Interview Warum die DDR dicke Menschen stigmatisiert hat

Auf dem jährlichen Kongress der Deutschen Gesellschaft für Ernährung wird ab heute drei Tage lang virtuell über neueste Forschungsergebnisse auf diesem Gebiet diskutiert - unter anderem auch darüber, wie die Covid-19-Pandemie sich auf unseren Gemüseverzehr auswirkt. Eine weitere Frage: Darf der Staat die Ernährung der Bürger steuern? In der DDR wurde das gemacht. Dicke Menschen wurden regelrecht stigmatisiert.

Kulturwissenschaftler Stefan Offermann von der Universität Leipzig
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Zu DDR-Zeiten waren die Menschen im Osten nach einer Studie des Robert Koch-Institus dicker als in der Bundesrepublik – und hatten dadurch mehr gesundheitliche Probleme. Der Staat versuchte ab den 1970er Jahren gezielt gegen "Übergewicht" vorzugehen und kämpfte neben Aufklärung und Diät-Tipps mit unerwarteten Methoden. Den Bürgern wurde nicht nur nahegelegt abzunehmen, dicke Körper wurden auch öffentlich angeprangert und geächtet. Doch woher kam die politisch gewollte Stigmatisierung von dicken Menschen?

Die Wurzeln des Problems lagen in der unmittelbaren Nachkriegszeit, die vom Hunger gekennzeichnet war. Die Generation, die Hunger ertragen musste, war dann glücklich, Mitte der 1960er Jahre endlich ausreichend Lebensmittel zur Verfügung zu haben. Doch damit begann auch der Zug der "Überernährung" zu fahren. Gleichzeitig arbeiteten die Menschen weniger in der Industrie, es gab mehr sitzende Tätigkeiten. Der DDR-Bürger wurde dicker.

MDR ZEITREISE hat mit dem Kulturwissenschaftler Stefan Offermann von der Universität Leipzig gesprochen. Er hat an einem deutschlandweiten Forschungsprojekt teilgenommen und – neben Sport, Aufklärung und Diät-Tipps – auch sehr unerwartete Maßnahmen entdeckt, mit denen der Staat DDR das Dicksein beeinflussen wollte.

Wie sind Sie auf die Besonderheiten in der DDR gestoßen?

Stefan Offermann: Mein Forschungsprojekt war Teil eines interdisziplinären Forschungsverbundes. Der Ausgangspunkt waren zwei Beobachtungen, die sich auf die Gegenwart beziehen: Einerseits der Boom von Fitness und gesunder Ernährung und andererseits die Dämonisierung, Abwertung von als "übergewichtig" klassifizierten Körpern, die Sorge vor einer "Adipositas-Epidemie". Und unser Ansatz war, diese Konstellation historisch zu betrachten: Wie ist das gekommen, wie hat sich das entwickelt?

Warum ist das wichtig?

Die Abwertung von dicken Menschen ist ein Gegenwarts-Problem. Uns hat vor allen Dingen interessiert, wie Dicksein in verschiedenen Gesellschaften, in verschiedenen historischen Zeiten thematisiert wurde. Und wie über die Problematisierung und die Abwertung von Körperfett und fetthaltiger Ernährung soziale Ausschlüsse und Hierarchien hergestellt und legitimiert wurden.

In der DDR wurde oft viel Wert auf Solidarität, die Gemeinschaft und das gegenseitige Helfen gelegt. Wie war das nach Ihren Erkenntnissen beim Thema "Übergewicht"?

Wenn man sich die Geschichte von Ernährungs- und Körpernormen in der DDR mal anguckt, dann sieht man sehr stark, dass so etwas wie Solidarität nicht von systematischer Bedeutung ist. Sondern es geht viel um Eigenverantwortung, es zeigen sich klare Individualisierungstendenzen. Es ging darum, die Bereitschaft und die Fähigkeit der Menschen zu stärken, eigenverantwortlich an sich selbst zu arbeiten. So gewann auch in der DDR die Vorstellung an Bedeutung, dass der Umgang mit dem eigenen Körper ein Zeichen individueller Leistungsbereitschaft und Leistungsfähigkeit sei.

Woher kam die Vorstellung,  das Problem "Übergewicht" lösen zu müssen?

Beim Thema Überernährung ist die DDR spätestens ab 1973 nicht mehr isoliert. Sie ist ganz systematisch eingebunden in die internationale Forschungslage nach dem Beitritt zur Weltgesundheitsorganisation (WHO). Sie orientiert sich stark an der WHO und dort spielt die Frage nach dem gesunden Körper, nach dem gesunden Körpergewicht eine ganz zentrale Rolle, was wiederum mit der Orientierung an US-amerikanischen Forschungen zu tun hat. Deshalb hat man das in der DDR dermaßen als Problem wahrgenommen.

Sie haben bei der Analyse von Tagungs-Texten und bei der Berichterstattung im Fernsehen entdeckt, dass damit auch die Stigmatisierung Einzug hielt?

Ja, das wurde auch von staatlicher Seite explizit gefördert. Es war die Idee, dass man durch Stigmatisierung der Menschen deren Verhalten positiv beeinflussen kann. Die Idee war, man schafft ein bestimmtes gesellschaftliches Klima, in dem bestimmte Körper stigmatisiert werden, wo sich Leute für ihre Körperform schämen, um Druck aufzubauen, dass sie daran etwas verändern.

Gab es dabei geschlechterspezifische Unterschiede?

Es gab ja eine sehr hohe Quote der Frauenerwerbstätigkeit in der DDR und die Gemeinschaftsverpflegung, die auch dazu gedacht war, Frauen aus der "Ausbeutung" in der Küche zu befreien – wie es hieß.

Und trotz dieser ganzen Fortschritte in der Frauenpolitik hat man angesichts des Problems "Fehlernährung", "Übergewicht", "falsche" Körperform wieder auf so eine Idee von Hausfrau und Mutter gesetzt, die als Gesundheitsexpertin innerhalb der Familie verantwortlich ist, gut zu kochen, gut einzukaufen, sich zu informieren usw. Und das ist auch ein ganz wichtiger Aspekt, vor dem Hintergrund der sehr einfach geführten Debatten, ob man im Osten oder im Westen emanzipierter war. So einfach ist es halt nicht. Das war schon eine Gemeinsamkeit mit der BRD, dass sehr stark auf die bürgerlich traditionelle Form von Weiblichkeit gesetzt wurde.

Warum hat es nicht geklappt, das "Übergewicht" in den Griff zu bekommen?

Das ist schwer zu beantworten. Der Staat hat schon Möglichkeiten und Bedingungen geschaffen, aber es gab Umsetzungsprobleme, periodische Knappheit von Diät-Lebensmitteln, der Ausbau einer Fitness-Infrastruktur hat nicht so gut funktioniert, wie das im Westen funktioniert hat, und das hatte auch mit ökonomischen Problemen zu tun. Beim Erreichen der gesteckten Ziele war man aber ähnlich erfolglos wie im Westen. Die Kurve der Zahl dicker Menschen runterzudrücken, hat nicht geklappt. Aber was die Ächtung dicker Körper anbetrifft, war man schon sehr erfolgreich.

Hatte das auch Auswirkungen auf die Gesundheit der Betroffenen in den späteren Lebensjahren, also auch nach dem Mauerfall?

Seit wenigen Jahren befasst sich die psychologische  und medizinsoziologische Forschung mit diesem Thema und konnte sehr eindrücklich zeigen, dass sich Stigmatisierungserfahrungen auf vielfältige Weise sehr negativ auf die psychische und körperliche Gesundheit auswirken. Zum Beispiel wirken diese Erfahrungen als chronischer Stressfaktor, was zur andauernden und gesundheitsschädlichen Ausschüttung von Stresshormonen führt. Oder auch wirken sie sich negativ auf das Selbstwertgefühl aus, was wohl zur erhöhten Zahl von depressiven Erkrankungen in dieser Gruppe beiträgt. Beide Auswirkungen führen dann oft zu einer stärkeren Ausprägung von ungesundem Ernährungs- und Bewegungsverhalten. Also ein Teufelskreis.

Vor diesem Hintergrund wird argumentiert, dass es für die Gesundheit letztlich
zuträglich ist, wenn eine gesellschaftliche Umwelt geschaffen wird, in
der es allen Menschen ermöglicht wird, ein positives Verhältnis zum
eigenen Körper zu entwickeln.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR Zeitreise: Iss die Hälfte! Vom ewigen Wunsch schlank zu sein | 22. September 2020 | 22:20 Uhr

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