1983: Gesamtdeutsche Gefühle in "Auerbachs Keller"

Ein Jahr später, 1983 unternahm Vogel einen neuen Anlauf, um die DDR zu besuchen. Er fädelte es geschickt ein: Vor dem Antrittsbesuch des Ständigen Vertreters der DDR in der Bundesrepublik, Ewald Moldt, in Mainz, erklärte Vogel öffentlich, dass er Anfang Juli einreisen wolle. In der DDR wolle er später zur rheinland-pfälzischen CDU-Landtagsfraktion stoßen, die die dortigen Luther-Stätten besucht. Moldt machte offiziell keine Zusagen für ein Visum: "Dafür gibt es Normen", erklärte er bundesdeutschen Journalisten schmallippig. Inoffiziell wusste Vogel über Mittelsmänner, dass es diesmal keine Einreiseverweigerung geben werde. Es klappte: In einem Stasi-Vermerk heißt es: Honecker habe angewiesen, die Reise nach "den Wünschen der BRD-Politiker zu realisieren".

Die Reise der CDU-Landtagsfraktion sorgte bei der Stasi für erhöhte Betriebsamkeit. In Leipzig, wo die Besucher zweimal übernachten wollten, wurde eine Einsatzgruppe gebildet, um die fast 70 Politiker und Journalisten durchgehend zu kontrollieren. Hotelpersonal, Reiseleiter und Barbesucherinnen - sie alle standen im Dienste der Staatssicherheit.

Ritt auf dem "Faustfass"

Die Abgeordneten reisten - ohne Vogel - mit zwei Bussen über Eisenach in die DDR ein. Zunächst besuchten sie die Wartburg sowie das Lutherhaus und das Bachhaus. Dann ging es weiter nach Leipzig. Dort stieg die Gruppe im Hotel "Merkur" ab. Am nächsten Tag stand ein Ausflug nach Wittenberg auf dem Programm. Im Stadtzentrum stieß der nachreisende Vogel zu der Gruppe. In der Stadt fuhr Vogel mit seinem Mercedes in eine Fußgängerzone. Sofort waren 50 Westmark Strafe fällig. Vogel machte daraus sofort einen Scherz: Man soll das Geld vom erhaltenen Milliardenkredit abziehen. Anschließend ging es gemeinsam nach Leipzig. Am Abend führte Vogel einige seiner Fraktionskollegen in den traditionsreichen "Auerbachs Keller", wo reichlich Wein und Nordhäuser Doppelkorn flossen. Zu später Stunde wurde gesungen. Laut Stasi-Akten "Treue deutsche Burschenschaft" und "Schöner Westerwald". Dann stiegen die Besucher in den "Hexenkeller" hinab, um einen "Verjüngungstrunk" zu nehmen. Anschließend kletterte Vogel - wie einst Goethes Faust - zu einem Ritt auf das "Faustfass". Der Ministerpräsident war laut Stasi begeistert: Ihm habe es sehr gut gefallen. Durch das Singen "von Heimatliedern und aufgrund der guten Stimmung" habe man das Gefühl gehabt, "der gesamtdeutschen Sache zu dienen und das weiteren enge Verbundenheit mit der deutschen Heimat gespürt."

Dr. Vogel sprach sich lobend über die in Wittenberg gesehene Lutherausstellung aus. Er wolle versuchen, diese Ausstellung - nach Ablauf des Lutherjahres - in die BRD zu holen.

Zentrale Auswertungs- und Informationsgruppe am 11. Juli 1983

"Intime Beziehungen" im Auftrag der Stasi

Während Vogel in "Auerbachs Keller" in gesamtdeutschen Gefühlen schwelgte, ließen es einige seiner Mitreisenden richtig krachen. Mindestens fünf Gruppenmitglieder hatten, so die Stasi, "währen des Aufenthaltes im Interhotel 'Merkur' intimen Kontakt mit jungen Bürgerinnen der DDR". Den anderen Mitreisenden blieb das nicht verborgen.

Laut Stasi sagte eine Besucherin, dass "die Abgeordneten in der BRD ein ähnliches Verhalten zeigen, nur müssten sie dort darauf achten, das ihre Ehefrauen nichts merken." Eine "junge Bürgerin der DDR" erhielt für ihre "Dienstleistungen" von zwei Westbesuchern jeweils 100 West-Mark. Sie und andere Prostituierte waren gleichzeitig der Stasi zu Diensten. Allerdings erfolglos: "Der Einsatz von IM, die intime Beziehungen eingehen, erbrachte keine wesentlichen, operativ verwertbaren Ergebnisse." Der Grund: "Die kontaktierten männlichen Personen von der Reisegruppe brachten ihre Angst vor Mitreisenden, besonders den 'Presseleuten' zum Ausdruck und machten im wesentlichen falsche Angaben zu ihrer Person und zum Anliegen ihres Aufenthaltes."

"Abfällige Bemerkungen über Losungen zum Karl-Marx-Jahr"

Am nächsten Tag folgten die Politiker und Journalisten weiter den Spuren Luthers. Nach einer Stadtrundfahrt in Leipzig ging es über Eisleben und Weimar nach Erfurt. Ein Reiseleiter berichtete der Stasi, dass die Gruppe "abfällige Bemerkungen über Losungen zum Karl-Marx-Jahr" gemacht habe. Dem Reiseleiter missfiel außerdem, dass die Bundesbürger Neubauten und neue Industrieanlagen währen der Vorbeifahrt "grundsätzlich" ignorierten. Dagegen hätten sich die Gäste "besonders in Leipzig, Erfurt und den durchfahrenen Dörfern und Kleinstädten gegenseitig auf leerstehende baufällige Häuser, schlechte Fassaden usw. aufmerksam" gemacht und dies "mehr oder weniger gehässig" kommentiert. Der Spitzel war ohnehin mit der Gruppe unzufrieden. Durch die "durchzechten Nächte" hätten viele Teilnehmer während der Fahrten geschlafen und die Besichtigungen "lustlos" absolviert. Sein Fazit: "Mir jedenfalls entstand der Eindruck, dass es sich bei der Reise mehr oder weniger um eine Sauftour mit kulturellen Einlagen und natürlich hintergründig eine politische Demonstration gehandelt hat."

Bei der Fahrt von Eisleben in Richtung Erfurt war Vogel im Bus 2. Während dieser Fahrt, ungefähr bei Kölleda, löste sich der eingebaute Fernseher im Bus und fiel herunter. Darauf Vogel, der hinter dem Fahrer saß: kaum ist meine Sicherheit weg, gibt es einen Attentatsversuch.

Stasi-Bericht vom 6. Juli 1983

In Erfurt stieg Vogels Mannschaft im "Erfurter Hof" ab. Am Abend schwärmten die Politiker wieder ins Stadtgebiet aus. Dort, so die Stasi, besuchten sie "nicht sehr lukrative" Gaststätten, um Gespräche mit DDR-Bürgern zu führen. Auf die Besucher in der "Regina-Bar" im Hotel "Erfurter Hof" war die Stasi vorbereitet. IM "Regina Köhler" hatte den Auftrag, mit den Politikern in Kontakt zu kommen. Allerdings geriet sie an einen der beiden Busfahrer. Er steckte ihr zum Abschied 50 Westmark in die offenbar weit offene Bluse.

Nach dem Eklat um seine Einreisesperre hielt sich Vogel aus Stasi-Sicht mit Kritik an der DDR zurück. 1986 hieß es in einem internen Stasi-Papier: "Im Ergebnis dieser Disziplinierungsmaßnahme konnte festgestellt werden, dass sich Dr. Vogel und die ihn begleitenden Personen während darauffolgender Aufenthalte in der DDR korrekt verhielten."

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