Erinnerungsstücke: 800 Dias Eine DDR-Familie in Marokko

In einer Schublade bewahren Roland und Elisabeth Schmidt aus Berlin ihren wichtigsten "Erinnerungsschatz" auf: Vier Jahre Auslandseinsatz in Marokko - gebannt auf 800 Dias in Farbe. Die schönste Zeit ihres Lebens. Die Jahre in Marokko waren für den Außenhändler und die Dolmetscherin das Kontrasprogramm zur Heimat. Und fast hätte ihnen die große Politik einen Strich durch das Abenteuer im Orient gemacht.

von Eckehard Schmidt

ein altes Dia
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR Zeitreise Di 13.02.2018 21:15Uhr 05:57 min

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1973 bekommt der Außenhändler Roland Schmidt den Job seines Lebens: An der DDR-Handelsvertretung in Casablanca soll er den Handel mit dem Königreich Marokko in Schwung bringen. Seine Ehefrau Elisabeth und die Söhne, damals zwei und sechs Jahre alt, dürfen mit.

Mähdrescher und Mopeds gegen Orangen und Sardinen    

Ein Familienfoto vom Ehepaar Schmidt und den beiden Söhnen.
Elisabeth und Roland Schmidt mit den beiden Söhnen Eckehard und Harald im Jahr 1973. Bildrechte: Familie Schmidt

Marokko ist seit Anfang der 1960er-Jahre ein wichtiger Handelspartner der DDR: Aus dem nordafrikanischen Land kommen Phosphat für die Düngemittelindustrie, Apfelsinen, Kapern und Sardinen. Im Tausch liefert die DDR Förderbänder für den Phosphatabbau, Mähdrescher und Simson-Mopeds.

Berührungsängste haben die Schmidts bei ihrer ersten Begegnung mit dem Orient nicht. Das Leben in Marokko ist eine willkommene Abwechslung zum Alltagsleben in der DDR: 

Es gab keine Probleme mit Anstehen. Es war ständig alles zu haben: frisches Obst, frisches Gemüse, frisches Fleisch. Einschließlich Getränke. Cola, Fanta. Das gab es ja alles hier nicht. Das war ja für uns purer Westen.

Roland Schmidt

Nur an eine Gepflogenheit müssen sich die Schmidts erst gewöhnen. In Marokko werden beim Einkaufen die Mengen und Preise verhandelt.

Familienalltag und Ausflüge

Am ersten September 1973 wird ihr Sohn Eckehard in Marokko eigeschult. An der Handelsvertretung unterrichtet eine ausgebildete Unterstufenlehrerin zwei Schüler, einer von ihnen ist "Ecki" Schmidt.

Ein Grundschüler steht an seinem ersten Schultag mit der Lehrerein vor der Tafel.
Eckehard Schmidt wird am 1. September 1973 in Marokko eingeschult und besucht die Botschaftsschule in Casablanca. Bildrechte: Familie Schmidt

Als Händler muss Roland Schmidt durchs Land fahren und Kunden besuchen. Auf Antrag beim Botschafter darf er seine Frau und die Kinder bei seinen Fahrten mitnehmen. Angst haben sie nicht. Neugierig erkunden sie das orientalische Land vom Atlantik über den Hohen Atlas bis zur Wüste Sahara.

Familie Schmidt im Auto auf einer Landstraße.
Manchmal ging es für Familie Schmidt auch mit dem Auto durchs Land. Bildrechte: Familie Schmidt

West-Sahara-Krise: Nur die Außenhändler dürfen bleiben

Völlig überraschend bricht Ende 1975 ihre heile Welt auseinander.

Ein Zeitungsartikel in einer alten, vergilbten Zeitung.
Dieser Zeitungsartikel im "Neuen Deutschland" vom 12. November 1977 veranlasst Marokkos König, die diplomatischen Beziehungen zur DDR abzubrechen. Bildrechte: Familie Schmidt

Am 6. November 1975 annektiert der marokkanische König Hassan II. die ehemals spanische Kolonie West-Sahara. Marokko hat handfeste wirtschaftliche Interessen im Blick, denn unter dem Wüstensand lagern riesige Mengen des weltweit gefragten Phosphat.

Nach einem kritischen Artikel im Zentralorgan "Neues Deutschland" bricht Marokko die diplomatischen Beziehungen zur DDR ab. Innerhalb von 72 Stunden müssen alle Diplomaten das Land verlassen. Die Außenhändler dürfen bleiben.

Mutter und Kinder müssen zurück

Trotzdem muss Elisabeth Schmidt mit den Kindern, auf Anordnung der DDR-Behörden, zurück nach Berlin fliegen. Die Familie wird auf unbestimmte Zeit auseinandergerissen.

Auf einmal hieß es packen, packen. Ihr müsst auch weg ... Und das war für mich der Schlag ins Kontor.

Elisabeth Schmidt

Einen Monat später könnten Elisabeth Schmidt die beiden Kinder zurück nach Marokko. Aber dann stellt sich heraus, dass die Lehrerin der Botschaftsschule von Casablanca in der DDR bleiben wird. Eine Hiobsbotschaft für die Schmidts, denn ohne Schulunterricht darf der älteste Sohn Eckehard nicht mit nach Marokko. Doch dann erfährt Elisabeth Schmidt, dass in Ausnahmefällen eine sogenannte Selbstunterrichtsgenehmigung vom Ministerium für Volksbildung erteilt wird.

Frau Schmidt und ihre beiden Söhne vor einer Wohnsiedlung auf einem alten Foto.
Nach der West-Sahara-Krise ist Familie Schmidt mehrere Monate getrennt. Bildrechte: Familie Schmidt

Voller Hoffnung tippt Elisabeth Schmidt den Antrag, ihren Sohn selbst unterrichten zu dürfen, in die Schreibmaschine. Nach drei Tagen liegt die Antwort im Briefkasten. Es ist die Zusage! Doch die Mühlen der Bürokratie mahlen langsam. Noch zwei Monate sitzen sie in der DDR auf gepackten Koffern, bevor es endlich zurück nach Marokko geht.

Ein altes, vergilbtes Schreibmaschinen-Dokument.
Das Ministerium für Volksbildung genehmigt den Selbstunterricht bis einschließlich 4. Klasse. Bildrechte: Familie Schmidt

Mutter Elisabeth wird Hauslehrerin

Elisabeth Schmidt unterrichtet ihren Ältesten also selbst: Deutsch, Mathematik, Zeichnen und Musik nach den Vorgaben des DDR-Lehrplanes erst für die dritte, dann für die vierte Klasse. Am Nachmittag sind die Hausaufgaben an der Reihe. Zensuren darf die Mutter ihrem Sohn nicht geben. Damit er in die vierte Klasse versetzt werden kann, muss Eckehard einen Monat vor Schuljahresende eine Schule in der DDR besuchen.

Frau Schmidt lernt auf diesem alten Foto mit einem ihrer Söhne an einem Tisch im Freien.
Elisabeth Schmidt darf ihren schulpflichtigen Sohn in Marokko selbst unterrichten. Für sie geht damit auch ein heimlicher Berufswunsch in Erfüllung. Bildrechte: Familie Schmidt

Anfang Juni 1977 kehren die Schmidts nach vier Jahren Auslandseinsatz in die DDR zurück. Die Zeit war besonders und hat sie nachhaltig geprägt. Bis heute.

Das hat uns sehr weltoffen gemacht. Es ist immer interessant, woanders hin zu kommen. Und das hat uns beflügelt, weiterhin die Welt zu erforschen. Nicht nur geografisch, sondern eben auch intellektuell.

Roland Schmidt

Das Ehepaar Schmidt betrachtet alte Dias.
Das Ehepaar Schmidt schwelgt in Erinnerungen - 800 Dias in Farbe bieten genügend Stoff dafür Bildrechte: MDR/Eckehard Schmidt

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im TV: MDR ZEITREISE - das Geschichtsmagazin mit Mirko Drotschmann | 13.02.2018 | 21:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. Februar 2018, 14:18 Uhr