Sozialbericht zeigt Niedrigste Löhne in Sachsen, aber die meisten Väter in Elternzeit

Es wurde besser: Das galt in Sachsen zumindest in der Zeit vor der Corona-Pandemie, urteilt Sachsens Petra Köpping. Bis 2019 habe sich vieles in Tippelschritten entwickelt. Luft nach oben zeigt sich aber bei Löhnen, Arbeitsmarktentwicklungen und Fachkräfte-Gewinnung.

Ein Vater mit seinem Kind sieht in ein Bilderbuch
Nirgendwo in Deutschland gehen Väter häufiger in Elternzeit als in Sachsen. Bildrechte: dpa

Jeder zweite Vater in Sachsen geht in Elternzeit. Damit sind die Männer im Freistaat statistisch gesehen als Erziehende bundesweit führend. Das geht aus dem Zweiten Sozialbericht hervor, den Sachsens Sozialministerin Petra Köpping (SPD) am Dienstag vorgestellt hat. Demnach hat sich der Anteil der Kinder, deren Vater Elterngeld bezogen, in zehn Jahren von rund 27 Prozent (2008) auf 54 Prozent (2018) verdoppelt. Heißt: Sachsen hat die höchste "Väterbeteiligung" in Deutschland.

Familienhauptstädte an Pleiße und Elbe

Als Sachsens "Familienhauptstädte" hat der 900 Seiten umfassende Bericht Leipzig und Dresden ausgemacht. Jede dritte Familie (30 Prozent aller Familien im Land) lebt in diesen beiden Großstädten. Dagegen verlaufe die Entwicklung in fast allen Landkreisen umgekehrt: Die Zahl der Familien mit minderjährigen Kindern nahm im Vergleich zu 2005 ab, erklärte die Sozialministerin.

Verbessert habe sich dagegen die Betreuungssituation für die Kleinsten im Land. Bei den Drei- bis Sechsjährigen lag die Betreuungsquote laut Sozialbericht im Jahr 2006 mit 93 Prozent auf hohem Niveau. 2019 stieg sie den Angaben zufolge auf 95 Prozent. Die Kinderbetreuungsquote bei den Ein- bis Dreijährigen sei von 48 Prozent auf 76 Prozent gewachsen und lag damit über dem bundesdeutschen Durchschnitt von 51 Prozent.

Bevölkerungsschwund lässt nach

Der Bevölkerungsschwund in Sachsen habe sich abgeschwächt. "Der Wanderungssaldo ist auf ganz Sachsen bezogen endlich wieder positiv", sagte Petra Köpping. Es seien mehr Menschen zugezogen als weggezogen. Laut Statistischem Landesamt leben in Sachsen 4,04 Millionen Menschen. Die regionalen Unterschiede seien weiterhin groß:

  • in Dresden und Leipzig hat die Bevölkerung zugelegt
  • Landkreise wie Görlitz, der Erzgebirgskreis und der Vogtlandkreis verlieren deutlich an Einwohnerinnen und Einwohnern.

Petra Köpping (SPD), Gesundheitsministerin Sachsen
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Alles in allem kann aber von abgehängten Regionen in Sachsen nicht die Rede sein. Es gibt keine Region, in der sich nur schwierige oder nur positive Lebenslagen ballen.

Petra Köpping sächsische Sozialministerin (SPD)

Neben der Bevölkerungsentwicklung bleibe der Arbeitskräftemangel eine Herausforderung, etwa in der Pflege. Sachsen hat weiterhin eine der ältesten Bevölkerungen im Vergleich aller Bundesländer. Mehr als jede vierte Sachse (26,5 Prozent) ist Köpping zufolge älter als 65 Jahre. Die Zahl der Pflegebedürftigen habe sich zwischen 2005 und 2019 auf rund 251.000 verdoppelt. Bis 2035 sollen rund 282.500 weitere Pflegebedürftige hinzukommen.

Um das Versorgungsniveau halten zu können, müssten rund 8.800 zusätzliche stationäre Pflegeplätze entstehen. Schon bis 2030 bestehe ein Mehrbedarf an Pflegekräften von 12.800 Beschäftigten. Sachsen hat Köpping zufolge bundesweit den höchsten Anteil an Vollzeitpflegeplätzen.

Eine Ergotherapeutin hilft 2011 einer an Demenz erkrankten Bewohnerin im Seniorenheim.
Sachsen hat bundesweit eine der ältesten Bevölkerungen. Gleichzeitig wandern junge erwerbsfähige Frauen ab. Das stellt insbesondere den Pflegebereich vor große Probleme. Bildrechte: dpa

Arbeitsmarkt: Sachsen Schlusslicht bei Löhnen

Rund 1,87 Millionen Menschen im Freistaat sind Arbeitnehmer sowie rund 200.000 selbstständig. Die Arbeitslosigkeit sank von 18,3 Prozent im Jahr 2005 auf 5,5 Prozent 2019. Allerdings gebe es sehr viele Beschäftigte in Teilzeit. Ihr Anteil stieg um 260.000 auf rund eine halbe Million. Davon sind 78 Prozent Frauen. Dagegen sind zwei Drittel der Vollzeitbeschäftigten Männer.

Laut Bericht verharrten die Lohnzuwächse in Sachsen "auf einem niedrigen Niveau". Bei der Ungleichheit der Einkommen und Vermögen liege Sachsen sogar bundesweit auf dem letzten Platz. Der monatliche Nettoverdienst hat sich im Analysezeitraum von 915 Euro auf 1.479 Euro erhöht, auch, weil bei immer mehr Paaren beide berufstätig sind.

Weitere Fakten aus dem Sozialbericht

  • Abwanderung: Junge erwerbsfähige Frauen wandern aus Sachsen ab.
  • Fast alle Regionen haben einen Männerüberschuss bei 20- bis unter 40-Jährigen.
  • Die Zahl der Ehescheidungen je 1.000 Einwohner ist zwischen 2005 und 2018 gesunken, während die der Eheschließungen gestiegen ist.

Leipzig
Die Stadt Leipzig gehört laut sächsischem Sozialbericht zu den Boomregionen mit wachsender Bevölkerung. Bildrechte: imago/Westend61

Bericht zeigt Lebensverhältnisse vor Corona

Für seine Analyse habe das Ministerium "geprüfte Daten" vom Statistischen Landesamt, der Rentenversicherung und der Arbeitsagentur ausgewertet. Allerdings beleuchtet der Bericht den Zeitraum von 2005 bis 2019 und spare aktuelle Krisen wie Corona, Russlands Krieg gegen die Ukraine, Energie und Inflation aus, wie Köpping einräumte. Sie habe Verständnis dafür, dass "die Menschen in unserem Land, die aktuell vor existenziellen Nöten stehen, kein Ohr dafür haben werden, dass es den Sachsen im Schnitt deutlich besser geht als noch vor Jahren", sagte Köpping.

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MDR (wim, kk)/dpa, epd

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Nachrichten | 06. Dezember 2022 | 15:00 Uhr

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