Geld à la Carte: Geldautomaten in der DDR

1987 wurden in der DDR die ersten Geldautomaten aufgestellt. Damit konnten die Bürger Geld auch außerhalb der Bankzeiten abheben. Mitte 1989 hatten aber nur 250.000 Bankkunden die dazu nötige Geldkarte.

Junge Frau am Geldautomaten
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der erste Geldautomat der DDR wurde Anfang März 1987 in Dresden aufgestellt, denn dort hatte die Firma Robotron ihren Sitz, die diese Geräte entwickelt hatte. Äußerlich unterschieden sich die DDR-Geldautomaten kaum von ihren westlichen Artgenossen – diesbezüglich konnte die DDR mit dem vielzitierten "Weltniveau" mithalten.

Bei der Netzdichte sah es da schon deutlich schlechter aus. Kurz vor dem Mauerfall, im August 1989, waren in der ganzen Republik 274 Geldautomaten installiert – 80 in Ost-Berlin, die übrigen in den Bezirksstädten. Nur allmählich tauchten sie auch auf dem flachen Land auf, etwa in Bad Düben bei Leipzig. In Westdeutschland lag die Zahl der Geldautomaten damals bereits bei einigen Tausend.

Für die, die einen Geldautomaten in der Nähe hatten, war es eine enorme Erleichterung, denn die Bargeldbeschaffung bei Post und Sparkassen stellte ein ziemlich langwieriges Unterfangen dar – es mussten handschriftlich Formulare oder Schecks ausgefüllt werden, von oftmals langen Schlangen ganz zu schweigen. Da war der Geldautomat ein großer Segen.

"Elektronischer Bankangestellter"

Geldkarte für Automaten aus DDR-Zeiten
Um Geld abzuheben, benötigten die Bürger eine Geldkarte - mit Magnetstreifen und Passfoto. Bildrechte: IMAGO

Anfang Mai 1989 wurde die Neuerung in der Fernsehquizshow "AHA" dem Publikum präsentiert. Eberhard Geißler, seinerzeit stellvertretender Präsident der DDR-Staatsbank, pries das Potential des "elektronischen Bankangestellten" an. Die meisten Geräte seien für den "Outdoor"-Einsatz vorbereitet und stünden den Bürgern rund um die Uhr, unabhängig von den Öffnungszeiten der Bank, zur Verfügung. Mit Stolz verkündete der Funktionär, dass die DDR als erstes sozialistisches Land eigene Geldautomaten entwickelt und eingesetzt habe. "Markstücke und Pfennige zahlen wir nicht aus", musste er allerdings dem Publikum erklären, das mit der Erfindung "Geldautomat" damals noch wenig vertraut gewesen sein dürfte, denn zu diesem Zeitpunkt hatten nur 250.000 DDR-Bürger eine Geldkarte.

Endlich Bargeld ohne Schlangestehen ...

Um Geld abzuheben, benötigten die Bürger eine Geldkarte. Sie war schon damals mit einem Magnetstreifen ausgestattet und – im Unterschied zu den heute üblichen Bankkarten – zusätzlich mit einem Passbild des Inhabers versehen. Die Geheimzahl hieß in Ostdeutschland nicht PIN, sondern PBC – kurz für "Persönlicher Bankcode". Der Auszahlungsvorgang unterschied sich aber kaum von dem heute üblichen Prozedere. Der Automat stellte alle durch 10 teilbaren Beträge zwischen 40 und 500 DDR-Mark bereit.

Die Geldautomaten waren nicht vernetzt

Floppy-Disk für DDR Geldautomat
Die Buchungsdaten wurden auf Disketten gespeichert und später ins EDV-System der Bank eingepflegt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Anders als heute waren die Geldautomaten nicht mit einem zentralen Server verbunden. Die Buchungsdaten wurden auf Disketten gespeichert, die beim Nachfüllen der Scheine ausgetauscht und dann in der Bank ins EDV-System eingespielt wurden. Denn anders als heute waren die Geldautomaten damals nicht vernetzt, erklärt Michael Körner, bis 1989 Ingenieur in der Entwicklungsabteilung des VEB Wägetechnik Rapido, im Gespräch mit MDR ZEITREISE. So konnte bei Abhebungen nicht überprüft werden, ob das Konto des Karteninhabers eine ausreichende Deckung aufwies. Die Kontoinformationen konnten nämlich erst dann geprüft werden, wenn die Diskette mit den Transaktionen des Tages den Weg in die Bankzentrale gefunden hatte. Eine Geldkarte konnte jeder Bürger erhalten, der ein Girokonto bei der Post oder einer Sparkasse besaß. Bezahlen im Geschäft konnte man mit dieser Karte noch nicht. Dort waren neben der Barzahlung Schecks üblich.

... wenn die Technik nicht streikt

Die relativ wenigen Geldautomaten waren relativ häufig wegen Störungen außer Betrieb. Das lag unter anderem daran, dass die Geldscheine vor der Ausgabe besonders streng geprüft wurden. Wurde ein Sicherheitsmerkmal nicht gefunden oder eine Beschädigung erkannt, wurde der Geldschein zurückbehalten. Da der Platz für die bemängelten Scheine relativ gering war, hingen sich die Geldautomaten öfters auf.

Außerdem gingen sie außer Betrieb, wenn ein Kunde seine Scheine nicht innerhalb von 45 Sekunden entnommen hatte. In diesem Fall verschloss sich das Ausgabefach mit dem Geld. Um es wieder freizugeben, musste ein Bankangestellter persönlich anrücken. 

Anleitung-DDR-Geldautomat
In einer Broschüre erläuterte die Staatsbank der DDR Bedienung und Vorzüge der neuen Automaten - von denen es allerdings nicht allzu viele gab. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Entwickelt wurden die DDR-Geldautomaten unter strengen Sicherheitsvorkehrungen in Radebeul und Dresden. Den Auftrag dazu erteilte die Staatsbank der DDR etwa 1983. Die Computertechnik lieferte Robotron. Der Prototyp wurde in einer Garage im Dresdner Stadtteil Löbtau getestet – zunächst mit Spielgeld, später mit richtigen Banknoten. Die Produktion begann 1986 in einem extra dafür errichteten Gebäudekomplex. Anfang März 1987 schließlich wurden die ersten beiden Geldautomaten der DDR in der Sparkasse am Dresdner Güntzplatz aufgestellt.

Nach der Währungsunion wurden einige DDR-Automaten zwar auf D-Mark umgerüstet, dann allerdings doch schnell, bis Ende 1991 außer Dienst gestellt. Ein Exemplar kann heute in den Technischen Sammlungen Dresden besichtigt werden.

Britische Erfindung erobert die Welt

Der Geldautomat ist eine britische Erfindung. Den ersten stellte die Barclays-Bank in der Kleinstadt Enfield nördlich von London am 27. Juni 1967 auf. Bankkarten mit einem Magnetstreifen, wie wir sie heute kennen, gab es damals allerdings noch nicht. Der Automat prüfte einen Scheck und behielt ihn ein. Der Kunde bekam den Gegenwert in Bargeld ausgezahlt – maximal zehn britische Pfund, doch das reichte damals immerhin für eine wilde Partynacht. So wie heute identifizierten sich die Kunden schon damals mit einer vierstelligen PIN.

Der Schauspieler Reg Varney zeigt am 27.06.1967 vor einem Geldautomaten an einer Filiale der Barclays Bank in Enfield (Großbritannien) einen Geldschein.
Der erste Geldautomat der Welt stand im britischen Enfield. Bildrechte: dpa

Deutschland hatte 1968 auch schon einen Geldautomaten, der allerdings anders als der britische funktionierte. Der Kunde konnte höchstens 400 Mark abheben und für jeden 100-Mark-Schein brauchte er eine Lochkarte – nebst einem eigenen Schlüssel für den Tresor. Der am 28. Mai bei der Kreissparkasse Tübingen installierte Automat bediente nur 1.000 registrierte Kunden.

Auch in Japan und den USA wurden Geldautomaten unterschiedlicher Bauart installiert. Allerdings hatten sie alle dasselbe Problem: Sie waren noch sehr umständlich, nur beschränkt einsetzbar und trotz aller Sicherheitsvorkehrungen zu unsicher. Das änderte sich in den siebziger Jahren, als in den USA die Magnetstreifenkarte eingeführt wurde. Damit wurde die Handhabung deutlich einfacher und sicherer. Der erste Geldautomat dieser zweiten Generation wurde in Deutschland 1978 in Köln installiert. Einen richtigen Siegeszug begannen die Geräte aber erst Anfang der Achtziger.

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im TV: MDR Zeitreise | 20.11.2018 | 21:15 Uhr