Machtzentrale im Zweiten Weltkrieg Die "Wolfsschanze" - Hitlers Hauptquartier in Ostpreußen

Fast 50 Bunker, drei schwer gesicherte Sperrkreise, ein gewaltiger Minengürtel und perfekt getarnt gegen Flugzeuge. Das "Führerhauptquartier Wolfsschanze" ist Adolf Hitlers meist genutztes Hauptquartier. Hier bespricht er die Kriegslage und den Völkermord an den Juden. Und hier fällt er im Juli 1944 fast einem Attentat zum Opfer. Geschichte und Fakten über Hitlers Hauptquartier in Ostpreußen.

Hitler Stauffenberg und Keitel in der Wolfsschanze am 15. Juli 1944
Der spätere Hitler-Attentäter Oberst Stauffenberg, Hitler und OKW-Chef Keitel (v.l.n.r.) am 15. Juli 1944 vor einem Bunker der "Wolfsschanze". Bildrechte: imago images / Photo12

An keinem anderen Ort hält sich Adolf Hitler im Laufe des Zweiten Weltkrieges öfter und länger auf als im "Führerhauptquartier Wolfsschanze" in Ostpreußen. Mehr als 800 Tage verbringt der "Führer" und Reichskanzler des Deutschen Reiches und Oberbefehlshaber der Wehrmacht zwischen Juni 1941 und November 1944 in dem hermetisch abgeriegelten Bunkerkomplex im Görlitzer Forst bei Rastenburg in Masuren. Hier bespricht er mit seinen Marschällen und Generälen die militärische Lage. Aber auch politisch-ideologische Grundfragen des NS-Regimes wie die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden werden hier erörtert. In der "Wolfsschanze" scheitert aber auch der aussichtsreichste Anschlag auf das Leben des Diktators, als eine von Oberst i.G. Claus Schenk Graf von Stauffenberg gezündete Bombe zwar vier Militärs, nicht aber Hitler tötet.

Wichtigstes aller "Führerhauptquartiere"

Die "Wolfsschanze" ist eines von etwa 20 "Führerhauptquartieren", die während der NS-Zeit im Deutschen Reich sowie in den von ihm okkupierten Territorien entstehen. Der Name der Anlage geht auf das von Hitler in Anspielung auf seinen Vornamen Adolf (Althochdeutsch: edler Wolf) verwendete Pseudonym "Wolf" zurück. Dass sich der Bunkerkomplex zur wichtigsten und meistgenutzten Befehlszentrale Hitlers entwickelt, hängt vor allem mit dem Kriegsverlauf zusammen. Mit dem Bau der "Wolfsschanze" wird 1940 begonnen. In diesem Jahr starten auch die Planungen für den von Hitler als Hauptziel seiner politisch-militärischen Agenda ins Auge gefassten Rassen- und Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion. Von dem künftigen "Führerhauptquartier" in Ostpreußen ist der künftige Kriegsschauplatz im Osten schneller zu erreichen.

Rund 90 Bunker und andere Gebäude

Hitler Mussolini und Keitel in der Wolfsschanze
In der Wolfsschanze empfängt Hitler auch gern seine Verbündeten wie Italiens Diktator Benito Mussolini. Bildrechte: imago/ZUMA Press

Unter der Führung der für militärische Großbauten zuständigen "Organisation Todt" entsteht ab Herbst 1940 in dem Laub- und Mischwald des Görlitzer Forstes östlich von Rastenburg (heute Kętrzyn in Polen) der rund 2,5 Quadratkilometer umfassende "Wolfsschanzen"-Komplex. In mehreren Bauphasen werden hier bis 1944 etwa 90 Gebäude errichtet. Dazu gehören acht massive und 40 weniger massive Bunker aus Stahlbeton sowie 40 Wohn-, Wirtschafts-, Versorgungs- und Arbeitsgebäude. Zu den massivsten Bunkern mit Wanddicken zwischen fünf und sieben Metern zählen unter anderem der "Führerbunker" Adolf Hitlers, der Bunker für Reichskanzleichef Martin Bormann, der Bunker des Oberbefehlshabers der Luftwaffe, Reichsmarschall Hermann Göring, der Bunker des Chefs des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW), Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, ein Gäste- sowie ein Nachrichtenbunker. Die weniger massiven Bunkerbauten kommen immer noch auf Wanddicken von zwei Metern Stahlbeton. Die übrigen Gebäude bestehen aus Beton oder Backstein oder es sind einfache Holzbaracken.

Hitler-Attentat in Holzbaracke

Hitler und Mussolini besichtigen Kartenraum der Lagebaracke in Wolfsschanze nach Anschlag 20. Juli 1944
Noch am 20. Juli 1944 zeigt Hitler Mussolini den zerstörten Kartenraum der Lagebaracke. Bildrechte: imago images / ZUMA/Keystone

In einer solchen Holzbaracke, der sogenannten Lagebaracke, verübt am 20. Juli 1944 Oberst Stauffenberg den Anschlag auf Hitler, indem er seine mit einer Bombe befüllte Aktentasche in dessen Nähe deponiert. Hätte das Lagegespräch mit Vertretern der militärischen Führungsbereiche in einem der Bunker stattgefunden, hätte wohl kaum einer der Anwesenden das Attentat überlebt. So aber wird ein Großteil des Explosionsdrucks durch die leichten Decken und Wände sowie die wegen der großen Sommerhitze weit geöffneten Fenster der Holzbaracke nach außen geleitet. Hitler überlebt relativ leicht verletzt, unter anderem weil er sich gerade über den schweren Kartentisch beugt und der Bombe nicht am nächsten steht.

Wichtigste Anlagen im Zentrum

Die Gedenktafel auf der Wolfsschanze in Gierloz (Görlitz) bei Rastenburg (Polen), dem Hauptquartier von Adolf Hitler, erinnert an das missglückte Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944.
Eine Gedenktafel an der Stelle der ehemaligen Lagebaracke, die an das Attentat vom 20. Juli 1944 erinnert. Bildrechte: imago images / epd

Die Lagebaracke liegt zusammen mit dem "Führerbunker", den anderen Massiv-Bunkern sowie weiteren besonders wichtigen Gebäuden im Sperrkreis I der "Wolfsschanze". Dieser ist der innerste und am besten gesicherte der insgesamt drei Sperrkreise des "Führerhauptquartiers" und nur den führenden Repräsentanten des NS-Regimes sowie ihren Gästen vorbehalten. Zu letzteren gehören auch Generale und Offiziere wie Stauffenberg, die zu militärischen Lagebesprechungen beim "Führer" geladen sind. Um allerdings in den durch Angehörige des Reichssicherheitsdienstes sowie durch Soldaten der Waffen-SS scharf bewachten Sperrkreis I zu gelangen, muss der Besucher durch den jeweiligen Gastgeber gegenüber der Wache bestätigt werden.

Wehrmachtstäbe in Sperrkreis II

Claus Schenk Graf von Stauffenberg
Claus Schenk Graf von Stauffenberg Bildrechte: imago images / Leemage

Umgeben ist die etwa 30 Hektar große Zone des Sperrkreises I von einem zwei Meter hohen Zaun sowie durch den Sperrkreis II. In dieser Zone mit der zweithöchsten Sicherheitsstufe befinden sich vor allem Gebäude und Bunker des Wehrmachtführungsstabes sowie der Verbindungsstäbe des Oberkommandos der Luftwaffe und des Oberkommandos der Kriegsmarine. Zudem liegt hier die Mehrzahl der Dienstgebäude des für die Sicherheit des Gesamtobjektes "Wolfsschanze" verantwortlichen "Führerbegleitbataillons" der Wehrmacht. Auch Sperrkreis II ist von einem Drahtzaun umgeben und wird durch Wachposten und MG-Nester gesichert.

Gürtel aus 50.000 Minen

Hitler mit Jodl und Keitel vor Lageplan in Wolfsschanze 1942
Hitler während einer Lagebesprechung mit OKW-Chef Keitel und dem Chef des Wehrmachtführungsstabes Generaloberst Alfred Jodl 1944 . Bildrechte: imago images/Leemage

Von der Außenwelt hermetisch abgeriegelt wird der Gesamtkomplex "Wolfsschanze" durch den Sperrkreis III, der den Sperrkreis II komplett umschließt. In dieser äußeren Zone befinden sich weitere Unterkünfte des "Führerbegleitbataillons" sowie Stellungen von Panzerabwehrkanonen, Flakgeschützen und Maschinengewehren. Auch Sperrkreis III wird durch Drahtzäune und Wachposten gesichert. Außerdem ist er von einem 100 bis 150 Meter breiten und rund zehn Kilometer langen Minengürtel umgeben, in dem etwa 50.000 Minen verlegt sind. Einige von ihnen werden immer wieder durch Wildtiere ausgelöst, was nach dem Bombenattentat am 20. Juli 1944 zunächst unter Beobachtern zu der Annahme führt, dass auch diese Explosion ein Minenunfall gewesen sein könnte.

Bahnstrecke mit eigenem Bahnhof

Reichskanzler Adolf Hitler verabschiedet Benito Mussolini am Bahnhof der Wolfsschanze.
Hitler bei der Verabschiedung Mussolinis am Bahnhof der "Wolfsschanze". Bildrechte: imago images / Photo12

Etwa 2.000 Militär- und Zivilpersonen sind dauerhaft in der "Wolfsschanze" untergebracht. Das Gelände verfügt über Straßenzugänge von drei Seiten, welche durch die Wachen West (Richtung Rastenburg), Ost (Richtung Angerburg) und Süd (Richtung Flugplatz Wilhelmsdorf) gesichert sind. Außerdem verläuft die alte Bahnstrecke Rastenburg-Angerburg über das Areal. Sie ist seit Herbst 1940 für den öffentlichen Verkehr gesperrt und nur Kurier- und Sonderfahrten vorbehalten. Im Laufe seiner Zeit in der "Wolfsschanze" empfängt Hitler mehrere Staatsgäste am Bahnhof des "Führerhauptquartiers". So steigt hier wenige Stunden nach dem Attentat am 20. Juli 1944 der zuvor durch ein deutsches Spezialkommando befreite und im eigenen Land abgesetzte italienische Diktator Benito Mussolini am Bahnhof der "Wolfsschanze" aus.

Perfekte Tarnung aus der Luft

Adolf Hitlers Kriegsquartier Wolfsschanze im Wald Goerlitz der Stadt Ketrzyn in Polen.
Reste des "Führerbunkers" im einstigen Sperrkreis I. Bildrechte: imago/epd

Auch aus der Luft ist das "Führerhauptquartier" in Ostpreußen perfekt getarnt. Dafür sorgt der umgebende Laub- und Mischwald sowie spezielle, nicht brennbare Tarnnetze. Die Bunker selbst sind mit einem tarnenden Mörtel verputzt, der mit Seetang vermischt ist, auf den Dächern wachsen Bäume. Bereits während der Bauphasen wird penibel auf die Tarnung der gesamten Anlage geachtet. Um neu errichtete Gebäude und Baulücken gegen eine Beobachtung aus der Luft zu tarnen, wird in dieser Zeit extra eine Gartenbaufirma aus Stuttgart engagiert. Bis zur Zerstörung vor der anrückenden Roten Armee am 23. Januar 1945 durch deutsche Pioniere wird die "Wolfsschanze" durch die Alliierten nie restlos aufgeklärt.

Räumung Ende November 1944

Hitler hat sein "Führerhauptquartier" in Ostpreußen zu diesem Zeitpunkt längst verlassen. Alle militärischen Stäbe werden ab dem 20. November 1944 zurück in die Mitte des Deutschen Reiches verlegt. Ab Mitte Januar 1945 zieht sich der "Führer" endgültig in den Bunker unter der Berliner Reichskanzlei zurück. Er wird sein letztes Hauptquartier sein. Am 30. April 1945 begeht er hier Selbstmord. Der Krieg gegen die Sowjetunion, den Hitler am 22. Juni 1941 aus der "Wolfsschanze" heraus befohlen hat, ist zu diesem Zeitpunkt längst nach Ostpreußen und ganz Deutschland zurückgekehrt – mit verheerenden Folgen für Millionen Menschen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Geheimnisvolle Orte - Hitlers Wolfsschanze | 28. April 2020 | 22:05 Uhr