Fahndungsfoto der RAF-Terroristin Susanne Albrecht, 1977
Fahndungsfoto der RAF-Terroristin Susanne Albrecht, 1977. Bildrechte: dpa

"Deutscher Herbst" Terror: DDR bietet RAF Unterschlupf

Drei Schüsse in den Hinterkopf: Am 18. Oktober 1977 tötet die RAF den Arbeitgeberpräsidenten Schleyer. Deutschland hält dem Atem an. Was keiner ahnt: Zehn RAF-Mitglieder tauchen mit Hilfe der Stasi in der DDR unter.

Fahndungsfoto der RAF-Terroristin Susanne Albrecht, 1977
Fahndungsfoto der RAF-Terroristin Susanne Albrecht, 1977. Bildrechte: dpa

Sie bomben und morden für ihre linksradikale Gesinnung: Terroristen der Roten Armee Fraktion (RAF) versetzen seit Anfang der 70er-Jahre ein ganzes Land in Angst und Schrecken. Eine der Gesuchten ist Susanne Albrecht. Was damals keiner ahnt: die deutsche Terroristin Albrecht ist nur wenige hundert Kilometer weiter abgetaucht - in der DDR.

Zehn RAF-Aussteiger in DDR untergetaucht

Sie ist kein Einzelfall. Zwei Jahre nach dem "Deutschen Herbst" 1977 wollen acht RAF-Mitglieder aussteigen. Ihnen fehlt der Rückhalt und die nötige Motivation. Zwar halten sie den bewaffneten Kampf politisch weiter für richtig, doch selbst wollen sie dafür den Kopf nicht mehr hinhalten.

Kontaktperson der RAF zur Stasi ist damals Inge Viett. Sie ist nach einem missglückten Mordanschlag auf NATO-General Haig aus der Bundesrepublik geflohen. Nun soll sie bei der DDR-Staatssicherheit Unterstützung für die Ausreise in ein Dritte-Welt-Land aushandeln.

Natürlich war es für die Gruppe wichtig, für diese Aussteiger ein sicheres Aufnahmeland zu finden. Denn jeder der acht Aussteiger konnte mit seinen intimen Detailkenntnissen darüber, wo die RAF Wohnungen unterhält, welche Fahrzeuge sie benutzt, mit welchen Pässen die Terroristen reisen, die Gruppe insgesamt auffliegen lassen.

Tobias Wunschik Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen

Beim Treffen in Ost-Berlin im September 1980 kommt es zu einem überraschenden Angebot: Die Stasi bietet die DDR als Aufnahmeland an und schleust die Gruppe von Prag in die DDR. Unter dem Schutz der Staatssicherheit verstecken sich schließlich ab Anfang der 80er-Jahre insgesamt zehn RAF-Aussteiger in der DDR vor Strafverfolgung. Diese Ausstiegswelle ist einzigartig in der RAF-Geschichte.

DDR unterstützt Terror

Doch wieso nimmt die DDR überhaupt RAF-Mitglieder auf? Dazu erklärt Tobias Wunschik von der Bundesbehörde für Stasi-Unterlagen, dass es einerseits einen gemeinsamen Gegner gab. Andererseits habe die DDR-Führung die Gruppe für höchstgefährlich gehalten und hatte mit der Aufnahme der Terroristen 1980 einen Faustpfand: Solange sie in der DDR waren, konnte man sich sicher sein, dass sich die weiterhin aktiven RAF-Mitglieder im Westen niemals gegen die DDR wenden würden, so Wunschik.

Die Anfänge der Beziehung zwischen Stasi und RAF Bereits in den frühen 70er-Jahren lässt die Stasi Mitglieder der ersten RAF-Generation um Baader und Meinhof über den Ost-Berliner Flughafen Schönefeld oder die tschechische Grenze ein- und ausreisen. Im Nahen Osten werden die Linksterroristen militärisch ausgebildet. Nur gelegentlich werden sie in der DDR festgehalten - wegen Waffenbesitzes oder gefälschter Dokumente.

Neue Identität

Die erste Station der Neu-DDRler ist ein Forsthaus im brandenburgischen Briesen. Im "Objekt 74" werden die Ex-Terroristen zu unbescholtenen DDR-Bürgern umgeschult. Sechs Wochen lang üben sie sozialistische Tugenden wie frühes Aufstehen oder offizielle Parolen. Selbst sächsischer Dialekt steht auf dem Stundenplan. So wird aus Susanne Albrecht - beteiligt an der Ermordung des Bankiers Jürgen Ponto und dem Raketenanschlag auf die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe - Ingrid Jäger, Lehrerin, wohnhaft in Köthen. Aus Werner Lotze wird - nach Banküberfällen, Entführungen und Mord - Manfred Jansen, der in seiner Freizeit Ruderer trainiert. Und Inge Viett wird die Fotografin Eva-Maria Sommer in Dresden.

Stasi überwacht RAF

Auf Weisung von Stasi-Chef Mielke darf über die ungeheuerliche Verwandlung nur die hausinterne Abteilung Terrorabwehr Bescheid wissen. 20 IM prüfen permanent, ob alle ehemaligen RAF-Leute dicht halten. Sie sollen sich unauffällig in die Gesellschaft integrieren. Susanne Albrecht gelingt das anfangs besonders gut. Sie heiratet einen Physiker und bekommt eine Tochter. Die anderen gründen ebenfalls Familien. Allerdings darf es nur Babyfotos ohne Eltern geben. Trotzdem fliegt die Tarnung auf, als Nachbarn im Westfernsehen einige der gesuchten Terroristen wiedererkennen.

1985-86 wurden drei der zehn Ex-Terroristen enttarnt. Silke Maier-Witt, Susanne Albrecht, Inge Viett. Sie mussten über Nacht ihr bisheriges DDR-Leben wieder verlassen, zum Teil über Monate in konspirativen Objekten der Staatssicherheit betreut, um dann an einem anderen Ort in der DDR wieder aufzutauchen. Und Silke Maier-Witt musste sich sogar einer Gesichts-OP unterziehen, um eine erneute Wiedererkennung auszuschließen.

Tobias Wunschik Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen

Susanne Albrecht nimmt Ender der 80er-Jahre den Namen ihres Mannes an und heißt jetzt Becker, wohnhaft in Berlin-Marzahn. Inge Viett siedelt von Dresden nach Magdeburg über und nennt sich nun Eva-Maria Schnell. Sie arbeitet als Gruppenleiterin in einem Ferienlager.

Ein Flirt geht zu Ende

Aber mittlerweile gelten die Ex-Terroristen als hohes Sicherheitsrisiko. Offensichtlich bereut es der Mielke-Apparat in der zweiten Hälfte der 80er-Jahre, sich auf diesen Deal eingelassen zu haben. Denn die Gefahr der Unterstützung des internationalen Terrorismus überführt zu werden, wächst dadurch natürlich immens.

1990 fliegen schließlich alle zehn RAF-Aussteiger auf – verraten durch ihre ehemaligen Stasi-Betreuer. Ob der bundesdeutsche Nachrichtendienst bereits seit Anfang der 80er-Jahre vom Verbleib der Terroristen in der DDR weiß, ist bis heute nicht geklärt. Klar ist aber, dass offiziell nichts gegen Ost-Berlin unternommen wurde, vermutlich um die sensiblen deutsch-deutschen Beziehungen nicht weiter zu belasten. 

Werner Lotze, Inge Viett und Susanne Albrecht legen nach der Verhaftung umfangreiche Geständnisse ab und bekommen durch die Kronzeugen-Regelung Strafen zwischen sechs und 13 Jahren. Heute sind alle zehn wieder auf freiem Fuß.

Über dieses Thema berichtete das ZEITREISE-Magazin: TV | 26.01.2016 | 21:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. Oktober 2017, 09:22 Uhr