Verkehrsgeschichte Dresdens Straßenbahn fährt seit 125 Jahren elektrisch

Als Werner Siemens auf der Berliner Gewerbeausstellung 1879 seinen Elektrowagen vorstellt, läutet er eine neue Ära im öffentlichen Nahverkehr ein. Die großen Städte, deren öffentlicher Nahverkehr mit Pferdebahnen an seine Grenzen stößt, legen ihre Bedenken nach und nach ab. Zu den ersten Städten, in denen elektrische Straßenbahnen fahren, gehört Dresden. Am 6. Juli 1893 zuckelt die erste "Elektrische" auf dem Terrassenufer an der Elbe entlang.

Elektrische Straßenbahn in Dresden-Blasewitz
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6. Juli 1893 in Dresden: Eine nagelneue rote Straßenbahn fährt vom Schlossplatz nach Blasewitz - aber es sind keine Pferde angespannt! Der Wagen fährt auch noch schneller als jemals zuvor eine Straßenbahn in der Residenzstadt. Und Pferdeäpfel fallen ebenfalls nicht mehr runter: In Dresden hat das Zeitalter der elektrisch betriebenen Straßenbahn begonnen.

Flotte sechs Kilometer

Fast sechs Kilometer lang ist die erste elektrifizierte Dresdner Straßenbahnlinie. Sie beginnt am Schlossplatz, dann geht es am Terrassenufer an der Elbe entlang über die Sachsenallee und die Pfotenhauerstraße zum Schillerplatz an der König-Albert-Brücke, dem späteren Blauen Wunder. Zwölf eigens für den elektrischen Betrieb entworfene und hergestellte Triebwagen sind auf der Strecke unterwegs. Sie fahren meist um die 20 Stundenkilometer.

Elektrische Straßenbahn am Terrassenufer in Dresden, 1893
Mit Strom am Elbufer unterwegs: die neue Straßenbahn 1893. Bildrechte: DVB

Bei den Dresdnern siegt schnell die Neugier an der modernen Technik über die Skepsis. Bedenken gibt es zunächst vor allem, ob die unter Spannung stehenden Oberleitungen gefährlich werden könnten. Doch die Technologie erweist sich als sicher und die Vorteile des neuen Antriebs überzeugen: schneller, zuverlässiger, kostengünstiger und emissionsarm (Pferdeäpfel!) auf der Strecke. Und Sachsens König Albert traute sich schließlich auch mitzufahren.

Siemens & Halske übernehmen erste Etappe der Elektrifizierung

Für die schnelle Akzeptanz und Beliebtheit der neuen Straßenbahn sorgt nicht zuletzt sicher auch, dass die Stadt Dresden ihre "Elektrische" gewissermaßen geschenkt bekommt. Die Firma Siemens & Halske modernisiert die Straßenbahn nämlich auf eigene Kosten und eigenes Risiko, um ihre Erfindung in die Praxis umzusetzen. Dafür wird die Deutsche Strassenbahn-Gesellschaft Dresden gegründet. In der Hertelstraße am Tatzberg in der Johannstadt entsteht ein Betriebshof für die Triebwagen sowie ein Kessel- und Maschinenhaus, in dem mit Dampfmaschinen der Strom für die Straßenbahn erzeugt wird. Nach einem Jahr gehen das Kraftwerk und die "Elektrische" wie vertraglich vereinbart an die Stadt Dresden über. Die Stadt speist mit Strom aus der Hertelstraße auch die öffentlich Beleuchtung.

Kraftwerk Hertelstraße
Das eigens für die Elektrifizierung der Straßenbahn gebaute Karftwerk: Am Anfang werden zwei Generatoren mit jeweils 120 PS mit Dampf betrieben. Bildrechte: DVB

Der Fortschritt auf Dresdens Straßenbahnschienen ist nicht mehr aufzuhalten. Binnen sieben Jahren ist das komplette Netz elektrifiziert, ungeachtet dessen, dass es zwei Straßenbahn-Gesellschaften gibt. Am 25. August rückt die letzte Dresdner Pferdebahn ins Depot ein. Ab 1907 beziehen alle Straßenbahnen in der Elbstadt den Strom aus den Oberleitungen. Zuvor gab es parallel noch Versuche mit unterirdischer Stromversorgung und Triebwagen mit Akkumulatoren.

Elektrifizierung der Straßenbahnen boomt

Dresden lag mit der Elektrifizierung seiner Straßenbahn voll im Trend der Zeit. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wuchsen die Städte durch die Industrialisierung enorm, viele Menschen mussten befördert werden. Zugleich gab es nun auch technische Lösungen für einen öffentlichen Nahverkehr im großen Stil. Die erste elektrische Straßenbahn weltweit fuhr bereits 1881 in Lichterfelde bei Berlin, zwei Jahre, nachdem Werner Siemens auf der Gewerbeausstellung in Berlin die erste brauchbare Elektrolok vorgeführt hatte. Die Lichterfelder Straßenbahn verband eine Kadettenanstalt in dem Vorort mit Berlin. Halle gilt als die Stadt, in der in Deutschland erstmals von Anfang für den kommerziellen Massenbetrieb das Straßenbahnnetz auf Strombetrieb umgerüstet wurde.1891 hatte die AEG die Stadtbahn von Halle modernisiert. Bis 1899 hatte dann auch die Hallesche Straßenbahn AG den anderen Teil des Netzes elektrifiziert.

In Chemnitz fuhr die erste elektrische Straßenbahn wie in Dresden ebenfalls im Jahr 1893, jedoch erst kurz vor Weihnachten. Gera folgte kurze Zeit später im Februar 1892. Erfurt stellte 1894 auf Strom um, ebenso Zwickau. In Leipzig begann die Elektrifizierung 1896, in Eisenach 1897. Magdeburg folgte 1899. Weitere Städte wie Jena und Dessau schlossen sich in den folgenden Jahren der Revolution im öffentlichen Personennahverkehr an.

(pkl/pm)

Über dieses Thema berichtet auch MDR SACHSEN - Das Sachsenradio: 06.07.2018 | 07:52 Uhr