ARD-Themenwoche #wieleben Fünf Dinge, die auf Sachsen-Anhalt zukommen

Sachsen-Anhalt schrumpft. Die Zahl der hier lebenden Menschen wird in den kommenden zehn Jahren weiter sinken. MDR SACHSEN-ANHALT hat analysiert, welche Folgen das hat und welche Orte besonders betroffen sind. Eine Serie zum demografischen Wandel in Sachsen-Anhalt.

Alterung und Schrumpfung: Die Zahl der in Sachsen-Anhalt lebenden Menschen wird weiter sinken. Blick von der Burg Arnstein am Rande des Harzes im Landkreis Mansfeld-Südharz.
In nahezu allen Regionen Sachsen-Anhalts wird die Bevölkerungszahl bis 2030 weiter sinken. Bildrechte: Patrick Zimmer | Grafik MDR/Martin Paul

1. Sachsen-Anhalts Bevölkerung wird immer älter

Wäre Sachsen-Anhalt ein eigenständiges Land, so wäre es eine der Nationen mit der weltweit ältesten Bevölkerung. Im Durchschnitt waren die Sachsen-Anhalter im Jahr 2019 fast genau 48 Jahre alt – die Hälfte der Menschen hierzulande ist bereits älter als 50. Im internationalen Vergleich kann bei diesem sogenannten "Medianalter" – also dem Alter, bei dem sich eine Bevölkerung in zwei gleichgroße Gruppen teilen lässt – nicht einmal Japan mit 48,4 Jahren mithalten. Und laut Sachsen-Anhalts aktueller Bevölkerungsprognose wird sich daran auch so schnell nichts ändern.

Bis 2030 – soweit blickt die aktuelle Prognose aus dem Jahr 2016 in die Zukunft – wird Sachsen-Anhalts Bevölkerung noch älter. Das Durchschnittsalter soll dann flächendeckend bei über 50 liegen – mit Ausnahme von Halle und Magdeburg. Die Universitätsstädte weisen im gesamten Prognosezeitraum die mit Abstand jüngste Bevölkerung auf, die bis 2030 sogar noch geringfügig jünger werden soll:

Entgegen des Trends altern allein diese beiden Städte nicht. Dies liegt den Prognosen zufolge vor allem daran, dass mehr Menschen in die Städte ziehen als abwandern und die Zugezogenen zudem jünger sind als diejenigen, die die Städte verlassen. Landesweit führen aber die weiterhin niedrige Geburtenrate, die steigende Lebenserwartung und die Abwanderung vor allem junger Menschen dazu, dass die Bevölkerung insgesamt immer älter wird.

2. Die Bevölkerung wird weiter schrumpfen

Neben der fortschreitenden Alterung wird Sachsen-Anhalts Bevölkerung den Prognosen nach in den kommenden Jahren auch immer weiter zurückgehen. Dieser Prozess ist bereits seit der Wiedervereinigung im Jahr 1990 zu beobachten. Seitdem sank die Einwohnerzahl von über 2,8 Millionen auf knapp unter 2,2 Millionen – das entspricht einem Rückgang von 23,6 Prozent und damit deutlich mehr als in den anderen Neuen Bundesländern. Bis 2030 wird mit einem weiteren Rückgang gerechnet, sodass die Bevölkerungszahl sogar auf einen Wert unter 2 Millionen fallen könnte:

Hauptgrund für diesen Prozess ist dabei nicht die Abwanderung von Sachsen-Anhaltern in andere Bundesländer. Denn bereits seit 2014 haben sich die Wanderungsströme gewandelt und es ziehen wieder mehr Menschen nach Sachsen-Anhalt als umgekehrt. 2019 lag dieser sogenannte "Wanderungsgewinn" bei rund 2.400 Menschen. Überlagert wird diese Entwicklung vom weitaus größeren Geburtendefizit, also der Tatsache, dass pro Jahr deutlich weniger Menschen in Sachsen-Anhalt geboren werden als sterben.

Laut Prognose wird angenommen, dass die Zahl der Lebendgeborenen bis 2030 von jährlich rund 17.000 auf 13.000 sinken wird. Grund dafür ist der Geburteneinbruch nach der Wende. Die Zahl der Frauen, die statistisch betrachtet für eine Geburt in Frage kommen, wird in den kommenden Jahren deutlich sinken. Dem gegenüber stehen jährlich rund 30.000 Sterbefälle, die bis 2030 auf rund 32.000 steigen könnten. Auf eine Geburt kommen dann also rein rechnerisch 2,5 Sterbefälle.

3. Nur wenige Orte werden sich dem allgemeinen Trend widersetzen

Den Prognosen nach werden in den kommenden zehn Jahren nur zwei der 218 Orte in Sachsen-Anhalt mehr Einwohner haben als im Jahr 2014: Magdeburg und Halle. Vor allem die Universitäten und Hochschulen werden dafür sorgen, dass auch künftig viele junge Studierende aus allen Teilen Deutschlands in die beiden größten Städte Sachsen-Anhalts ziehen werden. Dadurch werden die Einwohnerzahl dort noch einige Jahre wachsen und die Bevölkerung im Durchschnitt sogar minimal wieder jünger.

Laut Vorhersage sollen aber auch in Magdeburg und Halle die Einwohnerzahlen ab 2024 bzw. 2025 wieder beginnen zu sinken. Allerdings soll der Prozess so langsam ablaufen, dass zumindest 2030 die Einwohnerzahl noch über dem Ausgangswert zu Beginn der Prognose liegt. Ganz anders sieht es hingegen in den ländlichen Gemeinden aus:

Dort steigt das durchschnittliche Alter, die Einwohnerzahlen hingegen sinken. Gemeinden, in denen aktuell weniger als 5.000 Menschen wohnen, sollen bis 2030 im Schnitt etwa 15 Prozent ihrer Bevölkerung einbüßen. Besonders betroffen wird davon der Landkreis Mansfeld-Südharz sein, ein Beispiel dafür ist die Gemeinde Edersleben an der Grenze zu Thüringen. Wie sich die Einwohnerzahl laut Prognose in Ihrem Ort bis 2030 entwickelt, können Sie der folgenden Grafik entnehmen:

4. Die Rentner werden mehr, die Arbeiter werden weniger

Ein weiterer wichtiger Punkt, der aus der Bevölkerungsprognose hervorgeht: In Sachsen-Anhalt wird die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter (20 bis 66 Jahre) immer geringer. Hauptgrund dafür sind allerdings nicht die prognostizierten Geburten und Sterbefälle in den kommenden Jahren, sondern die Entwicklung der gegenwärtigen Bevölkerung. Vor allem die geburtenstärksten Jahrgänge 1955 bis 1969, die sogenannten Babyboomer, spielen dabei eine entscheidende Rolle. Diese werden in den 2020er massenhaft den Arbeitsmarkt verlassen:

Die Folgen dieser Entwicklung werden einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zufolge nicht nur für Sachsen-Anhalt, sondern wir ganz Deutschland vielfältig sein. Unternehmen müssen sich demnach darauf einstellen, dass immer weniger potentielle Arbeitskräfte verfügbar sind und mit einem erhöhten Personal- und Fachkräftemangel zu rechnen ist. Vor allem aber könnte unser bisheriges Sozialsystem in Schieflage geraten.

Laut IAB ist ein Rentensystem wie das deutsche nicht auf eine schrumpfende Erwerbsbevölkerung ausgelegt. Denn es sei fraglich, ob erwerbstätige Generation groß genug ist, um die Renten für die wachsende Generation der Rentner zu erwirtschaften. Diesem Prozess könnte nach IAB-Angaben zumindest teilweise entgegengewirkt werden.

Und zwar, wenn zum einen die Rahmenbedingungen für die Erwerbstätigkeit von Frauen und Älteren verbessert werden. Und zum anderen Deutschland seine Attraktivität für qualifizierte Zuwanderer erhöht und Migrantinnen und Migranten deutlich stärker in den Arbeitsmarkt und in die Gesellschaft integrieren würde.

5. Sachsen-Anhalt wird noch mehr an politischem Einfluss verlieren

1990 lebten noch rund 2,86 Millionen Menschen in Sachsen-Anhalt, im Jahr 2030 soll diese Zahl gemäß Prognose bis auf 1,99 Millionen sinken. Damit hätte der Einwohnerschwund Stand jetzt auch eine politische Folge. Wenn das Land nämlich weniger als 2 Millionen Einwohner hat, verliert es eine Stimme im Bundesrat und käme nur noch auf drei statt vier Stimmen. Damit hätte Sachsen-Anhalt weniger Einfluss bei der Gesetzgebung auf Bundesebene und in Angelegenheiten, die die Europäische Union betreffen.

Momentan besteht der Bundesrat aus 69 Mitgliedern, die entsprechend der Einwohnerzahlen abgestuft aus den 16 Bundesländern entsendet werden. Die bevölkerungsreichsten Ländern Nordrhein-Westfalen, Bayern, Baden-Württemberg und Niedersachsen kommen somit auf jeweils 6 Vertreter im Bundesrat – Bremen, das Saarland, Mecklenburg-Vorpommern und Hamburg hingegen nur auf je 3.

Darum gibt es Bevölkerungsprognosen

In regelmäßigen Abständen berechnet das Statistische Landesamt, wie sich die Bevölkerung vermutlich entwickeln wird. Das soll wirtschaftlichen und politischen Akteuren dabei helfen, weitsichtige und verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen. Doch die Vorausberechnungen sind nicht fehlerfrei und sie sollen und können es auch gar nicht sein.

Sie entstehen immer auf der Basis von Annahmen, um "die aus heutiger Sicht absehbaren künftigen Entwicklungen aufzuzeigen", wie das Statistische Landesamt schreibt. Ausgehend von einem vorgegebenen Bevölkerungsbestand im Basisjahr wird die Bevölkerung durch Addition der Geburten und Zuzüge sowie durch Subtraktion der Sterbefälle und Fortzüge fortgeschrieben.

Wichtig sei, dass die jeweiligen Prognoseannahmen, die den Berechnungen zugrunde liegen, offengelegt und gut begründet werden. Treten die Entwicklungen so wie prognostiziert ein, unterscheiden sich die realen Zahlen später kaum von denen, die einmal berechnet wurden. Doch beispielsweise Flüchtlingsbewegungen wie im Jahr 2015 und der damit erhöhte Zuzug in Sachsen-Anhalt hingegen können nicht vorhergesagt werden.

Quelle: MDR/mm

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 17. November 2020 | 11:10 Uhr

2 Kommentare

Erichs Rache vor 1 Wochen

Es gibt im bevölkerungsREICHSTEN Land Europas KEINEN DEMOGRAPHISCHEN Wandel!
Es gibt nur eine RÜCKSTÄNDIGE FAMILIENPOLITIK!

s. Gesamtevaluierung der familienpolitischen Leistungen

Schafft das Ehegattensplitting ab!
Es widerspricht der stdg. Rechtsprechung des BVerfG:
"Der Gesetzgeber müsse ... Regelungen vermeiden, die in die freie Entscheidung über die Aufgabenverteilung zwischen den Eheleuten eingreifen könnten (st. Rspr. BVerfGE 61, 319, 346f.;133, 377, 410).“

August vor 1 Wochen

Die Gleichen Probleme wie 1991 nach der Wiedervereinigung nur die größeren Städte sind die Gewinner leider zeigt gerade die Coronapandemie auf das die Digitalisierung um Jahrzehnte verschlafen wurde und viele abgelegene Orte im wahrsten Sinne Schlafdörfer sind.

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