Design-Geschichte(n) nach 1945

In den Nachkriegsjahren, als es den Menschen an allem mangelt, müssen Alltagsgegenstände praktisch sein und funktioneren, wie Granathülsen, die zu Wärmflaschen werden. Mit dem Alltag, hier im Wirtschaftswunderland, da im neue sozialistischen Land, schleicht sich der Wunsch nach schönen Dingen ins Leben: Wie soll der neue Alltag aussehen, was ist schön, was modern und im Osten die Frage: Wie sieht "sozialistisch" aus? Ein Blick in die Design-Geschichte in Ost und West.

Beistellschrank mit dünnen ausgestellten Beinen
DDR-Beistellschrank Bildrechte: Anna Schmidt

In den Nachkriegsjahren gilt für Alltagsgegenstände zunächst ein klares Motto: Funktion schlägt Schönheit. Aus dem, was da ist, macht man das, was man braucht.

Wärmflaschen aus Granathülsen, hergestellt in der Nachkriegszeit, aus der Sammlung von Günther Holtmann, am 03.02.2014, in einer Ausstellung im Handwerksmuseum in Bocholt.
Wärmflaschen aus Granathülsen Bildrechte: IMAGO

Die nach dem Krieg noch funktionsfähigen Firmen verarbeiten ihr Material jetzt für Gebrauchsgegenstände statt für Kriegsausrüstung. Statt Stahlhelmen, Soldaten-Alugeschirr, Granatenhülsen, Gasmasken oder Feldflaschen werden Kochtöpfe, Siebe, Schöpflöffel, Trichter und Tee- oder Kaffeekannen hergestellt. Material aller Art wird umgenutzt und umgeformt. In Online-Auktionen findet man solche Objekte bis heute - Wärmflaschen, Messinglampen, Schirmständer, Blumenvasen oder Spardosen aus Granaten-Geschosshülsen.

Nachkriegswohnen Ost

Oberstes Gebot der Nachkriegszeit im Osten: Wichtig ist, es funktioniert, das Volk braucht keinen Kitsch und keinen Luxus, denn für Überflüssiges fehlen Rohstoffe. Die Formgestalter der jungen DDR üben sich im Spagat: Einerseits sollten sie mit ihren Design-Ideen eine kulturelle Identität schaffen, andererseits mussten sie sich mit Materialmangel und eingeschränkten Produktionsbedingungen arrangieren. Allerdings fragte sich mancher Gestalter auch: Wie sollte eine sozialistische Tasse eigentlich auch aussehen?!

Tatsächlich entwarfen sie, angelehnt an die Bauhaus-Moderne, funktionale Möbel und Gebrauchsgegenstände, deren Design sich als zeitlos modern entpuppte. Sehr zum Ärger der Machthaber – die empfanden die Baushaustradition als dekadent und kosmopolitisch: Schließlich hatten Baushaus-Künstler in den 1930/40er-Jahren ihren Stil in den USA weiterentwickelt und amerikanisch sollte nun der neue sozialistische Realismus keinesfalls aussehen. Arbeiter sollten nach Auffassung von Walter Ulbricht Dinge besitzen, die schwer aussahen, schwer wogen, sich an historischen Vorbildern orientierte - jedenfalls theoretisch. In der Praxis setzen sich Produkte durch, deren Aussehen unabhängig vom Zeitgeist besteht und international erfolgreich ist.

Nachkriegswohnen West

Möbelstücke aus den 50er Jahren stehen in der Sonderausstellung "Waren und Welten" im Museum beim Markt in Karlsruhe in einem Schaufenster.
Möbel im Westen in den 50er-Jahren Bildrechte: dpa

Im anderen Teil Deutschlands, in der Bundesrepublik, wurde in den Nachkriegsjahren die Sehnsucht nach traditioneller Behaglichkeit gelebt: Schwere, massive Möbel aus dunklem, glänzendem Holz dominierten die Wohnstuben. In großen, mehrteiligen Buffets mit Glasvitrinen, messingbeschlagenen Schubladengriffen, stellte man zur Schau, was man wieder hatte: "Gelsenkirchener Barock" nennt sich dieser pompöse Stil, der zeigt, selbst in einer unauffälligen Kleinstadt kann man sich wieder schweren, beständigen Luxus leisten. Wenn man genau hinschaut, eigentlich das, was sich Walter Ulbricht im anderen Teil Deutschlands für seine Bürger wünscht.

Zwei Kinder sitzen in einer Badewanne die in der Couch eingelassen ist und im Wohnzimmer steht.
Badewannencouch 50er-Jahre Bildrechte: dpa

Allerdings steht dem pompösen Möbelwerk die Platznot jener Zeit gegenüber – Wohnraum ist knapp. 20 Prozent der Häuser zerstört, Millionen Flüchtlinge aus einstigen Ostgebieten brauchen ein Dach über dem Kopf. Für eine vierköpfige Familie wurden damals 50 Quadratmeter Wohnraum veranschlagt. Die Möbelindustrie verlegt sich auf so genannte Verwandlungsmöbel, die Platz sparend mehrere Funktionen übernahmen:

Couches wurden zum Bett, Schreibtische zur Couch umgebaut, leicht verstaubare Klapp- oder Schrankbetten zogen in die bundesdeutschen Wohnungen ein. So ziehen neben den schweren Pomp des Gelsenkirchner Barocks Möbelstücke mit feinen, leichten Linien wie der Nierentisch, der als Prototyp des 50er-Jahre Wohnens in der Bundesrepublik gilt.

Geniale Möbel oder "einfach bloß Bretter"?!

Ein älterer Mann mit Brille sitzt vor einer Bücherwand
Rudolf Horn Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mitte der 1960er-Jahre sorgt Designer Rudolf Horn für einen Paukenschlag in der DDR-Möbelproduktion. Er entwirft das Möbelprogramm Deutsche Werkstätten,  kurz MDW: An- und Aufbaumöbel, die sich jeder so auf-, um- und anbauen kann, wie er will. Von 1966 bis 1989 produziert man in Hellerau das Möbelsystem. 1972 kostet eine MDW-Schrankwand viermal so viel wie ein durchschnittlicher Lohn eines Arbeiters in der DDR. Das kleine Stückchen Individualität für Zuhause ist auch im Osten teuer.

Die MDW-Reihe wird ein voller Erfolg, obwohl sie Walter Ulbricht, dem gelernten Tischler auf einer Möbelmesse missfällt, wie sich der MDW-Erfinder Rudolf Horn erinnert. Demnach konstatierte der Politiker kopfschüttelnd: "Ich sehe hier keine Möbel, ich sehe hier nur Bretter."  

Wenn Politik Design bestimmt

1972 wird in der DDR das Amt für Industrielle Formgestaltung gegründet. Alle Designprozesse in den Betrieben sind jetzt zentral gesteuert. Die Zwangsprivatisierungen der 70er-Jahre und die Planwirtschaft verlangsamen die Produktion und zwängen die Formgestaltern in bisweilen absurde Zwänge, zum Beispiel wenn Formgestalter Vasen entwerfen müssen, die in bestimmte Kartonsorten passen müssen.

West-Entspannung aus dem Osten

Freischwinger nach Rudolf Horn
Rechts vor dem Tisch: Horns "Konferstar" Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Eine Ironie der Geschichte: Während sich die DDR in den 1970er-Jahren immer strenger vom Westen abschottete, entspannte man sich im Westen gemütlich in Rudolf Horns DDR-Freischwingern. Horn, der in einem Museum in einem unbeobachteten Moment einen originalen Bauhaus-Freischwinger getestet hatte, der jedoch völlig starr seinem Namen widersprach. Formgestalter Horn entwickelte daraufhin den sogenannten "Konferstar", einen freischwingenden Sessel. Das Sitzmöbel wurde in der DDR hergestellt - für den Export und außer in die BRD auch im Norden und Süden, Schweden und den Kanaren, verkauft.

Nach 1989 verpönt, jetzt Zeitgeist

Müll in einem Neubaugebiet
1991 - Anwohner des Neubeugebiets in Halle/Saale haben den Osten aus den Wohnungen gekehrt Bildrechte: dpa

Ende der Achtzigerjahre ist die DDR am Ende. Als die Mauer fällt und der Glanz der Produkte aus dem Westen auch im Osten erstrahlt, geraten die Produkte der DDR unter politischen Generalverdacht. Im Osten wird ausrangiert, was das Zeug hält - containerweise werden DDR-Möbel und DDR-Produkte ausrangiert und enden auf dem Sperrmüll.

Doch seit einiger Zeit erleben manche DDR-Produkte eine Renaissance. Viele Alltagsgegenstände kann man 27 Jahre nach dem Mauerfall wieder kaufen. Ihre Eigenschaften passen in den Zeitgeist: Sie sind haltbar, zeitlos modern im Design und haben keine "Sollbruchstellen" - denn, wie Rudolf Horn sagt,

Wir haben kein Produkt so gestaltet und konstruiert oder mit Werkstoffen hergestellt, damit es in einer bestimmten Zeit nicht mehr nutzbar ist, sondern im Gegenteil, wir wollten diese Langlebigkeit, als ethisches Prinzip.

Rudolf Horn
Ineinander gestapelte Plastebehälter
Bildrechte: MDR/Simon Roloff

Schwalbe und Plasteschüssel - Alltagsdesign in der DDR

Schwalbe und Plasteschüssel - Alltagsdesign in der DDR

Warum sahen die Dinge so aus, wie sie aussahen? Welche Ideen und Einflüsse, Zwänge und Kontrollen bestimmten die Arbeit der Gestalter? Eine Zeitreise in die Welt der Formgestalter der DDR.

Klassiker des DDR-Designs

Ineinander gestapelte Plastebehälter
Mit dem Slogan "Chemie gibt Brot, Wohlstand, Schönheit" wird in den 1960er-Jahren der neue Werkstoff Plaste angepriesen. Die DDR-Formgestalter entwickeln massenhaft billige und und praktische Konsumartikel. Bildrechte: MDR/Simon Roloff
Ineinander gestapelte Plastebehälter
Mit dem Slogan "Chemie gibt Brot, Wohlstand, Schönheit" wird in den 1960er-Jahren der neue Werkstoff Plaste angepriesen. Die DDR-Formgestalter entwickeln massenhaft billige und und praktische Konsumartikel. Bildrechte: MDR/Simon Roloff
Lampenschirme hängen von einer Decke
Bildrechte: Anna Schmidt
DDR-Radio mit runden Boxen
Formgestalter Karl Clauss Dietel entwirft nach der Apollomondlandung 1969 die weißen Kugellautsprecher und ein Radio: Das Programat. Es war der der politischen Führung der DDR zu gefährlich, konnte man damit auf Knopfdruck Nachrichten, Tanzmusik oder Klassik hören - auch aus dem Westen. Die RDS Technik war ihrer Zeit zwar weit voraus, landete aber im Giftschrank. Bildrechte: Anna Schmidt
Ein Mann arbeitet an einer Werkbank an einer Rollschaukel.
Ein Spielzeug, das rollt, schaukelt und wippt: Der Schaukelwagen. Eine ebenso einfache wie geniale Erfindung, die sogar im Museum of Modern Art in New York steht. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Nähmaschine Freia
Ein bisschen größer als die Laptoptaschen von heute war der Koffer der Nähmaschine Freia schon. Dennoch ein technisches Meisterwerk: 1948 entworfen von Ingenieur Ernst Fischer aus Suhl nähen manche Exemplare bis heute - sogar Leder. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Nähmaschine Freia
Sogar eine Arbeitsleuchte war in das Wunderding eingebaut, das mit wenigen Handgriffen zur ausgewachsenen, funktionstüchtigen Nähmaschine wurde. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Schrankwand
Der Paukenschlag in der Möbelproduktion: Das Möbelprogramm Deutsche Werkstätten - kurz MDW. An- und Aufbaumöbel, variabel und individuell zusammenstellbar sind. Bildrechte: Anna Schmidt
Anbauwand
Von 1966 bis 1989 produziert man in Hellerau das System. Bildrechte: MDR/Simon Roloff
Freischwinger nach Rudolf Horn
Rechts im Bild: Rudolf Horns Alternativentwurf zum "Barcelona-Chair" von Mies van der Rohe. Horn hatte das Original in einer heimlich getestet und festgestellt, dass der legendäre Sessel starr war. Horns Club-Sessel wurde aus einem Bandstahlgestell hergestellt und nun dem Namen Schwingsessel gerecht. Allerdings wurde er nur den Export hergestellt und war in der DDR nicht zu haben. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
DDR-Design Rupfentiere
Rupfentiere - hergestellt aus einem haltbaren Jutegewebe und Leder, erregen 1967 auf der Leipziger Herbstmesse Aufsehen. Die Tiere aus verschiedenen Materilien sind extrem belastbar und regen zumTurnen und greifen an - Ärzte aus Orthopädie und Psychiatrie sind begeistert. - Heute zahlen Sammler mehrere tauisend Euro für en echtes Rupfentier. Ihre Designerin Renate Müller zeigte ihre Geschöpfe unter anderem Im Muserum of Modern Arts in New York. Bildrechte: MDR Zeitreise
Eine mit Kaffee gefüllte Tasse.
Nicht optimistisch genug für die sozialistische Gesellschaft, fand Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Über dieses Thema berichtete der MDR auch in "Schwalbe und Plasteschüssel - Alltagsdesign in der DDR" 05.03.2019, 22.05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. März 2019, 15:00 Uhr