Zwei Rotweingläser auf drei Geldscheinen, im Hintergrund eine junge Frau in Dessous.
Bildrechte: Colourbox.de

Prostitution in Leipzig

Käufliche Liebe gab es in der DDR nicht. Jedenfalls nicht offiziell. In der Messestadt Leipzig blühte das horizontale Gewerbe dennoch. Vor allem während der Frühjahrs- und Herbstmessen lief das Geschäft glänzend. Einige der Leipziger Messe-Prostituierten gehörten zu den Spitzenverdienern der DDR. Doch auch die Stasi war oft mit von der Partie.

Zwei Rotweingläser auf drei Geldscheinen, im Hintergrund eine junge Frau in Dessous.
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In der DDR herrscht in Leipzig zweimal im Jahr der Ausnahmezustand. Zu den Frühjahrs- und Herbstmessen präsentiert sich die DDR-Metropole als Weltstadt. Auch Tausende Manager aus dem Westen, vorzugsweise Männer, machen Geschäfte. Tagsüber. Nachts  suchen sie nach Zerstreuung. Und finden sie: In einer der vielen Nachtbars wie dem "Intermezzo", der "Orion-Bar" und dem legendären "Schorschl". Die größte Nachttanz-Bar der DDR bietet 400 Gästen Platz. Vor allem hier wird angebaggert und abgeschleppt. An freundlichen Damen mangelt es nicht. Die Mädels seien sehr aufgeschlossen gewesen, erinnert sich ein Geschäftsmann. Nachtleben wie in Bangkok.

Wie Motten ums Licht

Hotel Merkur Leipzig
Auch in den Bars des Interhotels "Merkur" bieten in der DDR Prostituierte ihre Dienste an. Bildrechte: IMAGO

Ist in Leipzig Messe, strömen Frauen aus der ganzen Republik in die Stadt. Und viele haben ein klares Ziel: Sie wollen Männer aus dem Westen kennenlernen. Nicht allen geht es dabei ums Geld: Es gibt auch Frauen, die einfach nur Lust auf ein Abenteuer haben. Manche verlieben sich und finden den Mann fürs Leben. Doch die meisten Frauen, die Hotel- und Nachtbars bevölkern, lockt das West-Geld. Krankenschwestern, Sekretärinnen, Verkäuferinnen, Studentinnen und sogar 15-jährige Schülerinnen bieten Sex gegen D-Mark. Um während der Messen arbeiten zu können, nehmen die Frauen Urlaub oder melden sich krank. Das Phänomen des "plötzlichen Krankwerdens" zu Messezeiten ist so bekannt in der DDR, dass in den 1960er-Jahren sogar ein belehrender Amateur-Film in den Betrieben gezeigt wird. Ohne allerdings auf das Thema Prostitution einzugehen …

3000 D-Mark pro Nacht

Mann mit Geldscheinen in den Händen
Geld spielt keine Rolle: Die Freudenmädchen in der DDR rufen Messepreise auf und die Freier zahlen. Bildrechte: Colourbox.de

Die "Leipziger-Messe-Prostituierten" sind bei den Männern aus dem Westen begehrt. Die Frauen wissen das und rufen entsprechend hohe Preise auf. Billig-Sex gibt es nicht. Die Stundenpreise beginnen bei 100 D-Mark, meist ist jedoch das Dreifache fällig. Nicht selten haben die Prostituierten mehr als zehn Freier pro Nacht. Geschenke gibt es obendrauf: Parfums, teure Uhren, Pelzmäntel. Die Geschäftsmänner aus dem sexüberfluteten Westen sind entzückt von den ostdeutschen Frauen, sie schätzen deren Freizügigkeit und Natürlichkeit. Da sei nichts Gespieltes dabei gewesen, erinnert sich ein ehemaliger Kunde in der MDR-Doku "Sex and the City" voller Wehmut. Die Frauen hätten sich einfach hingegeben.

Die Stasi als Zuhälter

Prostitution Leipziger Messe
In den Fängen der Stasi: Hunderte Prostiutierte spionierten als IM ihre West-Kunden aus. Bildrechte: BStU

Obwohl Prostitution in der DDR strafbar ist, lässt man die Damen des horizontalen Gewerbes in Leipzig gewähren. Doch die Stasi hat ein Auge auf die Frauen und rekrutiert Prostituierte, die ihr besonders geeignet erscheinen, als Informantinnen. Der Geheimdienst erpresst die Frauen, stellt sie vor die Alternative: Knast oder Mitarbeit. Die meisten Frauen entscheiden sich für den "Dienst am Vaterland" und gehen fortan legal der Prostitution nach – unter dem Schutz ihres Zuhälters: der Staatssicherheit. Mehrere Hundert "Mata Haris" schickt der DDR-Geheimdienst während der Leipziger Messen auf den Strich. Die Prostituierten horchen westdeutsche Manager aus. Für besonders gute Leistungen gibt es auch mal eine Geldprämie. In Ost-Mark – versteht sich. Als "Beifang" gehen der Stasi durch die Arbeit ihrer "Schwalben" auch korrupte DDR-Wirtschaftsfunktionäre ins Netz. Einige VEB-Bosse werden abgesetzt und verurteilt.

Und plötzlich ist alles vorbei

Ihr letztes großes Geschäft machen die DDR-Prostituierten während der Leipziger Frühjahrsmesse 1990. Sowohl die Frauen als auch ihre Freier ahnen wohl, dass sich die Dinge ändern werden. Entsprechend hoch geht es her. Sie habe damals in nur einer Woche einen Wartburg verdient, erinnert sich eine Striptease-Tänzerin. Ein halbes Jahr später ist Schluss. Seit es im Osten die D-Mark gibt, ziehen sich die "Teilzeit-Prostituierten" zurück. Das Leipziger Messe-Nachtleben löst sich auf. Viele Lokale machen dicht. Nur wenig später wird sich eine andere Art der Prostitution in Leipzig entwickeln: Der Wohnwagenstrich in der Roscherstraße. Instant-Sex im Schmuddelambiete, "beschützt" von Zuhältern, die auch vor Waffengewalt nicht zurückschrecken.

(voq)


Über dieses Thema berichtete der MDR auch in der Doku: "Sex and the City" | 03.04.2018 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. März 2019, 11:39 Uhr