Auf diesem Agitations-Plakat der SED-Kreisleitung von Gnevsdorf, einem kleinen Ort in der Priegnitz, ruft ein Traktorist, Genosse Heinz Lalla, 1963 die Traktoristen seines Kreises auf, seinem Beispiel zu folgen und ebenfalls der Landwirtschaftlichen Genossenschaft beizutreten.
Bildrechte: Sächsisches Staatsarchiv, Staatsarchiv Leipzig

Ein Bauernkind erinnert sich Vom Ich zum Wir: Der erzwungene Eintritt in die LPG

Umgestaltung der Landwirtschaft 1961

von Irmgard Mahlow (gekürzte Fassung)

Auf diesem Agitations-Plakat der SED-Kreisleitung von Gnevsdorf, einem kleinen Ort in der Priegnitz, ruft ein Traktorist, Genosse Heinz Lalla, 1963 die Traktoristen seines Kreises auf, seinem Beispiel zu folgen und ebenfalls der Landwirtschaftlichen Genossenschaft beizutreten.
Bildrechte: Sächsisches Staatsarchiv, Staatsarchiv Leipzig

Mit einem Schlag - über Nacht - zerbrach die Freundschaft zu dieser Familie. Grund war das Auftreten des Herrn H. als Werber für die neue sozialistische Landwirtschaft. Herr H. war in der Partei und er hielt das, zumindest meinen Eltern gegenüber, geheim. Natürlich hatte er als Genosse den Auftrag, die Bauern zu überzeugen, einer gemeinschaftlichen Landwirtschaftsform beizutreten, und das auf schnellstem Wege.

Mein Vater hat ihm nie verziehen, dass gerade er es wagte, ihn zu überzeugen, einer landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft, kurz LPG, beizutreten. Trotz der vielen Arbeit mit Haus, Hof und Vieh hingen meine Eltern an jedem Stück. Sie befürchteten den blanken Ruin und eine drohende Hungersnot.

Autos mit Lautsprechern fuhren durch den Ort und nannten die Bauernhöfe beim Namen, die sich für die Kollektivierung der Landwirtschaft entschieden hatten und nannten auch die, die dem Fortschritt der Industrialisierung im Wege standen. Hier wurde mein Vater auch genannt. Er geriet in Misskredit, wo doch unsere Familie im Ort angesehen war. Jeden Tag kamen Männer, die so genannten Werber, die immer wieder die Vorzüge der Kollektivierung priesen. Die Werber verfolgten die Eltern überall hin, sogar in den Stall und redeten. Fristen wurden gesetzt und neue Werber geschickt, die ihren Parteiauftrag hatten.

Mein Vater floh eines Nachts durch die Scheune in den Garten und dann über den Zaun. Man sagte mir nicht, wo er sich aufhielt. Mutter wusste es sicher selbst nicht so genau und weinte. Er glaubte, so den Werbern und der landwirtschaftlichen Umgestaltung zu entkommen. Das Hoftor, was gleichzeitig Eingang zum Haus war, hielt man nur noch verschlossen.

Meine Mutter diskutierte mit den Werbern am Fenster. Sie machte deutlich, dass jeder Pfennig für den Kauf von Vieh, Land und neuen Maschinen gespart wurde und das man das nicht verschenken kann, oder der Allgemeinheit zur Verfügung stellen kann. Sie sah ja ein, dass die Industrie weiter fortgeschritten war und Großraummaschinen herstellte, die nun auch zum Einsatz kommen sollten. Man versprach ihr eine Arbeitserleichterung für den Alltag durch das kollektive Bewirtschaften der Felder.

Jedoch mussten dazu Grenzsteine entfernt werden, damit die Großmaschinen auch zum Einsatz kommen konnten. Das Umdenken "vom Ich zum Wir" wurde seitens des Staates mit aller Gewalt gefordert. Von Privateigentum konnte man da nicht mehr reden; es sollte allen zu gleichen Teilen gehören. Das begriffen die Bauern nicht. Großer Grundbesitz trug wesentlich zum Ansehen im Dorf bei, auch wie viel Vieh jemand im Stall hatte, zählte.

Paradox: Ich als FDJ-Mitglied stand vorm Hof der Eltern und unterstützte die Werber

In der Schule hatte die Pionier- und FDJ-Organisation den Auftrag erhalten, die sozialistischen Werber zu unterstützen. Parolen mussten auswendig gelernt werden. Dann zogen wir in Gruppen vor die Häuser, wo die Bauern sich immer noch weigerten, einer Genossenschaftsform beizutreten und ließen unsere Sprüche los.

Ganz schlimm war für mich, als ich selbst vor unserem Haus solche Parolen rufen musste. Die Nachbarschaft nahm meine Teilnahme an diesen Aktionen mit Kopfschütteln auf. Ich befand mich in einem großen Zwiespalt. Wusste ich doch um die Tränen, die Mutter weinte, weil sie keinen Ausweg mehr sah. Sie konnte mir aber die Auftritte nicht verbieten, denn es war während der Schulzeit. Ich konnte mich nicht weigern, und überhaupt, damals wäre es unmöglich gewesen, sich gegen eine Anordnung der Schule zur Wehr zu setzen.

Mürbe gemacht

Wochenlang ging das Tauziehen, bis schließlich mein Vater als einer der letzten den Hof aufgab. Er unterschrieb seinen Beitritt zur Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft Typ III. Die Eltern waren müde und mürbe geworden, sie sahen keinen Ausweg mehr. Einen normalen Tag zu Hause gab es schon lange nicht mehr.

Ja, man war regelrecht froh, dass Oma nicht mehr lebte, deren sicherer Tod wohl diese Umgestaltung gewesen wäre. Es dauerte nicht lange, da wurden die Kühe, Pferde und Schweine von zu Hause abgeholt und in die vorgesehenen Gemeinschaftsställe gebracht. Noch heute sehe ich meine Mutter weinend in der Tür stehen und wie sie dem ausgetriebenen Vieh über den Rücken strich. Sie nahm von jeder Kuh, jedem Schwein, von den Pferden Abschied. Dieser Tag war schlimmer als Omas Tod und der Beerdigungstag dazu.

Derweil war mein Vater im großen gemeinschaftlichen Pferdestall angestellt. Das hatte den Vorteil, dass er unsere zwei Pferde täglich sah und auch einspannen konnte. Hans und Lotte, so hießen die Pferde, waren mit ihrem ehemaligen Hof so verbunden, dass sie bei Vorbeifahrt am Haus stehen bleiben wollten. Das Kommando auf dem neuen großen Hof hatte ein LPG-Vorsitzender, der die Leute zur Arbeit einteilte und bestimmte, was gemacht wurde. Er war selbst kein Bauer, sondern hatte eine landwirtschaftliche Schule besucht und sollte sein Wissen nun in der Praxis umsetzen. Außerdem war er in der Partei und war geschult, die Leute richtig anzuleiten.

Vater fiel es besonders schwer sich unterzuordnen, weil er doch viele Dinge anders gemacht hat, so wie es sein Vater ihm vermittelt hatte. War er mit dem LPG-Vorsitzenden wieder in Streit geraten, hatte das zu Hause auch noch Auswirkungen. Seine schlechte Laune übertrug sich unweigerlich auf alle. Mutter stritt sich mit keinem, sie war immer diplomatisch und schlichtete nach allen Seiten. Sie war sehr harmoniebedürftig und gutmütig. Gesprächsthemen waren immer die Vorkommnisse auf der LPG - das war selten genug auch mal lustig.


Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: 18.10.2016 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. September 2008, 14:13 Uhr