MDR INVESTIGATIV - Hinter der Recherche (Folge 29) Podcast-Transkript: Schwul, lesbisch, trans – queer in der Provinz

Audiotranskription

In der thüringer Kleinstadt gab es am 10. Juli 2021 den ersten Christopher-Street-Day. 600 schwule, lesbische, trans, intersexuelle, bisexuelle queere Menschen feierten ein friedliches buntes Fest. Im Vorfeld gab es massive Anfeindungen und Drohungen gegen die Veranstalter. Queere Menschen haben es auf dem Land besonders schwer. Es gibt kaum Möglichkeiten sich zu treffen, sich zu vernetzen – und Ablehnung und Vorbehalte sind hier noch immer groß.
Im Gespräch: Carolin Haentjes

Mehrere Demonstrierende vor dem Theater in Altenburg.
Bildrechte: MDR/Andreas Dreißel

INTRO O-TON Torge

Letztes Jahr bin ich ein paar Mal mit Nagellack über den Markt gelaufen und dann irgendwann so: „Ey Du Scheißschwuchtel..!“ oder was auch schon mal vorkam: „ Dich kriegen wir auch noch!“ Und da bekommt man denn so ein bisschen Angst.

Intro Moderation Secilia Kloppmann

Willkommen zum Podcast „MDR Investigativ hinter der Recherche“. Ich bin Secilia Kloppmann und arbeite für die politischen Magazine des Mitteldeutschen Rundfunks. In dieser Folge soll es ums schwule, lesbische trans bis queere Leben in der Provinz gehen.

INTRO Gespräch Carolin Haentjes und Torge

Was würdest Du denn sagen - wie ist denn das so, als queerer Mensch in Altenburg zu sein?

Schon nicht ganz so geil, irgendwie … das liegt auch so an diesem „Nagellackprinzip“ irgendwie. Also ich stand bei Rossmann an der Kasse... und da war eine junge Mutter 25, 26 würde ich mal schätzen mit ihrer Tochter. Und die sagt: „Mama, guck mal, der Mann trägt Nagellack!“. Und da hat die Mutter gesagt: „Schau weg, der ist krank.“

Secilia Kloppmann SK

Torge ist quer, manchmal die Queen und manchmal ganz wild, manchmal sie manchmal er. Seit anderthalb Jahren lebt Torge im thüringischen Altenburg 36.000 Einwohner, ganz im Osten des Freistaats. Torge hat den ersten CSD Christopher Street Day in Altenburg organisiert. Der war am vergangenen Samstag und mit dabei in Altenburg als Reporterin war meine Kollegin Caroline Haentjes. Und die ist jetzt hier bei mir im Podcast zu Gast. Ich freue mich, dass du dir Zeit genommen hast. Carolin

Hallo

Du kommst gerade frisch aus dem Schnitt, hast ganz viel gearbeitet die letzten Tage, warst am Samstag dann noch einmal vor Ort in Altenburg beim Christopher Street Day. Erzähl uns doch mal ganz kurz so ein bisschen wie das war - deine Eindrücke von diesem Tag...

Carolin Haentjes CH

Eine CSD-Demonstration in einer Straße in Altenburg.
600 Menschen feiern beim CSD in Altenburg ein buntes fröhliches Fest im Zeichen der Regenbogenfahne Bildrechte: MDR/Andreas Dreißel

Ich fands ehrlich gesagt total toll, weil ich habe das noch nie erlebt. So eine Stadt in Thüringen, eine Provinzstadt, habe ich noch nie so gesehen wie am Samstag mit ganz viel Pink, ganz viel Regenbogenfarben, ganz vielen jungen Leuten - auch jetzt gerade nach Corona – es war einfach ein schönes Fest gewesen. Ich habe auch viel nachgedacht danach. Ich war vorher schon auf Christopher Street Days, in Köln zum Beispiel oder in Berlin oder in Hamburg. Und das fand ich auch immer toll. Aber das hatte da eben mehr Straßenfest-Charakter. Und mir ist nie so richtig klar geworden, glaube ich, warum ein Christopher Street Day so wichtig ist und das hab ich da aber (in Altenburg) eben verstanden. Der CSD ist in Erinnerung an die Stone Wall-Unruhe entstanden. Anm. d. Red.: „Stonewall“ war eine Schwulenbar in der Christopher Street in New York City. Da gab es Aufstände wegen brutaler Polizeirazzien in Schwulen- und Lesben-Clubs. Und das war so der Anfang vom politischen Aufbegehren und in Altenburg hat sich das auch so angefühlt, wie ein politisches Aufbegehren. Weil sonst eben dort keine queere Szene in dem Sinne ist, und auch keine Sichtbarkeit und auch sehr viel Vorurteile gegenüber queeren Menschen.

SK:

Ich habe auch so ein bisschen die Nachrichten verfolgt und habe wirklich am Samstag immer mal so ein bisschen bang auf die App geguckt und habe gedacht oh, hoffentlich passiert da nichts, dass dieses Fest gestört wird. Das war ja auch nicht so unbegründet. Oder?

CH:

Mehrere Menschen mit Regenbogenflaggen stehen auf einem Platz.
Am 10. Juli gabs der ersten CSD in Altenburg. Bildrechte: MDR/Andreas Dreißel

Nein, genau. Mir war auch bang. Also ich habe mich auch gefragt, was da passieren würde, weil es eben Mobilisierung von rechten Gruppen vorher gab, weil es Anfeindungen gab. In der Woche wurde auch ein Auto angesprüht, das mit einem Plakat von CSD geworben hatte. So richtig mit Hakenkreuz und Pipapo. Da habe ich mich auch gefragt, wie es denn werden würde in der Stadt. Auch, weil es der erste CSD war, wie das insgesamt aufgenommen werden würde. Es wurde dann meinem Gefühl nach tatsächlich ziemlich positiv aufgenommen, also neugierig-interessiert und gar nicht so ablehnend, wie man im Vorhinein hätte denken können.

SK:

Da lass uns später noch mal drüber reden, auch über die Reaktion der Altenburger vor Ort. Das interessiert mich auch sehr. Lass uns nochmal sprechen über Torge, den wir ja auch am Anfang gehört haben. Der ist aus Schleswig-Holstein nach Altenburg gezogen, aus beruflichen Gründen. Der hat diesen Tag organisiert. Erzähl doch mal so ein bisschen, was den eigentlich antreibt? Also der könnt ja auch zum CSD nach Berlin oder Köln fahren und da einfach feiern. Also warum war dem das so wichtig, das Fest zu organisieren?

CH:

Ja, ich glaube, da geht es genau um diese Sache des ursprünglichen Christopher Street Day Spirits. Weil es eben mehr ist als ein Fest oder eine Party. Torge ist da vor anderthalb Jahren hingezogen und hat es ziemlich viel Diskriminierung und Anfeindungen im Alltag erlebt. Zum Beispiel trägt er eigentlich gerne Nagellack, hat aber in Altenburg gemerkt, da reagieren die Leute merkwürdig und sehr ablehnend drauf. Teilweise mit Anfeindungen also, dass ihm auf dem Marktplatz hinterher gebrüllt wird. „Du Schwuchtel, wir kriegen dich noch!“. Und seine Reaktion darauf war eben zu sagen, Nein, so geht das nicht. Ich will zusammen mit anderen Leuten, die auch schwul oder queer sind, einfordern, dass wir hier angstfrei leben können, dass wir Teil dieser Gesellschaft und uns zeigen können, wie wir sind. Und das haben sie eben versucht mit einem Christopher Street. Day. Und der musste natürlich in Altenburg passieren. Denn wenn er in Berlin ist, dann ist das den Altenburgern ziemlich egal

SK:

Als die an die Öffentlichkeit gegangen sind, mit ihrem Plan, diesen Christopher Street Day in Altenburg machen zu wollen, da gab es ja auch sofort Reaktionen und die waren auch nicht unbedingt freundlich. Oder, Caro?

CH:

Genau. Also Torge, der den CSD initiiert hat, der um sich herum eine ganze Gruppe hat. Aber der dadurch eben am meisten im Rampenlicht stand, hat da ziemlich heftige Nachrichten bekommen. Die wurden ihm zugeschickt an seinen privaten Account. Und da hören wir mal ein paar Beispiele

O-TON Torge liest vor:

„Haha, du fette Schwuchtel. Schämt dein Vater sich für dich? Wenn ich dein Vater wäre, dann würde ich dich mit dem Rasenmäher überfahren. Nebenbei noch eine Flasche Bier und ein bisschen Freiwild.“ „Du bist eine Schande für Deutschland!“ oder „ein Schwuchtelfest in Altenburg - das hätte es mit Hitler nicht gegeben. Dich hätte man damals vergast.“ oder auch toll: „Guck dich abends lieber einmal mehr um, wenn du von deinem Büro nach Hause gehst, lach Smiley, Grinse-Smiley.“ „Wir wissen, wo du wohnst. Wir wissen, wo du arbeitest. Du Schwuchtel, wir spucken auf dich“ oder „dein Kopf in einer Guillotine und dann Herzchen“...

SK:

Ich verstehe gar nicht, warum die Leute aufgrund, dass jemand eine andere Art von Sexualität hat, jeglichen Anstand und jegliche Grenzen überschreiten, also im Grunde genommen, könnte es den Leuten doch komplett egal sein...?

CH:

Das ist auch meine persönliche Überzeugung. Ich kann das relativ schwer nachvollziehen. Ich denke mal, die Grundlage davon ist irgendeine Form von Hass, ganz ähnlich wie in Fällen von Rassismus oder Antisemitismus. Das kann man vielleicht vernünftig, oft gar nicht erklären. Und das fällt ja auch alles unter Hasskriminalität. Es ist tatsächlich ein brutaler Angriff auf das Recht auf Freiheit und Würde und und sorgloses Leben von einzelnen Menschen.

SK:

Dass das alles nicht nicht harmlos ist, das zeigt für mich auch der Fall Mario K., der eben auch in Altenburg passiert ist ..

CH:

Genau, der Fall Mario K. Da deuten viele Indizien darauf hin, das Mario K. aus homofeindlichen Gründen getötet wurde. Man kann das nicht mit Sicherheit sagen. Beim Fall Mario K. geht es um ein Tötungsdelikt in Altenburg, das letztes Jahr stattgefunden hat. Letztes Jahr im Februar, da wurde Mario K. von zwei anderen Männern totgetreten. Und sie sagen, sie haben das gemacht, um ihm einen „Denkzettel“ zu verpassen. Der hätte ihnen ein unmoralisches Angebot gemacht. Er hätte gesagt, er würde ihnen Geld geben für Sex. Und das wollten sie quasi nicht auf sich sitzen lassen. Sie sind in dessen Wohnung und haben den totgetreten. Zum einen sagen sie, es war unverschämt, dass er uns gefragt hat, ob wir Sex hätten unter Männern und zum zweiten, weil die Täter immer wieder davon gesprochen haben, sie hätten dort einen Pädophilen umgebracht und ist auch darauf gar keine Hinweise gibt..

SK:

dass heißt, das war quasi so eine Rechtfertigung der war ja pädophil..?

CH:

.. so haben das jedenfalls die beiden Täter gesagt. So sind die auch erwischt worden. Weil einer der beiden Täter in einer Spielothek damit angegeben hat, einen „Kinderficker plattgemacht“ zu haben. Die Opferschutzorganisation Ezra, die in Thüringen Opfer rechter Gewalt berät, sagt, das deutet darauf hin, dass es ein schwulenfeindlicher Mordfall ist. Und es gibt, überhaupt keinen Hinweis darauf, dass das Opfer Mario K. pädophil war. Was aber sehr wohl häufig passiert ist, dass Schwulsein gleichgesetzt wird mit Pädophilie. Das ist was, was Torge auch erlebt. Und daher ist sozusagen die Verbindung Torge, der den CSD organisiert. Dass der in den vielen, vielen Hassmails immer wieder auch Pädophilie-Vorwürfe hört. Oder eben auch. Es gab Werbung für den CSD in einem Auto, das Auto wurde angesprüht, und auch darauf steht dann Zitat: „Pädo-Wichser“. Man sieht also, dort wird Homosexualität mit mit Pädophilie gleichgesetzt. Und das kann eben dann noch natürlich zu Gewalt führen. Das ist dann alles im Kosmos rechter Gewalt, wo ja auch gerne mal sozusagen Todesstrafe für Pädophile gefordert wird. Da fallen ganz viele verschiedene Dinge zusammen. Wir haben also Vorurteile gegenüber Schwulen, homosexuellen Männern. Das wird dann gleichgesetzt mit Pädophilie , also einfach ganz viel Abwehr, ganz viel Vorurteile. Das ist ja das, wovon wir reden. Und deswegen auch sozusagen im Fall Mario K. die Vermutung Hassgewalt, weil das Opfer nicht als Opfer erkannt wird von den Tätern, die keine Reue zeigen und sehr brutal vorgegangen sind.

SK:

Sind das jetzt immer grundsätzlich Täter aus dem rechten Spektrum? Muss man das so sagen? Denn ich komme jetzt auch immer noch mal zu dem politischen Motto, unter dem der CSD in Altenburg gestanden hat. Das war: „Der Regenbogen kennt keinen Braun“, das ist ja ein ganz eindeutiges Statement. Und da habe ich mich jetzt schon gefragt, ob es da eigentlich Diskussionen darum gab, weil ich gar nicht weiß, ob die trans-queer-schwul-lesbische Szene grundsätzlich zum linken Spektrum gehört und die Gegner grundsätzlich zum rechten Spektrum gehören...

CH:

Ja, ich glaube, das sind verschiedene Fragen, die man vielleicht auch ein bisschen aufdröseln muss. Also die erste Frage ist, ist Gewalt gegen queere Menschen, gegen Lesben, Schwule, Transsexuelle immer eine rechte Gewalt? Also kommt die immer von von rechten Rechtsextremen? Nein, das ist wie mit Rassismus wie mit Antisemitismus, das gibt in der ganzen Gesellschaft. Aber darüber habe ich auch noch mal mit der Thüringer Beratung für Opfer rechter Gewalt gesprochen. Es kommt in der ganzen Gesellschaft vor, aber es ist zwangsläufig Teil von rechtsextremen Weltbildern. Und das ist ja auch der Punkt, wo sich quasi rechts erst mal unterscheidet von allem anderen. Wo wir eben nicht einfach von der von der Skala reden, auf der politisches Denken stattfindet, sondern da sind wir tatsächlich im antidemokratischen, autoritären, völkischen Bereich. Und da gibt es natürlich eine Vorstellung davon, dass es eine richtige Sexualität gibt, eine gesunde Sexualität, was Männlichkeit ist, was Weiblichkeit ist. Und deswegen gibt es dort auch - wenn es auch natürlich schwule Nazis gibt. Oder Alice Weidel, die in der AfD ist. Die ist lesbisch. Ja, das gibt es alles. Und trotzdem muss man sagen, zu diesen Weltbildern zählt, dass man eben eine Vorstellung davon hat, was quasi „gesund und richtig“ ist. Und alles andere wird schlechter bewertet. Und - letzter Punkt - zu der Frage, warum gehört das zwangsläufig zu rechter Gewalt? Wenn man zurück in die Geschichte geht, im Nationalsozialismus wurden Homosexuelle auch brutal verfolgt, sind in KZs gelandet, wurden kastriert und ähnliches. Es sind sehr brutale Sachen vorgefallen, die eben zeigen: Mit rechten Weltbildern passt das nicht gut zusammen. Und insofern ist das Motto des Christopher Street Days in Altenburg, dass die sagen, für Rechtsextremismus, reche völkisch denkende Leute ist bei uns kein Platz, nachvollziehbar.

SK:

Aber war das denn für alle Leute, die sich da engagiert haben und auch für die Stadt genauso eindeutig, wie du das jetzt gerade erklärt hast?

Menschen halten ein Banner auf einer Demonstration.
Bildrechte: MDR/Andreas Dreißel

CH: Na ja, ich glaube, das war so ein bisschen das Problem. So klar war es nicht. Es gab viele Diskussionen in und mit der Stadt, aufgrund dieser eindeutigen Positionierung. Oder sagen wir es anders. Es gab in der Stadtgesellschaft über dieses Motto auch so ein bisschen Unklarheit. Wie positioniert man sich dazu? Das hat natürlich auch damit zu tun, dass es der erste CSD war und deswegen einfach die Gepflogenheiten nicht so bekannt waren. Es ist üblich, dass sich CSDs noch ein besonderes Motto geben, das quasi aktuell ist. Das war vielleicht auch nicht unbedingt bewusst in einer Stadt. Deswegen gab es so dieses Gefühl. Moment mal. Warum positionieren die sich jetzt noch in anderer Hinsicht? Und die zweite Frage ist aber eben: Inwiefern muss man sich nach rechts abgrenzen? Inwiefern ist das politisch? Und da fehlt, glaube ich, in Teilen das Verständnis dafür, dass es ein Problem gibt mit rechtem Denken. Das passt nicht. Es ist nicht klar, dass rechtes Denken rechtsextremes Denken LSBTI feindlich gegenübersteht und feindlich gegenüberstehen muss.

SK:

Ich denke da zum Beispiel an diesen Altenburger aus dem Film, der übrigens ab Sonntag, den 18., Juli, dann auch zu sehen ist. Auf YouTube unter exactly und auch in der ARD-Mediathek unter dem Titel „Queer in der Provinz“. Und da hast du zum Beispiel, bevor es da losging, einen Mann getroffen, der in Altenburg lebt und der ganz fürchterlich vom Leder gezogen hat. Das fand ich ein sehr, sehr krasses Gespräch. Und ich denke, da hören wir auch noch mal rein

Gespräch

Mann: Das ist eigentlich ne Sauerei, was hier los ist..

Carolin: Ob wir das eine Sauerei finden. Wieso?

Mann: Na hier in Altenburg, einen Schwulentreff. In meinen Augen ist es abnormal.

Na dann erklären Sie mir das doch, ist dich gar kein problem ..

Mann: Da wo andere ihre Notdurft verrichten, da pimpern die sich in den Arsch .. das ist in meinen Augen nicht normal. Das machen Tiere, vielleicht ...

Caro: Wieso interessiert Sie das ehrlich gesagt überhaupt?, weil ich meine, ich interessiere mich ja auch gar nicht dafür, was in ihrem Schlafzimmer stattfindet.

Mann: Ja, ich bin geschieden ...

Carolin: Aber das ist ja ihre Angelegenheit...

Mann: Ich finde das nicht normal, das ist abartig. Solche Leute müssten sie alle kastrieren

Carolin: Das ist ihre ehrliche Meinung???

Mann: ja, ja wo leben wir denn..

CH:

Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Fühle ich mich, hat es einfach total. Wie kam jetzt dieses Gespräch eigentlich zustande? Der kam auf uns zu. Ich glaube, der wollte einfach seine Meinung äußern. Und seiner Empörung Ausdruck verleihen. Ich glaube aus dem spricht eben sehr viel der Gefühle, die dann doch bei einigen Leuten noch vor sich gehen. Also diese ganze Abwehr und Vorurteile und Dinge, die ich nicht nachvollziehen kann. Die aber, glaube ich, diese Anfeindungen und Übergriffe, die ja eben doch Alltag sind, auch in Deutschland antreiben.

SK:

Ja, lass uns nochmal drüber reden, was einem so passieren kann, wenn man nicht der von außen aufgezwungenen Norm entspricht. Wenn man zum Beispiel einfach als Mann gerne Nagellack trägt: Was ich als in den 80er-Jahren sozialisiertes Wesen überhaupt nicht verstehen kann, weil die Helden meiner Jugend von Martin Gore von Depeche Mode bis über Robert Smith von the Cure – natürlich hatten die lackierte Fingernägel und natürlich Kajalaugen Ich kann überhaupt nicht verstehen, wie jemand, der heute halb so alt ist wie ich, so borniert ist und seiner Tochter sagt, sodass, „der Mann ist krank.“ Ich versteh auch überhaupt nicht woher diese Borniertheit kommt...

CH:

Es ist merkwürdig. Ich kann, das kann das auch nicht nachvollziehen. Aber sie scheint sehr präsent zu sein. Und manchmal gibt es ja auch so aus wie einen Backlash. Also ich glaube, in den 80 war in der Popkultur genau anders. Das scheint einige Leute sehr herauszufordern, wenn eine Person, die männlich wirkt, Nagellack trägt.

SK:

Du bist bisexuell, gehörst auch in die Szene. Bist aber zumindest für mich ein totaler Stadtmensch. Wie ist es, wenn du da vor Ort bist? Auf dem Land? Hast du das Gefühl, das ist anders da in der Szene?

CH:

Also klar, klar ist es anders. Ich glaube vor allem, weil es oft gar keine Szene gibt.

SK:

Es gibt ja sowieso schon kaum Kneipen für junge Menschen vermutlich und dann erst recht nicht für queere Leute, oder?

CH:

Ja. Und das macht natürlich am Ende einen riesigen Unterschied. Also viele Dinge, über die ich in den letzten Jahren nicht mehr so viel nachgedacht habe, einfach, weil ich in Städten wie Leipzig oder Berlin gewohnt habe, wo ich mich an Orten bewegen kann, an denen niemand so genau nachfragt, an denen es auch niemand wundert, wo alles irgendwie lockerer gesehen wird. Das ist in kleineren Städten, glaube ich, noch mal noch mal ganz anders. Da gibt es sehr viel mehr Irritationen, wenn eine Frau mit einer Frau unterwegs ist oder ein Mann mit einem Mann, wenn jemand trans ist, zum Beispiel - das wird einfach mehr wahrgenommen. Und für Leute, die queer sind, ist aber so eine Community, und ein Netzwerk total wichtig. Gerade wenn es nicht so einfach ist, in der Familie oder in der Schule oder im Job ... Da gibt es ja ganz viele Orte, wo es schwierig sein kann. Und da ist es wichtig, dass man Verbündete hat und die zu finden kann eben an einem Ort, an dem es keine Netzwerke gibt, schwierig sein. Und das ist nachvollziehbar in Altenburg sehr viel schwieriger als in Berlin.

SK:

Das war ja auch so ein bisschen das, was Torge sich gewünscht hat, diese Vernetzung - hattest du das Gefühl, das dann auch tatsächlich zu diesem Tag die Leute aus der Umgebung angereist sind und sich kennengelernt haben? Oder sind da nur auch wieder die aus Leipzig angereist und haben gesagt ach, lass uns doch mal ein bisschen durch Altenburg tanzen?

CH

Hier, das war eben total toll, weil er Sachen waren, die mir an dem Tag erst so richtig … Man kann sie manchmal durchdenken, aber man muss sie auch fühlen. Und dort ist mit dieser Parade einfach so etwas wie einen Raum entstanden, in dem sich sehr viele Leute frei gefühlt haben und angenommen gefühlt haben. Ich habe mit vielen Leuten gesprochen und gerade jungen Altenburgerin und Altenburger, die dort waren. Die waren sehr, sehr, sehr glücklich, überhaupt mal so einen Raum zu haben, überhaupt mal zu erleben, wie das ist, dass es so viele andere Leute gibt, die irgendwie so sind, wie man selber oder den gleichen Blick auf die Welt haben. Und umgekehrt ja, da waren ja auch viele Leute aus Leipzig, aus Erfurt, teilweise aus Berlin angereist, und die spielen aber natürlich auch eine wichtige Rolle, weil klar, sind die dann vielleicht nur für ein paar Stunden da. Aber die sagen: Ja, wir kommen hierher, weil wir solidarisch sind mit euch, weil wir euch zeigen, so, wir stehen hier für euch ein. Wir kommen hier hunderte Kilometer her, und das ist natürlich ein total starkes und erhebendes Gefühl für Leute, die vielleicht im Alltag sehr viel Einsamkeit erleben.

SK:

2000 Leute hatten sie erwartet, am Ende waren es 600. Erschien mir trotzdem viel auf den Bildern, die ich da im Film gesehen habe. War das für die Veranstalter okay so?

CH:

Ich glaube, es war super. Na klar, kann man sich immer mehr wünschen und vorstellen, dass noch mehr Leute kommen. Aber ich glaube, was wirklich gelungen ist an dem Tag - und darum geht es ja auch - ist eben, einmal diese Vernetzung, das Gefühl, dass empowernde für die Community für Leute, die queer sind, in Altenburg und Umgebung. Und andererseits aber auch eben so ein bisschen Jahr vielleicht, die Berührungsängste abzubauen. Wie gesagt, da gab es im Vorhinein ja viel Unwohlsein. Das hat man gespürt in Altenburg. Ich habe das auch gehört auf dem Marktplatz, ja , hm .. ist ja ok.. Es gab diese ganzen fiesen Anfeindungen und Sprüche. Es gab auch Leute, die sagen, Ja, gut, dann sollen die ihre Demo machen, aber warum müssen die noch den ganzen Tag hier auf dem Marktplatz feiern? Es gab viel Vorbehalte, würde ich sagen, so ein Misstrauen, zusammengezogenen Augenbrauen, mit denen man das so erwartet hat, jetzt kommen die hier alle. Und dann kam dieser CSD und war politisch und hat eingestanden und hat auch gesagt, wir wollen hier sein, wir wollen akzeptiert werden und war dann aber ein total schönes Fest. Und man hat richtig gesehen, wie ganz viele Leute, die vielleicht misstrauisch geguckt haben, gar nicht weggegangen sind, sondern dageblieben sind, dachten na ja.. Musik... das ist eigentlich ganz schön und so viele jungen Leute und die lachen alle. Das das tatsächlich geholfen hat, diese Berührungsängste abzubauen. Denn oft geht es ja auch darum, dass man einfach mal, dass man es einfach mal sieht. Ja, ja, da kommen dann eben diese ganzen Angstbilder, die vielleicht irgendwo kreiert werden. Misstrauen kennt man nicht Ogottogott. Und nun sieht man die Leute und denkt ach, ist ja eigentlich ganz schön. Und das ist, glaube ich, wirklich gelungen. Insofern war das echt ein gutes Konzept, glaube ich. Und vielleicht dann auch ganz gut, das es nur 600 Leute waren - dann fühlte sich Altenburg nicht so überrannt.

SK:

Gab es denn eigentlich irgendetwas, was dich total überrascht hat, bei dem CSD in Altenburg? Du warst ja schon auf anderen CSDs? ..

CH:

Also mich hat tatsächlich überrascht, wie jung die Leute waren. Also ganz viele Leute unter 18 und tatsächlich auch einen Überhang von weiblichen Personen oder Personen, die ich jetzt erstmal weiblich lesen würde. Darüber habe ich viel nachgedacht. Ich glaube, das hat verschiedene Gründe. Also einmal, weil natürlich in der Community die verschiedenen Gruppen unterschiedlich stark von Diskriminierung betroffen sind. Und ich glaube, schwule Männer sowie Transpersonen und Interpersonen einfach die heftigsten Anfeindungen erleben und auch die meiste Gewalt da vielleicht einfach ein bisschen mehr Vorsicht ist und gerade auch eben wenn man nicht mehr so jung ist, dass man jetzt noch mit einer gewissen Naivität darangeht oder so. Da gibt es dann vielleicht etwas mehr Vorsicht. Und das andere ist, dass ich den Eindruck habe, dass da vielleicht eine Generation heranwächst, die einfach noch mal einen ganz anderen Umgang hat mit Geschlechterrollen und dem Verständnis von Sexualität, weil ich meine, letztendlich sind das ja alles auch so furchtbar steife Kategorien. Und das finde ich beeindruckend und schön das, dass man sich davon so ein bisschen löst und einfach sagt er ich stehe halt oft Leute, die ich cool finde und ich schön finde. Und das ist erst mal total egal, welchem Geschlecht die sich zuordnen oder ob die jetzt besonders männlich oder besonders weiblich wirken.

SK:

Gab ja auch relativ viel Berichterstattung, auch zum Beispiel bei uns im MDR über diesen CSD. Und dann sieht man diese schönen bunten Bilder, und das war jetzt so, dieses eine Highlight im Jahr. Aber jetzt ist für die Leute in in Altenburg und Umgebung wieder back to normal. Oder?

CH:

Ja, also vielleicht hat sich angefangen, ein kleines bisschen was zu verändern. Und es sind auf jeden Fall neue Freundschaften entstanden und ist eine neue Gruppe entstanden, die dort in Altenburg Dinge organisiert und vielleicht eben auch nicht nur CSD, sondern ein paar andere Projekte. Aber klar, ein bisschen Wehmut gibt es schon bei den Leuten, die das dort veranstaltet haben. Ich habe mit einem eine Mädchen gesprochen, die auch mit organisiert hat. Elaine und die hat gesagt, sie würde sich wünschen, dass jedes Wochenende CSD wär. Das kann ich auch verstehen, weil ich glaube, dass das war schon ziemlich schönes Fest ist. Was echt was Besonderes war für eine Stadt wie Altenburg

SK:

und Du hast immer noch die Regenbogenfarben an deinen Fingern...

CH genau, jedes Mal, wenn ich jetzt auf meine Hand gucke...

SK:

denkst Du an Altenburg.. Carolin Haentjes. Ich danke Dir , dass Du zu Gast warst

Abmoderation:

Den Film von Caroline Haentjes quer in der Provinz. Denen kann man dann ab diesem Sonntag, den 18. Juli auf unserem YouTube Channel exactly und in der ARD Mediathek sehen. Da gibt es dann die bunten Bilder vom fröhlichen Fest, vom CSD in Altenburg. Aber man kann leider auch die Anfeindungen miterleben, denen das Team und der Organisator Torge, dort vor Ort ausgesetzt waren.

Wir hören uns in zwei Wochen wieder. Dann geht es um die AfD. Bisher hat die im Superwahljahr 2021 bei drei Landtagswahlen Stimmen verloren. Nun steht die Bundestagswahl an und die Partei erheblich unter Druck - durch Verfassungsschutzbehörden und vor allem durch den internen Machtkampf, der sich zusehends zuspitzt. Meine Kollegin Jana Merkel hat die Strategien der Partei analysiert, mit AfD-Politikern zum Beispiel dem Co-Parteichef Jörg Meuthen gesprochen und ehemalige AfD Insider getroffen. Ihre Recherche zeigt, dass 2021 ein entscheidendes Jahr für die AfD sein dürfte.

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