Schüler im Klassenraum
Es kommt immer wieder vor: Schüler bleiben dem Unterricht fern und schaffen keinen Schulabschluss. (Symbolbild) Bildrechte: colourbox

Bildung Mehr Jugendliche schaffen keinen Schulabschluss

In Sachsen-Anhalt brechen 11,4 Prozent der Schüler die Schule ab. Das bedeutet: Sie erreichen nicht den Hauptschulabschluss. Das ist die zweithöchste Abbrecher-Quote bundesweit. Woran das liegt:

MDR-Redakteur Roland Jäger
Bildrechte: MDR/Cornelia Winkler

von Roland Jäger, MDR SACHSEN-ANHALT

Schüler im Klassenraum
Es kommt immer wieder vor: Schüler bleiben dem Unterricht fern und schaffen keinen Schulabschluss. (Symbolbild) Bildrechte: colourbox

Schulabbrecher. Das Wort wirkt wie ein Etikett. Wer es hört, der denkt: Schulabbrecher, das sind Gescheiterte, die einfach keinen Bock auf Unterricht hatten. Schulabbrecher, das waren in Sachsen-Anhalt im Schuljahr 2017/2018 rund 11,4 Prozent eines Jahrgangs – insgesamt 2.004 Jugendliche, die ohne Abschluss und deshalb mit eher schlechten Aussichten auf einen Ausbildungsplatz in ihr Berufsleben starten. Laut einer Studie der Caritas liegt die Rate mit 13,94 Prozent im Jerichower Land sogar noch höher. Bundesweit lag die Abbrecherquote bei nur 6,9 Prozent.

Damit hat Sachsen-Anhalt den zweithöchsten Anteil an Schulabbrechern in Deutschland. Nur in Berlin schaffen noch mehr junge Menschen den Haupt- oder einen höheren Schulabschluss nicht. Die Vermutung, die meisten Schüler hätten einfach "keinen Bock auf Schule" greift als Erklärung dafür zu kurz; die Gründe für die hohe Abbruchquote sind vielfältig.

Förderschüler zählen als Abbrecher

Für Bildungsminister Marco Tullner (CDU) ist das schlechte Abschneiden Sachsen-Anhalts im Bundesvergleich vor allem ein statistischer Effekt. Denn hierzulande besuchen viele leistungsschwache Schüler eine Förderschule. Dort kann der einfachste aller allgemeinbildenden Abschlüsse – der Hauptschulabschluss – aber in der Regel nicht erworben werden. 

Marco Tullner, CDU – Bildungsminister von Sachsen-Anhalt
Bildungsminister Marco Tullner (CDU) fordert, Förderschulzeugnisse als Abschluss anzuerkennen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Tullner sagte MDR SACHSEN-ANHALT: "Ein Abschluss einer Förderschule taucht in dieser Art von Statistik erstmal als 'ohne Abschluss' auf." Er fordere in der Kultus-Ministerkonferenz, die Abgangszeugnisse der Förderschule als Abschluss anzuerkennen. "Am Ende machen die jungen Leute einen Abschluss." Es gebe gute Beispiele für Schüler, die trotz einer Lernbehinderung anschließend auch auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß fassten.

Etwa die Hälfte der Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss in Sachsen-Anhalt kommen von Förderschulen: 1.019 von insgesamt 2.004 Schulabgängern.

"Kein Bock" ist keine Erklärung

Die andere Hälfte der Abgänger ohne Abschluss waren an Sekundar- und Gemeinschaftsschulen. "Kein Bock" ist aber auch für diese 948 Jugendlichen keine Erklärung für ihr Scheitern. Schulsozialarbeiter sprechen von 'Multiproblemlagen', die zu den Schulabbrüchen führen.

Lydia Bütof von der Koordinierungsstelle "Schulerfolg sichern" sagte MDR SACHSEN-ANHALT, es gebe drei Faktoren, die dazu führten, dass Jugendliche die Schule nicht mehr besuchten: Eltern, die selbst eine kritische Haltung zur Schule haben und diese auf ihre Kinder übertragen, können laut Bütof ein Grund sein. Es gebe aber auch angstbedingte Schulvermeidung: "Wenn ein Kind Versagensängste hat, Schulphobie, Trennungsängste, dass es aus diesen Gründen nicht mehr die Schule besuchen möchte." Klassisches Schulschwänzen ist laut Bütof der dritte Faktor, der zu einem Schulabbruch führen kann.

Lydia Büthof Netzwerkstelle Schulsozialarbeit
Lydia Bütof ist die Projektleiterin der landesweiten Koordinierungsstelle von "Schulerfolg sichern" in Sachsen-Anhalt. Bildrechte: Netzwerkstelle Schulsozialarbeit

Das kann von Konfliktsituationen mit Mitschülerinnen und Mitschülern sein, aber auch eine gestörte Beziehung zur Lehrkraft sein, das können auch schlechte Leistungen sein – das sind die großen Faktoren bei Schulabsentismus, die dann auch zu Schulabbruch führen.

Schulsozialarbeit versucht mit Gesprächen Konflikte zu lösen und so den Weg zurück zu regelmäßigen Schulbesuchen und dem erfolgreichen Abschluss zu ermöglichen. Doch die weitere Finanzierung der Schulsozialarbeit in Sachsen-Anhalt ist derzeit unklar. Ein großer Teil des Geldes stammt aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF), der jedoch am 31. Juli 2020 auslaufen wird. Auch wie hoch der Anteil des Landes an der künftigen Finanzierung der Schulsozialarbeit sein wird, steht noch nicht fest – derzeit laufen die Haushaltsverhandlungen.

Bildungsminister Marco Tullner sagte MDR SACHSEN-ANHALT, die bisherige Zahl von ca. 380 Sozialarbeitern an Schulen solle allerdings nicht reduziert werden. Tullner: "Wenn es mit den EU-Verhandlungen schwierig wird, wir das Land mit eigenen Mitteln eingreifen. Sodass eine Absicherung der Schulsozialarbeit auf dem Niveau, wie wir sie bisher haben, auf jeden Fall gesichert ist." Die bisherige Verteilung der Schulsozialarbeiter will Tullner neu strukturieren, kündigte er an.

Lehrermangel verschärft das Problem

Ein weiterer Faktor für den Schulabbruch ist der Lehrermangel. Der Vorsitzende des Landeselternrates, Matthias Rose, sagte MDR SACHSEN-ANHALT, wenn die Unterrichtsversorgung an einer Schule am Seidenen Faden hänge, sei dort niemand mehr in der Lage oder willentlich, Energie in die Förderung von leistungsschwachen Schülern zu stecken. Auch die Eltern seien überfordert.

Wenn ich jetzt von Schulen rede, wo jede dritte Unterrichtsstunde schon gar nicht mehr auf dem Stundenplan erscheint, ist das ein ganz beängstigendes Signal. Dann ist es natürlich eher so, dass Schüler überfordert sind, diesen Unterrichtsausfall irgendwie nachzuarbeiten.

Matthias Rose, Landeselternrat

Kein Abschluss, keine Chance?

Ohne Schulabschluss sind die Aussichten auf einen gut bezahlten Beruf deutlich schlechter, die Wahrscheinlichkeit einmal in die Arbeitslosigkeit zu rutschen dafür erhöht – trotz der aktuell noch guten konjunkturellen Lage. 

Für die 2.004 Schulabgänger ohne Abschluss gibt es aber noch eine zweite Chance: Berufsschulen bieten das "Berufsvorbereitungsjahr" an. Hier werden Jugendliche vor allen Dingen in Praktischen Tätigkeiten unterrichtet und haben die Möglichkeit den Hauptschulabschluss nachzuholen. Im letzten Jahr haben 560 Jugendliche diese zweite Chance genutzt und ihren Abschluss doch noch geschafft.

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Quelle: MDR/rj

Dieses Thema im Programm: MDR S-ANHALT | MDR Fakt ist aus Magdeburg | 30. September 2019 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. Oktober 2019, 12:36 Uhr

1 Kommentar

der_Silvio vor 6 Wochen

Und warum werden dann Fächer wie Deutsch und Mathematik zusammengekürzt?!?

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