Interview mit dem Karel-Gott-Biografen Filip Albrecht Die zwei Leben des Karel Gott

Karel Gott, die "goldene Stimme aus Prag, ist tot. Er ist im Alter von 80 Jahren an einem Krebsleiden gestorben. In Tschechien hat der Sänger den Status eines Nationalhelden. Und auch viele Deutsche lieben ihn. Mit seinem Song "Biene Maja" eroberte er die Herzen der Menschen. 2017 sprachen wir mit seinem Biografen und Produzenten Filip Albrecht. Karel Gott gilt in Tschechien als "Jahrhundertkünstler".

Karel Gott
Karel Gott 2017 Bildrechte: IMAGO

Gibt es einen Karel Gott, den die Deutschen kennen, und einen anderen, den nur die Tschechen kennen?

Filip Albrecht
Filip Albrecht, Biograf und Produzent von Karel Gott, während des Interviews in Prag Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Es gibt tatsächlich Unterschiede. Karel Gott selbst sagt immer, er habe beinahe zwei parallele Leben in den beiden Ländern gelebt. In Tschechien hat er das Image eines großen Entertainers wie Frank Sinatra. In Deutschland war und ist er dagegen eher ein Schlagersänger. Das zeigt sich auch an den Songs. Das Lied "Babitschka", das Ralph Siegel für Karel Gott geschrieben hat, kennt in Tschechien kein Mensch.

Wie wurde Karel Gott entdeckt? Und wie wurde er auch in den beiden deutschen Staaten ein Star?

Karel Gott
Karel Gott bei einem Auftritt 2017 Bildrechte: IMAGO

Begonnen hatte alles 1957 in Prag. Karel Gott trat dort in Tanzcafés auf - vor 20, 50 Leuten. Er galt schon bald als Geheimtipp. 1966 war der Chef der Plattenfirma Polydor auf Dienstreise in Bratislava. Auf einem Festival hörte er Karel Gott singen und war sofort davon überzeugt, dass man mit diesem jungen Mann in Deutschland etwas machen könne. Karel Gott wurde zu ersten Plattenaufnahmen nach West-Berlin eingeladen. Und gleich die B-Seite ("Weißt Du wohin") seiner ersten Single wurde ein Riesenerfolg. In der DDR wurde Karel Gott zunächst als West-Star wahrgenommen. Ab Anfang der 1970er-Jahre lud man ihn auch dort regelmäßig in die großen Shows ein.

Wollte Karel Gott schon immer Musik machen?

Nein. Karel Gott, der zunächst eine Lehre als Starkstromelektriker absolvierte, wollte Malerei studieren. Doch auf der Prager Kunsthochschule lehnte man ihn ab. Und so nahmen die Dinge ihren Lauf … Die Malerei ist aber bis heute - nach der Musik - seine größte Leidenschaft. Karel Gott malt viel und hat seine Bilder weltweit ausgestellt.

Was ist Karel Gotts Geheimnis?

Karel Gott ist trotz seines großen Erfolges immer noch sehr bescheiden, sehr höflich und entgegenkommend. Sein Geheimnis ist aber vor allem seine Stimme. Damals, als er seine Karriere begann, gab es in der Pop-Musik keine Tenöre. Er hatte, ohne es zu ahnen, eine Marktlücke besetzt.

Wie hat Karel Gott Deutsch gelernt?

Eher nebenbei und ohne zu ahnen, dass es ihm tatsächlich einmal so nützlich sein würde. Eine Tante aus Hessen schickte Karel Gott Anfang der 1950er-Jahre regelmäßig deutsche Zeitungen und Zeitschriften. Mit deren Hilfe lernte er die Sprache.

Karel Gott war seit Ende der 1960er-Jahre viel im Ausland. Warum ist er immer wieder in die ČSSR zurückgekommen?

Ich denke, das liegt daran, dass er seine ganze Familie in Prag hatte. In den 1960er-Jahren lebte er gemeinsam mit seinen Eltern in einem Haus. Darüber hinaus hatte er sein treuestes Publikum in der ČSSR. Und dann war er ja die "goldene Stimme aus Prag". Und die müsse, meinte auch seine deutsche Plattenfirma, unbedingt in Prag wohnen.

Karel Gott & Co. - Die Stars des Intervision-Festivals in Sopot

Karel Gott
Der Liederwettbewerb im polnischen Sopot galt als die sozialistische Gegenveranstaltung zum "Grand Prix Eurovision de la Chanson". Karel Gott nahm an beiden Wettbewerben teil: 1964 trat er in Sopot auf und vier Jahre später beim Grand Prix in London, wo er Österreich vertrat. Bildrechte: dpa
Karel Gott
Der Liederwettbewerb im polnischen Sopot galt als die sozialistische Gegenveranstaltung zum "Grand Prix Eurovision de la Chanson". Karel Gott nahm an beiden Wettbewerben teil: 1964 trat er in Sopot auf und vier Jahre später beim Grand Prix in London, wo er Österreich vertrat. Bildrechte: dpa
Marion
Auch die 1945 in Helsinki geborene Sängerin Marion Rung nahm an beiden Wettbewerben teil. Nach zwei Teilnahmen beim Grand Prix der Eurovision (1962 und 1973) gewann sie im Jahr 1980 mit dem Titel "Where is the love" den 4. Intervisions-Liederwettbewerb in Sopot. Das Foto zeigt sie mit der Verleihungsurkunde des "Grand Prix du disque" beim Festival in Sopot. Bildrechte: dpa
Helena Vondrackova
Die 1947 in Prag geborene Sängerin und Schauspielerin Helena Vondráčková, die sowohl in der New Yorker Carnegie Hall auftrat als auch in Filmen des DDR-Fernsehens mitwirkte, war eine der populärsten Erscheinungen nicht nur in ihrem Heimatland, sondern des gesamten Ostens. Beim Intervisions-Liederwettbewerb in Sopot gewann Helena Vondráčková 1977. Bildrechte: MDR
Alla Pugacheva in Leningrad auf der Bühne
Die 1950 geborene Alla Pugatschowa gilt als Mutter der sowjetischen Pop-Kultur. In den 1980er-Jahren ereichte ihre Popularität in der UdSSR völlig unbekannte, fast "neurotische Züge", wie Musikkritiker schrieben. Ihre Songs standen jahrelang auf den ersten Plätzen der Charts, sie unternahm als erste sowjetische Sängerin ausgedehnte Welttourneen und sang unter anderem mit Abba und Udo Lindenberg. Ein Witz in der UdSSR ging damals so: "Wer ist Breschnew?" Antwort: "Ein Politiker aus der Ära Pugatschowa." 1978 hatte Alla Pugatschowa auch den Intervisions-Liederwettberb in Sopot gewonnen. Bildrechte: dpa
Frank Schöbel
Der geborene Leipziger Frank Schöbel war einer der erfolgreichsten Schlagersänger der DDR. 1977 nahm er am Festival Intervision inPolen teil. Die Überraschung: Er sang seinen Song auf polnisch. Bildrechte: dpa
Czeslaw Niemen bei einem Auftritt in den 70er Jahren.
Der 1939 geborene Czesław Niemen ist eine Legende der polnischen Rockmusik. Er schrieb in den 1960er-Jahren Lieder, die zu Hymnen der studentischen Jugend wurden und von denen Marlene Dietrich derart beeindruckt war, dass sie einige von ihnen in ihr Programm aufnahm. Czesław Niemen, der 2004 an Krebs starb, gewann 1979 den Intervisions-Liederwettbewerb in Sopot. Bildrechte: dpa
Zsuzsa Koncz
Die ungarische Chanson-, Pop- und Schlagersängerin Zsusza Koncz nahm seit 1968 mehrmals am Festival in Sopot teil. Gewonnen hat sie ihn aber nie. Erfolgreich war sie trotzdem: Von ihren ersten fünf Langspielplatten konnte Zsusza Koncz über eine Million Exemplare verkaufen. In Deutschland trat die studierte Rechtswissenschaftlerin auch unter den Namen Shusha Koncz und Jana Koncz auf. Bildrechte: dpa
Pop Sänger (von links) Marta Kubisova, Vaclav Neckar und Helena Vondrackova
Der tschechische Popsänger Václav Neckář - hier auf Händen getragen - gewann 1978 in Sopot. Neckář sang häufig mit Helena Vondráčková (rechts im Bild), die 1977 den ersten Platz des Intervisions-Liederwettbewerbs belegt hatte. Links im Bild, das von 1969 stammt, die tschechische Sängerin Marta Kubišová. Bildrechte: imago/CTK Photo
Schlagersänger Jiri Korn
Für Jiří Korn bedeutete die Bühne des Sopot-Festivals 1977 das internationale Karrieresprungbrett. Mit seinem Lied "Yvetta" landete der 1949 in Prag geborene Sänger, Stepptänzer und Schauspieler auch in der DDR einen Riesenhit.

(Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: Eurovision's Greatest Hits | 16.05.2015 | 23:15 Uhr)
Bildrechte: imago/Ulrich Hässler
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Eines seiner Lieder durfte Karel Gott in der DDR angeblich nicht singen. Stimmt das?

Ja. "Einmal um die ganze Welt und die Taschen voller Geld …" Das war für die DDR-Oberen ein problematischer Text. Aber sie verboten das Lied nicht, sondern legten Karel Gott nahe, es im "Kessel Buntes" nicht zu präsentieren. Später sang er es mitunter doch auf Konzerten in der DDR.

Das Lied stammt von Karels Hauskomponist Karel Svoboda und hieß ursprünglich "Hey, hey Baby". Den deutschen Text ließ Karels deutsche Plattenfirma Polydor später schreiben. Erst dann wurde der Song zu einem Mega-Hit.

Ist der Song "Biene Maja" ein Fluch oder Segen für Karel Gott?

Biene Maja
Mit dem Titelsong zur Zeichentrickserie "Biene Maja" landete Karel Gott in Deutschland und in Tschechien einen Hit. Bildrechte: imago images / United Archives

Ein Segen. Karel meint, es sei toll, wenn er Millionen von Menschen über Generationen hinweg mit dem Lied so viel Freude bereiten konnte und kann. Dabei wollte er den Titel damals erst gar nicht singen. Der Komponist Karel Svoboda überredete ihn dazu. Einmal traf Karel übrigens auf der Straße auf Motorrad-Rocker. Und was taten die, als sie ihn erkannten: Sie sangen "Biene Maja" …

Was hat sich nach den gesellschaftlichen Umbrüchen 1989/90 für Karel Gott verändert?

Nichts. Er machte weiter wie bisher. 1989, als er 50 Jahre alt wurde, dachte er einen Augenblick darüber nach, seine Karriere als Entertainer und Sänger zu beenden. Seine Tourneen 1990 sollten ein Abschied sein. Doch dann kamen Zehntausende Briefe von seinen Fans. Und was sollte er auch machen? Er hatte ja kein "Leben danach" vorbereitet.

Unser Interviewpartner Filip Albrecht ist u.a. Texter und Medienmanager. Er kennt Karel Gott seit vielen Jahren und ist sein Biograf und Produzent.

(zuerst veröffentlicht am 09.10.2017)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Karel Gott - Ein Leben für die Musik | 13. Juli 2019 | 15:55 Uhr