WM: Bob und Skeleton in Altenberg Der Eisbahn-Pionier: Udo Gurgel

Udo Gurgel ist der Mann hinter den Rekorden: Der studierte Ingenieur baute zahlreiche große Bobbahnen auf der ganzen Welt. Die Kunsteis-Pisten Calgary, Lillehammer, Nagano, Salt Lake City, Turin und Sotschi gehören zum Repertoire des Leipzigers. Zu einem seiner Pionier-Projekte gehörte die Eisbahn in Altenberg. Ihr Bau war zu DDR-Zeiten streng geheim und endete fast im Fiasko.

Formel 1 im Eiskanal - Die Geschichte der Bobbahn Altenberg
Der Eiskanal in Altenburg im Bau, Ender der 1960er-Jahre Bildrechte: mdr/Peter Flehmig

Der gebürtige Schweriner und Wahl-Leipziger Udo Gurgel besucht auch heute noch gern eines seiner Meisterwerke, die Rennschlitten- und Bobbahn Altenberg. Sie gilt immer noch als die schwierigste Bahn der Welt. Ebenso schwierig war auch der Weg zum Bau, denn man musste in der DDR bei der Konstruktion der neuen Kunsteisbahnen ganz von vorne anfangen.

Der deutsche Architekt von Kunsteisbahnen, Udo Gurgel, aufgenommen am 12.03.2010 in der MDR-Talkshow "Riverboat" in den Studios der Media City Leipzig.
Kunsteisbahn-Bauer Udo Gurgel Bildrechte: dpa

1966 hatte Gurgel sein Ingenieursstudium in Weimar abgeschlossen und sich die ersten Sporen als Konstrukteur verdient, als er in das Geschäft um Kunsteis und Rekorde einstieg. Auf Vorlagen oder fertige Lösungen konnten die Bob-Bahnbauer der ersten Stunde am Wissenschaftlich-Technischen Zentrum für Sportbauten in Leipzig damals nicht zurückgreifen. Bis dato hatte es nur Natureisbahnen gegeben, die erst Ende der 1960er-Jahre durch das Kunsteis abgelöst wurden.

Die Bundesrepublik betrieb damals schon eine Kunsteisbahn in Königssee. So eine wollte die DDR auch. Doch ein Spionageversuch im Westen brachte keine verwertbaren Ergebnisse:

Deshalb mussten wir auch das Fahrrad neu erfinden. Wir waren alles junge Ingenieure, wir haben uns zusammengesetzt und haben uns was ausgedacht. Ich hatte die Uni gerade zwei Jahre hinter mir, als ich damit anfing, mich damit zu befassen, das ging.

Udo Gurgel

Die jungen Ingenieure um Udo Gurgel mussten also ganz neue Wege gehen.

Bobbahn Oberhof: Die zweite Kunsteisbahn der Welt

Die erste Kunsteisbahn der DDR - und überhaupt die zweite der Welt - sollte in Oberhof im Thüringer Wald entstehen. Für die Berechnungen nutzen die Ingenieure erstmals einen Großrechner in Dresden. 1968 wurde schließlich mit dem Bau begonnen. Zwei Jahre später konnte die weltweit erste am Computer entworfene Rennrodelbahn in Oberhof eingeweiht werden. Die Feuertaufe für die Ingenieure war bestanden.

Kunsteisbahn Altenberg: Das Geheimprojekt

Der Bob- und Rodelsport in der DDR entwickelte sich zusehends und gewann auch international an Bedeutung. So kam 1980 der nächste Auftrag für den Bobbahn-Pionier Gurgel. Um international den Anschluss nicht zu verlieren, wollte die SED-Führung in Altenberg eine neue Kunsteisbahn bauen. Denn die bereits vorhandene Bahn in Oberhof konnte auf Weltniveau nicht mithalten. Der Bau in Altenberg begann im Frühjahr 1983.

Bobrennbahn Altenberg
Das geheime Bauprojekt in Altenberg. Erst nach Fertigstellung der Bahn bekam Gurgel Fotos vom Bau. Bildrechte: MDR/Christa Bessler

Die Arbeiten fanden unter größter Geheimhaltung statt, so wollte es das Ministerium für Staatssicherheit. Schließlich sollte der Westen nicht erfahren, dass sich die DDR noch eine zweite Bob- und Rodelbahn leistete. Nicht mal dem Konstrukteur Gurgel war es gestattet, Fotos vom Bau zu machen.

Es war in der Region bekannt. Jeder wusste, es wird etwas hier gebaut. Aber was und wie, das war unklar.

Udo Gurgel

Bobrennbahn Altenberg
Nach Fertigstellung der Spritzbetonschicht musste der Beton noch drei Wochen lang permanent feucht gehalten werden, damit keine Risse auftraten. Bildrechte: MDR/Christa Bessler

Die große Ernüchterung

In Rekordzeit war die Bahn fertig - so dachte man zumindest:

Die ganze Bahn ist letztendlich in einer Zeit von zwei Jahren fertiggestellt worden. Doch es gab Schwierigkeiten beim Befahren einzelner Kurven. Das Kuriose war jedoch, dass sämtliche Koryphäen im Rodel- und Bobsport, Olympiasieger und Weltmeister, die Bahn abgegangen sind, bevor sie betoniert wurde. Und sie wurden gefragt, ob die Bahn für sie befahrbar aussieht.

Udo Gurgel

Allerdings fand die Meinung und Expertise der Sportler wenig Gehör, wie sich der ehemalige Bob Olympiasieger Wolfgang Hoppe erinnert:

Als wir das Hochsicherheitsgebiet und die ersten Kurvensegmente anschauen konnten, kamen schon die ersten Bedenken. Wir haben versucht, den Konstrukteuren zu vermitteln, dass die Kurven so nicht funktionieren können.

Wolfgang Hoppe Bob Olympiasieger

Doch die Zeit drängte. Denn zu den nächsten großen Wintersportereignissen wollte die SED-Führung Medaillen sehen. Als die Sportler - trotz aller Bedenken - die Bahn zum ersten Mal testen konnten, fiel das Ergebnis katastrophal aus: "Da hat es die meisten geschmissen, obwohl wir von der niedrigst möglichen Starthöhe gestartet sind", so Hoppe. Dem Zeitdruck und den widrigen Planungsbedingungen aufgrund der Geheimhaltung war es wohl geschuldet, dass die Bahn kurz nach Fertigstellung überarbeitet werden musste.

WM: Bob und Skeleton Beton-Bau auf Weltniveau

Der Bau der Bobbahn in Altenberg begann 1982 unter größter Geheimhaltung. Anfänglicher Konstruktionsfehler und Bauverzögerungen zum Trotz - bis heute gilt die Bahn als eine der schnellsten und schwierigsten der Welt.

Bauarbeiten an der Bobbahn in Altenberg.
1982 begann der Bau der zweiten Bob- und Rodelbahn der DDR in Altenberg. Die Arbeiten fanden unter größter Geheimhaltung statt, denn der Westen sollte nicht erfahren, dass sich die DDR noch eine zweite Bob-und Rodelbahn leistet. Die andere Bahn befand sich in Oberhof. Bildrechte: MDR/Christa Bessler
Bauarbeiten an der Bobbahn in Altenberg.
1982 begann der Bau der zweiten Bob- und Rodelbahn der DDR in Altenberg. Die Arbeiten fanden unter größter Geheimhaltung statt, denn der Westen sollte nicht erfahren, dass sich die DDR noch eine zweite Bob-und Rodelbahn leistet. Die andere Bahn befand sich in Oberhof. Bildrechte: MDR/Christa Bessler
Bauarbeiten an der Bobbahn in Altenberg.
Die Kältetechnik kam vom VEB Maschinenbau Halle. Mit dem Kühlsystem waren etwa 30 Kältetechniker befasst. In dem dünnen Vorlaufrohr wird flüssiges Ammoniak in die Bahn gepumpt, in dem dickeren Rücklaufrohr kommt das Ammoniak gasförmig zurück. Die Kälte zur Kühlung der Bahn entsteht durch die Veränderung des Aggregatzustandes. Bildrechte: MDR/Christa Bessler
Bauarbeiten an der Bobbahn in Altenberg.
Hier installiert ein Arbeiter die Profillehren, die die Neigung und Krümmung der zukünftigen Bobbahn bestimmen. Bildrechte: MDR/Christa Bessler
Bauarbeiten an der Bobbahn in Altenberg.
Das Rohr in der Mitte (mit den Löchern) ist ein sogenannter Kollektor, der das Ammoniak weiter im Kühlsystem verteilt. Die einzelnen Rohre der Kühlsystems hatten jeweils eine Länge von 60 bis 70 Metern und wurden vor Ort mit Schweißgeräten auf die richtige Länge gebracht. Bildrechte: MDR/Christa Bessler
Bauarbeiten an der Bobbahn in Altenberg.
Auf diesem Bild ist das fertige Kühlsystem der Bobbahn zu sehen. Die Rohre dafür wurden von VEB Maschinenfabrik Halle hergestellt, der auf Kältemaschinen spezialisiert war. Bildrechte: MDR/Christa Bessler
Bauarbeiten an der Bobbahn in Altenberg.
Nach dem Bau des Kühlsystems wurde ein "Gerüst" aus Rundstahl aufgebaut, das als Untergrund für den Spritzbeton diente. Bildrechte: MDR/Christa Bessler
Das gerüst einer Bobbahn ist zu sehen.
Der Spritzbeton wurde vom VEB Spezialbetonbau Rügen aufgebracht. Der Rügener Betrieb war auf Schalenbau in Betonspritzverfahren spezialisiert und hatte unter Leitung des Bauingenieurs und Architekten Ulrich Müther zahlreiche Beton-Schalenwerke in der DDR realisiert. Bildrechte: MDR/Christa Bessler
Bauarbeiten an der Bobbahn in Altenberg.
Nach außen wurde die Bahn mit Polystyrolschaum gedämmt. Dann wurde auch die Außenseite mit Beton verkleidet. Bildrechte: MDR/Christa Bessler
Bobrennbahn Altenberg
Nach Fertigstellung der Spritzbetonschicht musste der Beton noch drei Wochen lang permanent feucht gehalten werden, damit keine Risse auftraten. Bildrechte: MDR/Christa Bessler
Bauarbeiten an der Bobbahn in Altenberg.
Um so eine Bahn wie in Altenberg zu "vereisen", wird sie zuerst anderthalb Tage lang mit Ammoniak gekühlt, dann wird begonnen, Wasser aufzusprühen. Nach fünf Tagen hat die Bahn die erforderliche Eisdecke von zwei bis drei Zentimetern. Bis heute kann das Aufsprühen des Wassers und die Wartung der Eisdecke nur von Hand ausgeführt werden. Mit Maschinen erreicht man nicht die notwendige Qualität. Bildrechte: MDR/Christa Bessler
Bauarbeiten an der Bobbahn in Altenberg.
Die erste Eröffnung des Rohbaus der Bahn fand im Juni 1984 statt. Nach den ersten Testfahrten stellte man jedoch fest, dass die Bobbahn nicht zu befahren war. Unter anderem waren viele Kurven zu kurz. Bildrechte: MDR/Christa Bessler
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Nun übernahm das Ministerium für Staatssicherheit die Bauleitung. Niemand sollte von der Fehlkonstruktion erfahren. Mehr als die Hälfte der 17 Kurven mussten weggesprengt und neu gebaut werden. Das wollte die Stasi möglichst geheim halten. Genaue Zahlen für den Neubau gibt es nicht. Trotz alledem wurde die Altenberger Eisbahn weltbekannt - und mit ihr Udo Gurgel und seine Männer.

Altenberg als Durchbruch in die internationale Welt des Bob-Bahnbaus

In der Szene hatte sich Gurgel mit der Bahn in Altenberg einen Namen gemacht, so dass er den bis dato größten internationalen Auftrag erhielt: den Bau der Bobbahn für die Winterspiele 1988 in Calgary.

Wir sind von den Kanadiern sehr herzlich empfangen worden. Kanada ist anders als Amerika. Die haben also dieses Ost-West-Verhältnis gar nicht durchgucken lassen. Insofern war man da auf Augenhöhe.

Udo Gurgel

Die Frage, ob er nie daran gedacht habe, die Chance zu nutzen und sich in den Westen abzusetzen, verneint er heute. Die Familie im Stich zu lassen, wäre für ihn nicht in Frage gekommen. Und Bobbahnen "Made in GDR" waren mittlerweile weltweit begehrt.

Fast parallel zu der Bahn in Calgary liefen die Arbeiten für eine Bob- und Rodelbahn im heute lettischen Sigulda an, Austragungsort unzähliger Weltmeisterschaftsläufe. Für Udo Gurgel begann ein Leben auf Baustellen und im Flugzeug. Mit der Anfrage für den Bau der Olympiabahn für die Olympischen Winterspiele 1994 im norwegischen Lillehammer schien er auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Doch dann kam die Wende und mit ihr der Wegfall seines staatlichen Arbeitsgebers. Der Ingenieur hatte nun die Wahl, seine Arbeit abzubrechen oder den Sprung in die Marktwirtschaft zu wagen. Tatsächlich beendete er mit Zustimmung der Norweger als Privatmann die Arbeiten an seiner zweiten Olympiabahn.

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Zweite Karriere nach der Wende

Das war der Startpunkt seiner zweiten Karriere: 1993 gründete er ein Ingenieurbüro. In einem Leipziger Hinterhaus entwarf er mit einem Team aus drei Leuten nicht nur Garagen und Brücken. Seine alte Leidenschaft ließ Gurgel nicht los, er spezialisierte sich mehr und mehr auf Entwurf, Planung und Berechnung neuer Bobrennbahnen. Auftraggeber waren nun Sportverbände, für die er die olympischen Eiskanäle von Nagano, Salt Lake City, Turin und Whistler entwarf.

Der Sport, sagt Udo Gurgel, will immer weiter. Auch wenn Verbände und Auftraggeber das Profil und damit die Geschwindigkeiten einer jeden Bahn bestimmen, ist die Verantwortung auch für die Bahnenbauer groß. 2010 starb ein georgischer Bobfahrer bei einer Trainingsfahrt in Whistler kurz vor Beginn der olympischen Winterspiele. Die nächste Bahn, die Gurgel entwarf - für die Olympiade in Sotschi 2014 - war langsamer als die Bahnen in Whistler und Altenberg. Inzwischen hat der Pionier des Baus von künstlichen Eisrinnen sein Know-How an jüngere Ingenieure weitergegeben. Für seine Leipziger Firma ist er nur noch als Berater tätig.

lw/ubi/hd/me

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im Fernsehen: Sachsenspiegel | 18.02.2020 | 19:00 Uhr

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