oder vielleicht einfach nur, weil es sich so schön reimt".

Keine Panik

Warum ist dieser Aberglaube also nicht schon längst verschwunden – nach immerhin gut 2.000 Jahren? Nikil Mukerji ist Vorsitzender des Wissenschaftsrats der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP). Er sagt: "Was Ihnen wann passiert, hat sicher einen Einfluss darauf, ob Sie einen Aberglauben entwickeln." Es müsse ja aus Gründen der Wahrscheinlichkeit eine kleine Anzahl von Menschen geben, denen in Schaltjahren – und nur dann – etwas Schlechtes passiere. "Dass solche Unglücksvögel dann davon ausgehen, dass Schaltjahre Unglück bringen, ist menschlich sehr leicht nachvollziehbar".

Ob sich daraus dann aber immer ein Aberglaube entwickeln muss, hänge stark vom eigenen Denkstil ab. Generell helfe kritisches Denken und Faktenkenntnis gegen jede Form des Aberglaubens. Dem kann sich auch Religionswissenschaftler Horst Junginger anschließen. Er betont: "Solange der Aberglaube individuelle Marotte bleibt, geht keine Gefahr von ihm aus. Erst wenn aus ihm allgemeine Forderungen abgeleitet werden, sollte man anfangen, sich Sorgen zu machen. Das beste Gegenmittel gegen den Glauben an Unsinn ist Bildung."

Wenn man sich all das vor Augen führt, sollte man eigentlich sehen, dass Schaltjahre im Grunde etwas Beliebiges sind, die mit unserem Glück oder Unglück nichts zu tun haben sollten.

Nikil Mukerji, GWUP

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 31. März 2016 | 10:45 Uhr