Lächelnde Kinder hinter Stacheldraht, aufgenommen von Sergeant Mike Lewis am 19./20. April 1945.
Kinder hinter Stacheldraht, aufgenommen von Sergeant Mike Lewis nach der Befreiung aus dem KZ am 19./20. April 1945. Bildrechte: MDR/IWM Film

Geschichte eines aufwühlenden Dokfilms "Night Will Fall" - warum der "Lehrfilm für die Deutschen" in Archiven verschwand

Warum wurde Hitchcocks KZ-Lehrfilm nie vollendet? Die mehrfach ausgezeichnete Filmdokumentation "Night Will Fall" geht dieser Frage nach.

Lächelnde Kinder hinter Stacheldraht, aufgenommen von Sergeant Mike Lewis am 19./20. April 1945.
Kinder hinter Stacheldraht, aufgenommen von Sergeant Mike Lewis nach der Befreiung aus dem KZ am 19./20. April 1945. Bildrechte: MDR/IWM Film

Das Szenario, das sich den Alliierten bei der Befreiung der deutschen Konzentrationslager 1945 zeigt, war grauenvoll. Unter Alfred Hitchcocks Regie sollte aus den Filmausnahmen, die britische Soldaten machten, ein Lehrfilm für die "ganze Menschheit" werden. Die Dokumentation "Night Will Fall" zeigt, warum das aufwühlende Filmmaterial in den Archiven verschwand.

Worum geht es in dem Film?

Als die britischen Truppen im April 1945 das Lager Bergen-Belsen erreichen, sind auch Kameramänner unter den Soldaten. Sie sollen im Auftrag der Regierung die Befreiung dokumentieren. Doch auf das, was sie hier erwartet, sind sie nicht vorbereitet: Das Lager ist überfüllt, die meisten Häftlinge sind halb verhungert und überall finden sie Tote, mehr als 10.000, nicht begraben, nicht einmal bedeckt. Die Kameraleute bleiben und filmen - tagelang.

Bilder | Nach 70 Jahren rekonstruiert: Der "KZ-Tatsachenbericht" der Briten

AFPU-Kameramann (Army Film and Photographic Unit) im Einsatz.
Als die britischen Truppen im April 1945 das Konzentrationslager Bergen-Belsen in der Lüneburger Heide erreichen, sind auch Kameramänner unter den Soldaten. Ihre Aufgabe: Sie sollen im Auftrag der Regierung und unter Leitung von Sidney Bernstein die Befreiung dokumentieren und einen Beweis des gewaltigen Ausmaßes der NS-Vernichtungspolitik festhalten. Bernstein sagte in einem Interview: "Ich gab die Anweisung, alles zu filmen, was eines Tages beweisen würde, dass dies wirklich geschehen war. Es sollte eine Lehre für die Menschheit werden, und auch für die Deutschen. Für sie machten wir den Film." Doch auf das, was die alliierten Kameraleute im Lager erwartet, sind sie nicht vorbereitet. Im Bild: AFPU-Kameramann (Army Film and Photographic Unit) im Einsatz. Bildrechte: MDR/IWM Film
Die Alliierten-Kameramänner Sergeant Harry Oakes und Sergeant William Lawrie.
Für das Dokumentarfilmprojekt mit dem Titel "German Concentration Camps Factual Survey" - also "Tatsachenbericht über die deutschen Konzentrationslager" - wird Regiemeister Alfred Hitchcock aus Hollywood engagiert, der Erfahrung mit Propaganda- und Antikriegs-Filmen hat ("Aventure Malgache", "Bon Voyage"). Geplant war, dass er das Bild- und Kartenmaterial montiert. Im Bild: Alliierten-Kameramänner Sergeant Harry Oakes und Sergeant William Lawrie. Bildrechte: MDR/IWM Film
Emotionen junger Frauen, aufgenommen von Sergeant Mike Lewis am 17. April 1945.
Während die Amerikaner einen Kurzfilm über das Grauen fertigen und der Öffentlichkeit vorstellen, verzögert sich Projekt der Briten unter Regie von Alfred Hitchcock. Der Film ist zu fünf Sechsteln geschnitten, als sich nach dem Kriegsende die politischen Vorzeichen ändern. Der Kalte Krieg kündigt sich an. Statt die Deutschen mit ihren Verbrechen zu konfrontieren, soll in Zeiten des Wiederaufbaus der West-Zone Zuversicht verbreitet werden. Auf Geheiß des britischen Außenministeriums wird das Projekt gestoppt und verschwindet im Archiv. Im Bild: Emotionen junger Frauen, aufgenommen von Sergeant Mike Lewis am 17. April 1945. Bildrechte: MDR/IWM Film
US-Armee-Karmeramann Arthur Mainzer mit seiner alten Kamera.
"Night will fall" zeigt auch Ausschnitte aus dem rekonstruierten Bernstein-Film, darunter Großaufnahmen von Opfern. Diese "atrocity pictures" zielen 1945 nicht auf Mitleid, sondern sollen erschüttern und wachrütteln. Im Bild: US-Armee-Karmeramann Arthur Mainzer mit seiner alten Kamera. Bildrechte: MDR/Springfilms
AFPU-Kameramann (Army Film and Photographic Unit) im Einsatz.
Als die britischen Truppen im April 1945 das Konzentrationslager Bergen-Belsen in der Lüneburger Heide erreichen, sind auch Kameramänner unter den Soldaten. Ihre Aufgabe: Sie sollen im Auftrag der Regierung und unter Leitung von Sidney Bernstein die Befreiung dokumentieren und einen Beweis des gewaltigen Ausmaßes der NS-Vernichtungspolitik festhalten. Bernstein sagte in einem Interview: "Ich gab die Anweisung, alles zu filmen, was eines Tages beweisen würde, dass dies wirklich geschehen war. Es sollte eine Lehre für die Menschheit werden, und auch für die Deutschen. Für sie machten wir den Film." Doch auf das, was die alliierten Kameraleute im Lager erwartet, sind sie nicht vorbereitet. Im Bild: AFPU-Kameramann (Army Film and Photographic Unit) im Einsatz. Bildrechte: MDR/IWM Film
Alliierten-Kameramann Sergeant Mike Lewis bei Dreharbeiten in Bergen-Belsen, aufgenommen am 18./20. April 1945.
Der Anblick, der sich den britischen, amerikanischen und russischen Kamerateams bietet, übersteigt jede Schreckensvorstellung: Das Lager ist überfüllt, die meisten Häftlinge sind halb verhungert, überall liegen Tote. Mehr als 10.000. Nicht begraben, nicht bedeckt. Die Kameraleute bleiben und filmen - tagelang. Alliierten-Kameramann Sergeant Mike Lewis bei Dreharbeiten in Bergen-Belsen, aufgenommen am 18./20. April 1945. Bildrechte: MDR/IWM Film
André Singer (Creative Director & CEO von Springerfilms) während der Dreharbeiten in Auschwitz.
Das Material lagert jahrelang im Archiv, ist unvollständig, eine Filmrolle geht verloren. 70 Jahre später ist es dem Imperial War Museum gelungen, den Hitchcock-Film vollständig zu rekonstruieren. 2014 wird er erstmals in Deutschland auf der Berlinale vorgestellt. Wie der Lehrfilm doch noch zustande kommen konnte, zeigt André Singer in seinem Dokumentarfilm "Night will fall". Im Bild: André Singer (Creative Director & CEO von Springerfilms) während der Dreharbeiten in Auschwitz. Bildrechte: MDR/Springfilms
André Singer (Creative Director & CEO Springerfilms) und die Holocaust-Überlebende Anita Lasker-Wallfisch während der Dreharbeiten.
"Night will fall" erzählt, wie die Alliierten 1944/1945 in befreiten Lagern Filmaufnahmen machten. Dazu nutzt er Original-Material und befragt Zeitzeugen wie die Holocaust-Überlebende Anita Lasker-Wallfisch, hier während der Dreharbeiten mit Filmemacher André Singer (r.). Bildrechte: MDR/Springfilms
Lächelnde Kinder hinter Stacheldraht, aufgenommen von Sergeant Mike Lewis am 19./20. April 1945.
Zu Wort kommen ehemalige Kameramänner, auch der Chef der Expeditionseinheit (SHAEF), Sidney Bernstein, und auch Alfred Hitchcock sind im O-Ton zu hören. Im Bild: Lächelnde Kinder hinter Stacheldraht, aufgenommen von Sergeant Mike Lewis am 19./20. April 1945. Bildrechte: MDR/IWM Film
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AFPU-Kameramann (Army Film and Photographic Unit) im Einsatz.
Bildrechte: MDR/IWM Film

Ich gab die Anweisung, alles zu filmen, was eines Tages beweisen würde, dass dies wirklich geschehen war. Der Film sollte eine Lehre für die Menschheit werden, auch für die Deutschen. Für sie machten wir diesen Film.

Sidney Bernstein, 1985, Produzent von "German Concentration Camp Factual Survey"

Inmitten deutscher Landidylle offenbart sich Unvorstellbares

Es sind die letzten Tage des Krieges. Noch weiß die Welt nicht, dass der Name Auschwitz für eine systematische deutscher Vernichtungspolitik steht. Der Film der Briten heißt "Factual Survey", "Fakten-Ermittlung" und zunächst soll er die Verbrechen der Nazis belegen. Doch fertiggestellt wird er nie.

Die Dokumentation "Night Will Fall" rekonstruiert die Geschichte seiner Entstehung. Regisseur André Singer holt dafür Soldaten, Kameraleute und Überlebende der Lager vor die Kamera und lässt sie erzählen. "Ich dachte", sagt einer, "dass ich irgendwann Ruhe finde. Aber es lässt einen nicht los."

Der Geruch der Lager, das Krematorium lief noch. Die toten Körper wie Holzscheite übereinander gestapelt. Es ist schwer vorstellbar, mit normalem menschlichem Verstand. Ich habe in die Hölle gesehen.

Benjamin Ferencz, damals Soldat der US-Army, Abteilung für Kriegsverbrechen oder War Crimes Branch US-Army

Eine dieser Geschichten ist die von Anita Lasker-Wallfisch: Eine deutsche Jüdin aus Breslau, die heute in England lebt. Sie stammt aus einer Musikerfamilie und wurde ins KZ Auschwitz deportiert. Dass sie selbst Cello spielt, rettet ihr das Leben - sie spielt im Häftlingsorchester und muss oft für den KZ-Arzt Josef Mengele auf dem Cello musizieren. Im November 1944 wird sie nach Belsen-Bergen verlegt, wo sie bei der Befreiung des Lagers von britischen Soldaten gefilmt wird. Sie ist damals glücklich und gleichzeitig geschockt, denn sie hatte nicht mehr erwartet, zu überleben. Sie erinnert sich:

André Singer (Creative Director & CEO von Springerfilms) während der Dreharbeiten in Auschwitz.
André Singer, Regisseur und Produzent des Dokumentarfilms zu "Night Will Fall" Bildrechte: MDR/Springfilms

Wir haben gelebt und wir sind nicht tot - das war ein Wunder. Jetzt sind wir also befreit, also wohin gehen wir jetzt? Was die Engländer gemacht haben, ist vollkommen logisch, die wollten, dass wir irgendwo hingehen. Nach Hause gehen, 'nach Hause gehen'. Was man nicht realisiert, ist, dass es kein Zuhause mehr gab!

Anita Lasker-Wallfisch

Normalerweise breche ich in solchen Momenten ab. Ich sage, nehmen Sie sich Zeit, lassen Sie uns eine Pause machen. Aber hier war es so, dass jeder von ihnen gesagt hat: 'Nein, es ist wichtig, dass wir weitermachen.' Sie wollten der Welt unbedingt ihre Geschichte erzählen! Wir haben sie nur zusammengefügt.

André Singer, Regisseur & Produzent
Toby Haggith, Imperial War Museum
Toby Haggith, Imperial War Museum Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In den Lagern geht es Zehntausenden wie Anita Lasker-Wallfisch. Die Lager-Überlebenden bleiben, weil sie nicht wissen, wohin sie gehen sollen - kein Land will sie aufnehmen. Doch sie beginnen, sich ihr Leben zurückzuholen - jedes Kleidungsstück ist für sie ein Stück Würde. Auch diese Verwandlung halten die Kameras fest.

In London trifft unterdessen Filmmaterial nicht nur der britischen, sondern auch von US-amerikanischen und sowjetischen Einheiten ein. Die Regierung drängt darauf, den Film schnell fertigzustellen. Aber die Bilder übersteigen jede Vorstellungskraft.

Sie haben über 2.000 Meter Film – und die Dimension dieser Verbrechen ist zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht klar. Sie besorgen sich Informationen von Geheimdiensten und allen möglichen Quellen, um zu verstehen, was sie da vor sich haben. Das ist eine riesige Aufgabe!

Toby Haggith, Imperial War Museum

Für Jahrzehnte verschwand der Originalfilm in den Archiven

Produzent Bernstein holt seinen alten Freund Alfred Hitchcock aus Hollywood dazu. Er soll ihm dabei helfen, den Film zu Ende zu bringen. Hitchcock sieht das Material und macht Vorschläge. Er will Karten verwenden, um zu zeigen, dass die Lager überall, mittendrin in Deutschland waren. So will er zeigen, dass Terror und Idylle direkt nebeneinander lagen.

Es ging ihm um die Behauptung, dass die Menschen nichts von den Lagern wussten. Dabei reichte ein Blick auf die Karte, um zu sehen, dass manche Lager direkt in der Stadt waren, dass Eisenbahnlinien und Straßen vorbeiführten. Es war also unmöglich, dass die Menschen nicht wussten, was dort vor sich ging.

André Singer, Regisseur

Die Deutschen aufrütteln - mit einem Dokument des Leidens

Fünf Sechstel des Films sind fertig, als er im September 1945 plötzlich gestoppt wird. Ein "Gräuelfilm" sei derzeit nicht erwünscht, lässt das Außenministerium per Brief ausrichten. Dann verschwindet das Projekt in den Archiven. Toby Haggith vom Imperial War Museum in London, der an der Rekonstruktion beteiligt war, erklärt warum:

Der Film verpasst seinen Moment. Und wenn ein Film seinen Moment verpasst, ist er weg. Gerade so ein 'Lehrfilm'. Denn jetzt, im September, sind die Alliierten mit ihren Gedanken schon beim kommenden Winter: Viele Deutschen sind obdachlos, ihre Städte zerstört, es gibt nicht genug zu essen. Wer soll den Wiederaufbau leisten, wenn nicht sie? Haben sie nicht schon genug von ihren Gräueltaten gesehen? Jetzt ist die Zeit, aus Feinden Verbündete zu machen. Jetzt muss es weitergehen!

Toby Haggith, Historiker am Imperial War Museum
André Singer (Creative Director & CEO Springerfilms) und die Holocaust-Überlebende Anita Lasker-Wallfisch während der Dreharbeiten
Filmemacher André Singer und die Holocaust-Überlebende Anita Lasker-Wallfisch während der Dreharbeiten Bildrechte: MDR/Springfilms

Einige der Aufnahmen wurden später in Kriegsverbrecherprozessen verwendet, sind zu Dokumenten des Leidens der Opfer geworden. Der Film "Night Will Fall" erzählt so nüchtern wie beeindruckend von ihrer Entstehung: Damals sollten Bilder wie diese die Deutschen aufrütteln, sie mit ihrer Schuld konfrontieren. Und heute?

Es ist für die heutige deutsche Generation doch ein irrsinniger Schock. Die wissen vom Holocaust, aber das zu sehen, ist doch nochmal eine ganz andere Sache. Es hat schon eine Funktion.

Anita Lasker-Wallfisch

Filmpreise für "Night Will Fall" Die MDR/Arte/NDR-Koproduktion wurde 2016 in New York mit dem "News & Documentary Emmy Award" in der Kategorie "Outstanding Historical Programming - Long Form" ausgezeichnet. Redaktion hatten Katja Wildermuth (MDR) und Barbara Biemann (NDR).

"Night Will Fall" hat schon zahlreiche Preise erhalten, zuletzt den Peabody-Award 2016 in New York - die Peabody Awards sind die ältesten Filmpreise der Welt und renommiertesten der USA.

Zuvor war der Film schon mit dem The Avner Shalev Yad Vashem Chairman's Award, den Royal Television Society Award für den besten historischen Dokumentarfilm ausgezeichnet worden und war unter anderem für die British Independend Film Awards und den Grimmepreis nominiert.

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im TV: 18.02.2018 | 23:10 Uhr
29.01.2017 | 23:55 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Februar 2018, 10:06 Uhr