Evangelischer Gottesdienst aus dem Dom zu Halberstadt
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Buß- und Bettag: Das Erbe Kurt Biedenkopfs

Der Buß- und Bettag war 1995 als gesetzlicher Feiertag zur Finanzierung der Pflegeversicherung bundesweit gestrichen worden. Nur die Sachsen unter ihrem damaligen Landesvater Kurt Biedenkopf widersetzten sich tapfer - der Buß- und Bettag blieb im Freistaat auch weiterhin ein arbeitsfreier Feiertag. Den die Arbeitnehmer freilich teuer bezahlen müssen.

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Ein gesetzlicher Feiertag ist der Buß- und Bettag natürlich noch immer. Und dies auch in ganz Deutschland - in Sachsen-Anhalt, Baden-Württemberg oder Bayern. Überall wird der evangelische Feiertag festlich begangen - freilich erst nach getaner Arbeit.

"Sachsens Alleingang"

Am 22. Mai 1994 beschloss der Deutsche Bundestag die Streichung des Buß- und Bettages, um die Mehrbelastung der Arbeitgeber durch die neu eingeführte Pflegeversicherung auszugleichen. In einigen Bundesländern regte sich jedoch Widerstand: Sachsen, Bayern und Baden-Württemberg wollten die Streichung des evangelischen Feiertags nicht so ohne weiteres hinnehmen. Während sich Baden-Württemberg und Bayern nach zähen Verhandlungen schließlich fügten, setzte sich der damalige sächsische Ministerpräsident Kurt Biedenkopf mit einem Sonderweg durch: Der Buß- und Bettag blieb im Freistaat ein gesetzlicher Feiertag.

Minusgeschäft für die Arbeitnehmer

Um den arbeitsfreien Tag zu finanzieren, müssen sächsische Arbeitnehmer aber seither 0,5 Prozent ihres Bruttolohns mehr in die Pflegeversicherung einzahlen als die Arbeitnehmer in den anderen Bundesländern. Durchschnittlich sind das etwa 181 Euro, wie die "Leipziger Volkszeitung" jüngst errechnete. Die Arbeitgeber profitieren von Kurt Biedenkopfs Alleingang 1994. Die sächsischen Arbeitnehmer, von denen sich immerhin 75 Prozent als konfessionslos bezeichnen, haben dafür einen nicht selten verregneten Tag im November frei.

Kurt Biedenkopf (2019)
Kurt Biedenkopf (2019) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Tradition des Protestantismus

Der Buß- und Bettag zählt seit der Reformationszeit zur festen Tradition des Protestantismus. 1878 wurde er zum freien Tag erklärt, jedoch erst ab 1934 auch als gesamtdeutscher Feiertag am 20. November begangen. Fünf Jahre später schaffte ihn Adolf Hitler jedoch schon wieder ab: "Der aufgezwungene Kampf nötigt zur Anspannung aller Kräfte", begründete der Diktator seine Entscheidung. Nach Kriegsende wurde der Buß- und Bettag mit Ausnahme von Bayern in allen Bundesländern wieder eingeführt. Bayern entschloss sich erst 1981, ihn ebenfalls zum Feiertag zu erklären. Auch in der DDR war der Buß- und Bettag ein gesetzlicher Feiertag. 1967 wurde er allerdings im Zuge der Einführung der Fünf-Tage-Arbeitswoche ersatzlos gestrichen. Nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten galt der Buß- und Bettag aber auch im Osten wieder als Feiertag.

Versuche der Wiedereinführung des Feiertags scheiterten

Nachdem der Buß- und Bettag 1995 als gesetzlicher Feiertag abgeschafft worden war, gab es in einigen Bundesländern Versuche, den Buß- und Bettag als Feiertag wieder zu reaktivieren. So sollte etwa ein Volksbegehren in Schleswig-Holstein die Wiedereinführung des Feiertags erzwingen. Auch im katholischen Bayern wollte der damalige Ministerpräsident Edmund Stoiber, der die Protestanten zwar als "numerische", jedoch keineswegs als "qualitative Minderheit" betrachtete, seinen Landeskindern den Buß-und Bettag zurückgeben. Diese Versuche aber scheiterten allesamt.

Edmund Stoiber, 2017
Edmund Stoiber, einstiger bayerischer Ministerpräsident (2017) Bildrechte: dpa

Andererseits gab es in Sachsen in all den Jahren wiederholt Kritik. So bezeichnete etwa die sächsische FDP den Tag 2010 als "anachronistisch" und forderte dessen baldige Abschaffung. Unterstützung fanden die Liberalen vor allem beim Deutschen Gewerkschaftsbund, der den Alleingang Sachsens von Anfang an bekämpft hatte. Die CDU beharrte auf dem gesetzlichen Feiertag: Die Sachsen wüssten durchaus mit Buße und Beten etwas anzufangen, hieß es aus den Reihen der CDU.

Felix Seibert-Daiker 2 min
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Über dieses Thema berichtete der MDR im TV auch in "Aktuell" 20.11.2019 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. November 2019, 18:00 Uhr