Die Geschichte der Seefahrernation DDR Die alten Genossen bestimmen immer noch den Kurs

Die DDR war eine der größten Seefahrernationen der Welt. Die Geschichte der DDR-Seefahrt werde bis zum heutigen Tag zum großen Teil von alten Genossen geschrieben und ein romantisierendes Bild gezeichnet. Konflikte würden häufig konsequent ausgeblendet. Das meint jedenfalls der Hamburger Journalist Wolfgang Klietz. Ein Interview.

ahoi
Leben an Bord: Sonnenbaden in der Freizeit Bildrechte: MDR/Hoferichter & Jacobs GmbH

Die DDR war eine stolze Seefahrernation. Ist diese Geschichte Ihrer Meinung nach beschönigt?

Es gibt einige Bücher, die sich intensiv mit der Geschichte der DDR-Seefahrt beschäftigen. Aber man muss schon differenzieren. Tatsächlich gibt es nur wenige Arbeiten, zumeist Dissertationen, die sich mit einem wissenschaftlichen Anspruch dem Thema nähern. Dann gibt es eine große Anzahl von sogenannten Erinnerungsbüchern, die sehr persönlich gefärbt sind. Diese Bücher haben natürlich ihre Berechtigung. Aber sie ersetzen freilich keine wissenschaftlich fundierte Auseinandersetzung.

Sie beklagen in einem unlängst erschienenen Artikel, dass die Geschichte der DDR-Seefahrt noch immer überwiegend von einstigen SED-Genossen geschrieben wird.

Das betrifft vor allem die Erinnerungsliteratur. Und da muss man feststellen, dass viele dieser Autoren aus dem SED-System stammen. Die politischen Ansichten dieser Autoren schimmern immer wieder deutlich hindurch. Und es zeigt sich auch, dass diverse Themen, wie etwa Staatssicherheit an Bord oder die Willkür der SED, komplett ausgeblendet werden. Und so entsteht natürlich ein falsches, idealisiertes Bild der Seefahrernation DDR. Im Moment ist es halt so, dass die alten Kader immer noch am lautesten sind, aber nicht immer die ganze Wahrheit erzählen.

Wolfgang Klietz
Journalist und Autor Wolfgang Klietz Bildrechte: Wolfgang Klietz

Welche Themen werden denn konkret ausgeblendet oder beschönigend dargestellt?

Generell kann man sagen, dass das Thema Staatssicherheit fast komplett ausgeblendet wird in der Erinnerungsliteratur. Und die Stasi war stark vertreten, und zwar auf jedem Schiff. Da kann ich vielleicht mal ein Beispiel erzählen. 1968 ist ein DDR-Bürger von der "Völkerfreundschaft" in die Ostsee gesprungen. Der Mann wollte aus der DDR fliehen. Und wenn man dann schaut, was die sogenannten alten Kader darüber geschrieben haben - da wird vage von einem "Agenten" gesprochen, der da geflohen sein soll, wofür es aber nach meinen Recherchen nicht einen einzigen Beleg gibt.

DDR-Urlauberschiff  - Völkerfreundschaft - im Hafen von Warnemünde, 1973
DDR-Urlauberschiff - "Völkerfreundschaft" 1973 im Hafen von Warnemünde. Bildrechte: IMAGO

Haben Sie persönliche Erfahrungen mit den "alten Kadern"?

Ich habe in Rostock im letzten Herbst aus meinem Buch "Schutzlos auf See" gelesen. Darin beschreibe ich unter anderem auch einen Kapitän, der für die Stasi gearbeitet und auch viele Bücher geschrieben hat. Jedenfalls hat ihm das nicht gefallen. Er baute sich vor mir auf und schrie: "Das gehört da nicht rein!" Also, dass er bei der Stasi war.
Die alten Kader erzielen immer noch eine große Reichweite. Und sie bestimmen immer noch das Bild der DDR-Seefahrt, weil kaum ein anderes gezeichnet wird.

Auch wir, der MDR, haben eine ganze Reihe großer Dokumentationen zur DDR-Seefahrt produziert, darunter zum Beispiel: "DDR Ahoi – Helden der See." Ist auch die für Ihren Geschmack zu romantisierend?

Ich finde es völlig legitim, wenn man die schönen Seiten eines Berufs, wie den des Seemanns, darstellt. Wenn man sich an die guten alten Zeiten erinnert - man durfte reisen, man war privilegiert. Und die haben alles Recht, thematisiert zu werden. Aber es gibt eben auch die andere Seite: Republikflucht, Stasi, der Entzug des Seemannsbuchs ... Das kommt häufig zu kurz. Auch bei TV-Dokus muss es darum gehen, alle Aspekte der DDR-Seefahrt zu beleuchten, schöne Erlebnisse wie Äquator-Taufen, aber auch die Spitzeleien der Stasi.

Erstaunlich, aber wahr – die DDR war eine Seefahrer-Nation! Die DSR – die Deutsche Seerederei Rostock - war eine der Größten in Europa. In besten Zeiten waren 200 Schiffe auf hoher See für die DDR unterwegs. Und das in einem Land, das bei seiner Gründung gerade mal ein einziges fahrtüchtiges Schiff besaß! Dabei hat die Geschichte der Seefahrt in der DDR mit Sehnsucht nach fernen Ländern kaum etwas zu tun. Devisen einfahren lautete das Gebot, Güter versenden, Rohstoffe importieren. Außerdem hatte der FDGB versprochen, tausende Werktätige dürften die Ozeane bereisen. Und da musste eben eine Flotte her. Im MDR ZEITREISE Spezial präsentiert Moderator Mirko Drotschmann mit „DDR ahoi - Helden der See“ und „Der Fluch der Arkona“ zwei sehr verschiedene Rückblicke auf die Seefahrt im Osten. Zur Erinnerung gibt es ein Foto mit dem Rettungsring der "Granitz". Der linke Matrose trägt noch einen Gummianzug vom Reinigen der Laderäume. Je nach Fracht, war eine gründliche Reinigung nötig bevor die nächste Ladung aufgenommen werden konnte. 45 min
Bildrechte: MDR/Hoferichter & Jacobs

Haben sie Hoffnung, dass die Geschichte der DDR-Seefahrt einmal aufgearbeitet wird?

Die Protagonisten, die das alte System repräsentieren, werden naturgemäß weniger. Andererseits ist das Interesse, dieses Thema aufzuarbeiten, doch ausgesprochen gering. Die Universitäten im Norden beschäftigen sich kaum mit der Thematik, außerdem sind Archive kaum oder gar nicht zugänglich. Ich hoffe, dass junge Forscher auf dieses spannende Thema aufmerksam werden, bei dem es noch viel zu entdecken gibt.

Buchtipp Wolfgang Klietz: Schutzlos auf See. Angriffe auf die zivile Schifffahrt der DDR. Hinstorff-Verlag Rostock 2019, 184 Seiten, 80 Abbildungen.

(Die zweite überarbeitete Auflage erscheint im August 2020.)

Dieses Thema im Programm: DDR ahoi! Helden der See | 21. Juni 2020 | 23:00 Uhr