Der Weg von der Verfolgten zur Verfolgerin Hilde Benjamin: Daten, Orte und Ereignisse

Welchen Weg die Tochter aus gutbürgerlichem Hause, geboren 1902 in Bernburg, nahm, lesen Sie in unserer Chronologie ...

5. Februar 1902: Hilde Benjamin  geboren

Bernburg/Saale: In Bernburg an der Saale wird Hilde Benjamin (geb. Lange) geboren. Ihr Vater ist Prokurist in der Chefetage der Solvay AG, einem der wichtigsten deutschen Sodaproduzenten. Hilde verbringt ihre Kindheit in einem freidenkerisch liberalen Elternhaus, ihre Familie gehört zur Oberschicht der Stadt.

In der Novemberrevolution 1918/19 drängt sie jedoch aus den bürgerlichen Bindungen hinaus. Aus Gerechtigkeitsstreben studiert sie als einer der ersten Frauen in Deutschland Rechtwissenschaften und wird Anwältin.

1950 kommt Benjamin als Vorsitzende beim 1. Strafsenat des Obersten Gerichts der DDR für einen Prozess zurück in ihre Geburtsstadt. In weißem Herrenhemd, schwarzer Krawatte und schwarzem Jackett sitzt sie erhöht auf der Theaterbühne ihrer Geburtsstadt. Es ist der dritte Prozess dieser Art innerhalb weniger Monate, bei dem sie den Vorsitz führt. Zehn leitende Angestellte der Solvay-Werke stehen vor Gericht. Nach zügiger Verhandlung verhängt Hilde Benjamin gegen die Angeklagten wegen "Schiebergeschäften" und "Wirtschaftssabotage" hohe Strafen.

30. Juni 1893: Walter Ulbricht geboren

Leipzig: Walter Ulbricht wird als Kind von August und Paulina Ida Ulbricht geboren. Von 1950 bis zu seiner Entmachtung durch Erich Honecker 1971 stand er an der Spitze des Zentralkomitees der SED, zunächst als Generalsekretär des ZK, später wurde das Amt umbenannt in "Erster Sekretär".

1921-1935: Privatleben und Anwaltszeit in Berlin

Berlin: Wenige Jahre nach der Geburt zieht die Familie nach Berlin. 1921 legt Hilde Benjamin das Abitur am Kaiserin Auguste Viktoria-Lyzeum in Steglitz ab. Anschließend studiert sie bis 1924 Rechtswissenschaften in Berlin, Heidelberg und Hamburg. Nach Referendars- und Assessorexamen eröffnet sie 1928 in der Müllerstraße, direkt neben dem Rathaus Wedding, eine Anwaltskanzlei. Sie engagiert sich als Rechtsbeistand für Kommunisten und linke Gewerkschaftler.

Zwei Jahre zuvor hat sie Georg Benjamin geheiratet, der im Bezirk Wedding als Arzt versucht, die Not der Arbeiterschaft zu lindern. Er ist für Hilde ein großes Vorbild. Gemeinsam sind sie in der KPD aktiv. 1932 wird ihr einziger Sohn Michael geboren. Bis zum Berufsverbot 1933 ist Hilde Benjamin als Anwältin tätig. Sie verteidigt vor allem Parteifreunde vor Gericht, so auch eine Angeklagte im Mordfall Horst Wessel.

Nach dem Berufsverbot arbeitet sie als juristische Beraterin der sowjetischen Handelsgesellschaft in Berlin und ist von 1939 bis 1945 als Angestellte in der Konfektionsindustrie dienstverpflichtet.

1930: Der Fall Horst Wessel

Berlin: Hilde Benjamin ist die erste weibliche Rechtsanwältin, die in einem Schwurgerichtsprozess auftritt. In ganz Deutschland sind zu dieser Zeit nur 55 Frauen als Rechtsanwälte registriert. Im Kriminalgericht Moabit verteidigt Hilde Benjamin Elisabeth Salms aus Friedrichshain, deren Untermieter - SA-Führer Horst Wessel - bei einem Streit von KPD-Mitgliedern erschossen worden war.

Man wirft Salms nun Beihilfe zum Totschlag vor. Hilde Benjamin erwirkt, dass sie mit nur eineinhalb Jahren Freiheitsstrafe belegt wird. Durch ihre Rolle in dem Prozess macht sie sich viele Feinde unter den Nationalsozialisten.

1933: Georg Benjamin kommt ins KZ

Sonnenburg: Wenige Monate nach dem Reichstagsbrand im Februar 1933 wird Widerstandskämpfer Georg Benjamin, der seit 1933 in der Leitung der illegalen KPD in Deutschland tätig war, festgenommen, und in das KZ Sonnenburg bei Küstrin an der Oder verschleppt.

Seine Frau Hilde bleibt mit dem gemeinsamen Sohn Michael in Berlin zurück und erhält wochenlang keine Nachricht von ihrem Ehemann. Es folgen Durchsuchungen seiner Arztpraxis, ihrer Kanzlei und der Wohung. Anfang Mai 1933 erhält die leidenschaftliche Juristin schließlich Berufsverbot. Georg Benjamin kehrt erst kurz vor Weihnachten 1933 abgemagert und krank nach Berlin zurück.

26. August 1942: Tod von Georg Benjamin

Mauthausen (Österreich): Nach erneuter Verhaftung am 14. Mai 1936 wird Georg Benjamin wegen Hochverrats zu sechs Jahren Zuchthaus wegen Hochverrat verurteilt, die er zunächst im Zuchthaus Brandenburg verbringt. Nur vier Mal im Jahr darf sich das Ehepaar Benjamin für 15 Minuten in Gegenwart eines Beamten sehen.

Nach Ende der Haftstrafe kommt Georg Benjamin nicht frei, sondern wird ins KZ Mauthausen gesperrt, wo er im September 1942 kurze Zeit nach Einlieferung ums Leben kommt. Die Totenliste des Lagers gibt als Todesursache "Freitod durch Starkstrom" an. Es wird jedoch angenommen, dass er ermordet wurde.

Die Biografen mutmaßen, dass sich Hilde Benjamin nach diesem Schlag "total verhärtet" habe. Georg Benjamins Name ist in der Gedenkstätte der Sozialisten in Berlin-Friedrichsfelde als Mitglied des antifaschistischen Widerstands aufgeführt.

1945-1953: Beruflicher Aufstieg

Berlin: Mit Hilfe ihrer Eltern rettet Hilde Benjamin sich und ihren Sohn über die Zeit der NS-Diktatur. Nach dem Zweiten Weltkrieg zieht sie in den sowjetischen Sektor Berlins, wo sie von der sowjetischen Besatzungsmacht in Berlin-Steglitz als Staatsanwältin eingesetzt wird. 1946 tritt sie der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) bei.

Von 1947 bis 1949 ist sie als Leiterin der Personalabteilung in der Justiz-Verwaltung tätig. Dabei fördert besonders sie die Ausbildung von Volksrichtern und -staatsanwälten. Sie unterstützt die Ablösung der teilweise nur "bürgerlich" belasteten Volljuristen aus politischen Gründen mit der Maxime: "Keiner darf Richter bleiben, der nicht Parteigänger des revolutionären Klassenkampfes ist". Viele dieser Richter gehen für mehrere Jahre ins Gefängnis.

1948 wird Benjamin Mitglied des Bundesvorstandes des Demokratischen Frauenbundes Deutschland (DFD) und Leiterin der Juristinnenkommission. 1949 tritt sie der Volkskammer der DDR bei, im gleichen Jahr wird sie Vizepräsident des Obersten Gerichts der DDR. In dieser Funktion leitet Benjamin eine Reihe von Schauprozessen gegen "Staatsfeinde" und "Wirtschaftssaboteure", unter anderem gegen die Zeugen Jehovas und die Burianek-Gruppe. Wegen ihrer harten Urteile wird sie im Volksmund "Rote Hilde" oder auch "Rote Guillotine" genannt.

1945-1950: Speziallager in Buchenwald, Bautzen und Sachsenhausen

In Buchenwald, Bautzen und Sachsenhausen werden nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 die Speziallager Nr. 2, 4 und 7 von der sowjetischen Militäradministration in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) eingerichtet und bis 1950 in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) genutzt. Insgesamt gab es zehn.

Die Speziallager in Buchenwald und Sachsenhausen werden in den beiden ehemaligen KZ eingerichtet. Im Amtsrussisch hießen sie abgekürzt im Singular "Spezlag", im Plural "Spezlagerja". In deutschsprachigen Bekanntmachungen verwendeten die Lagerleitungen für den Begriff "Speziallager" das Wort "Anhaltelager".

Solche Internierungslager wurden aufgrund gemeinsamer alliierter Vereinbarung in allen Besatzungszonen eingerichtet. Analog zu dem in den westlichen Besatzungszonen gehandhabten Instrument "automatic arrest" sollten als gefährlich eingestufte Personengruppen für eine bestimmte Zeit interniert werden. Die Sowjetische Besatzungsmacht arrestierte jedoch in ihren Speziallagern einen wesentlich umfangreicheren Personenkreis als die westlichen Besatzungsmächte, ließen sie länger bestehen und benutzten sie vor allem auch zur Unterdrückung politischer Gegner.

Die meisten Lager werden im Spätsommer 1948 aufgelöst, nur die in Sachsenhausen, Buchenwald, und Bautzen bleiben (mit neuer Nummerierung 1 – 3) bis März 1950 bestehen. Anschließend werden über 3.400 Häftlinge aus den drei Lagern in das Zuchthaus der sächsischen Kleinstadt Waldheim gebracht.

1950: Waldheimer Prozesse

Waldheim: Die Waldheimer Prozesse finden vom 21. April bis zum 29. Juni 1950 im Zuchthaus der sächsischen Kleinstadt statt. In Güterwagen werden über 3.400 Häftlinge aus den sowjetischen Internierungslagern Bautzen, Buchenwald und Sachsenhausen in das Zuchthaus der sächsischen Kleinstadt Waldheim gebracht. Ihnen wird vorgeworfen, Kriegs- bzw. nationalsozialistische Verbrechen begangen zu haben. Bereits zu diesem Zeitpunkt ist klar, keiner von ihnen wird der stalinistischen Justiz entkommen. Ohne das Recht auf eine angemessene Verteidigung werden sie im Eilverfahren abgeurteilt. Der Jüngste unter ihnen ist bei seiner Verhaftung gerade einmal 14 Jahre alt.

Die Vizepräsidentin des Obersten Gerichts der DDR, Hilde Benjamin, entscheidet mit einer kleinen Kommission, welche Richter und Staatsanwälte die bereits vorgefertigten Urteile aussprechen sollen. Freisprüche werden vorab kategorisch ausgeschlossen.

Im Ergebnis werden 3.324 Angeklagte verurteilt, 33 Todesstrafen verhängt, alle anderen erhalten Zuchthausstrafen von minimal 5 Jahren bis lebenslänglich. Nach dem Abschluss der 1.317 Revisionsverfahren im Juli 1950 sind 33 Todesurteile gefällt. Sieben der zum Tode Verurteilten werden begnadigt, zwei Personen sterben vor der Vollstreckung, die 24 verbleibenden Todesurteile werden am 4. November 1950 vollstreckt. Die Hinrichtung nehmen Volkspolizisten im Offiziersrang vor, die die Verurteilten erdrosseln. Grund hierfür ist, dass kein Henker gefunden worden war.

1950: Solvay-Prozesse

Bernburg: Im Dezember 1950 findet im Kurhaus der Stadt einer der ersten großen Schauprozesse der DDR statt. Den Vorsitz führt Hilde Benjamin. Angeklagt sind zehn Angestellte des Bernburger Soda-Konzerns Solvay wegen Spionage und Sabotage. Hilde Benjamin erwirbt für die ehemaligen Kollegen ihres verstorbenen Vaters Walter Lange insgesamt 99 Jahre Zuchthaus.

1950-1989: Strafvollzugsanstalt Torgau

Torgau: Zu den ersten Gefangenen der Strafvollzugsanstalt Torgau gehören die Verurteilten aus dem Bernburger Prozess unter dem Vorsitz von Hilde Benjamin. Die Anstalt ist während der gesamten DDR-Zeit in schlechtem Zustand und überbelegt.

Erst im Herbst 1989 begehrten die Gefangenen gegen diese Missstände auf. Seit der Wiedervereinigung im Jahr 1990 befindet sich am selben Ort eine Justizvollzugsanstalt des Freistaates Sachsen

1950: Verfolgung der Zeugen Jehovas

Magdeburg: Von ihrer Zentrale in Magdeburg gelingt es den Zeugen Jehovas nach 1945 zunächst, ihre zerstörten Strukturen wieder aufzubauen. Doch auf den Nazi-Terror folgen bald Repressionen durch die SED: Im Oktober 1950 werden einige Mitglieder der Glaubensgemeinschaft vor Gericht gestellt, weil sie die Volkskammer-Wahlen boykottieren.

Hilde Benjamin führt die Verhandlung. Sie verurteilt die Angeklagten zu lebenslanger Zuchthaushaft und gibt damit Anstoß zur DDR-weiten Verfolgung der Zeugen Jehovas.

25. Juli 1951: Festnahme von Elisabeth Graul

Erfurt: Die Musikstudentin Elisabeth Graul wird am 25. Juli 1951 in der thüringischen Hauptstadt verhaftet. Seit 1950 war sie Teil einer Widerstandsbewegung, die Flugblätter gegen das SED-Regime verteilte. Nach einem halben Jahr Haft in Berlin Hohenschönhausen verurteilt Hilde Benjamin sie zu 15 Jahren Haft. Die damals 23-Jährige beginnt ihre Hafterlebnisse in literarischer Form zu verarbeiten. Sie bleibt jedoch bis zu ihrem Tod im Jahr 2010 schwer traumatisiert.

2. August 1952: Hinrichtung in Dresden

Dresden: Mit dem Fallbeil werden in der zentralen Hinrichtungsstätte Dresden zwei Menschen exekutiert, die Hilde Benjamin zum Tode verurteilt hat. Es sind Mitglieder der von westlichen Geheimdiensten unterstützten antikommunistischen "Kampfgruppe gegen die Unmenschlichkeit".

Ihnen wird die Planung mehrerer Terrorakte zur Laste gelegt. Das Gnadengesuch des Angeklagten Johannes Burianek wird vom SED-Politbüro abgelehnt. Sein Todesurteil wird am 2. August 1952 vollstreckt.

17. Juni 1953: Der Arbeiteraufstand und Benjamins Aufstieg zur Justizministerin

Magdeburg, Jena, Halle, Görlitz, Leipzig: Neben Berlin gehören diese Städte zum Zentrum des Arbeiteraufstands in der DDR. Der Volksaufstand vom 17. Juni richtet sich vor allem gegen Walter Ulbricht und wirtschaftspolitische Beschlüsse wie die Erhöhung der Arbeitsnormen. Vor allem die Arbeiter fühlten sich benachteiligt. In hunderten Orten wird gestreikt und demonstriert. Schätzungsweise beteiligt sich jeder zehnte Arbeiter der DDR.

Die SED-Führung ist hilflos und lässt den Aufstand schließlich von sowjetischen Truppen niederschlagen. 55 Menschen kommen ums Leben. Manche werden bei den Demonstrationen von Volkspolizisten oder sowjetischen Soldaten erschossen, manche nach dem Aufstand zum Tode verurteilt, andere sterben später im Gefängnis.

In dieser Zeit avanciert Hilde Benjamin zur Justizministerin der DDR: Ihr Vorgänger Max Fechner hat sich in einem Interview mit dem SED-Parteiblatt "Neues Deutschland" am 30. Juni 1953 gegen eine Strafverfolgung der streikenden Arbeiter des Volksaufstands vom 17. Juni ausgesprochen. Daraufhin wird er als "Feind des Staates und der Partei" seines Amtes enthoben, aus der SED ausgeschlossen und verhaftet. Am 15. Juli 1953 tritt Hilde Benjamin die Nachfolge von Fechners an.

1950er-Jahre: Benjamins Wohnung in Berlin

Berlin: In einer großen Altbauwohnung in der Prenzlauer Allee 172 wohnt die die Vizepräsidentin des Obersten DDR-Gerichts, Hilde Benjamin mit ihrem Sohn Michael. Durch ihre Urteile hat sie sich viele Feinde gemacht, vor denen sie sich nun stets fürchtet. Zwei Leibwächter bewachen ihre Wohnung rund um die Uhr.

1967: Das Ende der Karriere

Potsdam: Der DDR-Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht schickt Hilde Benjamin 1967 in den vorzeitigen Ruhestand, angeblich aus "gesundheitlichen Gründen". Vermutlich ist sie zu diesem Zeitpunkt als alte Stalinistin politisch nicht mehr tragbar. Entsprechend endet ihre Laufbahn als Richterin, jedoch setzt sie ihre juristische Karriere als Staatsrechtlerin in der DDR bis zu ihrem Tod fort. 1967 übernimmt Hilde Benjamin den Lehrstuhl "Geschichte der Rechtspflege" an der Deutschen Akademie für Staats- und Rechtswissenschaft "Walter Ulbricht" in Potsdam-Babelsberg, den sie bis zu ihrem Tod innehat. In dieser Funktion leitet sie ein Autorenkollektiv, das eine "Geschichte der Rechtspflege der DDR" erarbeitet. Der erste Band erscheint 1976, der zweite 1980 und der dritte 1986.

Die Deutsche Akademie für Staats- und Rechtswissenschaft "Walter Ulbricht", später umbenannt in Akademie für Rechts- und Staatswissenschaft der DDR, war eine Institution zur Aus- und Weiterbildung der leitenden Beschäftigten im Staatsapparat, dem diplomatischen Dienst und der Justiz der DDR. Die Akademie ist nicht zu verwechseln mit der ebenfalls in Potsdam (Golm) angesiedelten Hochschule des Ministeriums für Staatssicherheit.

18. April 1989: Tod in Ost-Berlin

Berlin: Auf dem Berliner Zentralfriedhof in Friedrichsfelde wird Hilde Benjamins Urne mit einem Staatsbegräbnis beigesetzt. Sie starb am 18. April 1989 in Ost-Berlin - an den Folgen eines Sturzes nach einer Routineuntersuchung. Wenig später kollabiert mit dem Mauerfall der Staat, für den sie sich ein Leben lang einsetzte, endgültig. Ihr Sohn Michael fungiert bis zu seinem Tod im Jahr 2000 als Sprecher der kommunistischen Plattform in der PDS.