Attraktivitätsforschung Kann man Schönheit messen?

Schlanke Körper, faltenfreie Haut, strahlend weiße Zähne – es gibt eine Reihe von Schönheitsidealen, denen wir unser Leben lang nacheifern. Warum eigentlich? Wer bestimmt, was schön ist und was nicht? Wie lässt sich Schönheit messen? Wir haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gefragt.

Schätzungen zufolge unterziehen sich in Deutschland pro Jahr zwischen 400.000 und 700.000 Menschen einer plastischen Operation. Am gefragtesten sind dabei Brustvergrößerungen, Fettabsaugungen, Nasenveränderungen und Faltenbehandlungen. Derartige Eingriffe gehören zum Alltag von Dr. Christopher Wachsmuth aus Leipzig, Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie. Den Begriff "Schönheitschirurg", wie es umgangssprachlich so oft heißt, mag er nicht. "Das ist so ein plakativer Begriff. Da ist immer die Frage: Was ist Schönheit?"

Bei dieser Frage ist man sich auch in der Ästhetischen Chirurgie uneinig. So meint der US-amerikanische Chirurg Stephen Marquardt, die Proportionen eines gut aussehenden Gesichts ließen sich nach dem Maß des goldenen Schnitts berechnen. Demnach entspreche das ideale Verhältnis von Nasenbreite zu Mundbreite dem goldenen Schnitt. Christopher Wachsmuth hält davon nichts: "Es gibt keinen goldenen Schnitt. Es gibt Grenzen, wo wir sagen: Ja, in denen bewegt es sich grundsätzlich, aber Schönheit liegt auch immer im Auge des Fremdbetrachters, des Gegenübers".

Wer entscheidet, was schön ist?

Liegt Schönheit wirklich im Auge des Betrachters? Nein, jedenfalls nicht nur, sagt Martin Gründl, Psychologe und Attraktivitätsforscher an der Hochschule Harz in Wernigerode. "Der Konsens in der Attraktivitätsforschung ist, dass es sehr wohl einzelne Merkmale gibt, bei denen eine hohe Einigkeit besteht, dass sie ein Gesicht oder eine Figur attraktiv machen." Diese Merkmale zu identifizieren und zu benennen – das ist Aufgabe der Attraktivitätsforschung. Drei Merkmale haben sich dabei als besonders signifikant herausgestellt: Gesundheit, Jugendlichkeit und geschlechtstypisches Aussehen. "Also, dass ein Mann typisch männlich, eine Frau typisch weiblich aussehen muss", erklärt Gründl. "Das sind drei globale Kriterien, die in allen Kulturen Gesichter oder auch Körper attraktiv machen und die auch in früheren Zeiten Attraktivitätskriterien waren."

Ein Portät von Martin Gründl
Martin Gründl forscht auch zur Attraktivtät im Berwerbungskontext. Bildrechte: Hochschule Harz.

Bei anderen Merkmalen hingegen gebe es durchaus kulturelle Unterschiede. "Beispielsweise ist es nicht in allen Kulturen so, dass wir bei Frauenkörpern Schlankheit attraktiv finden, sondern das ist vor allem in westlichen Industrienationen so." In anderen Kulturen gelte dagegen ein etwas fülligerer Frauenkörper als attraktiv. Eine mögliche Erklärung, die Martin Gründl dahinter vermutet, ist, dass das Körpergewicht als Statusmerkmal gewertet wird. So werde ein fülligerer Körper in manchen Kulturen mit Wohlstand in Verbindung gebracht. "Das erklärt, dass zum Beispiel in Entwicklungsländern ein etwas fülligeres Körperideal vorherrschend ist", so Gründl. Darüber hinaus haben sich in der Attraktivitätsforschung drei Theorien durchgesetzt, die erklären, was wir attraktiv finden: die Durchschnittshypothese, die Symmetriehypothese und der sogenannte sexuelle Dimorphismus.

Durchschnittshypothese

Die Durchschnittshypothese besagt, dass ein Gesicht dann attraktiv ist, wenn es besonders durchschnittlich aussieht. Diese Erkenntnis geht auf Untersuchungen aus den Neunzigerjahren zurück, bei denen mit Hilfe von Computertechnologie Durchschnittsgesichter berechnet wurden. Diese Gesichter wurden von den Probandinnen und Probanden besonders häufig für attraktiv befunden.

Symmetriehypothese

Nach der Symmetriehypothese ist ein Gesicht dann attraktiv, wenn es besonders symmetrisch ist. Diese Theorie sei aber nur ein kleiner Baustein im gesamten Puzzle, wirft Psychologe Martin Gründl ein. "Da gibt es auch ganz viele Ausnahmen. Es gibt durchaus Gesichter, die hochattraktiv sind, aber nicht besonders symmetrisch, und auch umgekehrt."

Sexueller Dimorphismus

Hinter diesem Fachbegriff verbirgt sich die Theorie, dass geschlechtstypisches Aussehen als attraktiv gilt. In der Forschung gelten zum Beispiel kindliche Gesichtszüge oder volle Lippen als typisch feminine Merkmale, die ein Frauengesicht attraktiv machen. Bei Männer-Gesichtern hingegen ist es beispielsweise ein markanter und kräftiger Unterkiefer.

Über Zähne und Zahnlücken

Binsenweisheiten wie "Makel machen schön" oder "Wer lächelt, wirkt attraktiver" wurden in der Attraktivitätsforschung noch nicht bestätigt. "Das ist einfach nur Quatsch", betont Gründl, "ein Makel ist per Definition etwas, das nicht attraktiv macht."

Attraktivität ist ein Gesamteindruck aus ganz vielen Merkmalen.

Martin Gründl, Psychologe

Ein kleiner Makel spiele da keine Rolle. Dadurch, dass ein Makel wie eine Zahnlücke oder ein Leberfleck auch bei einem schönen Gesicht sehr auffallend sei, führe man die Attraktivität des Gesichts fälschlicherweise auf den Makel zurück. Eine Fehlinterpretation, sagt Gründl. Was das Lächeln angeht, so sagt er: Ja, das könne attraktivitätssteigernd wirken, aber: "Wenn die Zähne lückenhaft sind oder sehr hässlich aussehen, dann könnte es natürlich auch wieder negative Effekte haben."

Diskrepanz zwischen Forschung und Realität

Die Soziologin Paula-Irene Villa Braslavsky von der Ludwig-Maximilians-Universität München rät bei den Ergebnissen der Attraktivitätsforschung allerdings zur Vorsicht. Zwar würden Menschen in ihrem Schönheitsurteil übereinstimmen und Dicksein als unschön bewerten, wenn man sie danach frage, aber: "Wenn man demgegenüber auf Dating-Portale und insbesondere in den Bereich der Pornografie geht, sieht man, dass sogenannte füllige, kurvenreiche, dicke Menschen durchaus begehrt, beliebt und nachgefragt sind."

Professorin Paula-Irene Villa
Paula-Irene Villa-Braslavsky leitet den Lehrstuhl Soziologie/Gender-Studies an der Ludwig-Maximilians Universität München. Bildrechte: Paula-Irene Villa

Es gibt eine ziemliche Diskrepanz zwischen dem, was Menschen sagen, wenn sie gefragt werden – also zwischen der Rhetorik, dem Diskurs, zu Schönheit einerseits, und der Praxis, dem echten Leben, dem, was Menschen in echt tatsächlich tun und lieben und begehren und schön finden, andererseits.

Paula-Irene Villa Braslavsky

So gesehen zeigt die Attraktivitätsforschung zunächst einmal nur, dass Menschen auf Fragen zu Gesichts- und Körpermerkmalen ähnliche Antworten geben. Und noch eine gute Nachricht: Attraktivitätsforschung kann zwar belegen, dass als schön wahrgenommene Menschen viele Vorteile im Leben haben – etwa geringere Strafen vor Gericht und mehr Zuneigung durch ihre Mitmenschen bekommen, aber, so Psychologe Martin Gründl: "In Interaktionen, die langfristig angelegt sind, wo es also nicht so sehr auf den ersten Eindruck ankommt, verfliegt der Stellenwert der Attraktivität dann auch. Dann wissen Menschen eher Eigenschaften wie Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft und Intelligenz zu schätzen."

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