Seuchenbekämpfung und Rassismus Fleckfieber: Vom Seuchenschutz zur Judenvernichtung

Corona und historische Vergleiche - immer wieder werden Parallelen gesucht. Wenig bekannt ist, dass der Kampf gegen Viren, Bakterien und Seuchen in der deutschen Geschichte auch als Deckmantel für Antisemitismus und Massenmord diente. Im Warschauer Ghetto trafen sich die Bemühungen der NS-Ärzte und der SS: Sie zwangen die jüdischen Polen hinter Mauern, auch im Namen von Gesundheit und Seuchenbekämpfung.

Fleckfieber-Plakat aus dem Generalgouvernement Polen 1941
Propaganda-Plakat der Nationalsozialisten zum Fleckfieber aus dem Generalgouvernement Polen 1941. Bildrechte: U.a. United States Holocaust Memorial Museum

Endziel muß sein, dass wir diese Pestbeule restlos ausbrennen.

Aus dem Geheimbericht des Regierungspräsidenten Uebelöhr an Verwaltungs- und Polizeistellen des "Warthegaus" vom 10.12.1939

Quarantäne, Triage, Krisenzonen - jahrzehntelang spielte das Vokabular der epidemischen Forschung keine große Rolle in Europa. Seuchen, die großen Kriege gegen Viren und Bakterien - das alles schien in historisch oder geografisch weiter Ferne. Bis die deutsche Kanzlerin vor wenigen Wochen erklärte: Der Kampf gegen das Corona-Virus sei die größte Herausforderung in und für Deutschland seit 1945.

Fieberhaft werden seither Analogien geprüft, Studien gewälzt, die es zum bislang letzten großen Pandemie-Ereignis gibt, zur berühmten "Spanischen Grippe".  Was bei der Suche nach historischen Spuren merkwürdigerweise keinerlei Beachtung fand, ist die unrühmliche Rolle, die Seuchenschutz und der Umgang mit Epidemien in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts noch spielten.

"Seuchenschutz" als Argument für Ausgrenzung

Denn deutsche Medizin-Experten waren in den Jahren 1933 bis 1945 auch wichtige Wegbereiter des Holocaust. Argumente und Forderungen nach "Seuchenschutzwällen" und vollständigem Kontaktverbot begleiteten nämlich mit Kriegsbeginn eine radikale Politik der Aussonderung und Vernichtung osteuropäischer Juden. Ein dunkles Kapitel deutscher Wissenschaftsgeschichte, das es lohnt, 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs genauer zu betrachten. 

Inschrift MUR GETTA 1940/GHETTO WALL zum Gedenken an das Warschauer Ghetto
"MUR GETTA 1940/GHETTO WALL" - die Inschrift erinnert an den Verlauf der Mauer, die das Warschauer Ghetto abriegelte. Bildrechte: imago images / IPON

Juden als Parasiten

Es sind drei polnische Worte, die das Plakat von 1941 zieren. Übersetzt: "Juden, Läuse, Flecktyphus". Dazu das Bild einer riesigen Laus mit "Judenkopf".  Es wirkt wie die Werbung für einen Horrorfilm. Und so ganz abwegig ist die Assoziation nicht. Denn was nationalsozialistische Gesundheitspolitiker ab 1941 hundertausendfach in Wort und Bild unters polnische Volk streuten, ist ein Bild, das in ihrem eigenen Kopfkino tatsächlich seit Jahrzehnten spukte: ihre Version eines antisemitischen Klassikers "Der Jude ist ein Parasit."

[Der Jude] ist und bleibt der ewige Parasit, ein Schmarotzer, der wie ein schädlicher Bazillus sich immer mehr ausbreitet, sowie nur ein günstiger Nährboden dazu einlädt. Die Wirkung seines Daseins aber gleicht ebenfalls der von Schmarotzern: wo er auftritt, stirbt das Wirtsvolk nach kürzerer oder längerer Zeit ab.

Adolf Hitler "Mein Kampf"

Vom Vorurteil zur "Volkshygiene"

Bekannt ist dieses antisemitische Stereotyp bereits seit dem 18. Jahrhundert. Bereits da werden "die Juden" als zersetzende Wesen beschrieben, die Staaten "befallen" und vor deren Eindringen in einen imaginären "Volkskörper" sich die Gesellschaft schützen müsse. Dieses Bild vom Blutsauger und Schädling ist so stark und dominant, dass es 200 Jahre überdauert und auf immer neue Weise wiederbelebt wird. Von den Nationalsozialisten allerdings mit einer entscheidenden Änderung.

Denn anders als ihre vielen antisemitischen Vorläufer zielen sie auf eine generelle, "biologische" Unvereinbarkeit menschlichen Lebens mit dem jüdischen "Bazillus". War das Stereotyp vom "Parasiten" 200 Jahre lang "nur" eine wirkungsvolle Metapher, die es erlaubte, Juden zu entrechten, so nehmen die Nationalsozialisten diese Metapher wörtlich: Es gelte, biologisch, im Sinne einer "Volkshygiene", diese Parasiten loszuwerden.

Und die Nationalsozialisten sehen sich dabei durchaus im Einklang mit einer Wissenschaft, die nicht nur zu neuen Erregern, sondern auch Fragestellungen vorstößt. Aus der Debatte um die Eugenik werden sie später ihr mörderisches Konzept der NS-Euthanasie weiterspinnen. Und auch für die Zukunft der Parasiten-Bekämpfung entwickeln sie einen Plan - und wissen dabei viele Mediziner hinter sich.

"Seuchenschutz" : neues Kapitel deutscher Kriegspolitik

Natürlich wäre es das beste und einfachste, den Leuten ausreichende Ernährungsmöglichkeiten zu geben, das geht aber nicht, das hängt eben mit der Kriegslage im Allgemeinen zusammen. (...) Man muss sich, und ich kann es in diesem Kreise offen aussprechen, darüber klar sein, es gibt nur zwei Wege. Wir verurteilen die Juden im Ghetto zum Hungertode oder wir erschießen sie. (...) Denn wir haben die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass das deutsche Volk von diesen Parasiten nicht infiziert und gefährdet wird, und dafür muss jedes Mittel recht sein.

Jost Walbaum, Leiter der Abteilung Gesundheitswesen des Generalgouvernements Polen Referat auf der Arbeitstagung der Amtsärzte 1941 in Bad Krynica

Es ist bekannt, dass die deutsche Ärzteschaft im Vergleich zu anderen akademischen Berufsständen des Dritten Reichs - in Bezug auf die NSDAP-Parteizugehörigkeit - sehr stark nazifiziert war. Weniger bekannt ist, wie synchron manch medizinische und ideologische Bewertung der "Lage" verlief - so auch bei der Errichtung und Ausgestaltung sogenannter "Seuchenschutzzonen."

Bereits weit vor dem Einmarsch in Polen im September 1939 waren deutsche Epidemiologen in die militärische Planung involviert. Denn seit den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs war die Angst virulent, deutsche Soldaten, Offiziere, aber auch Sanitäts- und Medizinpersonal könnten bei einem erneuten Vordringen nach Osteuropa dem gefürchteten Fleckfieber zum Opfer fallen.

Flecktyphus - die Kriegsseuche

Bereits kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges, im Kriegswinter 1914/15, kam es in Deutschland zu einem erst epidemischen Auftreten dieser seit Jahrhunderten bekannten "Kriegspest".  Aus dem Kriegsgefangenenlager in Cottbus gingen Meldungen ein, dass dort 90 Prozent des deutschen Personals und 70 Prozent der inhaftierten russischen Soldaten am Fleckfieber (seinerzeit auch als Fleck-Typhus bezeichnet) erkrankt seien. Binnen Wochen tritt die Seuche in 25 von 41 Lagern auf. Von 500.000 russischen Kriegsgefangenen sind bereits im Juli 1915 fast 45.000 Männer infiziert.

Mit einem rigorosen Sanitätsregime sowohl in Deutschland als auch in den besetzten Gebieten, wo das Fleckfieber ebenfalls grassiert, reagierten Ärzte und medizinisches Personal unter der Schirmherrschaft der Militärführung auf die Bedrohung. Für die Forschung allerdings ist der Ausbruch mitten in Deutschland eine Riesenchance. Denn über die Krankheit, ihre Ursachen und Bekämpfung ist nur wenig bekannt. Und das obwohl sie schon früher quasi "Weltgeschichte" schrieb. Allein Napoleons Russlandfeldzug endete mit 80.000 Fleckfieber-Toten desaströs.

Der "Virus" wird entschlüsselt

In Cottbus sollen 1915 zwei deutsche Tropenmediziner des Hamburger "Instituts für Schiffs- und Tropenkrankheiten" endlich zu neuen Erkenntnissen gelangen - auf Anforderung des Kriegsministeriums, wo man mehr als nervös ist. Denn bereits nach wenigen Monaten Krieg hat allein die serbische Armee bereits 150.000 Soldaten durch das Fleckfieber verloren. Und: jede Menge medizinisches Personal.

Auch in den deutschen Kriegsgefangenenlagern stirbt die Hälfte aller infizierten Ärzte. Und auch vor den zwei nach Cottbus entsandten Tropenmedizinern macht die Krankheit nicht Halt, nachdem beide wiederholt Kleiderläuse von "Frischen Flecktyphusleichen" zu Forschungszwecken abgelesen haben.

Kriegsgefangenenlager Cottbus
Kriegsgefangenenlager Cottbus im Zweiten Weltkrieg Bildrechte: Stadtarchiv Cottbus

Henrique da Rocha-Lima, Leiter der pathologischen Abteilung des Hamburger Instituts, wird seinem in Cottbus verstorbenen Kollegen Stanislaus von Prowazek wenig später die gemeinsame Entdeckung widmen: einen noch unbekannten Mikroorganismus (lat. Rickettsia prowazekii), den Rocha damals - fälschlicherweise - noch als ein "Lausvirus" klassifiziert.

Der Preis für die wissenschaftliche Entdeckung ist hoch und die Angst angesichts fehlender Medikamente und Impfstoffe bleibend. Seit dem Ersten Weltkrieg ist sie darum Teil aller "seuchenhygienischen" Überlegungen im Kriegsfall - insbesondere bei einer möglichen Besetzung osteuropäischer Gebiete, wo viele Mediziner den Erreger permanent beheimatet glauben. Denn der "Kaftan der Ost-Juden" sei der perfekte Brutort dieser tückischen Seuche, so das verbreitete Vorurteil.

Polen 1939: "Durchseuchung" des "Volkskörpers" befürchtet

Als das nationalsozialistische Deutschland im September 1939 Polen überfällt, erfährt das Thema Seuchenschutz denn auch bald eine radikale Neuverortung. Mediziner wie der Leiter der Abteilung Gesundheitswesen im neuen Generalgouvernement, Jost Walbaum, legen sich, wie der Historiker Thomas Werther herausgearbeitet hat, dafür eine eigene - in sich schlüssige - Argumentation zurecht: In Ostpolen gebe es nach Ansicht der Abteilung Gesundheitswesen größere Fleckfieberherde als in Westpolen. Das läge daran, dass "in Ostpolen der jüdische Bevölkerungsanteil sehr viel höher sei". Walbaum fürchtet eine "Durchseuchung des Volkskörpers", die den Polen und auch den Deutschen gefährlich werden könnte. Walbaum erweitert die allgemeine Stigmatisierung der Juden als "Zersetzer" ihres Gastvolkes, die sich durch "bolschewistische", "liberale" oder "wirtschaftliche" Mittel bemerkbar macht, um eine medizinspezifische Variante: Die Juden brächten ihre todbringenden fleckfieberinfizierten Läuse ins Spiel, um das "Gastvolk zu schädigen". Er zeigt sich "absolut sicher, dass das Fleckfieber in Polen gar kein Problem mehr wäre, wenn man die Juden entfernt hätte."

Das Fleckfieber wird so zur "jüdischen" Krankheit, obwohl bekannt ist, dass es zur letzten dokumentierten Fleckfieberepidemie 1924 (!) in Warschau kam. Doch das hindert die Nationalsozialisten nicht daran, hier, am "Brutort" des Fiebers, Seuchenschutz einer neuen Dimension zu erproben.

Seuchenschutzwall und der Holocaust

Bereits zwei Wochen nach Kriegsbeginn werden im September 1939 die Bestrebungen in puncto Seuchenschutz intensiviert. Zur Prävention vor Kriegsinfektionen, insbesondere dem gefürchteten Fleckfieber, weist man in Deutschland Behörden und medizinisches Personal an, Mitarbeiter im Umgang mit Schutzanzügen, Zyklon B als Desinfektionsmittel usw. zu schulen. Schließlich seien schon bald "Massenentlausungen" für die bald ins Reich zwangsüberstellten polnischen "Zivilarbeiter" geplant. Außerdem fordern Mediziner in Fachpublikationen eine "unerbittliche Abriegelung aller bekannten endemischen Herde".

Die konkrete Ausgestaltung der Maßnahmen sollen "weltanschaulich gefestigte" Ärzte in der Gesundheitsverwaltung des neuen Generalgouvernements erarbeiten. Sie tun es, in bislang nicht gekannter Rigorosität. Denn alle für das Gesundheitswesen des Generalgouvernements Verantwortlichen eint, dass sie das Fleckfieber nicht als eine Infektionskrankheit unter anderen betrachten, sondern "als geopolitisch und rassisch zuweisbare Gefahr, die besonders von den Juden ausging."

Aus dieser Positionierung heraus war es nur logisch, die Krankheit Fleckfieber nicht zu bekämpfen bzw. die Kranken einer Heilung zu unterziehen, sondern die Menschen zu beseitigen, die als Läuseträger diese Krankheit verbreiten konnten. In der Konsequenz bedeutete dies die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung Polens.

Thomas Werther "Fleckfieberforschung im Deutschen Reich 1914-1945"

"Seuchensperrgebiet" Warschau

In ihrem Bestreben, die jüdischen "Herde" zu isolieren, trafen sich die Mediziner mit parallelen Bestrebungen der SS, die dies bereits im Herbst 1939 für Warschau plante, zunächst jedoch gescheitert war. Als im Frühjahr 1940, infolge der Zerstörungen und katastrophalen hygienischen Bedingungen, tatsächlich erste Fleckfieberfälle auftreten, wird diese gemeinsame Vision eines neuen Ghettos verwirklicht.

Man erklärt den jüdischen Teil der Stadt zur Quarantänezone, um die herum der Warschauer Judenrat eine 2,20 Meter hohe "Seuchenmauer" zu errichten habe. Auf eigene Kosten selbstverständlich. Die Anweisung dazu kommt vom Leiter der Abteilung Gesundheitswesen des Generalgouvernements Polen.

Trotz Mauer, trotz permanentem Einsatz einer "Seuchenpolizei" wird das Fleckfieber in Warschau jedoch schnell epidemisch. Kein Wunder: 400.000 Menschen leben auf engstem Raum, nach den Bombenangriffen auf Warschau im September 1939 ohne funktionierende Wasserversorgung, in den Ghettos angewiesen auf kärglichste Essenrationen. Die zuständigen Gesundheitsbehörden reagieren. Auf bewährte, nationalsozialistische Weise: Man schlägt vor, nun alle Juden in dieses Ghetto zu bringen. Mitten hinein in die Kernzone der Epidemie. Nur so könne man den Rest schützen.

Eine Bekanntmachung mit Todesurteilen aus dem Warschauer Getto betrachtet die Besucherin einer Ausstellung 2002.
Bekanntmachung mit Todesurteilen aus dem Warschauer Ghetto wegen "unbefugten Verlassens des jüdischen Wohnbezirks" Bildrechte: dpa

Lakonisch hält der deutsche Epidemiologe und Leiter des Gesundheitsamts Warschau, Dr. Wilhelm Hagen, fest: "Immer mehr Juden werden versuchen, aus dem Judenviertel zu entkommen, weil ihnen etwas anderes als der sichere Tod nicht bevorsteht." Und er schlägt daher vor: "Verlassen des jüdischen Wohnbezirks wird mit Prügelstrafe und bei besitzenden Juden außerdem mit empfindlichen Geldbußen geahndet. Vagabundierende Juden werden erschossen." Die Empfehlung findet schnelle Zustimmung und Anwendung.

Mit dem Mut der Verzweiflung unternimmt der Judenrat einen letzten Versuch, die deutschen Mediziner zu einer Korrektur ihrer Seuchenpolitik zu bewegen und lässt ein Gegen-Gutachten erstellen, in dem es heißt:

Die sich stets verschlechternde epidemiologische Situation im jüdischen Viertel beweist, dass die von Virchow und anderen deutschen Gelehrten geäußerte Auffassung des Flecktyphus als Hunger- oder Gefängnistyphus zu Recht besteht. Der Flecktyphus ist die Folge der Überbevölkerung, des Elends, der psychischen Depression, die zur abgeschwächten Reaktionsfähigkeit führt.

"Denkschrift über die Ursachen des Flecktyphus in Warschau und Vorschläge zu seiner Bekämpfung" von Ludwik Hirszfeld, polnisch-jüdischer Mediziner, im Auftrag des Judenrates des Warschauer Ghettos, Mai 1941. Aus: "Fleckfieberforschung im Deutschen Reich 1914-1945" von Thomas Werther
Juden aus dem Warschauer Getto werden im Sommer 1942 in Güterwaggons verladen.
Juden aus dem Warschauer Ghetto werden im Sommer 1942 in Güterwaggons verladen und in Vernichtungslager deportiert. Bildrechte: dpa

Das Schreiben wird ignoriert. Mehr noch: Auf einer wissenschaftlichen Tagung in Bad Krynica im Oktober 1941, bei der fast 100 deutsche Ärzte sich versammeln, um über Seuchenbekämpfung in Polen zu diskutieren, wird der weitere Weg unmissverständlich deutlich: Hungertod oder Erschießen, mehr Optionen gebe es für die eingeschlossenen Juden nicht. "Man muss hier konsequent sein."

Im Juli 1942 wird das Warschauer Ghetto schließlich liquidiert. Die letzten Überlebenden dieses "Seuchenschutzexperiments" werden in die Vernichtungslager deportiert.

Über dieses Thema berichtet der MDR auch bei MDR Wissen: MDR Wissen #gernelernen | Seuchen und ihre Geschichten | 16.03.2020 | 10:55 Uhr