Ruinen der PVC-Anlage in Bitterfeld nach der Explosion vom 11. Juli 1968.
Die Ruinen der PVC-Anlage in Bitterfeld nach der Explosion vom 11. Juli 1968. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

11.07.1968 Der große Knall im Chemiekombinat Bitterfeld

Ein Knall reißt Bitterfeld am 11. Juli 1968 aus dem Alltag. Im örtlichen Chemiekombinat gibt es eine gewaltige Explosion. 42 Menschen kommen ums Leben. Es ist eines der größten Unglücke der Chemieindustrie – in der DDR dürfte es überhaupt das größte gewesen sein.

Ruinen der PVC-Anlage in Bitterfeld nach der Explosion vom 11. Juli 1968.
Die Ruinen der PVC-Anlage in Bitterfeld nach der Explosion vom 11. Juli 1968. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Es ist ein Donnerstag in der Ferienzeit: Wie jeden Morgen strömen tausende Chemiearbeiter zur Frühschicht ins Werk. Um 14:02 Uhr erschüttert eine gewaltige Explosion die Anlage. 42 Arbeiter kommen dabei ums Leben, fast 300 Beschäftigte werden mit Vergiftungen, Verbrennungen und Knochenbrüchen aus den Trümmern geborgen.

Augenzeugen berichten von zwei kurz aufeinander folgenden Verpuffungen. Der "Große Knall" soll als eines der größten Unglücke in die Geschichte der chemischen Industrie eingehen.

Wir haben gedacht, die Welt geht unter!

Erhard Schwarz, Augenzeuge

Eckpfeiler der DDR-Chemieindustrie

Das elektrochemische Kombinat Bitterfeld war ein Grundpfeiler der DDR-Industrie. Mitte der 1960er-Jahre arbeiteten hier 13.000 Chemiewerker. In Roll-Reaktoren wurde wie seit den 30er-Jahren PVC produziert, 40.000 Tonnen verließen das Werk Jahr für Jahr.

Schlosser Hans-Karl Friedrich
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auch in der jungen DDR wuchs der Bedarf stetig: Aus PVC wurden neben Fußbodenbelägen und Rohrummantelungen auch Schuhe, Regenmäntel, Tischdecken oder Frischhaltefolien gefertigt. Doch die PVC-Produktion in Bitterfeld steckte voller Tücken: Die veralteten Anlagen liefen auf Volllast, Zeit und Material für Reparaturen waren knapp. Bei der Untersuchung des Unglücks fand man später unter anderem Papp-Dichtungen in Druck-Reaktoren.

Gewaltiger Druck in Roll-Reaktoren

Einstige Chemiewerker erinnern sich, dass der Druck in den sogenannten Autoklaven oft so groß wurde, dass sie Gas direkt in die Halle ablassen mussten. So giftig und explosiv war es, dass Gasalarm ausgelöst wurde, angekündigt durch Warntöne.

Zwei, drei tiefe Atemzüge und man hatte das Gefühl, dass sich der Kopf weitet, und man fällt dann um, dann ist man besinnungslos.

Hans-Karl Friedrich Der große Knall, MDR-Dokumentation 1998

In der Plaste-Produktion waren an jenem verhängnisvollen Tag im Sommer 1968 viele im Urlaub, Schüler und Rentner halfen im Werk aus. Um kurz nach eins gab es wieder Gas-Alarm: Wieder war einer der Roll-Reaktoren undicht, wieder herrschte Explosionsgefahr.

"Fast wie ein Atompilz"

Polizist Josef Schön
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Friedrich bemerkte beim Verlassen der Halle, dass aus dem Reaktor PVC-Emulsion austrat. Wieder wurden Ventile geöffnet, um den Druck zu vermindern. Dann eine Verkettung von Fehlern: Beim Schichtwechsel werden die Probleme offenbar unzureichend kommuniziert. Als der folgenden Schicht die Situation klar wird, werden offenbar in Panik gleich zwei Ventile geöffnet, heißes Vinylchlorid schießt in die Halle.

Das Gas strömt ins Freie und breitet sich über das ganze Gelände aus. Kurz darauf kommt es zur Explosion; über der Anlage steht eine Qualmwolke – "fast wie ein Atompilz", so ein Feuerwehrmann.

Dramatischer Rettungseinsatz

Die gesamte Halle wird praktisch dem Erdboden gleich gemacht. Die Trümmer türmen sich bis zu fünf Meter hoch. Die Rettungskräfte kommen zunächst gar nicht bis zur Fabrik durch – nur in den angrenzenden Bereichen können Menschen gerettet werden. In der PVC-Anlage selbst gibt es kaum eine Überlebenschance. 

Helmut Kaudelka
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Rettungsarbeiten gestalten sich dramatisch: Mehrfach geraten Helfer in tödliche Gefahr – etwa, als klar wird, dass die verbliebenen 10 Reaktoren nach wie vor laufen und kurz vor der Explosion stehen. Im letzten Moment gelingt es, sie zu entschärfen: "Da wäre kein Haus stehengeblieben, dann wäre ein großer Teil von Bitterfeld zerstört worden, wenn diese große Menge Vinylchlorid explodiert wäre", sind sich einstige Werksangehörige nach der Katastrophe sicher.

Wiederaufbbau in Schkopau

Nicht nur menschlich, auch wirtschaftlich war das Unglück eine Katastrophe: Die Explosion verursachte einen direkten Schaden von ca. 120 Millionen DDR-Mark. Der indirekte Schaden durch Produktionsausfälle und Importe belief sich auf etwa eine Milliarde DDR-Mark.

Mit der Katastrophe fiel die Hälfte der jährlichen PVC Herstellung der DDR weg; wiederaufgebaut wurde sie auch nicht mehr in Bitterfeld – sondern im Buna-Kombinat in Schkopau.

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im TV: Vergessene Katastrophen: Der große Knall - Bitterfeld 1968 | 10.05.1999 | 22:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. Juli 2017, 14:22 Uhr