Eine Gruppe mit (v.r.) dem Franzosen Thierry Peloso (69), dem Bulgaren Jordan Pentschew (45), dem Franzosen Alain Renaud (72), dem Mongolen Nambaldorch (65) und dem Niederländer Gerrit Solleveld (49) kommt am 15.05.1983 in das Kurt-Wabbel-Stadion in Halle (Saale), dem Ziel der 6. Etappe der XXXVI. Internationalen Friedensfahrt (08.-22.05.1983) von Berlin nach Halle über 202 Kilometer.
Ein Etappenziel der Friedensfahrt 1983: das Kurt-Wabbel-Stadion in Halle. Bildrechte: dpa

Die "Tour de France des Ostens" Faszination Friedensfahrt

Sie war eine unsägliche Schinderei, sie begeisterte Millionen Radsportfans, sie brachte Idole hervor - die Friedensfahrt war bis zur politischen Wende 1989/90 das bedeutendste Amateurrennen im Radsport. Dabei war sie nicht nur ein sportliches Event, sondern eine Demonstration für den Weltfrieden. Vor 70 Jahren, am 1. Mai 1948, fand sie zum ersten Mal statt.

Eine Gruppe mit (v.r.) dem Franzosen Thierry Peloso (69), dem Bulgaren Jordan Pentschew (45), dem Franzosen Alain Renaud (72), dem Mongolen Nambaldorch (65) und dem Niederländer Gerrit Solleveld (49) kommt am 15.05.1983 in das Kurt-Wabbel-Stadion in Halle (Saale), dem Ziel der 6. Etappe der XXXVI. Internationalen Friedensfahrt (08.-22.05.1983) von Berlin nach Halle über 202 Kilometer.
Ein Etappenziel der Friedensfahrt 1983: das Kurt-Wabbel-Stadion in Halle. Bildrechte: dpa

Mitten in der Stadt geht die Rennstrecke plötzlich in eine scharfe Linkskurve über, was dann folgt, ist für viele Fahrer die größte Herausforderung der Friedensfahrt: Sie müssen 32 Höhenmeter auf einer Länge von nur 248 Metern überwinden - und das auf Kopfsteinpflaster! Tausende Fans drängen sich an den Straßenseiten und jubeln ihre Idole an, ein ohrenbetäubender Lärm. Viele Fahrer müssen absteigen. Die "Steile Wand von Meerane" war einer der legendärsten Orte der Friedensfahrt. Seit 1952 war sie Teil der "Internationalen Radfernfahrt für den Frieden".

Radfahren gegen die Nachkriegsnot

Bereits vier Jahre zuvor fand die erste Friedensfahrt statt. Die Gründungsväter waren der polnische Sportjournalist Zygmunt Weiss und sein tschechischer Kollege Karel Tocl. Nach dem Vorbild der Tour de France wollten sie ein Mehretappenrennen organisieren, das den Menschen über die Not in der Nachkriegszeit hinweghelfen sollte. Zu Beginn führte das größte und bedeutendste Amateurradrennen der Welt von Warschau nach Prag, ab 1952 auch über Ostberlin, die Hauptstadt der DDR. Offizielles Symbol für die Friedensfahrt wurde Pablo Picassos weiße Friedenstaube.

An den Start gingen Amateursportler aus ost-, mittel- und westeuropäischen Ländern. Dominiert wurde die Fahrt aber von den Fahrern des Ostblocks aus der Sowjetunion, der ČSSR und Polen. Auch immer vorn mit dabei: die Radsportler der DDR.

Die Helden der Friedensfahrt

Radsportlegende Täve Schur
Radsportlegende Täve Schur. Bildrechte: MDR / Sanssouci Film GmbH

Die Friedensfahrer wurden verehrt wie Superstars. Einer der populärsten Teilnehmer aus der DDR war Gustav-Adolf "Täve" Schur, der 1955 als erster Deutscher die strapaziöse Fahrt gewann. Bescheiden und aus der Arbeiterklasse stammend - Schur war das ideale Vorbild für die Massen. Das nutzte die SED-Führung für Propaganda-Zwecke. Die DDR war Mitte der 1950er-Jahre noch ein junger Staat, für ihre Bürger brauchte es ein identitätsstiftendes Moment. Ein erfolgreicher Sportler wie Schur kam da zur rechten Zeit. Schur war SED-Mitglied und saß ab 1959 als Abgeordneter in der Volkskammer der DDR. Nach der Wende geriet er wegen seiner DDR-Treue in die Kritik. Als er 2017 für die Hall of Fame des deutschen Sports nominiert wurde, kochte die Diskussion hoch. Seine Kritiker stießen sich u.a. daran, dass er bis heute das Zwangsdoping im DDR-Sport abstreitet.

"Der politische Druck war enorm"

Die Friedensfahrt war nie nur eine rein sportliche, sondern auch eine politische Veranstaltung. Der große Konkurrent für die DDR-Sportler war die Sowjetunion. Das setzte die Fahrer unter einen enormen Druck. "Das war schon richtig knallhart. Und dann dieser politische Druck, gewinnen zu müssen. Also an bestimmten Orten, wie Berlin, gewinnen zu müssen. Wir wollten alle gewinnen. Aber dieser Druck hat das schon richtig hart gemacht. Das war schon knallharter Sport", erinnert sich der ehemalige Kapitän der Friedensfahrt-Mannschaft Bernd Drogan. Trotz der propagierten Kameradschaftlichkeit unter den Teilnehmern ging es letztlich ums Gewinnen.

Vom Fan zum Fahrer

Die alljährlich im Mai stattfindende Fahrt lockte Jung und Alt an die Strecke. Tausende Menschen standen an den Straßen, um einen kurzen Blick auf ihre Idole zu erhaschen. Unter den Fans waren auch viele Kinder und Jugendliche. "Als kleiner Junge Friedensfahrer zu werden, das war ein Traum. Das waren so ziemlich die einzigen Helden, die es gab", meint der DDR-Friedensfahrer Mario Kummer. Für Olaf Ludwig aus Gera sollte der Traum Wirklichkeit werden. Als die Friedensfahrt 1972 durch Gera führte und er als Jugendlicher winkend an der Straße stand, fasste er den Entschluss: Das werde ich auch. Eine beispiellose Karriere folgte. Gleich bei seiner ersten Friedensfahrt im Jahr 1980 holte Ludwig vier Etappensiege. Zweimal wurde der Sprintstar Gesamtsieger der Fahrt.

Geschichte

Die Stars der Friedensfahrt

Gustav-Adolf "Täve" Schur, Uwe Ampler, Olaf Ludwig - sie waren die großen DDR-Stars der Friedensfahrt. Doch auch andere Sportler machten das bedeutendste Amateurrennen seiner Zeit unvergesslich.

Der Leipziger Klaus Ampler, spricht am 23.05.1963 als Träger des Gelben Trikots vor dem Start zur 13. Etappe der Internationalen Friedensfahrt von Dresden nach Erfurt mit Fans.
Zu den Legenden des DDR-Radsports gehört auch Klaus Ampler. Der mehrfache DDR-Meister feierte seinen größten Erfolg mit dem Gewinn der Friedensfahrt 1963. Nach seiner Karriere führte er als Trainer zwei weitere DDR-Friedensfahrer zum Gesamtsieg. Bildrechte: dpa
Der Leipziger Klaus Ampler, spricht am 23.05.1963 als Träger des Gelben Trikots vor dem Start zur 13. Etappe der Internationalen Friedensfahrt von Dresden nach Erfurt mit Fans.
Zu den Legenden des DDR-Radsports gehört auch Klaus Ampler. Der mehrfache DDR-Meister feierte seinen größten Erfolg mit dem Gewinn der Friedensfahrt 1963. Nach seiner Karriere führte er als Trainer zwei weitere DDR-Friedensfahrer zum Gesamtsieg. Bildrechte: dpa
Radsport: Uwe Ampler wird DDR-Meister
Uwe Ampler überflügelte die Erfolge seines Vater sogar noch. Im Zeitraum von 1987 bis 1998 schaffte er es vier Mal ganz nach oben aufs Treppchen der Friedensfahrt. Bildrechte: dpa
Zwei Radler am Fuß der Steilen Wand in Meerane.
"Wenn du unten um die Ecke geschossen kommst und dann siehst, wie sich dieser Kanten vor dir erhebt, das war das Schlimmste", erinnert sich Rennfahrer Täve Schur an die "Steile Wand von Meerane". Die Kopfsteinpflasterstraße war eine der größten Herausforderungen der Friedensfahrt. Dieser Abschnitt wurde zur Legende und bekam 2015 sogar eine eigene Gedenktafel. Bildrechte: MDR/Matthias Vollmer
Olaf Ludwig, 1986
Olaf Ludwig galt in den 1980er-Jahren als Eddy Merckx des Ostens und zählte zu den erfolgreichsten Radamateuren der Welt. Zwei Mal gewann der Geraer auch die Friedensfahrt. Bildrechte: dpa
Der spanische Radprofi Miguel Indurain, aufgenommen am 7.7.1996 auf der achten Etappe der 83. Tour de France, einem Bergzeitfahren von Bourg-Saint-Maurice nach Val d'Isere.
1984 nimmt der spätere fünffache Tour-de-France-Sieger Miguel Indurain an der Friedensfahrt teil. Der Spanier schafft es gerade einmal auf Platz 70. Bildrechte: dpa
Team Friedensfahrt 1986 - Dan Radtke, Olaf Ludwig, Mario Kummer, Thomas Barth, Uwe Raab, Uwe Ampler, Jens Heppner
1986 startete die Friedensfahrt in Kiew - nur 130 Kilometer von Tschernobyl entfernt, dem Ort, wo zwei Wochen zuvor das Atomkraftwerk explodiert war. Das DDR-Team: Dan Radtke, Olaf Ludwig, Mario Kummer, Thomas Barth, Uwe Raab, Uwe Ampler und Jens Heppner. Bildrechte: IMAGO
Der strahlende Sieger der 52. Friedensfahrt Steffen Wesemann vom Team Deutsche Telekom bei seiner Zieleinfahrt der letzten Etappe am 15.05.1999 in Magdeburg.
Mit fünf Gesamtsiegen ist Steffen Wesemann der erfolgreichste Fahrer der Friedensfahrt. Seine Siege feierte der in Wolmirstedt geborene Radsportler vor allem in den 1990ern. Hier fährt er ins Ziel der letzten Etappe der Friedensfahrt 1999 in Magdeburg ein.
(Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: Die lange Friedensfahrt-Nacht | 26.05.2018 | 23:20 Uhr)
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Geschichte

Der Leipziger Klaus Ampler, spricht am 23.05.1963 als Träger des Gelben Trikots vor dem Start zur 13. Etappe der Internationalen Friedensfahrt von Dresden nach Erfurt mit Fans.
Zu den Legenden des DDR-Radsports gehört auch Klaus Ampler. Der mehrfache DDR-Meister feierte seinen größten Erfolg mit dem Gewinn der Friedensfahrt 1963. Nach seiner Karriere führte er einen weiteren DDR-Friedensfahrer zum Erfolg. Bildrechte: dpa

Panzer stören die friedliche Fahrt

1969 geriet die Friedensfahrt in ihre erste große Krise. Nach dem Einmarsch der sowjetischen Panzer und der Niederschlagung des "Prager Frühlings" ein Jahr zuvor stellte die Tschechoslowakei keinen Etappenort zur Verfügung und meldete keine Mannschaft zum Rennen an. "Wir wollten nicht unter dem Symbol der Friedenstaube mit Sportlern gemeinsam Radrennen fahren, deren Länder mit ihren Armeen kurz vorher bei uns einmarschiert sind", sagt der Prager Journalist Jiri Cerny dazu.

Eine verstrahlte Friedensfahrt

1986 standen die Friedensfahrt-Fahrer vor ganz anderen Problemen. Zwei Wochen vor Beginn der Tour explodierte der Atomreaktor in Tschernobyl, nur 130 Kilometer von Kiew entfernt, wo die Fahrt in diesem Jahr starten sollte. Die DDR-Friedensfahrer standen vor einer existentiellen Entscheidung: im verstrahlten Kiew starten oder nicht teilnehmen - was für viele das Ende ihrer Karriere bedeutet hätte. Obwohl fast alle westlichen Fahrer absagten, nahmen die DDR-Fahrer das Risiko in Kauf.

Olaf Ludwig und Uwe Ampler in Kiew 1986.
Die DDR-Friedensfahrer Olaf Ludwig und Uwe Ampler 1986 in Kiew. Bildrechte: IMAGO

Das Aus für die Friedensfahrt

Nach der politischen Wende 1989/90 verlor die Friedensfahrt langsam aber stetig an Bedeutung. Sie wurde zu einer Profitour, allerdings einer zweitrangigen. Die Stars der Szene blieben ihr auch deshalb fern. Die großen Teams schickten lediglich ihre Nachwuchsfahrer. 2006 war es endgültig vorbei mit der Internationalen Friedensfahrt. Wegen finanzieller und organisatorischer Probleme gab es keine Neuauflage mehr.

Über dieses Thema berichtet(e) der MDR auch im TV: MDR Zeitreise | 16.05.2017 | 21:15 Uhr
Die lange Friedensfahrt-Nacht | 26.05.2018 | 23:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. Mai 2018, 17:50 Uhr