Die geballte Faust hochgereckt verläßt der ehemalige Staatsratsvorsitzende der DDR, Erich Honecker (l), am 29. Juli 1992 die chilenische Botschaft in Moskau.
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Oktober 1989 - Mai 1994 Das Ende der Honecker-Ära

Erich Honeckers langes Ende beginnt nach seiner Entmachtung im Oktober 1989, als ihm seine Wohnung in der Politbürosiedlung Wandlitz gekündigt wird. Es folgt eine mehr als dreijährige Odyssee.

Die geballte Faust hochgereckt verläßt der ehemalige Staatsratsvorsitzende der DDR, Erich Honecker (l), am 29. Juli 1992 die chilenische Botschaft in Moskau.
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Honecker war damals bereits ein todkranker Mann. In der "Charité" musste er im November 1989 eine Nierenoperation über sich ergehen lassen. Zwei Monate später, am 29. Januar 1990, wurde er - kaum genesen - von der Volkspolizei verhaftet und in die Haftanstalt Berlin-Rummelsburg gebracht. Staatsanwälte wollten ihn wegen des Chaos im Land zur Verantwortung ziehen. Der Vorwurf lautete: Hochverrat. Honecker entgegnete, dass er treu dem Sozialismus gedient und immer im Einklang mit der Verfassung der DDR gehandelt habe. Da die Beweislast gegen ihn zu dünn war, wurde er am nächsten Tag wieder auf freien Fuß gesetzt. Aber Honecker wusste nicht wohin, denn er war quasi obdachlos.

Der Staatsratsvorsitzende im Kirchenasyl

Uwe Holmer
Pfarrer Uwe Holmer Bildrechte: dpa

Zwar hatte die Regierung Modrow dem Ehepaar Honecker eine Erdgeschosswohnung in Berlin-Friedrichshain zugewiesen, doch Erich Honecker hatte Angst vor Übergriffen und lehnte die Wohnung ab. Lothar de Maizière, stellvertretender Ministerpräsident der DDR, suchte nach einer Alternative und fragte bei Pfarrer Holmer in Lobetal bei Berlin an, ob er die Honeckers aufnehmen würde. Und der Kirchenmann erklärte sich tatsächlich dazu bereit. "Das ist für mich eine der größten Leistungen, die damals passiert sind", erinnert sich de Maizière. "Ein Mann, der acht Kinder hatte und sechs von ihnen war die Oberschule verwehrt worden. Und der öffnet sein Haus und nimmt dieses Ehepaar bei sich auf ..." Doch es gibt viele Proteste gegen Honeckers Kirchenasyl, vorm Haus des Pfarrers riefen Demonstranten: "Keine Gnade für Honecker!"

In der Obhut der sowjetischen Streitkräfte

"Honecker war ein alter kranker Mann und wurde von der Straße zum Popanz erhoben, der allein an allem Schuld gewesen sein soll", erinnerte sich der damalige Innenminister Peter-Michael Diestel. Aber selbst er kann die Sicherheit der Honeckers nicht mehr garantieren. Im März 1990 wendete sich Honecker deshalb an das Oberkommando der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland. "Er fragte mich, ob ich ihn in ein Krankenhaus sperren könnte", erinnert sich General Snektow. "Natürlich tun wir das, sagte ich ihm, wir schaffen dich nach Beelitz und machen dich gesund. Und ich garantiere für deine Sicherheit."

In Beelitz am Rande Berlins befand sich das zentrale Lazarett der sowjetischen Streitkräfte. Honecker wurde medizinisch betreut und war in dem streng bewachten Areal sicher vor Übergriffen. Hier, in Beelitz, erreichte ihn am 30. November 1990 erneut ein Haftbefehl – wegen der Todesschüsse an der Mauer.

Flucht nach Moskau

Die geballte Faust hochgereckt verläßt der ehemalige Staatsratsvorsitzende der DDR, Erich Honecker (l), am 29. Juli 1992 die chilenische Botschaft in Moskau.
Erich Honecker am 29. Juli 1992 beim Verlassen der chilenischen Botschaft in Moskau. Bildrechte: dpa

Doch Honecker konnte sich nicht vorstellen, dass bundesdeutsche Gerichte ihn wie einen gewöhnlichen Verbrecher vor Gericht stellen würden. Schließlich, so argumentierte er, war die DDR ein in der Welt anerkannter Staat.

Im März 1991 wurde er aber vorsichtshalber vom russischen Militärflughafen Sperenberg gemeinsam mit seiner Frau Margot nach Moskau ausgeflogen. Die Bundesregierung, obwohl informiert, schritt nicht ein. Man wollte wegen Honecker nicht den Vertrag über den Abzug der Roten Armee aus Deutschland gefährden.

Honecker wurde sofort in ein Krankenhaus der Roten Armee eingeliefert. Die Ärzte diagnostizierten "eine schwere onkologische Krankheit". Nach drei Wochen hatte sich Honecker wieder einigermaßen erholt. Er wurde in einer Regierungsdatscha am Rand von Moskau einquartiert und wie ein Staatsgast umsorgt. Im Sommer 1991 aber verlor Honecker viele seiner einflussreichen Freunde im Kreml. Der neue starke Mann hieß jetzt Boris Jelzin, und der wollte Honecker schleunigst loswerden. Honecker schrieb einen verzweifelten Brief an Gorbatschow. Doch der, nominell noch Präsident, antwortete nicht. Stattdessen verfügte das russische Innenministerium Honeckers Ausweisung aus Russland bis zum 13. Dezember 1991. In seiner Not flüchtete er in die chilenische Botschaft – in Chile war man Honecker noch immer dankbar, dass er nach dem Putsch Pinochets gegen den sozialistischen Präsidenten Allende 1973 tausenden Chilenen Asyl in der DDR gewährt hatte. Erich Honecker, der einst mächtige Staatsratsvorsitzende, war jetzt der letzte Botschaftsflüchtling der DDR.

Auslieferung an Deutschland

Margot und Erich Honecker lebten in einem kleinen Zimmer, in der Ecke lagen ihre Koffer mit Tischdeckchen darauf. Die beiden hofften, von Moskau direkt in das südamerikanische Land ausreisen zu können. Aber das lehnte die deutsche Regierung ab. Bei einem Besuch in Chile sprachen Bundeskanzler Kohl und Chiles Präsident Aylwin auch über den berühmten Botschaftsflüchtling. "Jeder beharrte auf seiner Einstellung", erinnert sich Aylwin. "Er vertrat das deutsche Recht auf Auslieferung und ich verteidigte das Asylrecht." Schließlich handelten Deutschland, Russland und Chile eine auch für Honecker befriedigende Lösung aus: Sollte sich herausstellen, dass sein Gesundheitszustand einen Prozess nicht zulassen würde, käme er umgehend frei und könnte in Chile Asyl beantragen.

Am 29. Juli 1992 verließ Honecker mit einer Sondermaschine die russische Hauptstadt. Bei seiner Ankunft in Berlin wurden ihm Handschellen angelegt: Er kam in die JVA Berlin-Moabit.

"Tun Sie, was Sie nicht lassen können"

Am 12. November 1992 wurde vor der 27. Strafkammer des Landgerichts Berlin der Prozess gegen Honecker eröffnet. Ihm wurden Totschlag und versuchter Totschlag in 68 Fällen zur Last gelegt. Mitangeklagt waren Willy Stoph, Erich Mielke, Heinz Kessler und Fritz Streletz. Wenig später wurde bei Honecker ein rasant wuchernder Leberkrebs diagnostiziert. Es schien fraglich, ob er das Ende des Prozesses überhaupt erleben wird.

Am 3. Dezember 1992 erhielt der Hauptangeklagte das Wort. Honecker nahm alle ihm verbliebenen Kräfte zusammen und hielt die wohl bedeutendste Rede seines Lebens. "Meine Situation ist nicht ungewöhnlich. Der deutsche Rechtsstaat hat schon Karl Marx, August Bebel und viele andere Sozialisten und Kommunisten verurteilt." Am Ende seiner siebzigminütigen Ausführungen sagte er, zum Richter gewandt: "Resümiert man den politischen Gehalt dieses Prozesses, so stellt er sich als Fortsetzung des Kalten Krieges dar. Ich bin am Ende meiner Erklärung. Tun Sie, was Sie nicht lassen können."

In den folgenden Verhandlungstagen wurden ausschließlich medizinische Gutachter gehört. Es ging nur noch um die Frage, ob Honecker tatsächlich Krebs hat oder nur einen "Fuchsbandwurm", ob er überhaupt verhandlungsfähig und wann mit seinem Ableben zu rechnen ist. "Es war unwürdig", befand Gisela Friedrichsen, Gerichtsreporterin des "Spiegel".

Unsere schönen Erinnerungen an die DDR

Ende Dezember 1992 legten Honeckers Anwälte beim Berliner Verfassungsgericht Beschwerde gegen die Weiterführung des Prozesses ein und hatten Erfolg: Am 12. Januar 1993 beschloss das Verfassungsgericht die Einstellung des Verfahrens. Honecker war ein freier Mann und durfte nach Chile ausreisen. Am 13. Januar 1993 wurde er zum Flughafen Berlin-Tegel gebracht und verließ Deutschland für immer.

In Santiago empfing ihn seine Frau Margot. Seit seiner Abschiebung aus Moskau hatten sie sich nicht mehr gesehen. Auf einem kleinen Empfang chilenischer Kommunisten hielt Honecker später seine letzte Rede: "Sozialismus ist das Gegenteil von dem, was wir jetzt in Deutschland haben. So dass ich sagen möchte, dass unsere schönen Erinnerungen an die DDR viel aussagen von dem Entwurf einer neuen, gerechten Gesellschaft. Und dieser Sache wollen wir für immer treu bleiben."

Geschichte

Roberto Yáñez - Honeckers Enkel

Erich Honecker und sein Enkelsohn Roberto Yañez.
Der Staatsratsvorsitzende der DDR und Generalsekretär des ZK der SED Erich Honecker war sein Opa. An den Wochenenden besuchte er Opa Erich oft in der Waldsiedlung Wandlitz. Dort spielte gern im Wald, und manchmal nahm ihn der Opa mit zur Jagd. "Mein Großvater war am wichtigsten für meine Entwicklung, er hat meine Seele mit poetischen Dingen gefüttert", sagte Roberto Yañez 2011 in einem Interview mit "Der Zeit". Bildrechte: Zeitzeugen TV
Erich Honecker und sein Enkelsohn Roberto Yañez.
Der Staatsratsvorsitzende der DDR und Generalsekretär des ZK der SED Erich Honecker war sein Opa. An den Wochenenden besuchte er Opa Erich oft in der Waldsiedlung Wandlitz. Dort spielte gern im Wald, und manchmal nahm ihn der Opa mit zur Jagd. "Mein Großvater war am wichtigsten für meine Entwicklung, er hat meine Seele mit poetischen Dingen gefüttert", sagte Roberto Yañez 2011 in einem Interview mit "Der Zeit". Bildrechte: Zeitzeugen TV
Roberto Yañez, der Enkelsohn von Erich Honecker
Roberto Yañez versteht sich als Maler, Dichter und Songwriter. Er ist Mitglied der chilenischen Surrealisten-Gruppe "Derrame". Bildrechte: Zeitzeugen TV
Roberto Yañez, der Enkelsohn von Erich Honecker
Seit der Trennung seiner Eltern wohnte Roberto Yañez bei seiner Großmutter Margot Honecker, der ehemaligen Volksbildungsministerin der DDR. Inzwischen lebt der Maler, Sänger und Dichter in der Hafenstadt Valparaiso. Bildrechte: Zeitzeugen TV
Roberto Yañez Betancourt Honecker in Berlin vor der East-Side-Gallery
Seit 1990 war Roberto Yañez nicht mehr in Deutschland. Für eine Ausstellung seiner Bilder kommt er im Herbst 2013 wieder an die Orte seiner Kindheit zurück. Außerdem stellt er seinen Gedichtband "Frühlingsregen" vor. Bislang hatte der Künstler kein Geld für die weite Reise. Im Bild: Roberto Yáñez vor der East-Side-Gallery in Berlin.

(Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV, am: 08.02.2017 | 14.00 Uhr)
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Roberto Yañez, der Enkelsohn von Erich Honecker
Im März 1990 siedelte der damals 15-Jährige mit seinen Eltern - Honeckers Tochter Sonja und dem Exil-Chilenen Leo Yáñez Betancourt - von Berlin nach Santiago de Chile über. Chile ist seine zweite Heimat geworden: "Das Land ist sehr inspirierend mit diesem unfassbaren Licht, mit einer Wüste, die einmal im Jahr blüht", sagt er. Im Bild: Roberto Yañez und der Filmemacher Thomas Grimm in der Atacama-Wüste.​ Bildrechte: Zeitzeugen TV
Roberto Yañez, der Enkelsohn von Erich Honecker
Doch der Anfang in Chile machte ihm sehr zu schaffen. "Die Kunst hat mich gerettet", sagte der Maler und Dichter heute. Vor allem der Surrealismus fasziniert ihn. Bildrechte: Zeitzeugen TV
Roberto Yañez, der Enkelsohn von Erich Honecker
Am 11. September 1973 stürzte Pinochets Militärjunta die sozialistische Regierung von Salvador Allende. Viele Anhänger von Allendes Unidad Popular flohen ins Ausland, auch die DDR nahm etwa 2000 Chilenen auf. Zum Dank dafür gewährten die Chilenen ihrerseits den Honeckers nach dem Fall der Mauer Asyl. Und seinem Enkel finanzierten die Chilenen die Schulausbildung an der Deutschen Schule in Santiago de Chile. Im Bild: Roberto Yañez und die Crew um Filmemacher Thomas Grimm vor Allendes Grab in Santiago de Chile. Bildrechte: Zeitzeugen TV
Prof Dr Axel Klausmeier und Roberto Yañez, der Enkelsohn von Erich Honecker.
Im Bild: Roberto Yañez mit Axel Klausmeier (Mi.), Direktor der Stiftung Berliner Mauer, am Mauermuseum in der Bernauer Straße​. Für Roberto Yañez war Erich Honecker nicht der Staatsmann, sondern sein Großvater. Über die Mauertoten hat er mit ihm nie gesprochen. Bildrechte: Zeitzeugen TV
Prof Dr Axel Klausmeier und Roberto Yañez, der Enkelsohn von Erich Honecker.
Wenn er den Großvater noch einmal etwas fragen könnte, würde er ihn fragen, warum er damals die Reisepolitik nicht gelockert hat. "Das war sein größter Fehler", meint Roberto Yañez. Bildrechte: Zeitzeugen TV
Roberto Yañez, der Enkelsohn von Erich Honecker
Im Bild: Filmemacher Thomas Grimm und Roberto Yañez vor dessen Haus in Valparaiso. Thomas Grimm hat den Künstler bei seiner Rückkehr nach Deutschland mit der Kamera begleitet. Bildrechte: Zeitzeugen TV
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Tod in La Reina

Die Honeckers bezogen ein Häuschen in La Reina, einem Vorort von Santiago. Aus der Zeitung erfuhr Honecker vom Ende des Prozesses im fernen Berlin: Sein Verteidigungsminister Kessler musste für siebeneinhalb Jahre ins Gefängnis, der für das Grenzregime maßgeblich mitverantwortliche NVA-General Fritz Streletz für viereinhalb Jahre. Für ihn, Honecker, hatte die Staatsanwaltschaft 15 Jahre Haft gefordert ...

Erich Honecker starb am 29. Mai 1994 im Alter von 81 Jahren. Die Trauerfeier und Einäscherung fand bereits am nächsten Tag auf dem Zentralfriedhof von Santiago statt. Honeckers letzter Wille ist bis heute unerfüllt: Er wollte in Deutschland begraben werden. Seine Urne aber befindet sich noch immer im Haus seiner Frau.

(Der Text basiert auf der Dokumentation "Honeckers Flucht" von Thomas Grimm. MDR 2002; Zitat Erich Honecker aus: Deutsche Reden. Insel Verlag Frankfurt 1999.)

Über dieses Thema berichtete der MDR im TV auch in MDR um 2 08.02.2017 | 14.00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. Januar 2010, 17:05 Uhr