Rennfahrer Hartmut Bischoff
Bildrechte: MDR/Günter Geyler

Von Autobahn bis Stadtpark Alte Rennstrecken in Mitteldeutschland

Rennfahrer Hartmut Bischoff
Bildrechte: MDR/Günter Geyler

Die DDR war rennverrückt. Auf Naturrennstrecken, in Städten und auf Autobahnen kämpften Motorräder und Rennwagen um Meisterschaftspunkte. Bis zum Mauerbau 1961 waren darunter auch viele Fahrer aus der Bundesrepublik. Gewannen sie, so ärgerte das die Funktionäre des DDR-Rennsports, die daraufhin schlichtweg auf wirklich internationale Vergleiche verzichteten.

So galt die Abgrenzung gen Westen ab Anfang der Siebziger auch im Motorsport. Die Konstrukteure verließen sich nur noch auf die eigenen Entwicklungen. Eine Tüftlerszene auf extrem hohem Niveau beherrschte den DDR-Rennsport. Die Fans waren so treu, dass sie mangels Ferrari, Lotus oder Silberpfeilen sogar zu den Rennen der umgebauten Trabis in Scharen strömten. Bis Ende der Fünfzigerjahre gab es noch zahlreiche Rennstrecken in der ganzen Republik, dann reduzierte der DDR-Motorsportverband die für Rennen zugelassenen Strecken drastisch.

Der Sachsenring

1927 wurde in Hohenstein-Ernstthal das erste große Rennen als Badberg-Viereck-Rennen ausgetragen. Von Anfang an wurde die Strecke zu einem echten Publikumsmagneten.

Zuschauer am Sachsenring. 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ab 1937 taucht das Badberg-Viereck-Rennen in den Rennkalendern als "Sachsenring" auf. Unter diesem Namen erlangt sie unter Motorradfans echten Weltruhm. Giacomo Agostini, Mike Hailwood, Ernst Degner holten hier unvergessene Siege. Als beim WM-Lauf 1971 der Westdeutsche Dieter Braun in der 250ccm-Klasse gewann, sangen viele Zuschauer die Nationalhymne der Bundesrepublik mit, was den anwesenden DDR-Sport-Funktionären bitter aufstieß. Konsequenz: Man verabschiedete sich aus dem Weltmeisterschaftszirkus und begrenzte sich auf Vergleiche mit den sozialistischen Bruderstaaten. In den Fahrerlagern feierten die Rennpiloten miteinander und auf der Strecke wurde dann erbittert gekämpft. 1990 wurde der Rennbetrieb, der noch durch Ortschaften führte, nach mehreren tödlichen Unfällen eingestellt. Seit 1998 finden wieder Motorrad-WM Läufe auf der mittlerweile neu gebauten Strecke statt. Und wieder kommen Jahr für Jahr zu den WM-Wochenenden 200.000 Zuschauer.

Das Schleizer Dreieck

Diese Rennstrecke ist Legende. Sie ist die älteste Naturrennstrecke Deutschlands. Die Berghatz zwischen Seng und Buchhübel lockt seit 1923 Jahr für Jahr Zigtausende an, die auf dem anspruchsvollen Kurs Sternstunden des Motorsports erleben.

Höhepunkte waren der Gesamtdeutsche Meisterschaftslauf 1950, der stolze 250.000 Besucher anlockte und die zahlreichen Formel-3- Rennen in den Sechzigerjahren. Die ursprünglich 7,63 km lange Rennstrecke wurde seit 1988 mehrfach verkürzt und entschärft. Mittlerweile hat sie eine Länge von 3,8 km mit insgesamt 14 Kurven. Zum ganz großen Rennsport hat das Schleizer Dreieck nicht mehr zurückgefunden, aber im Thüringer Rennkalender zumindest wieder einen festen Platz.

Vergessene Rennstrecken - Das Leipziger Stadtparkrennen

Zwischen 1951 und 1958 war auch die Messestadt im Rennfieber. Auf einem Innenstadtkurs "Rund ums Scheibenholz", also rund um die Pferderennbahn, jaulten die Motoren der Rennmaschinen.

Leipziger Stadtparkrennen "Rund ums Scheibenholz"

Wer heute durch Leipzigs beschauliche Nonnenstraße fährt, kann sich kaum vorstellen, dass hier einst Rennfahrer mit durchgedrücktem Gaspedal um Sekunden fuhren...

Programm Stadtparkrennen Scheibenholz
1. Programmheft des Leipziger Stadtparkrennens. Bildrechte: MDR/Peter Leichsenring
Programm Stadtparkrennen Scheibenholz
1. Programmheft des Leipziger Stadtparkrennens. Bildrechte: MDR/Peter Leichsenring
Leipziger Stadtparkrennen
Die Route beim Leipziger Stadtparkrennen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Richard Trenkel 1955 Stadtparkrennen Leipzig
Richard Trenkel, 1955. Zuschauer im Sonntagsstaat säumen jede Kurve. Bildrechte: Peter Leichsenring
Max Neuber 1955 Stadtparkrennen LE
1955: Rennfahrer Max Neuber. Bildrechte: MDR/Joachim Hering
Sepp Liebl 1956 Stadtparkrennen Leipzig
Sepp Liebl 1956 beim Leipziger Stadtparkrennen. Bildrechte: Peter Leichsenring
Neußner-Schneider - Strauß 1956 Stadtparkrennen Leipzig
Das Rennfahrer-Duo Neußner-Schneider/Strauß 1956. Bildrechte: MDR/Peter Leichsenring
Heinz Melkus 1957 Stadtparkrennen LE
Heinz Melkus 1957 beim Leipziger Stadtparkrennen. Bildrechte: MDR/Joachim Hering
Siegfried Lohmann 1958 Stadtparkrennen Leipzig
Siegfried Lohmann, 1958. Bildrechte: MDR/Peter Leichsenring
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Bis zu 200.000 Besucher säumten den 4,311 Kilometer langen Kurs, der zwischen 7,5 und 12 Meter breit war. Von der Start- und Zielgeraden in der Wundtstraße ging es durch den Park, die Anton-Bruckner-Allee, die Nonnenstraße, den Schleußiger Weg. Sport- und Rennwagen, Motorradfahrer, Seitenwagengespanne, durch Leipzig raste alles, was im DDR-Rennsport der Fünfzigerjahre Rang und Namen hatte. Willy Lehmann, einst Sieger auf der Leipziger Rennstrecke, schwärmte noch 2008 in der "Leipziger Volkszeitung": "Leipzig war eine sehr schöne Episode... Heute ist es ja kaum mehr vorstellbar, dass durch die Stadt Rennen stattfanden, bei denen die Fußraste an der Bordsteinkante schliff."

1958 kam das Aus für die Rennen "Rund ums Scheibenholz". Der DDR-Motorsportverband wollte sich auf wenige Rennstrecken konzentrieren. Und das waren dann nur noch der Sachsenring, das Schleizer Dreieck, die sogenannte "Halle-Saale-Schleife" und die Autobahnstrecken Bautzen, Dresden und Bernau.

Leipziger Stadtparkrennen
Die Route des Leipziger Stadtparkrennens Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

(zuerst veröffentlicht am 18.06.2009)

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: Rennfieber - Motorsport in der DDR | 28.03.2005 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Oktober 2017, 16:36 Uhr