Hans und Sophie Scholl
Die Geschwister Hans und Sophie Scholl Bildrechte: dpa

Widerstand um jeden Preis Sophie Scholl und der Widerstand der "Weißen Rose"

von Liane Watzel

Sie ist keine 22, als sie am 22. Februar 1943 in München auf dem Schafott endet: Sophie Scholl. Mit ihr sterben ihr Bruder Hans und ein Freund - alles Mitglieder der Widerstandsgruppe "Weiße Rose". Doch wer ist die junge Frau und wieso wird sie vom NS-Regime hingerichtet?

Hans und Sophie Scholl
Die Geschwister Hans und Sophie Scholl Bildrechte: dpa

Eine junge Frau steigt in Ulm in einen Zug nach München. Im schulterlangen, braunen Haar steckt eine Blume von ihrem Geburtstagstrauß. Die junge Frau ist gerade 21 Jahre alt geworden und auf dem Weg in ein neues, aufregendes Leben: Sie will in München Biologie und Philosophie studieren. Ganz schön aufregend, dieser Aufbruch in einen neuen Lebensabschnitt. Nur knapp ein Jahr später endet die hoffnungsfrohe Studentin auf dem Schafott – zusammen mit einem ihrer Brüder und einem Freund. Weil sie in der Universität Flugblätter gestreut haben, gegen ein mörderisches Regime: Die Rede ist von Sophie Scholl. Doch wer ist eigentlich diese Sophie Scholl? Und warum ist sie so bekannt geworden? Steht ihr Name symbolisch für eine ganze Gruppe von Studenten, die ihr Leben im Widerstand gegen das Nazi-Regime riskierten?

Glückliche Kindheit in Schwaben

Sophie Scholl mit Geschwistern Hans und Elisabeth, 1928
Sophie (Mitte) mit ihren Geschwistern Hans und Elisabeth, 1928 Bildrechte: IMAGO

Sophie Scholl kommt am 9. Mai 1921 in Forchtenberg in Schwaben zur Welt. Sophie ist ein ganz normales junges Mädchen, spielt total gern Klavier, liebt Musik, schwimmt viel und stromert begeistert in der Natur herum. Sie zeichnet, besucht sogar einen Aktzeichenkurs und einmal illustriert sie ein Buch. Sophie tanzt gern und viel, und am Wochenende darf sie mit dem Wagen ihres Vaters zu Veranstaltungen fahren. Bei den Tanzabenden mit ihren Freunden wird geraucht und getrunken.

Liberal und kunstsinnig

Sophie wächst mit fünf Geschwistern auf. Die Mutter ist Krankenschwester, der Vater steigt vom Bauernsohn zum Bürgermeister auf. Zum Familienalltag gehören Hausmusik, Konzertbesuche, Zeichnen oder Theaterspielen. Doch in den 1930er-Jahren zieht die Politik in den Alltag der Scholls: Hitler kommt an die Macht.

Die Kinder der Familie Scholl werden mit der Nazi-Ideologie und dem militärischen Drill der Kinder- und Jugendorganisationen groß. Die Eltern Scholl sind zwar dagegen, die Kinder stört das nicht: Gerade die Mädchen genießen im Bund Deutscher Mädel, dem BDM, für Mädchen neue Freiheiten – abenteuerliche Ausflüge mit Lagerfeuer und Zeltferienlager.

BDM-Führerin mit Hang zu Heine und Zweig

Sophie Scholl 1936 beim Ballspiel
Sophie Scholl 1936 beim Ballspiel: Sie ist sportlich und kunstsinnig und gerät früh mit dem NS-Regime in Konflikt. Bildrechte: IMAGO

Sophie ist eine Führerin beim BDM, aber so richtig durchdrungen hat sie die Inhalte nicht: Sie wundert sich lauthals, warum ihre jüdische Klassenkameradin nicht dabei sein darf. Oder sie will Heinrich Heine vorlesen – ausgerechnet den jüdischen Dichter, dessen Bücher die Nazis am 10. Mai 1933 verbrennen. Mitte der 30er- Jahre bekommen die Scholl-Kinder am eigenen Leib zu spüren, wie die Nazis mit ihnen unliebsamen Leuten umgehen. Sophies Bruder Hans wird verhaftet und mit ihm zusammen die Geschwister Inge, Werner und Sophie. Nur Sophie kommt frei, die anderen sitzen acht Tage in Haft. Der Grund: Hans hatte verbotene Lieder gesungen und aus Büchern von Stefan Zweig vorgelesen.

In der Hitlerjugend fühlt sich Sophie danach nicht mehr zu Hause. 1940 macht sie Abitur, fängt sie eine Ausbildung zur Kindergärtnerin an. In dem Kindergarten, in den Sophie kommt, glaubt man noch an die Selbstbestimmtheit und Individualität der Kinder. Was für ein krasser Gegensatz zu nationalsozialistischen Ideologie: "Flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl", sollen die neuen Menschen sein - und natürlich "dem Führer" treu ergeben.

"Meine Seele hat Hunger"

Im April 1941 muss Sophie Scholl zum Reichsarbeitsdienst. Hier wird den jungen Mädchen die Ideologie des Nazi-Reiches eingetrichtert. Sophie muss zunächst bei einer Bauersfamilie im Haushalt arbeiten, später leitet sie einen Kindergarten. Sophie hasst den Arbeitsdienst, sie fühlt sich komplett von allen guten Geistern verlassen. Weg von Zuhause, unter fremden Gesichtern, der Alltag bestimmt vom militärischen Drill mit Frühsport und ideologischen Schulungen. Den Mädchen im Lager geht es immer bloß um Männer. "Meine Seele hat Hunger", notiert sie in ihrem Tagebuch.

Mittlerweile herrscht Krieg. Freunde von Sophie müssen als Soldaten an die Front. Aus dem Osten kommen Berichte über Massenmorde. Juden werden diskriminiert und deportiert. Unfreiheit und Menschenverachtung bestimmen den Alltag. Das geht nicht spurlos an Sophie vorbei. Und auch nicht an ihrem Bruder und ihren Freunden, die sie 1942 in München an der Uni wiedertrifft. Die jungen Leute sind sich bald einig: Nur Bücher lesen und diskutieren reicht nicht, sie wollen etwas gegen das Nazi-Regime tun.