Chemiewerk Leuna
Blick auf das Industriegelände in Leuna Bildrechte: IMAGO

Spezial Buna, Leuna & Co. – Das Chemiedreieck der DDR

In der Region Bitterfeld, Leuna, Schkopau und Merseburg waren die wichtigsten Chemiestandorte der DDR angesiedelt. Die Umweltschäden waren beträchtlich. "Bitterfeld, Bitterfeld, wo der Dreck vom Himmel fällt", reimte der Volksmund.

Chemiewerk Leuna
Blick auf das Industriegelände in Leuna Bildrechte: IMAGO

"Plaste und Elaste aus Schkopau", "Agfa" und später "Orwo": Markenzeichen der DDR. Was die Chemieproduktion in der Region Bitterfeld, Merseburg, Buna und Leuna für die Umwelt und die Bevölkerung bedeuteten, war offiziell kein Thema. Statttdessen wurde munter mit dem Slogan "Chemie bringt Brot, Wohlstand und Schönheit" geworben. Der Volksmund reimte dagegen unverblümt:

Bitterfeld, Bitterfeld, wo der Dreck vom Himmel fällt.

Volksmund

Denn das sogenannte Chemiedreieck war einerseits ein hoch technisiertes, andererseits eines der stärksten belasteten Regionen der DDR. Alte Fotos zeigen den Grauschleier, der über der Region hing. Zeitzeugen erinnern sich bis heute an den "sprichwörtlichen englischen Nebel", der in dunklen Schwaden oft durch die Stadt Halle kroch.

Das Chemiedreieck - Warum eigentlich genau hier? Bis Mitte des 19. Jahrhunderts war die Region eher wirtschaftlich geprägt von Ackerbau, Handwerk und Tuchherstellung. Entscheidend für die Geschichte der Region ist jedoch das enorme Braunkohlevorkommen. Erste Abbauversuche gab es bereits ab Anfang des 19. Jahrhunderts, mit Hacke Schaufel und Pferdefuhrwerken. Nach der Inbetriebnahme 1858 der Eisenbahnstrecken Leipzig-Dessau und Halle-Wittenberg wurde der Abbau gesteigert. Ab 1893 siedelten sich chemische Industriebetriebe an, die Abfallprodukte der Kohleverarbeitung zu wertvollen Chemikalien verarbeiteten.

Krieg ist der Vater aller Dinge

Angefangen hatte alles mit dem Krieg – wie so oft in der Technik-Geschichte. Im ersten Weltkrieg war Deutschland abgeschnitten vom Salpeter-Import aus Chile. Findige Ingenieure erfanden die Ammoniak-Synthese – fortan konnte auch ohne Salpeter der Grundstoff für Sprengstoff und Düngemittel hergestellt werden. Die Firma BASF zog binnen eines Jahres ein riesiges Werk in Leuna hoch. Die Lage war ideal: Mitteldeutschland liegt verkehrsgünstig, die Tagebaue der Region bieten große Mengen an Braunkohle. Sie liefert die Energie – und den typischen Geruch, der schon seit dem Beginn des Industriezeitalters aus Essen und Schornsteinen quillt. Die Bevölkerung lebt mit den Nebenwirkungen - Asthma- und Bronchitis-Erkrankungen. Ausreichend Wasser kommt von der Saale, Kalk aus dem Harz, Kali- und Steinsalz aus dem Staßfurter und Merseburger, Tonvorkommen aus dem Bitterfelder Raum.

Fossile Rohstoffe, fossile Produktionsmethoden

Silbersee
Der sogenannte Silbersee bei Wolfen ist ein Tagebau-Restloch. Ab Mitte der 1930er-Jahre bis 1991 leitete die Filmfabrik ORWO ihre Abwässer ein. Vom Silbersee gelangten die Giftstoffe in die Mulde. Bildrechte: dpa

Zu DDR-Zeiten wird die Braunkohlenchemie teilweise umgestellt auf Erdöl. Die "Drushba-Pipeline" liefert das "Schwarze Gold" aus der Sowjetunion über Schwedt/Oder in den Chemiebezirk Halle. Hier wird der Rohstoff veredelt: "Plaste und Elaste aus Schkopau" bilden die Basis für eine Industrieproduktion, die oft auf Anlagen aus der Zwischenkriegszeit angewiesen ist. Umweltstandards spielen kaum eine Rolle und die Umweltbelastung der gesamten Region ist mit Händen zu greifen: Saale, Mulde und Elbe verwandeln sich in Kloaken, die Luft ist beißend, im Boden lagern sich Schwermetalle und Giftstoffe ab. Besonders ätzend ist das Schwefeldioxid. Das giftige Gas aus der Braunkohlenverbrennung verpestet die Luft und sorgt für den "sauren Regen" – er gilt in den 1980er-Jahren als Hauptursache des Waldsterbens.

Saurer Regen

Schon 1970 hatte sich die DDR mit dem Landeskulturgesetz ein sehr fortschrittliches Umweltrecht gegeben, als zweites europäisches Land nach Schweden. Und aus dem Umweltministerium kam die Order, der Schwefeldioxid-Belastung etwas entgegenzusetzen. Wie auch im Westen meinte man, durch höhere Schornsteine dem Problem Herr werden zu können. Bis zu 300 Meter hoch ragten die Schlote in den Himmel – das entlastete zwar die Städte Halle, Merseburg und Bitterfeld, verteilte die giftige Last so aber nur an andere Stellen.

Wendezeit – als sich der Rauch verzog

Die Total-Erdölraffinerie in Leuna
1997 ging in Leuna eine neue Raffinerie in Betrieb: Die Mitteldeutsche Erdöl-Raffinerie gehört zum französischen Mineralölkonzern Total. Bildrechte: dpa

In der Wendezeit war Umweltschutz dann ein Thema. Ein Reflex auf die Geheimhaltungspolitik der SED, die jahrzehntelang Umweltdaten unter Verschluss hielt. Das "Chemiedreieck" galt in der Wendezeit als Musterbeispiel für die Umweltverschmutzung in der DDR. Kein Fernsehsender, der nicht Bilder vom "Silbersee" gezeigt hätte oder von der "Säurekreuzung".

Drei Prozesse schufen Abhilfe: Die Abwicklung der maroden Industrie, staatlich finanzierte Sanierungsmaßnahmen auf den mit Altlasten verdorbenen Flächen und nicht zuletzt die Durchsetzung neuer Umweltstandards für die sich neu ansiedelnde Industrie im Chemiedreieck. Heute ist das "Chemiedreieck" ein hochmoderner Industriestandort und weiter der größte Arbeitgeber der Region: Hier sind inzwischen wieder Tausende Menschen beschäftigt.

Das ehemalige Kohle-Abbaugebiet Goitzsche, das 1990 eher einer Mondlandschaft glich, ist inzwischen ein beliebtes Erholungs- und Naturschutzgebiet.

Tagebau im Wandel Freizeitparadies Goitzsche

Die Goitzsche ist heute ein beliebtes Ausflugsziel zu jeder Jahreszeit. Noch 1990 glich der einstige Tagebau in der Region Bitterfeld einer Mondlandschaft.

Strand an der Goitzsche
Die Goitzsche bei Bitterfeld. Ein wunderschöner See, mit einer reichen Artenvielfalt. Bildrechte: Sandra Busse
Strand an der Goitzsche
Die Goitzsche bei Bitterfeld. Ein wunderschöner See, mit einer reichen Artenvielfalt. Bildrechte: Sandra Busse
Segelboote auf der Goitzsche bei Bitterfeld.
Segelboote sind auf dem Goitzsche-See nicht mehr wegzudenken. Bildrechte: MDR / Gerald Perschke
Die Goitzsche
Früher war an dieser Stelle der Bitterfelder Tagebau - eine ausgekohlte Mondlandschaft. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Goitzsche zum Teil wieder freigegeben
Heute herrscht neues Leben im alten Revier. In der schönen Natur sorgt auch ein Piratenschiff für kindliche Abenteuer-Aufregung. Bildrechte: MDR/Norbert Claus
Schild Tagebau Goitzsche 1990
Noch 1990 war die Goitzsche alles andere als ein Ausflugsziel für Jung und Alt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Tagebau Goitzsche
In den 1970er-Jahre war die Goitzsche einer der größten Tagebaue der DDR und glich einer Mondlandschaft, in der Kinder nichts zu suchen hatten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Förderband im Tagebau Goitzsche
Die Goitzsche lärmte mit allem, was ein Tagebau zu bieten hat: Mit Förderband, ... Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Abraumbagger im Tagebau Goitzsche
... mit Abraumbagger ... Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Raupe richtet im Tagebau Goitzsche Förderband für Kohle aus
und mit Raupen, die das Förderband für die Kohle ausrichteten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Goitzsche, Dorf im Hintergrund.
Der Schmutz und Staub des Tagebaus wehte oft in die dicht angrenzenden Orte. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Muldenstausee nach“Rückgabe der rekultivierten Flächen“ 1976
Aber bereits 1976 wurden Teile des riesigen Tagebaus zurückgegeben. Danach entstand der Muldenstausee. Weitere Rückgabe-Flächen wurden landwirtschaftlich genutzt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Goitzsche zum Teil wieder freigegeben
Seit der Wende werden immer mehr ehemalige Tagebaue rekultiviert und zu attraktiven Stränden und Naherholungsorten. Bildrechte: MDR/Norbert Claus
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Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: Sachsen-Anhalt Heute | 08.07.2018 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. Mai 2019, 15:55 Uhr